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Was wir unseren Pferden manchmal unbewusst antun
Dauerlärm im Stall – unterschätzter Stressfaktor für Pferde
Viele Pferde stehen tagtäglich unter Stress, ohne dass wir es merken – ausgelöst durch Dauerlärm im Stall.
In dieser Folge spreche ich darüber, was Pferde hören, was wir nicht wahrnehmen, und warum ständige Geräuschkulisse wie Radios, Metallklappern, Pumpen oder Solarium-Geräusche das Nervensystem massiv belasten können.
Du erfährst:
- Wie empfindlich das Hörvermögen von Pferden wirklich ist
- Welche Studien zeigen, dass Lärm Cortisol und Herzfrequenz erhöht
- Warum Dauergeräusche Verdauung, Schlaf und Regeneration beeinträchtigen
- Welche einfachen Maßnahmen du sofort umsetzen kannst – ganz ohne zusätzliche Kosten
Mein Ziel: mehr Bewusstsein für akustische Stressoren, die viele gar nicht bemerken – und damit mehr Ruhe, Entspannung und echte Heilung für Pferde.
Denn: Therapie bedeutet nicht nur Symptomarbeit, sondern Ursachen erkennen und verändern.
Jetzt reinhören und bewusster hinhören – deinem Pferd zuliebe.
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Transkript:
Geräuschempfindlichkeit beim Pferd: Wenn Lärm im Stall zum Dauerstress wird
Eine neue Podcast-Folge zum Thema Geräuschempfindlichkeit bei Pferden – wenn es im Reitstall zu laut wird oder auch anderswo.
Zunächst möchte ich kurz loswerden, dass ich mich immer freue, wenn ich hier nicht nur Selbstgespräche führe, sondern auch weiß, dass es gehört und geteilt wird. Pferdetherapeuten, Pferdebesitzer und andere Zuhörer haben sich vielleicht auch schon Gedanken dazu gemacht, ob diese ständige Dauerbeschallung nicht auch eine Belastung für die Pferde ist.
Wissen kommt nur dann an, wenn es gehört werden will. Und heute geht es um Lautstärke.
Die eigene Auszeit als Anstoß
Ich komme gerade aus einem Kurzurlaub zurück – drei Tage am Rothaarsteig, im Kreis Siegen-Wittgenstein. Ein winziger Ort mit gerade einmal etwas über 100 Einwohnern in einer Sackgasse. Wunderschön. Keine Geräusche, kein Autolärm, kein Hintergrundrauschen, nur Natur und Stille und die eigenen Gedanken. Das war absoluter Luxus.
Diese Auszeit hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie viel akustischer Stress oft vorhanden ist – und wie sehr wir uns daran gewöhnt haben. Ich lebe selbst in einem kleinen Dorf in der Nähe von Rheine, mit gut 2.000 Einwohnern, eigentlich eine recht ruhige Gegend in der Nähe vom Teutoburger Wald. Aber die Autobahn ist nicht weit, es gibt viel Durchgangsverkehr, Maschinen, Gartengeräte, Baustellen.
Meine eigene Lärmempfindlichkeit
Ich selbst reagiere auf all das sehr empfindlich. Ich habe eine Hyperakusis, eine gesteigerte Lärmempfindlichkeit, die anstrengend ist. Lange habe ich gedacht, ich möchte nicht so ein Mimöschen sein, nicht so empfindsam. Aber mehr und mehr merke ich, dass ich das in meinen Behandlungen und in dem, was ich am Pferd oder im Stall wahrnehme, durchaus nutzen kann.
Mir war lange nicht bewusst, dass nicht jeder so wahrnimmt wie ich. Erst im Gespräch mit anderen wurde mir klar: Die hören und riechen das gar nicht. Mit 20 hatte mich das noch nicht belastet – da lief beim Reiten selbstverständlich das Radio in der Halle, und man macht sich darüber keine Gedanken.
Gerade weil ich so intensiv wahrnehme, fällt mir bei Pferden immer wieder auf, dass sie ebenfalls häufig unter einer dauerhaften Geräuschkulisse leiden. Pferde sind als Fluchttiere unheimlich sensibel und müssen viel von der Umgebung mitbekommen, um Gefahr schnell zu erkennen.
Was ich an lauten Reitställen beobachte
Ich habe das besonders an großen Reitanlagen erlebt, an denen ich gerne bin, weil ich dort viele Leute schon seit Jahren kenne. Aber selbst wenn die Stimmung freundlich ist: An manchen Stellen sind die Pferde nervöser und weniger entspannt, teilweise zeigen sie sich sogar aggressiv, und sie haben mehr Magenprobleme.
Wir wissen ohnehin, dass etwa 70 bis 80 Prozent der Pferde Magenthematiken haben. Ich kann das nicht bei jedem Pferd beweisen, aber mir fällt auf, dass ich an lauten, größeren Anlagen häufiger Zustimmungspunkte zu Magenthematiken finde.
Wenn ich das bei Pferdebesitzern anmerke – „das ist aber hier auch eine ganz schöne Geräuschkulisse“ –, kommt oft die Bestätigung: Das stört durchaus, aber eine Alternative ist manchmal nicht da. In vielen Fällen habe ich erlebt, dass nicht die teure Therapie zur Gesundheit geführt hat, sondern ein Stallwechsel – oder auch nur, dass irgendwann im Außenbereich, wo weniger Durchgangsverkehr ist, eine Box frei wurde, sodass das Pferd zur Ruhe kommen konnte.
Warum das Ruheverhalten der Pferde eine Rolle spielt
Pferde legen uns oft ihre eigenen Zeiten und Bindungen auf, weil wir sie vermenschlichen. Bevor ich zehn Therapieeinheiten verkaufe, würde ich lieber erst danach suchen, was der Stressfaktor ist.
Schon allein das Schlafverhalten ist polyzyklisch: Pferde schlafen nicht wie wir mit einer durchgehenden Nachtruhe, sondern ruhen über den Tag verteilt immer wieder. Sie können im Stehen dösen, aber in den Tiefschlaf kommen sie nur im Liegen. Deshalb frage ich immer: Legt sich das Pferd auch tagsüber hin? Legt es sich auch in der Herde hin? Das sind wichtige Faktoren dafür, ob sich ein Pferd in seiner Haltung wohlfühlt.
Was Pferde hören – und warum das relevant ist
Pferde haben ein ganz anderes Hörvermögen als wir Menschen. Während wir etwa von 20 Hertz bis 20 Kilohertz hören, liegt der Hörbereich von Pferden zwischen etwa 55 Hertz und 40 Kilohertz. Sie hören also viele hohe Frequenzen, die wir nicht wahrnehmen – zum Beispiel das Laden eines Handys oder Geräts.
Besonders sensibel sind Pferde zwischen 1 und 16 Kilohertz – genau in dem Bereich, in dem Vogelstimmen, Kinderstimmen, leises Pfeifen oder das Klirren von Metall liegen. Das Klirren von Metall, etwa wenn Metalltüren beim Boxenstellen zugeknallt werden, ist für mich persönlich besonders unangenehm. Es gibt Geräusche, die einfach gemacht werden müssen – der Schmied, der ein Eisen biegt, gehört dazu. Aber unnötig lautes Zuknallen von Boxentüren finde ich überflüssig.
Solche Töne sind für uns oft Nebengeräusche, für Pferde aber extrem deutlich und potenziell belastend. Das gilt auch für Pferde, die dauerhaft in der Nähe von Autobahnen oder Stromleitungen stehen.
Was Studien zeigen
Einige Studien liefern dazu Anhaltspunkte. Jensen zeigte bereits 2006, dass Pferde auf Schallgeräusche mit einem erhöhten Cortisolpegel reagieren – ein Stresswert, der bei dauerhaft erhöhten Werten auch mit Symptomen wie Cushing in Verbindung gebracht werden kann. 2012 wurde untersucht, wie sich die Herzfrequenzvariabilität bei Dauerbeschallung verändert – sie verändert sich deutlich, und Geräusche zeigten sich als erheblicher Stressfaktor.
Padalino und andere untersuchten 2017 Transportgeräusche bei Pferden. In einer weiteren Studie wurde Haarkortisol als Marker verwendet – gerade bei chronischen Thematiken kann eine Haaranalyse interessant sein. Erhöhtes Haarkortisol zeigte sich dabei als auffälliger Marker für chronischen Lärmstress. Insgesamt machen Management und Stallumgebung also einen deutlichen Unterschied – und eine Verbesserung muss nicht viel Geld kosten. Es lohnt sich, immer wieder nach den Basics zu schauen.
Typische Geräuschquellen im Stall
Es gibt einige typische Stressquellen, die für Pferde besonders unangenehm und belastend sein können, auch wenn wir sie oft längst ignorieren:
- Dauerbeschallung durch Radio oder Musik
- Lautes Schließen von Boxentüren, metallische Gittertüren
- Druckluftsysteme, Gebläse, Heizgeräte
- Ketten an Halftern und Trensenhaken
- Kieswege – Pferde reagieren darauf oft sehr aufmerksam, was Besitzer manchmal fälschlich als „Anstellen“ deuten
- Solarien, Vibrationsplatten, Heuaufbereiter
- Laut telefonierende oder quatschende Menschen
- Waschmaschinen, Wasserpumpen, automatische Tränken
Auch außerhalb des Reitstalls fällt mir auf, wie viele Menschen ihre Handyvideos laut abspielen. Ich selbst habe mein Handy immer auf lautlos und versuche, es möglichst gar nicht erst mitzunehmen, wenn es nicht notwendig ist.
Was sich verändern lässt
Der erste Schritt ist, die eigenen Geräuschquellen überhaupt wahrzunehmen. Schon kleine Veränderungen können viel bewirken – das merke ich den Pferden an ganz unterschiedlichen Reitställen deutlich an.
Mögliche Maßnahmen:
- Stallruhezeiten einführen
- Türen mit Gummileisten abdämpfen
- Geräte regelmäßig warten lassen, damit sie nicht quietschen
- Ein leiseres Verhalten am Stall fördern, statt ständig zu rufen oder zu schreien
Veränderungen treten oft erst dann ein, wenn einem die eigene Überbelastung wirklich bewusst wird. Vieles ändert man erst spät, weil man es lange für normal hält – bis andere darauf aufmerksam machen und man merkt, dass durchaus etwas Wahres dran war.
Warum Dauerlärm das vegetative Nervensystem belastet
Pferde leben im Spannungsfeld zwischen Fluchtmodus und Entspannung, und Dauerlärm hindert sie daran, zur Ruhe zu kommen. Dabei ist es nicht so, dass immer entweder der Sympathikus oder der Parasympathikus aktiv ist – beide können gleichzeitig aktiv sein, und auch einzelne Teile des Sympathikus können separat angesteuert werden.
Bei Dauerbeschallung entstehen häufig Probleme in der Verdauung: Der Parasympathikus steht für „Rest and Digest“ – Ausruhen und Verdauen. Die Peristaltik wird gefördert, wenn Pferde wirklich zur Ruhe kommen. Bei Pferden mit wiederkehrenden Verstopfungskoliken, Magenentleerungsstörungen oder wenig Darmgeräuschen lohnt sich deshalb auch der Blick auf die akustische Belastung.
Auch die Regeneration wird verringert, wenn Pferde dauerhaft im Sympathikotonus sind. Der Sympathikus liegt vor allem im Bereich der Wirbelsäule, in den Grenzstrangganglien. Eine hohe Sympathikus-Spannung wirkt sich aus meiner Erfahrung häufig auch auf die dorsale, also die rückenwärtige Muskel- und Faszienkette aus. Zudem senkt viel Lärm die Konzentrationsfähigkeit – auch im Training – und verkürzt die Aufmerksamkeitsspanne.
Nicht dogmatisch, sondern differenziert
Ich möchte keinesfalls sagen, dass jegliches Geräusch ferngehalten werden muss. Am Stall muss gearbeitet werden – Stallpflege, Hufschmied. Bei der Stallpflege stelle ich mir aber die Frage: Ein Laubpuster für die Stallgasse ist praktisch, verursacht aber neben der Lautstärke auch eine erhebliche Staubbelastung. Früher, an meinem alten Stall, ging der Stallmeister erst mit der Gießkanne durch und fegte dann ganz normal – so entstand kaum Staub. Das macht heute kaum noch jemand.
Es geht also darum zu unterscheiden: Welcher zusätzliche Lärm ist vermeidbar? Und wieder zu bedenken: Pferde haben ein polyzyklisches Ruheverhalten, sie schlafen und ruhen über den Tag verteilt, nicht wie wir Menschen mit durchgehender Nachtruhe. Ist ein Dauergeräuschpegel vorhanden, können diese Ruhepausen nicht stattfinden – mit entsprechender Auswirkung auf das vegetative Nervensystem.
Fazit
Meine eigene, oft anstrengende Wahrnehmungsfähigkeit ist auch ein Sensor, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Deshalb nehme ich mir die Freiheit, im Sinne der Pferde darauf hinzuweisen: Ein bisschen mehr Stille tut uns allen gut. Dauerlärm ist normal geworden, aber das heißt nicht, dass er gesund ist.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Geräuschempfindlichkeit beim Pferd: Wenn Lärm im Stall zum Dauerstress wird“