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Blutwerte beim Pferd verstehen – Referenzwerte, Symptome und häufige Missverständnisse

Wichtige Korrektur: Ich habe mich in einem Satz verkehrt ausgedrückt: Serumsblut ist das Blutplasma abzüglich der Gerinnungsfaktoren 😉 (und nicht wie ich falsch ausgedrückt in der Folge „das geronnene Plasma“ genannt habe)

In dieser Folge sprechen wir über eines der meistdiskutierten Themen in der Pferdegesundheit: Blutwerte.

Was sagt ein großes Blutbild eigentlich wirklich aus? Warum können Tierarzt und Therapeut manchmal zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen? Und bedeutet ein Wert im Referenzbereich automatisch, dass alles optimal ist?

Ich erkläre, warum Blutwerte immer nur eine Momentaufnahme sind, welche Faktoren die Ergebnisse beeinflussen können und weshalb ich Blutwerte als wichtiges Puzzleteil betrachte – aber niemals als die ganze Wahrheit.

Außerdem sprechen wir über:

  • den Unterschied zwischen kleinem und großem Blutbild
  • Referenzwerte und Optimalbereiche
  • Serum oder Vollblut – wo liegt der Unterschied?
  • Einfluss von Stress, Training, Jahreszeit und Fütterung
  • häufige Fehler vor der Blutabnahme
  • warum wir Pferde behandeln und nicht Laborzettel

Wie immer geht es nicht um Schwarz-Weiß-Denken, sondern darum, Zusammenhänge besser zu verstehen und fundierte Entscheidungen für die Gesundheit unserer Pferde zu treffen.

Transkript:

Pferde, Schäfer und Menschen – „Blutwerte beim Pferd“

Denise: Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt Pferde, Schäfer und Menschen. Die Folge heute handelt vom Thema Blutwerte beim Pferd: warum „alles in der Norm“ nicht die gesamte Gesundheits- oder Krankheitsgeschichte des Pferdes erzählt, und was wir aus Blutwerten ableiten können und was auch nicht.

Es ist ein riesiges Feld, deshalb werde ich nur auf einige Dinge eingehen. Ihr solltet euch bewusst sein, dass das wirklich nur ein kleiner Teil dessen ist, was wir über Blutwerte beim Pferd nach dem heutigen Stand erzählen können. Mit Sicherheit würde dieser Podcast auch anders klingen, wenn ich ihn in ein, zwei Jahren nochmal aufnehmen würde, denn es gibt immer noch viel mehr, was wir nicht wissen, als das, was wir wissen.

Wenn es um tieferes Wissen geht, schaut gerne auf horse-therapy-academy.de vorbei. Dort findet ihr einige Online-Fortbildungen, vor allem für Pferdetherapeuten, aber auch für Trainer und Pferdebesitzer, die deutlich mehr in die Tiefe gehen, zum Beispiel zum Thema Magenerkrankungen beim Pferd. Würde ich das Thema Blutwerte zu einem eigenen Online-Kurs ausbauen, hätte das wahrscheinlich ähnliche Ausmaße wie die Masterclass Pferdemagen, die ja auch immens groß geworden ist.

Bevor wir starten: Diese Folge ersetzt natürlich keine tierärztliche Diagnostik und auch keine individuelle Beratung. Mein Ziel ist, euch dabei zu helfen, Blutwerte etwas besser einzuordnen und zu verstehen, was sie leisten können und was eben auch nicht. Blutwerte allein sind weder die Lösung für alles, noch sind sie wertlos. Einfach zu sagen, das ist ja nur eine Momentaufnahme, das können wir ignorieren, finde ich zu schade. Aber genauso zu sagen, ich zeige dir die Blutwerte meines Pferdes und du sagst mir, was ich machen muss, das ist das andere Extrem. Hinter beidem stehe ich nicht.

Ich vergleiche Blutwerte gerne mit einem relevanten Puzzleteil. Sie zeigen nicht das komplette Puzzle, also nicht die komplette Geschichte des Pferdes mit all seinen Schwachstellen und Stärken, aber sie sind ein wichtiges Eckstück. Sie zeigen uns nicht automatisch die Ursache eines Problems, aber sie können ein wichtiges Randstück sein, das hilft, das Gesamtbild besser zu erkennen. Wer gerne puzzelt, weiß: Es ist sinnvoll, erst den Rand zu legen, gerne auch zuerst die Eckstücke, damit sich die einzelnen Elemente danach leichter einfügen lassen.

Deshalb möchte ich heute darüber sprechen, wie ich Blutwerte aus funktioneller Sicht betrachte, welche häufigen Missverständnisse es gibt, und warum verschiedene Leute manchmal auf dieselben Werte schauen und trotzdem zu ganz unterschiedlichen Aussagen kommen.

Zunächst ein paar wichtige Parameter beim Blut. Viele denken, ein „großes Blutbild“ beim Pferd liefert automatisch auch eine Analyse der Elektrolyte, Vitamine, Leberwerte, Nierenwerte, Mineralstoffe, Hormone und Spurenelemente. Das stimmt so nicht. Ein großes Blutbild besteht aus einem kleinen Blutbild, das die Blutzellen anzeigt, plus einer genaueren Differenzierung. Es gibt drei Hauptgruppen von Blutzellen: die Erythrozyten, also die roten Blutkörperchen, die Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, und die Thrombozyten, die Blutplättchen, die an der Blutgerinnung beteiligt sind.

Ein kleines Blutbild zeigt diese drei Zelltypen sowie eine kleine Differenzierung der Erythrozyten: Erythrozytenzahl, Hämoglobin, Hämatokrit, Leukozyten und Thrombozyten. Beim großen Blutbild werden zusätzlich die Untergruppen der weißen Blutkörperchen genauer aufgeschlüsselt: neutrophile Granulozyten, Lymphozyten, Monozyten, eosinophile und basophile Granulozyten. Daraus kann der Tierarzt, oder auch jemand, der sich mit funktioneller Medizin beschäftigt, wertvolle Informationen ziehen. Aber ganz wichtig: Leberwerte, Nierenwerte, Vitamine, Mineralstoffe, Elektrolyte und Hormone gehören nicht automatisch dazu. Das große Blutbild ist also kleiner, als man denkt, auch wenn sich daraus trotzdem wichtige Dinge ableiten lassen.

Ein paar Beispiele: Eine niedrige oder hohe Erythrozytenzahl kann mit der Rasse oder dem Trainingszustand zusammenhängen. Vollblüter oder sehr aktive, gut trainierte Sportpferde haben tendenziell erhöhte rote Blutkörperchen, Kaltblüter oder schlechter trainierte Pferde eher etwas niedrigere Erythrozyten- und Hämoglobinwerte. Das nur als grobe Orientierung. Die Erythrozytenzahl kann auch dann besonders hoch sein, wenn das Pferd bei der Blutabnahme starken Stress hatte: Die Milz, die auch ein wichtiger Blutspeicher ist, gibt dann viel Blut frei, was sich zunächst in einer hohen Erythrozytenzahl zeigt.

Der Hämatokrit-Wert zeigt das Verhältnis der roten Blutkörperchen im Blut an. Ist er niedrig, sprechen wir von einer Blutarmut, einer Anämie. Dafür gibt es sehr viele mögliche Ursachen: virale Belastungen, hohe Wurmbelastung, da Parasiten gerne Blut saugen, Darmentzündungen mit Blutungsneigung oder blutende Magengeschwüre. Ähnlich ist es bei den Leukozyten, den weißen Blutkörperchen, die vor allem bei Entzündungen im Körper reagieren, als Teil der Immunabwehr. Niedrige Leukozyten, die sogenannte Leukopenie, können darauf hinweisen, dass Abwehrzellen im Gewebe gebraucht werden, um Erreger zu bekämpfen, etwa bei akuten viralen oder bakteriellen Infekten. Hält ein Infekt länger an, sehen wir häufig das Gegenteil, eine Leukozytose mit erhöhten Werten. Vereinfacht gesagt beobachten wir bei manchen Erkrankungen zunächst eine Leukopenie und später eine Leukozytose, bei ein und derselben Ursache. Der Kontext zählt also immer.

Beim Differenzialblutbild können erhöhte eosinophile Granulozyten Hinweise auf Parasiten oder Allergien liefern, müssen es aber nicht. Genauso wichtig zu wissen: Dieser Wert kann trotz Wurmbefall oder Allergie völlig unauffällig sein.

Sehr spannend sind auch Elektrolyte und Mineralstoffe, die nicht Teil des Blutbildes sind, sondern weitere Laborparameter. Der Körper versucht ständig, seine innere Balance, die Homöostase, aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, Werte wie Calcium, Magnesium oder Natrium erscheinen oft lange normal, obwohl im Hintergrund bereits Probleme bestehen. Werden solche Werte trotzdem auffällig, sollten wir genauer hinschauen. Ich hatte selbst einmal einen Calciummangel in den Blutwerten. Man hätte einfach sagen können: Dann muss eben Calcium ergänzt werden. Stimmt auch, aber für mich war wichtiger zu fragen, warum der Calciumwert niedrig war. Die Ursache war ein niedriger Vitamin-D-Spiegel: Vitamin D, das eigentlich kein Vitamin, sondern ein Hormon ist, sorgt dafür, dass Calcium aus dem Darm aufgenommen wird.

Ähnlich ist es bei der Nierenfunktion. Beim Menschen wie beim Pferd zeigt sich eine eingeschränkte Nierenfunktion in den Blutwerten häufig erst dann deutlich, wenn bereits ein erheblicher Teil der Funktion verloren gegangen ist, viele sprechen von etwa 70 bis 75 Prozent. Auch hier lohnt sich also der genauere Blick. Das zeigt schon: Blutwerte sollten wir immer im Kontext betrachten. Ein großes Blutbild ist kleiner, als wir denken. Wir können wichtige Informationen daraus ziehen, aber Vitamine, Mineralstoffe, Leberwerte, Nierenwerte, Hormone und Spurenelemente sind Teil der weiteren Blutanalyse, extra Untersuchungen, die beim Labor gesondert beauftragt werden müssen.

Was mir häufig begegnet: Ich schaue mir ein Pferd an, möchte Blutwerte sehen, und der Besitzer sagt mir, es sei schon mal Blut abgenommen worden, der Tierarzt habe aber gesagt, alles sei in der Norm. Das ist für mich gut zu wissen, denn dann weiß ich: Tierärztlich wurde nichts akut Medizinisches gefunden. Aber der Tierarzt hat naturgemäß einen anderen Blick darauf, nicht richtiger oder falscher, sondern einfach den Blick durch die akutmedizinische Brille. Wenn ich dann sage, ich würde gerne noch genauer hinschauen, weil das Pferd vielleicht nicht ganz krank, aber auch nicht ganz gesund ist und Symptome zeigt, entsteht manchmal der Eindruck, einer von beiden würde falschliegen. Das stimmt nicht. Wir schauen einfach durch unterschiedliche Brillen.

Die Aufgabe der klassischen Tiermedizin ist die akutmedizinische Versorgung: Liegt eine Erkrankung vor, ein medizinischer Notfall, muss gehandelt werden? Hier geht es manchmal tatsächlich um Leben und Tod, und da ist entscheidend, ob Werte im Referenzbereich liegen oder nicht. Es reicht dann im Grunde aus, wenn ein Wert an der Grenze der Norm liegt, um zu sagen: Das reicht fürs Überleben. Wer mehr dazu wissen möchte: Ich habe einen Kurs namens „Souveränität in schwierigen Fällen“, der sich unter anderem damit beschäftigt, wie wir mit verschiedenen Brillen auf Erkrankungen oder Thematiken schauen, denn es ist ja nicht immer alles automatisch eine Erkrankung.

Mir werden selten topfit Pferde vorgestellt, bei denen es nur um minimale Optimierung geht. Meistens haben sie wiederkehrende Probleme, chronische Thematiken, Leistungsabfall trotz normaler Werte, Beschwerden an Haut oder Hufen, diffuse Symptome, Berührungsempfindlichkeit. Sie stehen irgendwo zwischen gesund und krank, und genau da beginnt die funktionelle Betrachtungsweise. Sie beginnt nicht mit der Frage, ist das Pferd krank, wo ein „ausreichend“ bei den Blutwerten schon genügen würde, sondern meine Arbeit zielt vor allem auf Prävention und maximale Gesundheit: Warum ist dieses Pferd noch nicht optimal gesund, passen die Symptome zu den Blutwerten, und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, um die Situation zu verbessern oder der Ursache näherzukommen? Das ist keine bessere oder schlechtere Sicht, einfach eine andere Fragestellung.

Was bedeutet also „in der Norm“? Viele sehen einen Laborwert innerhalb des Referenzbereichs und denken automatisch: perfekt, optimal, alles wunderbar. Referenzwerte sind aber zunächst einmal statistische Bereiche. Sie entstehen in der Regel aus etwa 95 Prozent der eingesendeten Blutanalysen und sind Durchschnittsbereiche. Und genau da liegt die Herausforderung. Erstens unterscheiden sich Referenzbereiche teils von Labor zu Labor, was im einen Labor auffällig ist, ist im anderen noch unauffällig. Zweitens verändern sich Referenzwerte im Lauf der Zeit, das kennen wir auch bei Menschen, etwa bei Schilddrüsenwerten. Drittens: Wer schickt überhaupt Blutproben ein? In der Regel keine vollkommen gesunden, leistungsfähigen Pferde, sondern Pferde, bei denen irgendeine Fragestellung besteht. Deshalb entstehen oft relativ breite Referenzbereiche, vergleichbar mit der Schulnote 1 bis 4 minus. Und eine 4 minus reicht fürs Überleben, aber vielleicht nicht, um sich wirklich gut zu fühlen.

In der Akutmedizin kann eine Schulnote 4 also völlig ausreichend sein, gerade wenn es zunächst nur darum geht, ein schwer krankes Pferd zu stabilisieren. In der Tierklinik entscheidet „ausreichend“ mitunter über Leben und Tod. Geht es aber um optimale Gesundheit, also Leistungsfähigkeit, gute Regenerationsfähigkeit, eine gute Stoffwechsellage oder chronische Thematiken, die bei mir schätzungsweise 99 Prozent der Fälle ausmachen, dann haben wir andere Ziele. Deshalb unterscheide ich zwischen Normbereich und Optimalbereich: Der Optimalbereich ist ein kleinerer Bereich innerhalb der Referenz, eher im Bereich der Schulnote 1 bis 3 plus, der den Bereich zwischen 3 und 4 minus ausschließt.

Blutwerte sind Momentaufnahmen, nicht mehr und nicht weniger. Sie zeigen, was zu diesem Zeitpunkt sichtbar war, und das müssen wir im Kontext berücksichtigen und auch gezielt nachfragen: War das Pferd zum Zeitpunkt der Blutabnahme gestresst, gerade transportiert worden, hatte es kurz vorher noch Kraftfutter bekommen, was besonders bei Insulin und Glucose relevant ist? Kam es direkt vom Training? Hat es Medikamente bekommen, kurz vorher hochdosiertes Mineralfutter oder Elektrolyte? All das kann die Werte beeinflussen, genau wie die Blutabnahme und Lagerung selbst. Muss ein Tierarzt zum Beispiel gerade einen akuten Notfall wie eine Kolik versorgen, kann das Blut nicht immer optimal gelagert werden, was zum Beispiel beim Kaliumwert schon mal zu Abweichungen führen kann.

Manche Hormone unterliegen einem Tagesrhythmus, sie sind morgens deutlich höher als nachmittags, weshalb ich es für wichtig halte, solche Werte morgens abzunehmen. Andere Werte verändern sich jahreszeitlich, ACTH zum Beispiel, oder auch Insulin: Insulinwerte sind interessanterweise Richtung Herbst und Winter höher als im Frühjahr und Sommer. Auch Entzündungswerte können sich nach Belastung verändern, beim Menschen ist das der CRP-Wert, beim Pferd das Serum Amyloid A, kurz SAA. Diese Werte spiegeln die allgemeine Entzündungslage im Körper und sollten möglichst niedrig sein, am liebsten Richtung Null, können aber nach Training erhöht sein. Wenn ich selbst zur Blutabnahme bin, fahre ich meistens mit dem Fahrrad hin und war oft spät dran, entsprechend waren mein Kreatinin- und meine Entzündungswerte minimal erhöht, weil ich in die Pedale getreten habe. Das muss man dann einfach wissen und bei der Beurteilung mitberücksichtigen, genau wie beim Glucosewert, wenn man zum Beispiel nüchtern Fahrrad gefahren ist.

Was sollten wir vor einer Blutabnahme beim Pferd beachten? Hier ist sich die Wissenschaft teilweise noch nicht ganz einig. Wenn wir aber Vergleichswerte haben wollen, sollten die Bedingungen bei den Blutabnahmen möglichst ähnlich sein: ähnliche Tageszeit, ähnliche Fütterung. Ich würde grundsätzlich darauf verzichten, dass Pferde kurz vorher stärkereiches Kraftfutter bekommen, das die wenigsten überhaupt brauchen, weil die wenigsten tatsächlich ein Defizit an schnell verfügbaren Kohlenhydraten haben. Auch eine ähnliche Belastung vorher ist wichtig, damit nicht einmal direkt nach dem Training und das andere Mal völlig unbelastet gemessen wird. Viele Fachleute empfehlen außerdem, Mineralfutter etwa zwölf Stunden vor der Blutabnahme auszusetzen, auch wenn die Empfehlungen hier noch sehr unterschiedlich und wissenschaftlich nicht abschließend geklärt sind. Das ist der aktuelle Stand, den ich vertrete.

Wichtig zu wissen ist auch: Die Optimalwerte des einen Pferdes sind nicht automatisch die Optimalwerte eines anderen, das gilt besonders für Hormone. Der eine fühlt sich bei einem bestimmten Wert gut, der andere bei einem anderen. Vermieden werden sollten außerdem intensive Trainingseinheiten oder Turniere unmittelbar vor der Blutabnahme, und wie erwähnt Kraftfutter. Auch Medikamente können einzelne Blutwerte deutlich beeinflussen, etwa bei Insulin-Dysregulationen, wo manche Medikamente die Triglyceride deutlich erhöhen können. Deshalb ist wichtig zu wissen, welche Medikamente gegeben wurden.

Noch eine Frage: Serum oder Vollblut? Bei Menschen finde ich es schön, wenn Vollblut genommen wird, das kann bei manchen Themen aussagekräftiger sein als reine Serumswerte. Beim Pferd hat die Serumnutzung meiner Einschätzung nach vor allem transport- und lagerungstechnische Gründe, viele Labore arbeiten hier hauptsächlich mit Serum. Serum ist vereinfacht gesagt der flüssige Anteil des Blutes nach der Gerinnung, Vollblut enthält zusätzlich die Blutzellen. Je nach Parameter kann das einen Unterschied machen: Selen ist nach aktuellem Stand im Vollblut oft aussagekräftiger, Magnesium ist im Serum häufig nur eingeschränkt aussagekräftig, weshalb sich auch hier ein genauerer Blick lohnt.

Und damit kommen wir zum vermutlich wichtigsten Abschnitt dieser ganzen Folge: Wir behandeln nicht die Blutwerte, also nicht den Laborzettel, sondern wir behandeln Pferde. Derselbe Wert kann völlig unterschiedliche Ursachen haben. Bei niedrigen Erythrozytenzahlen etwa kann das auf Blutverlust hindeuten, auch wenn dieser nicht offensichtlich sichtbar ist: innere Blutungen, Magengeschwüre, blutende Darmentzündungen, Parasiten, die über den Tag verteilt kontinuierlich Blut saugen. Es kann mit chronischen Erkrankungen zusammenhängen, mit einem Mangel an B-Vitaminen oder mit den Nieren, und bei manchen Pferden kann es auch schlicht eine rassetypische Besonderheit sein, Kaltblüter haben häufig eine andere Konstellation als Warmblüter oder Vollblüter. Hohe Erythrozytenwerte wiederum können schlicht bedeuten, dass ein Pferd zu wenig Flüssigkeit aufgenommen hat. Leukozyten können sowohl erhöht als auch erniedrigt sein, beides kann mit Infektionen zusammenhängen, je nachdem, zu welchem Zeitpunkt des Infekts gemessen wurde. Deshalb schaue ich nie auf einen einzelnen Wert, sondern betrachte Blutwerte immer im Gesamtkontext: Symptome, Vorgeschichte, das erste aufgetretene Symptom, Haltung, Fütterung, Belastung, Medikamente. Daraus entsteht langsam ein Puzzle, das sich zusammensetzt.

Eine Frage, die mir regelmäßig gestellt wird: Welche Werte finde ich besonders spannend? Die ehrliche Antwort ist, es kommt darauf an, wie eigentlich fast immer. Es gibt keinen Wert, der immer der wichtigste ist. Bei einem Pferd mit chronischen Magenthematiken interessieren mich andere Dinge als bei einem Pferd mit Stoffwechselproblemen oder wiederkehrenden Entzündungen, und bei einem Pferd mit vermuteter Insulin-Dysregulation oder EMS wieder andere Parameter als bei möglichem Parasitenbefall, wobei auch beides gleichzeitig auftreten kann, es ist ja nicht immer nur entweder-oder.

Persönlich finde ich Entzündungsmarker besonders spannend, SAA beim Pferd, CRP beim Menschen, weil chronisch stille Entzündungen aus meiner Erfahrung bei vielen chronischen Beschwerden eine wichtige Rolle spielen. Mir geht es dabei vor allem um Früherkennung, welche Thematiken sich möglicherweise entwickeln. Auch das Gesamteiweiß finde ich spannend, ich setze meinen Optimalwert dafür höher an, als es die meisten Laborreferenzen tun. Aber auch dieser Wert ist nicht isoliert zu betrachten. Eiweiß brauchen wir nicht nur für die Muskulatur, sondern für praktisch jede Körperfunktion, auch für das Immunsystem. Ein hoher Wert kann auf eine Entzündung hinweisen, auf den Flüssigkeitshaushalt oder auf eine übermäßige Eiweißversorgung, alles ist möglich. Wenn ich aber weiß, dass ein Pferd eiweißarmes Heu bekommt, keine zusätzliche Eiweißquelle, das Gesamteiweiß aber trotzdem extrem erhöht ist und gleichzeitig Entzündungszeichen vorliegen, dann wissen wir aus Erfahrung: Chronisch stille Entzündungen können das Gesamteiweiß verfälschen. Ein hoher Gesamteiweißwert bei chronisch stiller Entzündung bedeutet also nicht automatisch, dass kein zusätzliches Eiweiß gebraucht wird, den Kontext mitzudenken ist hier entscheidend.

Das gilt genauso für einzelne Nährstoffe. Ein häufiger Fehler: Ist ein Wert niedrig, wird sofort genau dieser eine Stoff ergänzt, oft gesehen bei Zink. Ein niedriger Zinkwert bedeutet nicht automatisch, dass möglichst viel Zink ergänzt werden sollte, denn Zink steht unter anderem in Wechselwirkung mit Kupfer. Wird bereits Zink im Mineralfutter ergänzt, weil es im Heu häufig im Defizit ist, der Wert aber trotzdem niedrig bleibt und das Pferd entsprechende Mangelsymptome zeigt, lohnt sich die Frage: Wie steht es um die Darmgesundheit, nimmt der Körper Zink überhaupt ausreichend auf? Das eröffnet einen ganz anderen Ansatz. Der Körper arbeitet nicht in einzelnen Schubladen, selbst bei nachgewiesenem Zinkmangel sollte Zink nicht einfach isoliert und dauerhaft ergänzt werden, sondern immer im Zusammenspiel mit weiteren Mineralstoffen betrachtet werden. Zu viel Zink kann zum Beispiel eine bestimmte Phase der Biotransformation, vereinfacht gesagt der Entgiftung, anregen, in der Giftstoffe den Körper regelrecht überschwemmen können, weshalb bei einer Zinkgabe durchaus Vorsicht angebracht ist.

Zink ist auch beim Menschen spannend, etwa im Zusammenhang mit Testosteron: Bei einem Testosteronmangel gibt man nicht einfach Testosteron, sondern fragt, warum zu wenig gebildet wird, und Testosteronbildung ist unter anderem von Zink abhängig. Übertragen aufs Pferd wäre ein gutes Beispiel Serotonin, das größtenteils im Darm aus Tryptophan gebildet wird, wofür wiederum Magnesium und verschiedene B-Vitamine benötigt werden. Das muss man sich jetzt nicht alles merken, es soll nur eine Idee vom Zusammenspiel geben.

Auch Medikamente können Laborwerte in beide Richtungen beeinflussen. Deshalb gehört für mich zu jeder vernünftigen Beurteilung eine gute Anamnese: Welche Medikamente bekommt das Pferd aktuell oder hat es kürzlich bekommen? Wir wissen zum Beispiel, dass Omeprazol Einfluss auf Vitamin B12 hat, bei längerer Gabe von Säurehemmern wie Omeprazol kann die Vitamin-B12-Versorgung nicht mehr gewährleistet sein, was wiederum andere Folgen hat, etwa für die Blutbildung. Laborwerte sollten also immer zusammen mit Vorgeschichte und aktueller Medikation betrachtet werden.

Mein Fazit, und ich hoffe, ich konnte die eine oder andere der vielen Fragen beantworten, die mich zu diesem Thema erreicht haben: Wenn ihr aus dieser Folge nur drei Dinge mitnehmt, dann diese. Erstens: Blutwerte können unglaublich wertvoll sein, können aber auch in die Irre führen, sie zeigen niemals die gesamte Wahrheit oder die gesamte Thematik. Zweitens: Ein Referenzbereich bedeutet nicht automatisch optimal. Drittens: Wir behandeln Pferde und keine Laborwerte. Laborwerte sind ein wichtiges Werkzeug, aber eben nur eins von vielen, neben Anamnese, Symptomen, Haltung, Fütterung, Belastung und der Persönlichkeit des Pferdes. Bei besonders sensiblen Pferden zum Beispiel beobachte ich aus Erfahrung, wissenschaftlich nicht belegt, oft einen höheren Bedarf an Zink und Magnesium, beziehungsweise dass sie stärker davon profitieren, aber bitte deswegen jetzt nicht einfach Zink und Magnesium ins Pferd geben, denn wie gesagt steht alles miteinander in Wechselwirkung.

Für die Krankheit ist der Tierarzt zuständig. Für alles zwischen krank und gesund dürft ihr euch gerne an mich wenden. Am Ende interessiert mich nicht, wie der Laborzettel für sich alleine aussieht, sondern wie es dem Pferd mit seinen Werten und seinen Auffälligkeiten tatsächlich geht. Das gilt übrigens genauso für bildgebende Befunde wie Röntgenbilder: Mich interessiert nicht primär, ob ein Pferd einen Befund an der Wirbelsäule hat, wenn es dazu passend gar keine Symptomatik zeigt. Deshalb versuche ich immer, das gesamte Bild zu betrachten.

Wenn euch solche Themen interessieren und ihr tiefer in funktionelle Zusammenhänge, Prävention, Haltung, Fütterung und Stoffwechsel eintauchen möchtet, schaut gerne auf meiner Website vorbei. Besonders die Masterclass Pferdemagen kann ich jedem Therapeuten ans Herz legen, da geht es längst nicht nur um Magenthematiken, auch wenn viele Pferde davon betroffen sind und wir beim Training, gerade bei Trageschwäche oder Trageerschöpfung, manchmal nicht weiterkommen, wenn Magenthemen mitspielen. Es geht aber um viel mehr: das vegetative Nervensystem, Fütterung, und darum, warum Pferde trotz vermeintlich allem richtig gemacht, etwa rund um die Uhr verfügbarem Raufutter, trotzdem Probleme mit der Raufutteraufnahme haben können. Viele haben mir nach dem Kurs gesagt, dass sie Pferde danach mit ganz anderen Augen sehen. Ihr seid herzlich eingeladen.

Ich freue mich, wenn ihr diese Folge teilt und mir eine Rückmeldung schickt. Natürlich ist das Thema damit nicht vollständig abgedeckt, das ist gar keine Frage. Ich freue mich auf die nächsten Folgen mit euch, für euch. In diesem Sinne wünsche ich euch einen erfolgreichen Tag. Eure Denise.