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Wie dein Nervensystem die Zusammenarbeit mit deinem Pferd beeinflusst.
Ein gesundes Pferd beginnt beim gesunden Menschen.
Ein Satz, der zunächst vielleicht provokant klingt. Schließlich sprechen wir in der Pferdewelt ständig über Training, Haltung, Fütterung, Hufe, Ausrüstung oder Therapieformen. Deutlich seltener stellen wir uns die Frage, welchen Einfluss wir selbst auf das System Pferd haben.
In dieser Podcastfolge spreche ich mit Sophie Bratschke über mentale und körperliche Gesundheit in helfenden Berufen, über Stress, Grenzen, Selbstständigkeit, Verantwortung und darüber, warum die eigene Verfassung oft mehr Einfluss auf unsere Arbeit mit Pferden hat, als uns bewusst ist.
Wir sprechen darüber,
- warum viele Therapeut:innen und Pferdebesitzer:innen ihre eigenen Warnsignale lange ignorieren,
- weshalb gerade empathische Menschen häufig in die Überforderung geraten,
- wie sich innere Klarheit auf Kommunikation, Entscheidungen und Behandlungen auswirken kann,
- warum Grenzen setzen nichts mit Kälte zu tun hat,
- wie Pferde auf Stress, Unsicherheit oder innere Ruhe reagieren,
- und weshalb die Arbeit an der eigenen Gesundheit manchmal auch die Beziehung zum Pferd verändert.
Diese Folge richtet sich nicht nur an Therapeut:innen, sondern an alle Menschen, die Pferde begleiten und sich fragen, welchen Anteil sie selbst am gemeinsamen Wohlbefinden haben.
Oft beginnt Veränderung nicht beim Pferd, sondern bei uns selbst.
Transkript:
Ein gutes Mindset: Im Gespräch mit Sophie Bratschke über mentale Gesundheit bei Pferd und Mensch
Denise
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Therapeuten lieber die zehnte Fortbildung besuchen, als uns mit den eigenen Grenzen, Glaubenssätzen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen. Deswegen spreche ich heute über das Thema Mindset – wahrscheinlich meine ich damit eher das Thema Professionalität. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Pferde, Schäfer und Menschen. Heute, am 22. Juni, ist Tag der Osteopathie – 1874 von Still gegründet, für alle, die sich für die Geschichte interessieren, ein kleines Wissensnugget. Und obwohl mein Gast Sophie und ich beide osteopathisch schwerpunktmäßig arbeiten, wollen wir heute gar nicht in erster Linie über Techniken, Faszien, Gelenke und viszerale Ketten sprechen, sondern über ein Thema, das als Therapeut mindestens genauso wichtig ist: ein gutes Mindset.
Auch wenn das schon abgegriffen klingt, glaube ich, dass wir heute ganz viele Impulse haben, die eure Arbeit als Therapeut oder auch als Pferdebesitzer mit eurem Pferd bereichern werden. Bei einem guten Mindset geht es gar nicht darum, immer glücklich, entspannt und perfekt zu sein. Es ist als Therapeut deshalb wichtig, weil ein großer Teil unserer Arbeit nicht nur am Pferd stattfindet, sondern auch mit dem Besitzer, der ja den größten Teil der Zeit mit dem Pferd zusammen ist. Wir arbeiten als Therapeuten mit Menschen, wir kommunizieren, beraten, treffen Entscheidungen, setzen Grenzen und tragen Verantwortung. Das funktioniert nur, wenn uns unsere eigenen Grenzen und Werte klar sind – nur dann können wir das gut kommunizieren.
Sophie Bratschke arbeitet im wunderschönen Frankenland, da kann das nördliche Münsterland landschaftlich nicht mithalten. Sie verbindet die Osteopathie mit Training, aber auch mit mentaler Gesundheit – also auch mit dem Pferdebesitzer – und kommt ursprünglich ebenfalls aus dem Sport- und Gesundheitsbereich, da haben wir einige Parallelen. Was ich an ihrer Arbeit spannend finde, ist der Blick auf Zusammenhänge und die individuelle Arbeit: dass sie nicht vorher schon eine Ahnung hat, was sie macht, sondern individuell schaut, was ihr begegnet, und dann entscheidet, welcher Schlüssel für das jeweilige Pferd-Reiter-Paar der wichtigste ist. Herzlich willkommen, Sophie! Wenn man heute auf deine Arbeit schaut, hat man das Gefühl, dass Themen wie Gesundheit, Nervensystem und mentale Stärke einen ganz wichtigen Platz einnehmen. War das schon immer so, und wie hat dein Weg angefangen?
Sophie
Es war nicht schon immer so, das hat sich über die Zeit entwickelt, und das darf es auch. Der Wissensstand wächst natürlich, und wie du in der Einleitung schon gesagt hast: Wir streben manchmal zu sehr nach einer Fortbildung nach der anderen, was eigentlich gut ist, aber der Fokus darf auch mal in eine andere Richtung gehen. Man lernt immer mehr über das Nervensystem, physiologisch, damit man als Therapeutin mehr helfen kann und mehr weiß. Aber der beste Lehrmeister ist das Leben – und mein eigenes Pferd hat mir unheimlich viel beigebracht. Das macht er heute noch.
Denise
Das ist der Schimmel, der auf deinen Bildern immer zu sehen ist?
Sophie
Genau, ein unheimlicher Lehrmeister. Ich habe ihn jetzt 14 Jahre, und erst vor etwa einem Jahr habe ich wirklich verstanden, warum er an manchen Tagen, wenn er mich sieht, abhaut. Irgendwann habe ich gesagt, das ist einfach sein Charakter, der ist charakterstark und hat einfach keine Lust. Dann habe ich beobachtet, dass er anfängt, auf mich zuzugehen, wenn er mich sieht, quasi im Sinne von: Komm, mach was mit mir, Halfter, los, Nase rein, ab geht’s. Ich habe mich gefragt, was mit meinem Pferd los ist – bis ich mich selbst noch mehr reflektiert habe und gemerkt habe: Mir geht es selbst besser, mental wie körperlich. Dann hat sich mein Pferd gespiegelt. Pferde sind sehr feine Wesen, zwar stark, aber gleichzeitig sehr fein darin, Dinge zu spüren – das merken wir auch in der Therapie. Wir brauchen wenig Kraft und wenig körperliche Energie, um etwas zu bewirken. Natürlich gibt es auch Handgriffe und Funktionstestungen, die bei den derzeitigen Temperaturen etwas anstrengend sind, aber die hauptsächliche Zeit am Pferd ist eigentlich ruhig. Von außen sieht man fast nichts, aber es passiert enorm viel. Da habe ich gemerkt: Es hängt alles zusammen. Das Nervensystem reagiert auf alles, was deine Gedanken, deine Gefühle, deine Emotionen sind, dementsprechend handelst du, und darauf reagiert das Nervensystem wieder. Man hat immer Antwort, immer Feedback im Außen wie im Innen.
Denise
Ich finde das so spannend, weil es manchmal Mut braucht, auch so fein zu arbeiten. Viele Therapeuten fragen dann, wie das denn aussehen soll – und ich denke mir, das ist genau der Schlüssel. Wenn man selbst genau weiß, was man tut, und voll dahintersteht, traut man sich auch, so fein zu arbeiten. Aber das kostet viele sehr viel Mut. Und ich finde auch, dass weniger Kraft, weniger Technik, feineres Arbeiten und Spüren bei den Pferden noch effektiver sind.
Sophie
Das kann ich bestätigen. Mein Verstand sagt dann manchmal: Wieso funktioniert das überhaupt? Es gibt in der Therapie wie im Leben Dinge, die man mit bloßem Verstand vielleicht nicht erklären kann – ich bin ja auch keine Quantenphysikerin. Ich glaube, man unterschätzt, was es da für Kräfte gibt, nicht im Sinne von Muskelkraft, sondern eher Energiekräfte.
Denise
Konntest du das von Anfang an, hast du dich sofort getraut, mit ganz feinen Techniken zu arbeiten, zum Beispiel kraniosakral? Oder hattest du am Anfang ein komisches Gefühl dabei?
Sophie
Beides, und beides ist auch heute noch da – das Verhältnis ändert sich nur immer, und das darf auch so sein, weil wir nun mal Menschen mit Verstand sind. Mein Glück war, dass meine erste Dozentin im Bereich Pferdetherapie mir die kraniosakrale Arbeit und dieses energetische Arbeiten, das Vertrauen in sich selbst, sehr schmackhaft gemacht hat. Wir hatten damals kraniosakral gearbeitet, und es ging viel um den Zustand, der bei einem selbst passiert – innere Bilder, innere Gefühle, vielleicht auch Schmerzen, die man selbst plötzlich spürt. Ich glaube daran, ich habe selbst erlebt, dass man Dinge spürt oder als Bild vermittelt bekommt, was beim Tier gerade los ist. Ich war an einem Pferd und habe gespürt, da ist irgendwas mit dem Herzen – und mein Verstand sagte, Blödsinn, woher willst du das wissen, du hast doch kein Ultraschallgerät. Das ist ja auch nachvollziehbar, dieser Gedanke ist zu Recht da, damit man in der Demut bleibt. Aber meine Dozentin hat damals gesagt: Sophie, du hast recht, das Pferd hat eine Herz-Kreislauf-Schwäche. Das hat mir dann schon geholfen zu denken, das ist vielleicht doch kein Blödsinn.
Denise
Das finde ich total schön. Ich hatte mal eine Heilpraktikerin, bei der ich war, die mir sagte, ich dürfe mehr auf meine Intuition vertrauen. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, weil ich damals noch dachte, oh Gott, was erzählt die mir da. Aber ich habe wirklich festgestellt, dass das wunderbar klappt. So läuft auch meine Einladung zu diesem Podcast, sehr intuitiv. Und ich habe manchmal die Hände am Pferd in der Behandlung, und wenn ich nicht genau weiß, was mit dem Pferd passiert ist, lege ich meine Hände an den Schädel und sage innerlich zum Pferd: Erzähl mir mal, was dein Problem ist. Das würde ich vor dem Kunden nicht aussprechen, und ich brauche dafür auch keinen wissenschaftlichen Beweis, aber die Erfahrung bestätigt das einfach – dass wir darauf vertrauen können, wenn wir ein gutes Verhältnis zum Pferd haben und ihm so begegnen, dass es offen sein kann. Schön, dass du so eine gute Dozentin hattest, die dich ermutigt hat.
Sophie
Ich habe auch die andere Seite kennengelernt – dann weiß man gute Dozenten und gute Ausbildungsinstitute umso mehr zu schätzen, wenn man auch negative Erfahrungen gesammelt hat. So etwas ist Gold wert, wenn man bestärkt wird. Und ich finde das generell wichtig, unter Pferdetherapeuten, zwischen Pferdetherapeut und Pferdebesitzer und auch zwischen Besitzer und Pferd – da haben wir wieder das Mindset, die Einstellung.
Denise
Rückblickend hat dein eigenes Pferd dich also dazu gebracht, mehr an deinem Mindset zu arbeiten. Gab es Themen, bei denen du rückblickend sagst, da habe ich früher einen Widerstand gespürt, mich damit zu beschäftigen, und dann gemerkt, dass genau das die Themen sind, an denen ich arbeiten muss? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: In meiner Sport- und Gymnastiklehrerausbildung hatten wir Themen wie Yoga, Entspannung, Meditation, und ich war diejenige, die dabei total unruhig wurde und dachte, was für ein Quatsch, wer braucht das. Ich glaube, ich war diejenige, die das am nötigsten hatte – aber das hat danach noch mal zehn Jahre gedauert. Hattest du ähnliche Widerstände?
Sophie
Das kann ich jetzt selbst nicht so direkt bestätigen. Was ich auf jeden Fall unterstreichen kann: Man lernt immer dazu und lernt nie aus, man sollte immer über den Tellerrand schauen. Da ich diese Einstellung schon lange verfolge, kann ich jetzt nicht wirklich sagen, dass ich damals einen Widerstand hatte, über den ich heute ganz anders denke.
Denise
Wahnsinn, das habe ich so gar nicht. Bei mir ist das eher so, dass ich mir erst mal auf die Nase fallen muss, um das dann herauszufinden und daraus zu lernen. Aber es ist super, wenn das bei dir nicht unbedingt der Fall war und du solche Themen trotzdem als wichtig anerkennst. Warum ist das Thema Mindset als Pferdebesitzer oder Therapeut aus deiner Sicht besonders wichtig? Und warum kommen gerade wir in therapeutischen Berufen als empathische Menschen oft an unsere Grenzen? Was, glaubst du, steckt dahinter?
Sophie
Zu deiner ersten Frage, warum das Mindset bei Reitern und Pferdebesitzern so wichtig ist: Ich finde, was man denkt, hängt mit Emotionen zusammen, und das sind schlussendlich unsere Handlungen. Wenn wir uns darüber ärgern, dass unser Pferd nicht spektakulär und schön läuft, vielleicht seine eigene Meinung zeigt oder mit dem Fokus ganz woanders ist, als es die Lektionen beim Reiten verlangen, und man sich darüber ärgert, ist die Gefahr größer, mit dem Pferd in eine negative Spirale zu geraten – als wenn man sagt: Ich schnaufe jetzt kurz durch, sammle mich, und was kann ich jetzt daraus als Bestes ziehen? Die Tatsache ist: Mein Pferd ist unkonzentriert. Was ist jetzt die Lösung? Der erste Schritt ist immer tief durchschnaufen, sortieren, und dann kann man weiter handeln – statt emotional zu reagieren, agiert man.
Denise
Das ist der Unterschied.
Sophie
Reagieren und agieren.
Denise
Da hast du schon zwei wichtige Begriffe reingebracht: einmal die Handlungsfähigkeit, dass man handlungsfähig bleibt. Und das Thema, dass die Themen der Pferde häufig auch die Themen der Menschen sind – dass ich nicht nur das Pferd osteopathisch behandeln kann, wenn ich merke, dass der eigentliche Grund oder ein großes Mitthema beim Pferdebesitzer liegt. Das hattest du im Vorgespräch schon erwähnt, dass dir das häufig begegnet. Kannst du ein Beispiel nennen, was dir in so einer Konstellation Pferd-Reiter typischerweise begegnet?
Sophie
Ja, sofort. Ich kann es verstehen, wenn der Mensch in Sorge ist: Mein Pferd lässt sich nicht schön durchs Genick stellen, mein Pferd springt keine schönen Galoppwechsel, mein Pferd gibt den Rücken nicht her, mein Pferd verkrampft sich nur, mein Pferd ist immer so bockig – man sieht eher die Probleme. Und wenn man während der Behandlung in diesem Denken bleibt, während ich behandle, und der Mensch sagt, das ist schlecht, das ist nicht so, Sophie pass mal auf, das ist mir noch passiert und hier und da – dann wird das Pferd unruhig. Ich habe das schon oft beobachtet, dass die Pferde dann hippelig werden, so nach dem Motto: Fahr mal wieder runter, Mama. Pferde, auch Hunde, versuchen dann den Menschen zu regulieren oder zu beschwichtigen, obwohl der Mensch eigentlich gar nicht das Tier meint – aber die Tiere spüren diese Energie, diese Körperhaltung. Ich arbeite auch viel mit Freiarbeit, unter anderem, weil es Spaß macht, das Pferd frei zirkeln zu lassen. Aber es ist Charakterschule, Menschenschule: Das Pferd kann jederzeit weggehen, hat immer die freie Wahl. Und dann hat man die Wahl: Reagiere ich jetzt und ärgere mich, oder frage ich mich, welche Energie ich gerade ausstrahle, welche Gedanken und welche Körperhaltung ich habe – weil sich das über den Körper spiegelt. Wenn ich keine klare Körpersprache habe, kann ich auch nicht klar mit dem Pferd kommunizieren, denn Pferde kommunizieren untereinander über Körpersprache, sie haben ja keine Worte. Bei der Behandlung merke ich immer wieder: Wenn sich der Mensch auf eine Zusammenarbeit mit mir einlässt, wachsen wir im zweiten oder dritten Termin zusammen, innerlich wie äußerlich. Und wenn das Mentale, bei Pferd wie Mensch, angegangen und in eine andere Richtung gelenkt wird, verändert sich auch der Körper.
Denise
Genau, das ist der zweite Begriff, den ich noch nennen wollte: lösungsorientiert statt problemzentriert. Dass man wirklich aufhört, die ganze Zeit nur über das Negative, über die Probleme zu sprechen, und stattdessen schaut, welche Kapazitäten und Ressourcen da sind und wie man zu einer Lösung kommt, statt sich ständig nur mit dem Negativen zu beschäftigen, was evolutionär ja auch in uns verankert ist. Ich hatte neulich eine neue Kundin, die mir ihr Pferd vorgestellt hat, und da fand ich es spannend: Man denkt ja, ich schaue nur auf den Körper und wie sich das Pferd bewegt – aber ich schaue extrem auf die Kommunikation mit dem Pferdebesitzer. Diese Unsicherheit des Pferdes war sofort zu erkennen, und bei der Kundin war das genauso an der Körperhaltung ablesbar. Ich habe das angesprochen und war mir nicht sicher, ob das übergriffig ist, habe sie aber gefragt, ob ich ihr einen Tipp zur Kommunikation geben darf. Ich habe sie ein Jahr später wiedergesehen, und sie ist mir ganz anders begegnet – hat mir das Pferd ganz anders vorgestellt, direkt in der Freiarbeit, und ist selbst total gewachsen. Das fand ich so schön, obwohl ich mir vorher unsicher war, ob ich mir das herausnehmen darf, ihr zu sagen, dass wahrscheinlich ihre eigene Körperhaltung das Pferd so beeinflusst. Das kommt nicht immer gut an – es gibt auch Kunden, die einen danach nicht wieder rufen und sagen, sie wollten eigentlich nur, dass ihr Pferd gerade gemacht wird. Ist dir das auch schon begegnet?
Sophie
Immer wieder. Deswegen ist es für die Pferdetherapeuten unter den Zuhörern wichtig, sich die eigene Zielgruppe genauer anzusehen. Es darf zwischen Dienstleister und Kunde harmonieren, und wir fallen leider manchmal in diese Rolle, dass wir denken, wir müssten jedem genügen, jedem reichen. Dem ist aber nicht so, wir werden nicht allen gerecht, das funktioniert nicht. Man trifft manche Menschen, und es ist irgendwie angenehm, wie eine Symbiose, und man trifft andere, bei denen es sich eingeschnürt anfühlt – und das ist okay, das darf so sein. Bei Dienstleistern ist das im Grunde genauso. Wir hatten im Vorgespräch auch, dass ich mich gerade aktuell neu positionieren darf, um solchen Menschen wieder besser helfen zu können, indem ich meiner Zielgruppe klarer gegenübertrete: Wer bin ich, was biete ich an, wie will ich arbeiten – nicht, wie mache ich es jedem Kunden recht, um Geld zu verdienen und meine Ausgaben zu decken, sondern: Wir machen diese Selbstständigkeit ja nicht nur für fünf oder zehn Jahre, sondern eigentlich bis zur Rente und vielleicht darüber hinaus.
Denise
Deswegen haben wir uns ja für die Selbstständigkeit und diesen Beruf entschieden. Ich finde, das darf man auch nicht persönlich nehmen. Der Begriff Wunschkunde existiert nun mal, das ist völlig in Ordnung und nicht wertend gemeint, wenn ich sage, das ist mein Wunschkunde, und der andere passt vielleicht nicht so gut zu mir, weil er nicht so von mir profitieren kann wie jemand anderes. Ich glaube, dass bei Therapeuten auch oft dieses Helfersyndrom oder solche Glaubenssätze dazukommen – die hatte ich auch, weil mein Vater selbstständig war. Bei uns in der Familie hieß es immer: selbst und ständig, du musst immer erreichbar sein, immer helfen, jede Frage beantworten, immer da sein. Und wenn ich irgendwann gesagt habe, das wird jetzt echt anstrengend, ich merke, ich gehe über meine Grenzen, hieß es, das sei halt der Preis der Selbstständigkeit. Das sind Glaubenssätze, mit denen ich groß geworden bin und mit denen ich mich dann sehr beschäftigt habe, mit diesem Helfersyndrom. Du bist ja auch hauptberuflich selbstständig, oder?
Sophie
Genau.
Denise
Viele machen das ja nebenbei, und das ist völlig in Ordnung, solange man nicht an die eigene Grenze kommt und sagt, ich bin für meine paar Kunden in der Woche rund um die Uhr erreichbar. Das kann jeder für sich entscheiden. Aber ich glaube, es ist auch in Ordnung zu sagen: Wenn ich damit zu hundert Prozent meinen Lebensunterhalt verdiene, möchte ich das Ganze professionell machen. Es gibt so ein schönes Buch, „Den Deppen beißen die Hunde“, kennst du das? Das habe ich gelesen und fand es sehr gut, weil ich auch gemerkt habe, ich muss Grenzen setzen, weil ich für die Kunden, die mich bezahlen und beauftragen, ihnen oder ihrem Pferd zu helfen, zu hundert Prozent da sein möchte. Und dann muss ich als Therapeutin, die seit fast 20 Jahren unterwegs ist und auch andere Therapeuten ausbildet, auch mal Nein sagen, wenn mich jemand anruft und sagt, Denise, ich habe bei dir eine Ausbildung gemacht, ich habe ein Kundenpferd mit diesem und jenem Problem, kannst du mir ein paar Impulse geben. Es ist schon vorgekommen, dass danach der Vorwurf kam, ich wolle nur meine eigene Beratung verkaufen. Aber ich möchte seriös arbeiten, und dazu gehört eine vollständige Anamnese. Wenn ich dann eine Grenze gesetzt und gesagt habe, ich kann dir Impulse geben, aber nicht mehr, kam von manchen die Reaktion, ich wolle aus allem nur Profit schlagen und hätte gar nicht verstanden, was meine Arbeit eigentlich ist. Das ist zwar schade, aber dann nehme ich mich da heraus, hole mir meine Energie zurück und weiß, ich muss mich darüber nicht ärgern – die Person hat eine andere Vorgeschichte, ein anderes Paket zu tragen, und mein Paket ist Energiemanagement. Ich finde es wichtig, dass wir uns klar darüber sind, welche Kunden wir haben wollen und wie diese Kunden am meisten von uns profitieren können. Was hat sich bei dir konkret verändert? Du machst ja auch laufend Weiterbildungen im Bereich Mindset – was hat sich in deiner Arbeit und im Alltag verändert oder ändert sich noch?
Sophie
Es gibt ja das schöne Zitat: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm deine Pläne – und da ist schon etwas Wahres dran. Ich befinde mich gerade darin, zu lernen, diesem Prozess zu vertrauen. Das hat natürlich auch viel mit Selbstvertrauen zu tun und damit, ins Handeln zu kommen statt in Ohnmacht zu verfallen. Als Selbstständige hat man ja die Ängste: Geht das gut, werde ich die Einnahmen generieren, die ich brauche, wird überhaupt angenommen, was ich mir für Projekte vorgenommen habe? Und dann hat man die Wahl: Fällt man in Ohnmacht und lässt es lieber sein, oder sagt man, ich probiere es wenigstens, lieber gehe ich diesen Weg, als am Ende zu sagen, schade, ich habe es gar nicht erst probiert – denn das ist eigentlich die größere Niederlage, es gar nicht erst zu versuchen. Egal, ob es der Schritt in die Selbstständigkeit ist oder, wie bei mir gerade, die Zielgruppe neu zu definieren – was ja bedeutet, dass manche Kunden gehen.
Denise
Obwohl die ja auch nett sind, aber vielleicht nicht mehr ganz so gut passen.
Sophie
Genau, und das ist das Leben. Die Selbstständigkeit ist eine Lebensschule pur. Man muss sich mit sich selbst und seinem Mindset auseinandersetzen, sonst wird man in der Selbstständigkeit unglücklich und arbeitet sich kaputt. Das, was du vorhin „selbst und ständig“ genannt hast – das wäre bei mir zum Beispiel etwas, das sich verändert hat. Damals dachte ich das auch: selbst und ständig, du musst und musst und musst, ohne Fleiß kein Preis. Aber dann bist du eigentlich keine professionelle Therapeutin. Deswegen fand ich mega, was du gesagt hast: Hier ist meine Grenze, weil das mein Wert ist, das ist meine Arbeit, da steckt viel Investment drin, Zeit, Geld – und was nichts kostet, ist nichts wert.
Denise
Das stimmt, und das vertrete ich auch nicht mehr, dieses „selbst und ständig“.
Sophie
Vielleicht in einer anderen Form, aber nicht mehr so, wie man es früher gemeint hat.
Denise
Genau. Was hast du für Grenzen, die du kommunizierst, zum Beispiel bezüglich Erreichbarkeit? Wenn du eine Behandlung am Pferd hast, wie lange bist du danach noch für den Kunden erreichbar? Gibt es feste Strukturen, die du dem Kunden mitgibst? Was hast du verändert, um selbst gesund zu bleiben?
Sophie
Das ist eine bunte Mischung. Was zum Beispiel nicht guttut: sich dem Kunden aufzuopfern, nach dem Motto, klar, ich springe, du bist Montag 13 Uhr, gleich ein Morgentermin, Hauptsache ich nehme Einnahmen oder stelle den Kunden zufrieden. Das ist nicht gesund. Damit kann man kein professionelles, erfolgreiches Pferdebusiness aufbauen, weil man auch wirtschaftlich denken muss – sonst kann man den Pferden irgendwann nicht mehr helfen. Ich glaube, da gibt es viele Missverständnisse, vor allem im Therapiebereich, wo man denkt, dieses Helfersyndrom gehöre dazu, dass man gibt und gibt und gibt. Ich bin ein Fan davon, anderen Menschen oder Tieren zu helfen, aber in einem gesunden Rahmen, in dem man selbst auch die Energie dafür hat.
Denise
Das stimmt, und das ist ein hochemotionales Thema mit den Pferden, weil es ja total nachvollziehbar ist, wenn mich jemand anruft und sagt, mein Pferd hat gerade ein akutes Problem, kannst du kommen? Und ich weiß aber, ich bin bis an die Grenze ausgelastet, und wenn ich noch ein Pferd mehr annehme, bin ich vielleicht selbst zwei Tage nicht arbeitsfähig, werde krank oder komme total in Stress und kann dann gar nicht mehr helfen. Dann ist es wichtig, das zu kommunizieren und zu sagen: Ich würde dir sehr gerne zeitnah helfen, aber ich habe gerade nicht die Möglichkeit – ich gebe dann zum Beispiel die Nummer einer Kollegin weiter. Wenn dann kommt, kannst du uns nicht doch noch irgendwo dazwischenquetschen, sage ich: Nein, ich quetsche kein Pferd dazwischen, das ist nicht meine Art zu arbeiten. Das kommt nicht bei jedem gut an, aber es ist dennoch wichtig, in so einem hochemotionalen Thema – ob wir nun mit Tieren oder mit Kindern arbeiten – Grenzen zu setzen, um den Beruf noch lange ausüben zu können.
Sophie
Definitiv. Da unterscheidet sich dann die Spreu vom Weizen, ob es dein Kunde ist oder nicht. Wenn du dir selbst treu bist und deine eigenen Regeln befolgst – wie kann ich gesund arbeiten, wie kann ich leistungsstark arbeiten, was sind die Voraussetzungen dafür, dass ich ein erfolgreiches Pferdebusiness aufbauen kann – und wenn ich diese Regeln nicht befolge, zum Beispiel indem ich einen Kunden reinquetsche, mangelt es wieder an meinem eigenen Selbstvertrauen, weil ich meinen eigenen Regeln nicht folge. Das spiegelt sich nach außen zu den Kunden – dann ziehe ich Kunden an, die mich ausbeuten und meine Arbeit nicht wertschätzend bezahlen, und das zieht wieder weitere Kreise. Deshalb habe ich lieber von Anfang an eine klare Kommunikation. Sagt der Kunde dann, nee, dann will ich keinen Termin, weil ich will ja jetzt sofort Hilfe – dann sagt das für mich nur aus, dass das ein Kunde ist, der keine professionelle Arbeit haben möchte, bei der ich mir wirklich Zeit nehme, weil ich sie dann auch habe, sondern der schnell eine Lösung will und die ganze Verantwortung auf mich abwälzt.
Denise
Ein ganz wichtiger Punkt, Sophie, mit der Verantwortung – dass man als Therapeut schnell in die Verantwortungsrolle geht und sich so verkauft, dass es für den Kunden so aussieht, als läge die Verantwortung beim Therapeuten, wenn es nicht klappt. Das passiert dann auch schnell mal. Deshalb ist es wichtig, klar zu kommunizieren – und da kommen wir zum wichtigen Bereich Kundenkommunikation: Was kann ich hier leisten, welchen Impuls kann ich geben, was kann ich nicht leisten, und wie gehen wir dann weiter vor? Weil wir ja nicht nur mit den Pferden arbeiten, sondern auch mit dem Menschen, der ein wahnsinnig großer Teil dieses Pferd-Mensch-Gespanns ist, ist es so wichtig, sich in den eigenen kommunikativen Fähigkeiten zu schulen und weiterzumachen. Das heißt aber nicht, dass man weniger aneckt, wenn man das tut – ich ecke auch häufiger an, aber ich glaube, dass viele klar wissen: Bei der weiß ich, woran ich bin. Das mag ich persönlich sehr, wenn man nicht versucht, es jedem recht zu machen und immer nett, freundlich und erreichbar zu sein, sondern auch mal eine klare Grenze setzt, um richtig professionelle Arbeit zu leisten. Und ich finde es immer wichtig, dass Menschen sich auch trauen, mit negativen Emotionen zu einem zu kommen – zu sagen, Denise, du hast mein Pferd osteopathisch behandelt, aber ich habe keine Veränderung gemerkt. Diese Information ist lösungsorientiert wichtig, um zu sagen: Die osteopathische Läsion war vielleicht nicht das eigentliche Problem des Pferdes, sondern die Herausforderung liegt woanders. Fällt dir das auch auf, dass es leichter ist, eine positive Rückmeldung zu geben, als auch mal zu hören, das hat jetzt nicht die Wende gebracht, die ich mir vorgestellt habe?
Sophie
Ja, wie du auch vorhin gesagt hast, sind wir auch lieber die Menschen, die ehrlich kommunizieren. Das sind bei mir auch die Kunden, die schon jahrelang bei mir sind – bei denen weiß ich immer, woran ich bin, die sagen sofort, Sophie, das fand ich jetzt blöd, oder das fand ich gut und toll, weil so kann man arbeiten und auch selbst wieder etwas verändern und wachsen. Was war deine Frage nochmal, entschuldige?
Denise
Es ging vor allem darum, negative Dinge auch mal zu äußern, statt sich immer zu scheuen, das auszusprechen, was einem nicht passt. Ob du beobachtet hast, dass es vielen Menschen schwerfällt, auch Dinge auszusprechen, die über „das Pferd läuft seit der Behandlung toll“ hinausgehen – der Mut, auch unangenehme Dinge anzusprechen. Ist das mehr geworden?
Sophie
Man muss bedenken, kann der Pferdebesitzer das überhaupt beurteilen und fühlen, ob das Pferd besser läuft oder sich besser fühlt? Es fängt eigentlich eher damit an, dass das Pferd grundsätzlich wieder mehr in die Physiologie kommt, das ist A und O. Aber was ist dann in dem Moment bei den Herausforderungen des Pferdes die Physiologie – ist es eine Verbesserung, aber keine hundertprozentige? Wir kommen in Richtung Physiologie, aber der Besitzer wollte, dass wir schon wieder ganz oben sind, und betrachtet es negativ. Da habe ich unterschiedliche Reaktionen erlebt: Manche, sehr feine und sensible Besitzer spüren, dass das Pferd gewöhnliche Dinge anders tut – ein anderer Blick, anderes Fressverhalten, nicht mehr schlingend und stressig, sondern genüsslich kauend am Heu. Als Pferdetherapeut muss man immer bedenken, ob der Pferdebesitzer das überhaupt beachtet, und ich versuche das zu kommunizieren: Schau nicht nur darauf, ob der Galoppwechsel wieder funktioniert, sondern allgemein, wenn dein Pferd auf dich zukommt oder im Schritt fleißiger läuft oder beim Hufe-Geben besser mitmacht – das sind manchmal Kleinigkeiten, die viel wertvoller sind. Und es gibt auch Kundinnen, die sich gar nicht mehr melden, das finde ich eigentlich am blödesten, weil man daraus als Pferdetherapeut nicht lernen, wachsen oder reagieren kann. Deswegen schätze ich genauso wie du die Pferdebesitzer, die ehrlich kommunizieren, positiv wie negativ.
Denise
Ich erinnere mich an einen Fall letzte Woche bei einer Kundin, die ich schon zehn, zwölf Jahre kenne. Ich habe sie gefragt, was sich verändert hat – ich setze also voraus, dass sich etwas verändert hat, und frage, was sich in den letzten Wochen und Monaten getan hat. Sie hat ihr Training komplett verändert, ist wieder in die Boden- und Freiarbeit gegangen, was ihr viele Jahre eher zuwider war. Und dann sagte sie etwas, das mir für den Rest der Behandlung als wichtiger Leitfaden diente: Das weiß ich nicht, dafür bist du ja heute hier, um mir zu sagen, ob es sich verbessert hat. Das fand ich so aussagekräftig – erst mal den Mut zu haben zu sagen, ich habe keine Ahnung, ich bin unsicher. Ich wusste dann, dass sie sich selbst das nicht zutraut oder noch unsicher ist, worauf sie achten soll. Also wusste ich, in welche Richtung ich sie schubsen und wie ich ihr in der Behandlung zeigen kann, wie ihr Pferd Schmerz kommuniziert – der eine blinzelt, der nächste zieht die Nüstern kraus. Den Schwerpunkt der Behandlung habe ich dann auch darauf gelegt, sie sicherer im Erkennen zu machen, weil sie immer so unsicher war und mich deshalb immer gerufen hat. Ich wollte sie kompetenter in ihrer eigenen Sicherheit machen – sie konnte es, hat es sich nur nicht zugetraut. Da wusste ich, dieses Mindset-Thema war bei ihr vermutlich auch relevant. Das fand ich richtig schön, und das macht so einen Spaß, mit Pferdebesitzern wieder mehr zu agieren und mehr auf sie einzugehen und zu schauen, was eigentlich dahintersteckt.
Sophie
Mindset ist unheimlich wichtig. Auch wenn man es nur fürs Pferd macht, profitiert man immer selbst davon. Ich kann es wirklich jedem ans Herz legen, egal in welchem Bereich man unterwegs ist, ob fürs Pferd oder für sich selbst.
Denise
Sich mit der eigenen Persönlichkeit, dem Mindset auseinanderzusetzen. Schade ist manchmal, dass Pferdebesitzer dann sagen, mit meinem Pferd klappt es irgendwie nicht, ich verkaufe es und kaufe mir ein neues. In einem Fall hatte ich das Thema Angst – die Besitzerin wollte mit dem Pferd ausreiten, kam aber nicht vom Hof, weil das Pferd so unsicher war und sie selbst so unsicher war. Ich hatte ihr immer schon gesagt, geh mal Richtung Horsemanship, Richtung Freiarbeit, aber sie wollte reiten. Dann stand es kurz davor, dass das Pferd verkauft werden sollte, es stand schon online. Und dann konnte die Besitzerin es doch nicht, konnte das Pferd nicht abgeben. Ich habe seitdem nichts mehr direkt von ihr gehört, aber soweit ich das in den Storys sehe, geht es dem Pferd gut – sie hat sich an eine Horsemanship-Trainerin gewandt und kann jetzt entspannt ausreiten. Meine Arbeit war, dass sie mich immer gerufen hat, weil das Pferd in der ganzen dorsalen Kette total fest war und die ventrale, emotionale Faszie bei dem Pferd völlig überlastet war. Sie hat mich gerufen, damit ich das Pferd wieder in die richtige Spur bringe. Meine Funktion war aber eher zu erkennen, was ihr Thema ist – die Angst, die Unsicherheit – und sie eigentlich eher von mir wegzuleiten und zu sagen: Du brauchst eigentlich nicht mich, sondern jemanden, der euch beiden zeigt, wie ihr wieder Sicherheit bekommen könnt.
Sophie
Das sind Erfolgsgeschichten, und das Ausreiten mit diesem Pferd ist dann viel wertvoller – weil beide die Herausforderung gemeinsam gemeistert haben.
Denise
Geschäftlich betrachtet hätte ich da nicht mehr viel zu tun gehabt, ich könnte sagen, ich berate nicht besonders geschäftstüchtig – aber ich möchte so beraten, wie ich es mir von anderen auch wünschen würde. Ich möchte Ehrlichkeit, nicht „wir machen das schon, wir machen alles wieder gerade, dann könnt ihr wieder ins Gelände reiten“ – das wäre Unsinn. Natürlich ist das Pferd fest und blockiert, wenn es Dauerstress hat. Im Vorgespräch hatte ich dich gefragt, weil du ja auch aus dem Sportbereich, dem Humanbereich, kommst – du hattest mir erzählt, dass du Bodybuilding gemacht hast. Ich glaube, auch da ist das Thema Mindset, das, was wir mit dem Kopf noch heben und drücken können, ein wichtiger Faktor, oder? Konntest du das in deinem Sport gut nutzen?
Sophie
Ja, es ist eigentlich Grundvoraussetzung, diesen Sport betreiben zu können. Ich sehe Krafttraining mittlerweile fast als beste Darstellung, wie das Leben da draußen funktioniert – um abzunehmen, Muskeln aufzubauen, fitter oder gesünder zu werden, je nachdem, was das Ziel ist, also was das eigene Warum ist. Dieses Warum erreicht man nicht nach einer Einheit oder einem Besuch, sondern nach mehreren Besuchen, es ist ein Prozess. Und im Krafttraining arbeitet man bei jeder Leistungssteigerung, das heißt, man muss sich bei jedem Satz an die eigenen Grenzen bringen, so lange, bis der Muskel wirklich nicht mehr kann. Aber wann machen wir das sonst im Leben da draußen?
Denise
Also aus der Komfortzone rauskommen. Ich habe viele Jahre ambitioniert Ausdauersport gemacht und bin jetzt wieder mehr im Bereich Krafttraining angekommen, weil ich merke, dass es mir dabei mental gut geht – körperlich natürlich auch, klar, aber für mich war entscheidend zu wissen: Wenn ich mir vornehme, eine schwere Last zu heben, und zuerst denke, ich schaffe das nicht, und es dann trotzdem schaffe, kann ich das auf meinen Alltag übertragen und sagen, manchmal glaube ich, ich schaffe Dinge nicht, aber es ist ganz viel die eigene Vorstellung, die eigene Kognition. Wenn ich mir vorher schon sage, das klappt sowieso nicht – wie bei dem Besitzer, der negativ ist und sagt, das geht nicht und das geht nicht –, ist das beim Krafttraining nicht förderlich, weil man es dann auch nicht schafft. Wenn ich mir aber sage, ich kann das Gewicht jetzt noch zweimal heben, dann schaffe ich das auch, weil mein Kopf einen großen Teil der Arbeit übernimmt.
Sophie
Und ich habe nie hundert Prozent Leistung rausgeholt, wenn ich vorher schon negativ dachte.
Denise
Genau, und das ist das Quäntchen, an dem noch gearbeitet werden kann – sowohl beim Pferd, das mental gesund sein sollte, als auch bei den Besitzern. Ich hoffe und glaube, dass wir heute viele Impulse gegeben haben, auch für Pferdebesitzer, die an ihre eigenen Themen denken dürfen und schauen können, ob sie diese nicht auch beim Pferd wiederfinden. Meine abschließende Frage: Wenn du Pferdebesitzern eine Idee oder Frage mitgeben könntest, in Bezug auf Mindset oder Pferdegesundheit – was wäre das?
Sophie
Sich selbst die Frage zu stellen: Wie empfindet mein Pferd mich? Wenn ich mein Pferd wäre, wie würde ich mich selbst wahrnehmen?
Denise
Sehr gut. Sophie, was mir bei dir extrem auffällt: Ich hatte dir einen Leitfaden geschickt, welche Fragen etwa auf dich zukommen, aber es waren auch viele Fragen dabei, auf die du nicht vorbereitet sein konntest. Man merkt so extrem an deiner Person, dass du sehr gut überlegst und nicht impulsiv bist, sondern dir wirklich erst überlegst, was du für eine Antwort gibst. Man merkt das total in der Kommunikation mit dir, dass du da extrem gut aufgestellt bist. Ich glaube, dass deine Kunden, sowohl die Pferde als auch die Pferdebesitzer, enorm davon profitieren können und wahrscheinlich noch mehr profitieren werden, weil du, soweit ich verstanden habe, den Bereich Mindset für den Pferdebesitzer noch weiter ausbauen möchtest. Richtig? Möchtest du dazu etwas sagen?
Sophie
Ja, da geht gerade mein ganzes Herzblut rein in dieses Projekt – im Grunde, den Besitzer noch mehr mit einzubeziehen und seine eigenen Themen mit zu besprechen. Natürlich auch den eigenen Körper, denn wir nehmen nicht nur Stress von der Arbeit mit in den Stall, sondern auch unsere Kopfschmerzen, unsere Rückenschmerzen. Das hängt sehr eng zusammen – unsere körperlichen Wehwehchen wirken sich aufs Mindset aus, und das Mindset wirkt sich auf den Körper aus.
Denise
Das Thema Kopfschmerz war ja, glaube ich, auch etwas, das du mitgebracht hattest. Ich hatte ein Reel von dir gesehen, wo du im Auto saßt und gesagt hast, du kommst gerade von einer Fortbildung und hast keine Kopfschmerzen und kannst sogar noch zu einem Kunden fahren. Hat sich das früher, wenn es zu viel wurde, bei dir körperlich in Kopfschmerzen geäußert?
Sophie
Genau, ich hatte auch diese Theorie vertreten: selbst und ständig, ohne Fleiß kein Preis, machen, machen, machen. Was eigentlich auch gut ist, weil man ja ins Tun kommen muss – viele bleiben im Nachdenken und tun dann doch nichts. Aber bei mir war das manchmal too much. Mein Körper hat dann gesagt: Sophie, fahr mal runter. Mein Pferd hatte es mir auch schon gesagt, ich hatte es nur nicht begriffen – mein Pferd hatte einfach keinen Bock. Und dann hat mein Körper noch deutlicher gesagt, sonst gibt es eine fette Migräne über zwei, drei Tage: komplette Dunkelheit, enorme Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, wirklich Schmerztabletten ohne Ende. Das hatte ich häufig, eigentlich bei fast jeder Fortbildung, egal bei welcher. Ich habe schon damit gerechnet, dass ich sowieso Migräne bekomme, und vorsorglich Schmerztabletten mitgenommen, musste dann trotzdem oft abbrechen, weil ich vor Kopfschmerzen nicht mehr dabei war. Seitdem ich mich damit befasse, wieder mehr Energie und Zeit für mich zu nehmen, habe ich mich sehr mit meinem Mindset und mit der körperlichen Gesundheit auseinandergesetzt.
Denise
Genau, und auf deiner Homepage steht auch, dass du keine Symptombehandlung bei den Pferden machen möchtest, sondern auf Ursachensuche gehst. Die Symptome können dabei so wertvoll sein, gerade die kleinen – es ist so wichtig, sie früh zu erkennen und ernst zu nehmen, statt nur ein Pflaster draufzukleben. Bei unseren Autos sind wir so sorgsam: Sobald sie ein Geräusch machen, fahren wir in die Werkstatt – und das ist nur ein Gegenstand. Bei unserem eigenen Körper sagen wir bei Kopfschmerzen eher, Schmerztablette, was in dem Moment auch in Ordnung ist, aber wenn das immer wieder passiert, sollte man sich fragen, warum das so ist – weil Symptome Helfer sein können. Ich frage ganz gerne, das ist so ein kleiner Trick: Wenn Pferde ganz viele Symptome haben, frage ich, was das erste Symptom war, das aufgefallen ist. Das ist so wichtig. Wir geben hier übrigens ganz tolle Impulse, nicht nur für Pferdebesitzer, sondern auch für Pferdetherapeuten für die eigene Arbeit. Ich hoffe, dass der eine oder andere den einen oder anderen Impuls erst mal im Hinterkopf behält und später wieder aufgreift. Sophie, wie heißt deine Instagram-Seite, für alle, die dir folgen möchten, weil du das Thema ja noch intensivierst?
Sophie
Pferdetherapie Sophie Bratschke, und sophiebratschke.de.
Denise
Wunderbar. Sophie, vielen Dank für dieses super spannende Gespräch, und einen ganz tollen Tag wünsche ich dir.
Sophie
Danke, dir auch. Mach’s gut.