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Zwischen Ist-Zustand und Geschichte – wie wir Pferde wirklich sehen sollten

Ob Therapeut, Tierarzt, Schmied oder ein Forum im Internet – schnelle Urteile über Pferde sind überall verbreitet, und genau das ist gefährlich.

In dieser Folge geht es darum, warum ein Pferd immer eine Vorgeschichte hat, die sich nicht in wenigen Minuten erfassen lässt, und warum Gründlichkeit langfristig mehr wert ist als ein schnelles, günstiges Urteil.

Außerdem: warum sich Entwicklung nur über die Zeit beurteilen lässt, nicht anhand einer einzelnen Momentaufnahme.

Transkript:

Warum schnelle Urteile über Pferde gefährlich sind

Herzlich willkommen zu einer Folge, die ganz wichtig, aber auch relativ kurzweilig ist. Es geht um das schnelle Beurteilen von Pferden – und das kann sowohl von Therapeuten ausgehen als auch vom Tierarzt, vom Schmied, vom Reitlehrer oder auch aus irgendwelchen Foren im Internet, in denen man ein Bild seines Pferdes einstellt und ganz schnell Urteile bekommt. Ich halte das für wirklich gefährlich und beobachte es mit sehr viel Skepsis.

Es ist nicht so, dass alle schnellen Kommentare automatisch falsch sind, aber ein Pferd ist eine recht komplexe Geschichte: Es hat eine Vorgeschichte, der Pferdebesitzer hat eine Vorgeschichte, hat vielleicht schon vieles versucht und getan. Ich halte es gerade als Therapeut für absolut unseriös, innerhalb weniger Minuten zu sagen, was das Hauptproblem eines Pferdes ist. Viele Pferdebesitzer wollen aber genau das – am liebsten direkt nach der Anamnese, dem Anschauen des Pferdes in Bewegung und den ersten Griffen wissen, was mit ihrem Pferd los ist. Woher diese Ungeduld kommt, frage ich mich oft. Vielleicht hat sie mit der geringer gewordenen Aufmerksamkeitsspanne zu tun, oder mit der Tatsache, dass uns in der heutigen Gesellschaft vieles sehr schnell und leicht gemacht wird. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass das nicht der richtige Weg ist.

Der erste Eindruck ist nur der Anfang, nicht das Ergebnis

Wenn ich mir ein Pferd zum ersten Mal anschaue, kommen mir natürlich auch relativ schnell intuitive Gedanken, Dinge, die mir sofort ins Auge fallen. Je nach Besitzer teile ich das auch mit – meist eher am Ende, in der Art: „Als du vorhin mit dem Pferd um die Ecke gekommen bist, ist mir direkt aufgefallen, dass dies und das.“ Aber damit ist die Behandlung nicht abgeschlossen – das ist nur mein erster Gedanke dazu, kein fertiges Urteil.

Ähnlich läuft es manchmal in Hufforen: Ein Bild vom Huf wird eingestellt, ohne die Beinachse des Pferdes zu zeigen, ohne irgendetwas über das Pferd zu wissen, ohne Vorgeschichte – und schon wird über den Hufbearbeiter geschimpft, der das Pferd so bearbeitet hat. Das kann manchmal sogar zutreffen, es gibt überall schwarze Schafe, ob bei Therapeuten oder Hufbearbeitern. Aber ich finde es wichtig – auch wenn es aufwendiger ist –, das Ganze zu betrachten. Manchen Pferdebesitzern, vielleicht auch manchen Therapeuten, ist das zu anstrengend, und sie möchten lieber schnell symptomatisch behandeln. Auch dafür gibt es eine Zielgruppe. Meine eigenen Wunschkunden ticken anders: Sie wollen es genau wissen, sind interessiert, können analytisch und komplex denken und sind an langfristiger Gesundheit interessiert.

Gründlichkeit hat einen höheren Wert als der Preis

Nach 18 Jahren Pferdetherapie bin ich fest davon überzeugt, dass es sich immer lohnt, lieber einmal richtig hinzuschauen. Meine Behandlungen sind preislich höher angesetzt als bei manch anderem Therapeuten, aber aus meiner Sicht auch mehr wert – wenn die passenden Kunden, die wirklich genauer hinschauen, mitdenken und Empfehlungen umsetzen möchten, dann übersteigt der Wert einer gründlichen Behandlung den Preis deutlich. Ein vorab schnelles Urteil kann das nicht leisten.

Ich beobachte auch einige Foren, vor allem um herauszufinden, welche Sorgen Pferdebesitzer wirklich beschäftigen – ich mische mich dort aber nicht ein, dafür fehlt mir schlicht die Zeit, und ich weiß ohnehin, dass Diskussionen dort selten konstruktiv verlaufen. Trotzdem finde ich es erschreckend zu beobachten, wie schnell dort geurteilt wird.

Entwicklung über Zeit sehen, nicht nur die Momentaufnahme

Manchmal werden mir Pferde zum zweiten Mal vorgestellt, mit einem halben Jahr Abstand. Wäre das jetzige Bild mein erster Eindruck, würde ich vielleicht denken: „Oh je, wie sieht das Pferd denn aus?“ Aber im direkten Vergleich sehe ich einen großen Unterschied – das Pferd steht deutlich besser da, ist vitaler, es ist eine Menge passiert. Das zeigt, wie wichtig der Blick über die Zeit ist, statt nur die Momentaufnahme zu beurteilen.

Schwierig finde ich es, wenn ich zu einem Pferdebesitzer komme, der als Erstes über den vorherigen Therapeuten schimpft. Dann gehen bei mir die Alarmglocken an, weil ich weiß: Vielleicht bin ich als Nächstes diejenige, über die hergezogen wird. Manchmal möchte sich jemand profilieren, indem er andere schlechtmacht – das sagt manchmal mehr über die Person selbst aus als über diejenigen, über die geredet wird, auch wenn Kritik natürlich auch berechtigt sein kann. Ich versuche, mich immer sehr diplomatisch und vorsichtig zu äußern, wenn ich mich kritisch positioniere, und erstelle am Ende jeder Behandlung eine Videodokumentation – damit das, was ich zum Pferd sage, nicht verändert an andere Dienstleister wie Schmiede oder Trainer weitergegeben wird.

Vorsicht mit vorschnellen Verurteilungen

Mir ist wichtig, ehrlich zu bleiben: Ich kenne oft nicht die ganze Vorgeschichte, weiß nicht immer, was schon alles passiert ist – auch nicht, was vielleicht schon Gutes passiert ist, oder in welchem Zustand ein Pferdebesitzer sein Pferd überhaupt übernommen hat. Sehe ich eine klare Entwicklung, bei der das Pferd bei jedem Termin schlechter dasteht, muss ich das natürlich klar ansprechen – das gehört genauso dazu. Interessant ist allerdings: Menschen, die sich wenig um die Basics kümmern – Haltung, Bewegung, Fütterung, gute Kommunikation –, wenden sich eher selten überhaupt an mich. In der Regel habe ich Kunden, die bereits eine Grundidee von artgerechter Haltung und Training haben und an bestimmten Stellen nicht weiterkommen und dort gute Impulse suchen.

Wenn jemand aber ständig über andere schimpft – der Schmied schlimmer als der letzte, die Reitlehrer sowieso alle unfähig –, frage ich mich: Was ist eigentlich das eigentliche Problem dieser Person? Ich möchte selbst nicht, dass sich jemand vorschnell ein Urteil über mich bildet, deshalb mache ich das auch bei Pferden nicht. Um ein Pferd wirklich vernünftig zu beurteilen, gehören viele verschiedene Blickwinkel dazu.

Der eigene Blickwinkel als Grenze, nicht als Endpunkt

Mein Hauptfokus liegt auf der Osteopathie in meinen manuellen Behandlungen. Aber ich sage nicht automatisch, dass jedes vorgestellte Pferd ein osteopathisches Problem hat oder osteopathisch zu lösen ist. Die eigentliche Aufgabe besteht darin zu schauen, was ich osteopathisch beitragen kann, wie ich gut unterstützen und anderweitig beraten kann – und dabei auch meine eigenen Grenzen zu kennen. Es ist wichtig zu sagen: Wir können das Pferd aus diesem oder jenem Blickwinkel betrachten, dürfen dabei aber andere Aspekte nicht vergessen. Schnelle Lösungen und schnelle Verurteilungen von Pferden und Besitzern kann und will ich nicht unterstützen.

Wer Interesse daran hat, Pferde wirklich ganzheitlich zu betrachten – auch wenn dieser Begriff mittlerweile etwas abgedroschen klingt –, ist herzlich eingeladen, sich meine Webinare anzuhören, sich für den Newsletter anzumelden oder in meine Online-Seminare hineinzuschauen. Natürlich brauchen wir gewisse Kategorien, um Pferde einzuordnen, aber diese Schublade sollte danach nicht geschlossen bleiben: Ein „Magenpferd“ kann trotzdem andere Thematiken haben, ein Pferd mit Muskelstoffwechselstörung ebenso – dafür sollte man offen bleiben. Um das Ganze wirklich zu verstehen, also einen ganzheitlichen Blick zu haben, ist es wichtig, verschiedene Themen in kleinere Bereiche zu unterteilen und diese dann wirklich genau zu beleuchten, um am Ende am Pferd festzustellen: Passt das, passt das nicht, oder passt vielleicht etwas anderes besser?

Ich freue mich über jede Rückmeldung – Podcasts bekommen selten Bewertungen, weil man sie oft nebenbei hört. Teilt die Folge gerne, schreibt mir eine Nachricht, bewertet und empfehlt den Podcast weiter. Das war eine ganz kurze Folge, hoffentlich mit ein paar wichtigen Impulsen. Mein Motto bleibt: „Love it, change it or leave it.“ Meine Idee ist, Pferdetherapeuten so zu schulen, dass sie strukturiert arbeiten, mit viel Ruhe am Pferd sind und klare Grenzen in der Kommunikation mit dem Kunden setzen – zugunsten einer professionellen und kompetenten Behandlung und Beratung.