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Magen-, Rücken- Sattel- oder Hufprobleme – Musst du dich als Therapeut spezialisieren?

Wenn ein Pferd Trageschwäche zeigt, schlecht Muskulatur aufbaut, Gurtzwang entwickelt, lahmt oder Leistungsprobleme hat, wird oft schnell nach einer Ursache gesucht.

Doch was, wenn dieselben Symptome völlig unterschiedliche Ursachen haben können?

In dieser Podcast-Folge spreche ich über aktuelle Fälle aus meinem Praxisalltag als Pferdeosteopathin und Pferdephysiotherapeutin. Wir schauen gemeinsam auf Magenthematiken, Rückenprobleme, Hufrehe, Insulin-Dysregulation, Zahnprobleme, Borreliose-Verdacht, Lahmheiten, Sattelprobleme und Trageschwäche – und darauf, warum vorschnelle Schlussfolgerungen in der Pferdetherapie häufig in die falsche Richtung führen können.

Du erfährst:

  • warum ein Symptom oft viele mögliche Ursachen haben kann
  • weshalb eine gute Anamnese für mich die wichtigste Grundlage jeder Behandlung ist
  • warum Zuhören manchmal wichtiger ist als die nächste Technik
  • welche Rolle Magen, Stoffwechsel, Hormonsystem, Hufe, Zähne und Training bei schwierigen Fällen spielen können
  • weshalb ich glaube, dass die Zukunft der Pferdetherapie im Erkennen von Zusammenhängen liegt

Diese Folge richtet sich an Pferdetherapeuten, Pferdephysiotherapeuten, Osteopathen, Trainer und interessierte Pferdebesitzer, die schwierige Pferdefälle besser verstehen und strukturierter einordnen möchten.

Wenn du lernen möchtest, Zusammenhänge zwischen Magen, Stress, Stoffwechsel, Trageschwäche und Leistungsproblemen besser zu erkennen, findest du weitere Informationen zu meinen Fortbildungen und der Masterclass Pferdemagen auf der Website der Horse Therapy Academy.

Viel Freude beim Hören!

Deine Denise Schäfer

Transkript:

Magen, Rücken oder Hufprobleme beim Pferd: Macht Spezialisierung als Therapeut Sinn?

Je länger ich als Therapeutin arbeite, desto weniger interessieren mich einzelne Diagnosen und desto mehr interessieren mich Zusammenhänge und die einzelnen Puzzleteile. Ich habe die Horse Therapy Academy gegründet, eine Fortbildungsplattform für Pferdetherapeuten, die mehr über funktionelle Medizin bei Pferden und über Zusammenhänge erfahren möchten, die uns als Therapeut weit über die Manualtherapie hinaus immer wieder begegnen.

Heute möchte ich über ein Thema sprechen, über das ich in den letzten Wochen viel nachgedacht habe. Auslöser waren einige Patienten der letzten zwei Wochen, aber auch etwas, das mir im Marketing immer wieder auffällt: der Satz „du musst dich spezialisieren“.

Spezialisierung – ja, aber wie?

Erstmal muss ich natürlich nichts müssen. „Du darfst dich spezialisieren“ oder „es macht Sinn, sich zu spezialisieren“ wären für mich die schöneren Formulierungen. Grundsätzlich finde ich es nicht falsch, die eigene Nische zu finden und nicht einfach nur damit zu werben, Physiotherapeut, Osteotherapeut oder zertifizierter Sattel-Experte zu sein – solche Zertifikate sind ja letztlich austauschbar. Wichtiger ist, welchen Mehrwert man den eigenen Kunden oder den Therapeuten bietet, die Kurse oder Mentoring buchen.

Problematisch wird Spezialisierung aus meiner Sicht dann, wenn sie dazu führt, ein Pferd nur noch durch eine einzige Brille zu betrachten. Hatte das eigene Pferd zum Beispiel immer wieder Hufprobleme, macht eine Weiterbildung zum Hufexperten durchaus Sinn – ich sehe selbst häufig Hufthematiken. Aber wer nur noch aus der Brille der Hufgesundheit schaut, übersieht möglicherweise andere Dinge. Ähnlich ist es bei mir selbst mit einem Pferd, das eine Muskelintegrationsmyopathie hat: Dann sehe ich bei Kundenpferden oder Reitschülern manchmal überall nur noch diese Thematik. Es gibt sogar Futterexperten, die ausschließlich Pferde mit Muskelintegrationsmyopathie (MIM) beraten – schade, denn wer nur in eine Richtung schaut, verpasst andere Thematiken. Manchmal sind eben auch Läuse und Flöhe gleichzeitig da, und wenn man nur eines behandelt, ist das nur die halbe Lösung.

Weiterbildung als zusätzliches Werkzeug, nicht als Allheilmittel

Weiterbildung und Spezialisierung sind unglaublich wichtig – verschiedene Spezialrichtungen nach und nach einfließen zu lassen, bringt viel. Häufig passiert aber, dass eine Weiterbildung – manchmal auch so verkauft – den Eindruck erweckt, man könne danach „alles behandeln“. Ob Dry Needling oder TCM: Es handelt sich immer nur um ein weiteres, tolles Tool, das in die eigene Arbeit implementiert werden will.

Therapeuten, die meine Masterclass Pferdemagen besucht haben, berichten oft: „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Pferde Magenthematiken haben.“ Gleichzeitig lernen sie, dass das, was zunächst nach Magenproblemen aussieht, nicht immer eines ist – und wie man das von anderen Ursachen abgrenzt. Auch wenn der Kursname vorrangig den Pferdemagen betrifft, geht es mir nicht darum, mich allein auf den Magen zu spezialisieren, sondern die Magenthematiken zu verstehen, die weit über Sportpferde oder auffällig nervöse Pferde hinaus sehr viele Pferde betreffen.

Wichtig ist, gemeinsam mit Pferd, Besitzer, tierärztlicher Diagnostik sowie eigener Beobachtung genauer herauszufinden: An welchem Schlüssel drehen wir gerade? Es geht nicht nur darum, ein Problem zu erkennen, sondern auch, was dazu geführt hat.

Warum jedes Pferd eine andere Schwachstelle hat

Je länger ich arbeite, desto mehr habe ich das Gefühl, dass viele Pferde eine Schwachstelle haben – aber nicht alle dieselbe. Bei dem einen manifestiert sich ein Problem im Gelenkbereich, etwa im Knie, ein anderes reagiert stark viszeral, ein drittes stark über die Stressachse beziehungsweise Hormonachse. Genau deshalb finde ich es spannend, sich nicht auf einzelne Diagnosen wie EOTRH oder ECVM zu spezialisieren – dann verpassen wir möglicherweise andere Zusammenhänge und sind zu eng in unserer Brille. Ein anderer Therapeut mit einem anderen Blickwinkel kann dann wertvolle neue Impulse liefern. Deshalb bin ich großer Fan von Fortbildungen, aber kein Fan davon, als Dozentin die eierlegende Wollmilchsau zu verkaufen.

Die Pferde zwingen uns dazu, Zusammenhänge zu verstehen und weiterzuforschen, verschiedene Puzzleteile zusammenzufügen. Ich sehe Behandlungen deshalb wie kleine Puzzleelemente, bei denen mal das eine, mal das andere Element genauer zu betrachten ist. Meine eigentliche Spezialisierung ist deshalb weder die Osteopathie noch der Pferdemagen, sondern das Erkennen von Zusammenhängen – und ich finde, das ist durchaus auch eine Spezialisierung.

Beispiele aus den letzten zwei Behandlungswochen

Wenn mir ein Pferd vorgestellt wird, geht es zunächst darum, sich Zeit zu nehmen, dem Besitzer genau zuzuhören, Sorgen ernst zu nehmen, Informationen zusammenzufügen und Schnittstellen zu erkennen. In den letzten zwei Wochen hatte ich zum Beispiel: ein Pferd mit Ausriss am Hüfthöcker und daraus resultierender Lahmheit; ein Pferd mit Borreliose-Verdacht; ein Pferd mit deutlich entzündlichen, kariösen Zahnproblemen; ein weiteres Pferd mit vermutlich mechanischen Problemen durch Haken und Kanten, das sich – anders als zuvor – nicht mehr am Kopf anfassen ließ, obwohl es sonst sehr kooperativ ist; ein Pferd mit Hufrehe, bei dem eine Insulindysregulation eher stressbedingt als fütterungsbedingt im Raum stand (eine Insulinantwort entsteht nicht nur durch Futtermittel – Insulin ist ein wichtiges Masterhormon mit großer Schnittstelle zu anderen Hormonen); und ein Pferd mit echtem Sattelproblem und daraus resultierendem Gurtzwang.

Würde ich all diese Pferde nur durch dieselbe Brille betrachten, würde ich zwangsläufig Fehler machen. Keines dieser Pferde hatte dieselbe Ursache – auch wenn bestimmte Typen häufig ähnliche Thematiken zeigen, etwa bei EOTRH, dieser Zahnfacherkrankung mit starker Zementbildung und Rückgang der Zahnsubstanz. Die Hypothese, die mir auch eine Kollegin bestätigte: Das sind meist extrem sensible Pferde. Da EOTRH vermutlich eine entzündliche Grundlage (Parodontitis) hat und das Ganze eher systemisch als rein lokal ist, und die Psyche bei Entzündungen eine Rolle spielt, lässt sich hypothetisch durchaus ein Zusammenhang herstellen.

Gleiche Symptome, andere Ursache

Symptome wie Bewegungsunlust, Trageschwäche, Leistungsabfall, problematischer Muskelaufbau, Probleme in der Rittigkeit oder Verspannungen können völlig unterschiedliche Ursachen haben. Wer sich nur mit PSSM2 (heute meist MIM genannt) auskennt – ein Bereich, der wissenschaftlich noch relativ am Anfang steht, aber trotzdem hochspannend ist –, steckt solche Symptome schnell in genau diese eine Schublade.

Das erinnert mich an Werbung: „Fühlst du dich müde und abgeschlagen? Dann kauf dies und das.“ Solche Symptome sind oft diffus. Manche sagen: Müdigkeit ist „der Schmerz der Leber“ – Pferde mit Leberproblemen sind häufig müde und abgeschlagen. Aber auch ein enormes Schlafdefizit oder Magenthematiken führen zu denselben Symptomen. Deshalb lohnt genaues Hinschauen und Zuhören, statt vorschnell zu glauben, die Lösung zu kennen, nur weil sie bei einem anderen Pferd funktioniert hat. Bevor weitere Maßnahmen ergänzt werden, sollte zunächst ausgeschlossen werden, was vorliegen könnte – etwa Parasitenbefall, eine Gastroskopie oder ein Röntgenbild.

Ich sehe meine Arbeit deshalb eher als Begleitung mit der Taschenlampe: Ich leuchte immer wieder auf die Puzzleteile, auf das, was besser geworden ist, auf das, was noch nicht besser geworden ist, und frage mich, warum – statt ständig alles neu umzustellen.

Ein typischer Fall aus der Praxis

Ein Fall ist mir in den letzten Wochen besonders hängen geblieben, weil er so typisch ist. Ich kannte die Geschichte dieser Stute schon lange, kannte auch die Trainerin und wusste, dass sowohl das Training als auch die Biomechanik wirklich vernünftig angegangen wurden. Trotzdem sah ich in der Halle eine Stute, die total in den Seilen hing, trageschwach bis trageerschöpft war und seit Wochen nicht geritten werden konnte. Trotz wunderbarer Freiarbeit und gezielter Bodenarbeit wirkte sie kraftlos und zeigte typische Symptome. Beim Aufsitzen wurde sie unruhig und zeigte immer wieder Gurtzwang. Der Sattler war schon mehrfach da und sollte erneut kommen.

Viele hätten vielleicht an ein Trainingsproblem oder einen nicht optimal sitzenden Sattel gedacht – der saß tatsächlich auch nicht optimal, war aber nicht der Schlüssel. Man hätte auch an fehlende Muskulatur und entsprechende Zufütterung denken können. Das Pferd zeigte tatsächlich Blockierungen, Verspannungen: die untere Halswirbelsäule unheimlich fest, die dorsale Kette sehr verspannt, der Musculus rhomboideus bombenstramm, Druckschmerzhaftigkeit im Bereich der Brustwirbelsäule. Da hätte man auch direkt ein Röntgenbild in Erwägung ziehen können.

Irgendwann stellt sich aber die entscheidende Frage: Ist das jetzt wirklich die Ursache – oder ist die Blockierung eher Folge einer anderen Thematik? Genau an diesem Punkt wird Therapie spannend: was ist relevant, was weniger, was wurde schon gut gemacht und wo liegt tatsächlich noch ein Defizit. In diesem Fall lag die Ursache nicht im Training, nicht im Sattel und nicht in der Halswirbelsäule, sondern deutlich tiefer: Die Stute zeigte extrem viele Zustimmungsbereiche für Magenthematiken und war schlicht nicht leistungsfähig genug, um von Training überhaupt zu profitieren.

Warum Beratung immer wichtiger wird

Wir haben den Magen konservativ antherapiert – mit der Option, das Ganze tierärztlich per Gastroskopie abzuklären oder alternativmedizinisch die Magengesundheit zu unterstützen. Kurze Zeit später kam eine E-Mail der Kundin: „Denise, deine Diagnose war der Treffer.“ Als Therapeutin darf ich natürlich keine Diagnosen stellen – ich hatte nur vorsichtig geäußert, dass eine Unterstützung der Magenfunktion sinnvoll sein könnte. Das Pferd wurde daraufhin schnell lebhafter, leistungsbereiter, vitaler und gehfreudiger.

Genau deshalb glaube ich so fest daran, dass wir als Therapeuten lernen dürfen, Zusammenhänge zu erkennen. Dabei geht es nicht darum, alles selbst zu können – ich bearbeite selbst keine Zähne oder Hufe, passe keine Sättel an, mache keine bildgebende Diagnostik und nehme kein Blut ab. Aber ich darf erkennen, wenn etwas außerhalb meines Fachgebiets liegt, und entsprechend weitervermitteln. Die beratende Funktion in der Pferdetherapie nimmt aus meiner Sicht einen immer größeren Stellenwert ein.

Bei subtileren Themen ist mir oft wichtiger, was zwischen zwei Behandlungsterminen passiert, als der einzelne Behandlungstermin selbst. Genau darin liegt die Verantwortung moderner Therapie – und die Wichtigkeit der Kommunikation mit dem Pferdebesitzer. Nach einer Erstbehandlung freue ich mich immer über Rückfragen; die Besitzer haben mich als Dienstleisterin dafür beauftragt und bezahlt, mir das Pferd genau anzusehen. Klar abgrenzen muss ich mich allerdings, wenn Menschen, deren Pferde ich gar nicht kenne, spontan um Ferndiagnosen bitten – das kann ich seriös nicht leisten, auch wenn das nicht immer verstanden wird. Ich darf auch von meiner Arbeit leben, das ist kein Feierabend-Hobby.

Warum die Pferdewelt sich verändert hat

Viele Pferde, die wir heute sehen, haben nicht einfach nur ein mechanisches Problem. Ich sehe immer wieder Stoffwechselthematiken, Folgen von chronischem Stress, Hufrehe, Insulindysregulation, Hypophysenprobleme (PPID, früher Cushing genannt), viele Magen- und Darmthematiken. Das Darm-Mikrobiom ist dabei ein besonders spannendes Feld – dazu habe ich auch schon eine Podcast-Folge mit Alex von Biomequine aufgenommen. Der Darm bestimmt nicht nur über sich selbst, sondern auch über das Immunsystem, das größtenteils dort sitzt, und über die Psyche. Chronische Entzündungen gelten als „Mutter“ vieler chronischer Erkrankungen – aus meiner Sicht sollte das Ziel immer sein, früh zu erkennen statt später zu reparieren.

Deshalb reicht reine Manualtherapie oft nicht mehr aus – nicht, weil sie schlecht wäre, im Gegenteil, ich finde osteopathische und physiotherapeutische Arbeit weiterhin hochspannend. Aber der Beratungsanteil in Behandlungen ist mindestens genauso wichtig geworden wie die eigentliche Behandlung, manchmal sogar wichtiger. Von einer 90-minütigen Erstbehandlung abgesehen verbringt der Pferdebesitzer die restliche Zeit mit dem Pferd, und das Pferd verbringt den größten Teil seiner Zeit im Stall – deshalb ist es so wichtig, Thematiken über diese Zeit hinweg zu erkennen.

Warum ich die Masterclass Pferdemagen entwickelt habe

Genau das ist der Grund, warum ich die Masterclass Pferdemagen entwickelt habe: Es geht nicht nur um Magengeschwüre, Schleimhautreizungen, Medikamente oder Gastroskopien, sondern um Zusammenhänge – Dauerstress, die Hypothalamus-Hypophysen-Achse, das vegetative Nervensystem, Stoffwechselthematiken, Training, Trageschwäche, Kommunikation, Horsemanship und Verhaltensänderungen. Es geht darum zu verstehen, warum ein Pferd manchmal Symptome zeigt, die auf den ersten Blick gar nichts mit dem Magen zu tun haben. Deshalb ist diese Fortbildung nicht nur für Magen-Interessierte gedacht, sondern für alle Therapeuten und Trainer, die ihren Horizont erweitern und Zusammenhänge besser verstehen möchten.

Fazit

Ich wünsche mir für jeden schwierigen Fall den Mut, nicht nur nach den offensichtlichen Symptomen zu suchen, sondern eine Ebene tiefer zu schauen. Spezialisierung hat ihren Platz – aber die eigentliche Stärke liegt darin, Zusammenhänge zu erkennen, statt jedes Pferd durch dieselbe Brille zu betrachten.