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Gegen Sportreiter? Ein Missverständnis über Leistung, Training und Pferdewohl

„Du bist ja nicht so für die Sportreiter.“

Ein Satz, der mich vor einiger Zeit zum Nachdenken gebracht hat. Nicht, weil ich mich angegriffen gefühlt habe, sondern weil er eine spannende Frage aufgeworfen hat: Warum wird Kritik an bestimmten Trainingsmethoden oder Entwicklungen im Pferdesport so oft als Ablehnung des Sports verstanden?

In dieser Folge spreche ich darüber, warum ich Sport und Leistung keineswegs ablehne, weshalb ich mich seit vielen Jahren intensiv mit Trainingslehre beschäftige und warum ich glaube, dass körperliche und mentale Gesundheit die Grundlage für langfristige Leistungsfähigkeit sind – sowohl beim Menschen als auch beim Pferd.

Es geht um Trainingsprinzipien, Biomechanik, mentale Stärke, Schmerzen, Motivation und die Frage, warum wir manchmal Wissen ignorieren, das längst vorhanden ist. Außerdem teile ich Gedanken aus meiner Arbeit als Therapeutin und Dozentin und erkläre, warum ich überzeugt bin, dass Leistung und Pferdewohl keine Gegensätze sein müssen.

Eine Folge für alle, die Pferde fördern, fordern und sportlich arbeiten möchten – ohne dabei die Bedürfnisse des Pferdes aus den Augen zu verlieren.

Transkript:

Pferdesport: Warum Wissen manchmal keine Rolle spielt

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“. Mein Name ist Denise Schäfer, ich bin Pferde-Osteotherapeutin, Physiotherapeutin und habe die Fortbildungsseite Horse Therapy Academy gegründet – eine Fortbildungsplattform für Pferdetherapie und funktionelle Medizin für Pferde. Heute geht es um das Thema Pferdesport und Leistungssport.

Die Idee zu dieser Folge entstand durch einen Satz, den eine liebe Kollegin vor einiger Zeit zu mir gesagt hat – überhaupt nicht böse gemeint, ich habe ihn auch nicht persönlich genommen, aber er hat mich zum Nachdenken gebracht. Sie sagte, nachdem sie mir ein Pferd mit vermutlichen Magenthematiken zur Behandlung übergeben hatte: „Denise, ich weiß, du bist ja nicht so für die Sportreiter, aber ich habe einen Kunden für dich.“ Das fand ich sehr interessant, weil mir manchmal nicht bewusst ist, wie andere Menschen mich wahrnehmen.

Wer mich nicht kennt, für den mag diese Aussage merkwürdig klingen – ich war mein ganzes Leben lang sehr sportlich unterwegs, eine Zeit lang sehr wettkampforientiert, mittlerweile eher als Ausgleich, aber immer noch tagtäglich. Ich habe eine Zeit lang Triathlon gemacht, viele Radsport-Events mitgenommen, bin einen Marathon gelaufen – nur einen, weil ich gezielt an meiner Schwachstelle, dem Laufen, arbeiten wollte –, und vor allem Langstrecken-Schwimmen betrieben, bis hin zu zwölf Kilometern durch den Fühlinger See in Köln, ambitioniert und mit dem Ziel einer guten Zeit. Ich bin sicher nicht diejenige, die im Training sagt „heute mache ich mal gemütlicher“ – abgesehen von bewussten Regenerationstagen mit lockerer Bewegung ohne Leistungsanspruch. Ich weiß also sehr genau, was Training und Belastung bedeuten, wie es sich anfühlt, mit Übelkeit über die Ziellinie zu laufen, Trainingspläne kurz- und langfristig aufzustellen, Ziele zu verfolgen und durch unangenehme Phasen zu gehen, mental wie körperlich. Als Sport- und Gymnastiklehrerin habe ich mich zusätzlich intensiv mit Trainingslehre und Didaktik beschäftigt – wie bringt man Menschen in verschiedenen Disziplinen weiter, von Leichtathletik bis Ausdruckstanz, meinem damaligen Favoriten.

Was im Humansport selbstverständlich ist, fehlt oft beim Pferd

Was wir im Humansport als selbstverständlich ansehen, wird im Pferdebereich erstaunlich oft vergessen – das kritisiere ich häufig. Das heißt nicht, dass alle im Leistungspferdesport ihre Pferde nicht berücksichtigen. Aber ich bin kaum noch auf Turnieren unterwegs, weil ich es oft unfair fand, dass ethische und biomechanische Aspekte beim Pferd zu wenig berücksichtigt wurden – Pferde, die spektakulär, aber zugezogen und komprimiert liefen, schnitten dabei besser ab als Pferde, die reell ausgebildet waren, aber nicht so spektakuläre Bewegungen zeigten. Das finde ich nach wie vor sehr schade, gerade für diejenigen, die faire, pferdefreundliche Ausbildung betreiben, aber kein Pferd mit spektakulären Anlagen haben.

Wer nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche des Pferdes einbezieht und das Pferd zum Partner macht, bekommt ein leistungsfähigeres Tier, als wenn man es nur unterordnet – Letzteres ist zwar leichter, aber: Wo Wissen aufhört, fängt Gewalt an. Zum Glück gibt es großartige Vorreiter im Pferdebereich, die Trainingsprinzipien konsequent mit einbeziehen.

Im Humansport sprechen wir selbstverständlich über Belastung und Erholung, Anpassung, Individualität und progressive Belastungssteigerung – jeder Organismus braucht körperlich wie mental Zeit, um stärker zu werden. Kein vernünftiger Trainer würde jemanden dauerhaft überfordern und sich dann wundern, wenn Leistung, Motivation und Gesundheit darunter leiden. Genau deshalb beschäftigt mich der Pferdesport schon lange. Ich bin nicht gegen Pferdesport, aber sehr dafür, dass er fair abläuft. Wir haben mittlerweile so viel Wissen über Biomechanik und Trainingslehre im Pferdebereich – umso schöner wäre es, wenn dieses Wissen konsequent berücksichtigt würde.

Keine Abrechnung mit dem Reitsport

Ich finde es faszinierend, wenn Pferd und Mensch gemeinsam etwas entwickeln, und beeindruckend, wenn ein Pferd kraftvoll, motiviert und durchlässig arbeitet. Ich freue mich über gute Bewegungen, über Pferde, die im Alter ausdrucksstärker werden statt mit neun Jahren den Turnierplatz zu verlassen, weil sie körperlich wie mental nicht mehr können. Ich freue mich über harmonische Bilder und über Menschen, die sich Gedanken machen, wie sie ihre Pferde nicht nur besser trainieren, sondern ihnen auch im Alltag mehr Handlungsfähigkeit geben können.

Diese Folge ist deshalb absolut keine Abrechnung mit dem Reitsport, sondern im Gegenteil eine Einladung, Dinge – vor allem in Biomechanik und Ethik – zu hinterfragen und zu verstehen. Wir brauchen den Pferdesport, Pferde sind Bewegungstiere. Ich bin nicht der Meinung, dass Pferde grundsätzlich nicht geritten werden sollten. Ich bin aber der Meinung, dass Pferde darauf vorbereitet werden müssen, statt zu glauben, man könne sie ein paar Mal „zentrifugieren“ und sich dann einfach draufsetzen – das werden sie ertragen, aber das ist nicht das Ziel. Mir ist wichtig, dass zuerst eine gute Kommunikation zwischen Mensch und Pferd besteht.

Es geht mir nicht darum zu sagen, der Reitsport schaffe sich selbst ab, sondern darum, unser heutiges Wissen zu nutzen, um den Pferdesport auf ein faires und leistungsfähiges Niveau zu bringen. Pferde sollten bewegt werden, ob durch Reiten, Fahren oder sonstiges Training – sonst stehen sie sich auf unseren üppigen Wiesen buchstäblich die Beine in den Bauch. Sport ist für mich nicht verhandelbar. Pferde profitieren von sinnvoll aufgebautem Training: Muskulatur und Tragfähigkeit entstehen weder durchs Herumstehen noch ganz ohne Blick auf die allgemeine Gesundheit, etwa die Magengesundheit.

Ist das Pferd überhaupt trainierbar?

Sehr häufig haben Pferde, die trotz Training nicht tragfähig werden, andere zugrunde liegende Themen – schmerzende Zähne, schmerzende Hufe oder Magenprobleme, die eine echte Leistungsfähigkeit verhindern. Deshalb sollten wir uns vor jedem Training zuerst fragen: Ist dieses Pferd überhaupt trainierbar? Erst danach kommen die eigentlichen Trainingsprinzipien ins Spiel. Ist das Pferd trainierbar, sollte sich Reiter oder Trainer – die aus meiner Sicht immer etwas über Trainingsprinzipien wissen sollten – fragen: Wie bereiten wir das Pferd am besten auf die Belastung vor?

Genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion, denn Kritik an bestimmten Trainingsmethoden wird oft automatisch so verstanden, als sei man grundsätzlich gegen den Sport. Für mich sind das zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn ich sage, ein Pferd sei körperlich noch nicht tragfähig genug, bin ich nicht gegen den Sport – ich bin dafür, das Pferd dort abzuholen, wo es steht. Das bedeutet nicht immer Reiten: Manchmal muss ein Pferd erst vom Boden aus so gearbeitet werden, dass es sich selbst gut tragen kann, bevor es einen Reiter tragen sollte.

Wenn mir ein Pferd vorgestellt wird, das erfolgreich M-Dressur oder M-Springen läuft, ich den Reiter aber bitte, mir das Pferd vorzuführen, und er sagt: „Das geht nicht, ich kann den nicht führen, der haut mir ab“ – dann sehe ich das Problem schon. Ich werde dann manchmal belächelt, wenn ich sage: Solange ihr vom Boden aus noch nicht auf einer Wellenlänge seid und euch kommunikativ noch nicht angenähert habt, muss man sich nicht draufsetzen. Wenn ich sage, ein Pferd hat Schmerzen, bin ich nicht gegen den Sport, sondern pro Pferd. Wenn ich sage, ein Pferd wirkt mental überfordert, bin ich dafür, eine Lösung zu finden, damit es dem Pferd mental besser geht – und ich bin überzeugt, dass das mit dem Sport durchaus vereinbar ist.

Biomechanik richtig einsetzen, nicht ablehnen

Wenn ich sage, dass bestimmte biomechanische Zusammenhänge berücksichtigt werden sollten, bin ich ebenfalls nicht gegen den Sport. Wenn ich zum Beispiel sage, dass wir nicht einfach nur die Hinterhand aktivieren sollten, während das Pferd vorne noch tiefer gelegt ist – der Übergang von Hals- zu Brustwirbelsäule also noch stärker überstreckt ist, als es ohnehin schon der Fall ist –, dann heißt das nicht, dass die Hinterhand grundsätzlich nicht aktiviert werden sollte. Es heißt, dass wir erst das vordere Bewegungszentrum stabilisieren und aktivieren müssen, damit die Hinterhand anschließend leichter untertreten kann. Das hat nichts damit zu tun, dass Pferde nichts tun sollen – wir müssen nur am richtigen Hebel arbeiten.

Ich wünsche mir, dass wir das vorhandene Wissen konsequent nutzen. Das führt manchmal zu Konflikten mit Pferdebesitzern, wenn ich sage: Du musst jetzt nicht auf dem Pferd sitzend arbeiten, sondern erst am Boden, oder dem Pferd im Alltag mehr Handlungsfähigkeit geben, oder an ganz anderen Stellen ansetzen. Beim Training sehe ich es wie bei der Therapie: Die Basis muss stimmen. Dann kann tolles Training oder eine tolle osteotherapeutische beziehungsweise physiotherapeutische Behandlung sehr gut unterstützen – aber wenn die Basis fehlt, hilft auch das beste i-Tüpfelchen nicht.

Wir wissen heute sehr viel über Anatomie und Biomechanik – etwa, dass das Pferd seinen Hals als wichtigen Hebel braucht und wir ihn nicht dauerhaft einengen sollten, was nicht bedeutet, dass es niemals Kontakt zum Zügel haben soll. Wir wissen viel über Schmerz- und Stressanzeichen beim Pferd, über Lernverhalten, Biomechanik und die grundlegenden Bedürfnisse des Pferdes. Und trotzdem erlebe ich immer wieder Situationen, in denen dieses Wissen offenbar keine Rolle mehr spielt – vielleicht auch, weil ein Reitlehrer selbst erfolgreich im Sport reitet und man denkt: Der muss es ja wissen.

Etablierte Glaubenssätze sind schwer zu durchbrechen

Ich weiß natürlich auch, dass ich als Pferdetherapeutin, die vielleicht zweimal im Jahr zu einem Pferd kommt und Impulse gibt, gegenüber einem Reitlehrer oder Stallnachbarn, der sehr regelmäßig vor Ort ist, oft einen schwereren Stand habe. Fest etablierte Glaubenssätze darüber, wie ein Pferd zu laufen hat, sind am Stall oft tief verwurzelt – wenn 99 Prozent der Menschen am Stall auf eine bestimmte Art reiten und ich sage „das ist so aber nicht richtig“, während der Pferdebesitzer das täglich anders erlebt, dann ist das für mich schwer, dagegen anzuarbeiten, wenn ich nur ein- oder zweimal im Jahr komme und sage: Ich glaube, ihr solltet andere Wege gehen, damit euer Pferd langfristig gesund bleibt. Genau das ist aber das Ziel meiner Arbeit.

Das führt auch manchmal dazu, dass ich bestimmte Pferdebesitzer nicht wiedersehe – etwa wenn jemand in zwei Wochen eine M-Dressur reiten möchte und ich stattdessen sage, das Pferd brauche zunächst mehr Heu, Bodenarbeit oder die Begleitung eines Horsemanship-Trainers. Dann werde ich manchmal belächelt, aber ich muss bei dem bleiben, wofür ich stehe, und bei meinen Werten. Ich möchte damit niemandem etwas Böses, sondern etwas bewegen. Deshalb freue ich mich sehr, wenn ihr diese Folge teilt oder den Kanal abonniert – das hilft mir, diesen Podcast fortzuführen, in dem es mir immer wieder darum geht, Themen differenziert zu betrachten. Auch hier gilt: Es geht nicht darum, ob Denise „für“ oder „gegen“ Sportpferde ist, sondern darum, genau hinzuschauen, was konkret kritisiert wird.

Wenn offensichtliche Schmerzanzeichen übersehen werden

Es gibt immer wieder Situationen, in denen Wissen offenbar keine große Rolle spielt. Das tut mir manchmal wahnsinnig leid für Menschen, deren Pferde sich vielleicht nicht so spektakulär bewegen, die aber reell geritten werden und auf dem Turnier, gerade in eher subjektiv bewerteten Prüfungen wie der Dressur, schlechter abschneiden. Und dann sehe ich andere Pferde, bei denen ganz offensichtlich Schmerz zu erkennen ist – zusammengeschoben, Hinterhand nach hinten heraus, Vorderhand nach vorne – und frage mich: Warum sieht das niemand? Es wird geritten, wie gerichtet wird. Zum Glück gibt es mittlerweile auch Richter, die solche Anzeichen ansprechen, aber das passiert eben nicht immer. Es ist für mich oft eindeutig erkennbar, dass ein Pferd Schmerzen oder Stress hat und sich nicht wohlfühlt – und trotzdem geht es als Sieger vom Platz. Das finde ich sehr schade.

Ich sehe Pferde, die körperlich noch nicht in der Lage sind zu leisten, was von ihnen erwartet wird, mit deutlichen Stress- oder Schmerzanzeichen – und gleichzeitig Menschen, die noch mehr Schub, noch mehr Ausdruck, noch mehr Aktion fordern. Ich frage mich dann wirklich, warum wir das tun. Vermutlich auch, weil „geritten wird, wie gerichtet wird“ – solches Reiten wird häufig noch belohnt. Aus rein sportlicher, biomechanischer Sicht ergibt das für mich aber ohnehin keinen Sinn: Wenn die Hinterhand sich nach hinten herausbewegt, das vordere Bewegungszentrum blockiert ist und sich der Rahmen der Oberlinie bei einer Rahmenerweiterung eigentlich gar nicht erweitern darf, während die Beine in alle Richtungen strampeln, dann ist die scheinbare Rahmenerweiterung größer, als sie eigentlich sein dürfte. Ich habe gelernt, dass sich eine echte Rahmenerweiterung auch auf der rückwärtigen Seite des Pferdes zeigen sollte – etwa, dass die Nase in dieselbe Richtung zeigt wie der auffußende Huf. Wenn dann laut applaudiert wird, obwohl das Pferd im Grunde gar nicht nach vorne schauen kann, der Huf aber extrem weit nach vorne schleudert, verstehe ich das einfach nicht.

Woran konkret gearbeitet werden sollte

Fehlt die Stabilität im vorderen Bewegungszentrum, sollte an genau dieser Stabilität gearbeitet werden – notfalls am Boden. Gleichzeitig brauchen Pferde Beweglichkeit: Fehlt sie, wird an der Beweglichkeit gearbeitet, im Idealfall an beidem gleichzeitig. Wer sich zum Beispiel mit tensegralem Training beschäftigt, weiß das sehr genau – es geht nicht nur um Stabilität oder nur um Beweglichkeit, sondern um eine Mischung, die zu einem handlungsfähigen, tragfähigen Körper führt. Fehlt die Koordination, wird an der Koordination gearbeitet – im Training sollte am besten immer alles zusammen mitgedacht werden. Ich würde niemals versuchen, fehlende Grundlagen durch noch mehr Druck zu ersetzen. Genau daraus entstehen Pferde im Zustand erlernter Hilflosigkeit („Learned Helplessness“), bei denen die Hinterhand zwar aktiviert wird, das Pferd vorne aber gar keine Möglichkeit hat, die entstehende Kraft sinnvoll aufzunehmen, weil die Vorderhand tiefer gelegt und die Halsbasis abgesunken ist – wodurch das Pferd noch mehr arbeiten muss, um die Hinterhand überhaupt unter den Schwerpunkt zu bekommen.

Für mich ergeben manche gängigen Praktiken biomechanisch schlicht keinen Sinn, und Wissen hilft dabei, das zu erkennen. Mir ist wichtig, dass sich Reiter und Trainer mit der Biomechanik des Pferdes, mit Trainingsprinzipien und mit Stressanzeichen auseinandersetzen – dass sie erkennen können, in welchem Moment sich ein Pferd nicht wohlfühlt, und wie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd tatsächlich aussieht. Ich weiß, dass auch viele, die ein von mir kritisiertes Training praktizieren, ihr Pferd über alles lieben, aber vielleicht denken, das, was am Stall unterrichtet und gemacht wird, sei einfach normal. Der Pferdebesitzer würde aus seiner Sicht alles für sein Pferd tun. Wenn ich dann sage, dass ich bei einer bestimmten Trainingsmethode Schmerzanzeichen sehe und wir an einer anderen Schwachstelle arbeiten sollten, wünsche ich mir, dass sich die Person damit auseinandersetzt und über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Ich habe dafür aber auch vollstes Verständnis, denn ich habe mein eigenes Pferd früher selbst überfordert – solche Prozesse brauchen manchmal Zeit.

Was der Humansport über mentale Gesundheit lehrt

Im Humansport wird mittlerweile enorm viel über mentale Stärke gesprochen, nicht ohne Grund: In vielen Disziplinen sind wir an der Grenze des körperlich Machbaren angekommen. Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, weiß, dass Leistung irgendwann nicht mehr rein körperlich ist. Im Humansport wird viel mit Visualisierung von Bewegungsabläufen und mit Glaubenssätzen gearbeitet. Das lässt sich nicht eins zu eins auf das Pferd übertragen, aber dafür haben wir Beziehungsarbeit, Horsemanship und Freiarbeit, die dem Pferd zeigen: Wir können zusammenarbeiten, ich verstehe deine Sprache, wir nähern uns beide an.

Der Kopf macht dabei enorm viel aus. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir Pferde nicht unterordnen sollten, um eine Leistung abzuverlangen, die biomechanisch ohnehin nicht ganz korrekt ist. Es ist schade, dass das oft nicht gesehen wird. Im Humansport arbeiten Sportler mittlerweile viel mit mentalen Themen und Stressmanagement, nicht nur mit körperlichem Training. Ich sehe, wie viel das auch bei Pferden ausmacht – warum sollte das bei Pferden grundsätzlich anders sein? Wir wissen mittlerweile, wie Pferde lernen: Sie erleben, genau wie wir, Stress – kurzer Stress kann durchaus positiv sein, langfristiger nicht. Sie erleben Nicht-Handlungsfähigkeit, Unsicherheit und Frustration, aber genauso Wohlbefinden und Partnerschaft. Pferde sind sehr soziale Tiere, und darauf lässt sich auch im sportlichen Reiten eine ganze Menge aufbauen.

Ich glaube fest daran, dass wir die mentale Gesundheit unserer Pferde massiv unterschätzen – sie aber auch massiv nutzen können. Ein Pferd, das ständig unter Druck steht, wird langfristig nicht sein volles Potenzial entfalten. Ein Pferd mit dauerhaften, unerkannten Schmerzen ebenfalls nicht. Und ein Pferd, das gelernt hat, nur noch zu funktionieren, wirkt irgendwann gehorsam – die Frage ist nur, wie lange es dann wirklich im Sport mitläuft. Das gilt im Übrigen genauso für Freizeitreiter: Auch dort erlebe ich oft, dass biomechanische und trainingstechnische Grundlagen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Es ist also nicht nur eine Frage von Sportreitern gegen Freizeitreiter – in jedem Bereich gibt es beides.

Lasst uns also Bedingungen schaffen, in denen Pferde körperlich wie mental stabil sind und gerne mitarbeiten. Lasst uns Pferde nicht unterordnen, sondern zu unseren Partnern machen. Am Ende wünschen sich sowohl Sport- als auch Freizeitreiter langfristig gesunde, motivierte Pferde – da haben wir wirklich einen gemeinsamen Nenner.

Ich bedanke mich fürs Zuhören. Schickt mir gerne eine Rückmeldung, teilt die Folge, wenn sie euch gefallen hat und ihr denkt, dass der eine oder andere davon profitieren oder eine kleine Gedankenanregung mitnehmen könnte. Bis zum nächsten Mal, eure Denise.