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Zu viele Pferdetherapeuten? Warum Konkurrenz nicht dein Problem ist.

„Ich bilde meine eigene Konkurrenz aus und habe keine Angst davor.“

Ein Satz, der erstmal irritiert.

Denn gerade im Bereich der Pferdetherapie hört man oft:
„Es gibt doch schon so viele Therapeuten…“

In dieser Folge teile ich meine ehrlichen Gedanken als Dozentin in der Pferdephysiotherapie.

Ich spreche darüber:

  • warum Konkurrenz aus meiner Sicht nicht das eigentliche Problem ist
  • weshalb eine Ausbildung immer nur ein Anfang sein kann
  • was vielen nach der Ausbildung fehlt – und warum Unsicherheit entsteht
  • wie wichtig es ist, Zusammenhänge im Körper wirklich zu verstehen
  • und warum ich bewusst Wissen weitergebe, statt es zurückzuhalten

Außerdem nehme ich dich mit in meinen eigenen Weg:
von Zweifeln in der Schulzeit über das Gefühl „jetzt weiß ich alles“ bis hin zu der Erkenntnis, dass echte Entwicklung erst in der Praxis beginnt.

Eine Folge über Anspruch, Entwicklung, Kollegialität –
und darüber, warum es nicht darum geht, besser zu sein als andere,
sondern zu verstehen, was man tut.

Für Pferdetherapeut:innen, die mehr wollen als nur Techniken.

Transkript:

Transkript: Ich bilde meine eigene Konkurrenz aus – und das ist gut so

Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“. Ich arbeite als Pferdeosteotherapeutin, Physiotherapeutin und im Bereich der Funktionalmedizin für Pferde und bilde an der Döpfer Akademie in Rheine als eine der Dozentinnen dort Pferdephysiotherapeuten aus.

Außerdem betreibe ich meine Horse Therapy Academy, eine Fortbildungsplattform für Pferdetherapeuten mit besonderem Blick auf die funktionelle Medizin – dieses wirklich ganzheitliche Arbeiten zu lernen und zu differenzieren. Viele Therapeuten kommen irgendwann an einen Punkt, gerade auch nach der Ausbildung, an dem sie merken, dass sie manchmal gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen – besonders dann, wenn sie aus der rein manuellen Therapie herausgehen und Richtung Darmgesundheit, Haltung, Fütterung, Training weiterdenken, oder sich fragen, wie Pferde eigentlich denken, wie das neurowissenschaftlich und im vegetativen Nervensystem aufgestellt ist. Wer davon mehr wissen möchte, ist auf meiner Seite gut aufgehoben.

Ich sage aber auch ganz klar: Ich bin mit meiner Arbeit schon im Bereich der funktionellen Medizin unterwegs, die zum Teil auch etwas kritisch aus anderen Sparten gesehen wird. Das ist völlig in Ordnung – ich habe mich sehr bewusst für diesen Bereich entschieden. Wenn ihr Kritik habt oder euch etwas aufstößt, das ich geäußert habe, schreibt mich gerne direkt an. Ich kann euch bei vielen Dingen auch Quellen nennen, falls ihr euch weiter einlesen möchtet. Manche Themen sind für viele auch komplett neu – etwa wenn ich darauf hinweise, dass Arthrose, die ich selbst in drei Ausbildungen als Verschleißerkrankung gelernt habe, aus meiner heutigen Sicht eher eine Stoffwechselthematik ist. Das sorgt bei dem einen oder anderen schon mal für ein „Oh Gott“. Das ist völlig okay – ich möchte einfach euren Horizont erweitern. Und wer merkt, dass das gar nicht sein Ding ist, für den ist das vielleicht auch nicht das Richtige.

Heute geht es aber nicht um ein fachliches Thema, sondern um Folgendes: Mein Statement als Dozentin im Bereich der Pferdephysiotherapie ist, dass ich meine eigene Konkurrenz ausbilde – und ich habe keine Angst davor. Ein paar Gedanken dazu, die ich als Dozentin gesammelt habe.

Wie kam ich darauf?

Vor vielen Jahren fragte mich mein Steuerberater: „Frau Schäfer, haben Sie sich wirklich gut überlegt, im Bereich der Ausbildung und Fortbildung zu arbeiten? Wollen Sie wirklich Ihre eigene Konkurrenz ausbilden?“ Ich unterrichte einmal online über meine Horse Therapy Academy, auf die man von überall zugreifen kann, und dann direkt vor Ort in Rheine, wo ich Physiotherapeuten ausbilde – dort sind auch regelmäßig Leute dabei, die direkt aus der Umgebung kommen.

Ich hatte mir das sehr gut überlegt, fand die Frage meines Steuerberaters aber trotzdem nicht unberechtigt. Sie hat mich beschäftigt, und dass ich das Thema jetzt erst aufgreife, obwohl das schon einige Jahre her ist, zeigt, dass solche Impulse durchaus in einem weiterarbeiten.

Im nördlichen Münsterland haben wir ein absolutes Pferdeland, sehr viele Pferde – aber eben auch viele Therapeuten. Theoretisch bilde ich also, von außen betrachtet, meine eigene Konkurrenz aus. Trotzdem kann ich heute ganz klar sagen, dass ich überhaupt keine Angst davor habe. Ich glaube, dass wir uns beim Thema Konkurrenz oft an der falschen Stelle Gedanken machen. Viele denken, es gäbe längst zu viele Pferdetherapeuten – es gibt tatsächlich enorm viele Schulen und enorm viele Physio-, Manual- und Osteotherapeuten. Ob das zu viele sind, kann ich nicht sagen, dazu fehlen mir Zahlen und Statistiken. Was ich aber sagen kann: Dieses negativ behaftete Konkurrenzdenken kenne ich aus der Humanphysiotherapie, aus der ich komme, überhaupt nicht.

Was die Humanmedizin uns zeigt

In der Humanphysiotherapie – ich habe in verschiedenen Praxen in Münster, im Münsterland und hier in Rheine gearbeitet – gibt es gefühlt an jeder zweiten, dritten Straße eine Physiotherapiepraxis. Und trotzdem funktioniert das Ganze, natürlich nach einem etwas anderen Prinzip: Der Therapeut arbeitet dort meist weisungsgebunden mit einem ärztlichen Rezept, sofern es keine Privatpraxis ist. Aber ganz viele Praxen an einem Ort funktionieren parallel. Dieses Konkurrenzdenken unter den verschiedenen Therapeuten in der Praxis kannte ich von dort nicht.

Natürlich vermisse ich zwischendurch auch die Kollegen, mit denen ich zusammengearbeitet habe – jeder hatte seinen eigenen Schwerpunkt, hat Patienten ein wenig anders behandelt, und diese Schwerpunkte dürfen sich im Laufe des Berufslebens auch verändern. Das finde ich wichtig. Es funktioniert, weil nicht jeder Therapeut zu jedem Patienten passt – und das ist im Pferdebereich genau dasselbe. Nicht jeder Therapeut passt zu jedem Pferdebesitzer, nicht jeder Pferdebesitzer passt zu jedem Therapeuten. Ich finde, es lassen sich im Grunde alle Pferde gut behandeln, aber es gibt durchaus Pferde – beziehungsweise vor allem deren Besitzer –, die bei jemand anderem besser aufgehoben sind. Da scheue ich mich nicht, einen Kollegen zu empfehlen.

Interessant finde ich, wie manche Pferdebesitzer fast reumütig wirken, wenn ich sie treffe und das Pferd länger nicht behandelt habe, und ungern zugeben, dass sie zwischenzeitlich bei einem Kollegen waren. Ich finde das schade – es ist offenbar in vielen Bereichen schwierig geworden, für einen selbst unangenehme Dinge einfach offen anzusprechen. Grundsätzlich finde ich es spannend, wenn vor mir schon ein anderer Kollege am Pferd war. Wichtig ist mir dabei: Ich möchte vor der Behandlung nicht wissen, was der andere Therapeut gefunden hat, weil ich mich sonst unbewusst selbst beeinflusse – ob ich das will oder nicht. Eine gründliche Anamnese vom Pferdebesitzer brauche ich natürlich trotzdem. Hinterher finde ich es dann sehr spannend, die verschiedenen Sichtweisen zusammenzufügen. Ich glaube, dass unterschiedliche Therapeuten bei ein und demselben Pferd jeweils eine andere Idee und einen anderen Weg hätten – ohne dass deshalb automatisch einer etwas falsch und der andere alles richtig gemacht hätte. Das würde ich sehr schade finden, es so zu bewerten.

Bei mir läuten eigentlich nur dann die Alarmglocken, wenn mir ein Pferdebesitzer als Erstes erzählt, wie schlecht der vorherige Therapeut war. Dann denke ich: Okay, dann bin ich wahrscheinlich als Nächstes dran – wer über andere schlecht spricht, spricht früher oder später vermutlich auch über einen selbst so. Es stößt mir deshalb manchmal negativ auf, wenn gleich zu Beginn alle vorherigen Therapeuten, Sattler oder Hufbearbeiter schlechtgemacht werden. Ich versuche dann, schnell darüber hinwegzugehen, und sage meist, dass jeder etwas anders arbeitet und ich das ohnehin nicht beurteilen kann, ohne zu wissen, zu welchem Zeitpunkt der andere das Pferd gesehen hat. Jeder hat eine andere Brille auf – ich versuche, da immer sehr diplomatisch zu sein, weil es tatsächlich so ist: In Physiotherapie, Osteopathie und funktioneller Medizin ist vieles noch nicht erforscht oder zu hundert Prozent belegt, nicht schwarz und weiß, und wird es auch nie sein, weil jedes Lebewesen individuell reagiert und jeder Therapeut individuell seine Schwerpunkte hat. Und das ist gut so.

Mein Weg als Dozentin

Ich möchte erzählen, warum ich mich für die Arbeit als Dozentin entschieden habe. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich überhaupt in die Grundausbildung Pferdephysiotherapie als Dozentin gehen soll. Zuvor hatte ich schon Fachfortbildungen zu verschiedenen Themen der Pferdetherapie gegeben. Dann stellte sich die Frage, ob ich Interesse hätte, an diesen Grundausbildungen mitzuwirken.

Warum habe ich gehadert? Weil ich mich gefragt habe, wie ich in so kurzer Zeit – die Grundausbildung Pferdephysiotherapie läuft oft in mehreren Modulen über etwa zwei Jahre, verteilt auf einige Wochenenden oder etwas längere Einheiten, die Konzepte sind da ganz unterschiedlich – wirklich vermitteln kann, worauf es ankommt. Das bringt mich auch heute noch manchmal ins Grübeln. Nach solchen Fortbildungswochenenden bin ich immer völlig erschöpft, weil ich versuche, den angehenden Tierphysios möglichst viel zu vermitteln. Gleichzeitig ist mir klar, dass ich an Wochenendfortbildungen keine dreijährige Vollzeit-Physiotherapie-Ausbildung aus dem Humanbereich ersetzen kann.

Ich habe mir schließlich gedacht: Wenn ich es nicht mache, macht es vielleicht jemand anderes – und habe mich entschieden, es dann eben so gut zu machen, wie ich kann. Nicht mit dem Anspruch, alles zu vermitteln, sondern mit dem Anspruch, Begeisterung mitzugeben – für Biomechanik, für funktionelle Betrachtungsweisen, für Training, für manuelle Therapie, für Osteopathie und Physiotherapie. Es fällt mir dabei schwer, die Bereiche wirklich zu trennen und in die Tierphysiotherapie nur rein physiotherapeutische Techniken einzubringen. Ich zeige gerne auch ganz feine, weiche Techniken aus der Osteopathie, ohne dass die Physios dadurch zu Osteotherapeuten würden – aber irgendwann lässt sich das nicht mehr ganz trennen. Ich mag dieses Detailverliebte und den Blick für Zusammenhänge, und dazu kommt der Mut, Dinge zu hinterfragen. Ich mag es sehr, wenn Schüler hinterfragen und der Unterricht sich entwickelt, statt starr festgelegt zu sein.

Mittlerweile habe ich eine tolle Kollegin, mit der ich mich austauschen kann – wenn ich ein Modul zeitlich nicht ganz geschafft habe, weil wir uns in einem Thema verrannt und diskutiert haben, übernimmt sie das, oder umgekehrt. Auch wenn ich dasselbe Modul, etwa Anatomie, ein weiteres Mal unterrichte, mache ich es wahrscheinlich wieder etwas anders, weil ich mich immer wieder frage, ob ich es methodisch und didaktisch noch besser machen kann.

Ausbildung versus Realität

Der nächste Punkt: Ausbildung versus Realität – der Moment, in dem Therapeuten wirklich beginnen, therapeutisch am Pferd zu arbeiten. Ich glaube, dass hier ein großes Missverständnis liegt, dem ich selbst erlegen bin. Viele kommen aus einer Ausbildung und denken, jetzt könnten sie alles. Ich muss ganz ehrlich sagen: Die Ausbildung in der Tierphysiotherapie ist nur ein Grundstock – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ärgert mich manchmal, wenn jemand sagt, „das haben wir in der Ausbildung nicht gelernt“. Richtig – wie sollte es auch anders sein? Wie eine Kollegin von mir sagt: Ein ganzes Leben reicht nicht aus, um die Osteopathie zu lernen. Ein kurzer Satz, der ganz viel Wichtiges und Richtiges enthält. Die Ausbildung legt einen Grundstock, danach fängt das eigentliche Lernen erst an: Man schaut, in welche Richtung man weitermachen möchte, und dann geht es wirklich los.

Als Dozenten geben wir, glaube ich, die meisten von uns, wirklich unser Bestes im vorgegebenen Rahmen. Ich mag es überhaupt nicht, Dinge monoton herunterzurattern, sondern lasse mich gerne weiterentwickeln – was bedeutet, dass ich oft viel zu viel Energie aufbringe, um Kurse immer wieder neu und methodisch-didaktisch anders zu gestalten. Das macht mir aber auch wahnsinnig viel Spaß: mich selbst zu hinterfragen und zu überlegen, wie ich es beim nächsten Mal noch besser machen kann – ohne den Anspruch, dass es perfekt wird. Wenn wir nach Perfektion streben, werden wir am Ende nur unglücklich, egal ob in der Pferdetherapie, in der Dozententätigkeit oder in der persönlichen Weiterentwicklung.

Meine persönliche Geschichte: Demut und Entwicklung

In der weiterführenden Schule war ich alles andere als eine Überfliegerin, auch wenn ich in der Grundschule noch brilliert habe. Ich habe mein Abi abgebrochen – im Bio-Leistungskurs hatte ich in der Vorklausur zum Thema Evolution null Punkte. Ich habe wirklich an mir gezweifelt. Mir ist oft der Sinn dahinter abhandengekommen, warum ich das überhaupt lerne. Das erkenne ich mittlerweile auch bei meinem 13-jährigen Sohn wieder, der ähnliche Themen in der Schule hat: Wenn er versteht, warum er etwas lernt und es Sinn ergibt, kann er es sehr gut begreifen. Nur weil etwas gelernt werden muss, fällt es ihm genauso schwer, wie es mir früher gefallen ist.

Ich bin damals nicht ins Studium gegangen – ich glaube, ich hätte sonst Lehramt studiert –, sondern habe stattdessen meine Ausbildungen gemacht: Sport- und Gymnastiklehrerin, Sporttherapie, Physiotherapie. Und plötzlich war ich darin richtig gut, hatte gute Noten, hatte viel verstanden. Die Bestätigung durch gute Noten hat mir das Gefühl gegeben, ich wüsste, wie es läuft. Dann geht man in die Praxis und merkt – teils sofort, teils erst im Laufe der Jahre –, dass man längst nicht alles weiß. Das war ein wichtiger Moment, ohne dass ich sagen würde, ich sei abgehoben gewesen. Ich hatte mit meinem Einserschnitt in der Humanphysiotherapie ein Stipendium bekommen, das mir ermöglichte, direkt mit der Pferde-Osteopathie weiterzumachen. Das war toll, aber ich dachte wirklich, mir könne keiner mehr etwas erzählen, ich wisse alles.

Dann wurde ich eines Besseren belehrt, weil ich immer wieder an Grenzen gestoßen bin – und habe mich schließlich der funktionellen Medizin gewidmet. Es war genau richtig, dabei zu fallen und demütig zu werden, denn da hat für mich das eigentliche Lernen erst richtig angefangen. Daraus ist etwas entstanden, das ich heute für extrem wichtig halte: Demut gegenüber dem, was wir tun, und Respekt gegenüber Menschen, die schon jahrelange Erfahrung haben. Ich höre unheimlich gerne Menschen zu, die im Bereich der funktionellen Medizin viele Jahrzehnte Erfahrung mitbringen und davon berichten – das finde ich enorm wertvoll. Ich schaue mir auch wissenschaftliche Studien an, aber wir können ebenso viel von der Erfahrung anderer lernen; letztlich sind wir die Summe dessen, was uns umgibt. Genau das ist mein Anspruch auch in der Ausbildung anderer Therapeuten: den Schülerinnen und Schülern – ich höre hier bewusst auf zu gendern, das passt nicht zu mir – Begeisterung zu vermitteln, statt Wissen zurückzuhalten. Ich möchte ihnen erklären, warum es wichtig ist, genau zu wissen, wo welche Struktur hinläuft, und dass Anatomie nicht nur etwas zum Auswendiglernen ist, sondern dass die Details wirklich zählen.

Ich hatte dafür einen wahnsinnig prägenden Anatomie-Lehrer, Dr. Sauer-Brei in Münster. Er war auf seine Art streng, wollte alles sehr genau und detailliert wissen, hat aber auch immer erklärt, warum er darauf so großen Wert legt. Er hat uns nicht nur Fakten vermittelt, sondern Verständnis: Was bedeutet es im Körper, wenn eine bestimmte Struktur von A nach B zieht? Wie hängt das alles zusammen? Warum ist es wichtig zu wissen, dass ein Bauchmuskel eine Verbindung zu einem wichtigen Band im Hüftgelenk hat? Solche anatomischen Details überliest man sonst schnell. Aber er hat vermittelt, warum sie relevant sind – und dieses Detailverliebte, das mir als vermutlich neurodivergenter Mensch mit leichten autistischen Zügen ohnehin sehr entspricht, mit Sinn und Verstand zu verbinden, hat mich sehr geprägt.

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen, und ich finde es wichtig, von verschiedenen Dozenten zu lernen. Mir ist bewusst, dass meine Sicht nicht die einzige und manchmal auch kontrovers ist. Es gibt Kollegen, die komplett anders arbeiten, andere Fachrichtungen wie Tierärzte mit einer ganz anderen Brille, Therapeuten, die gerne mit Geräten arbeiten – was ich selbst gar nicht gern tue, ich mag meine Hände und meine eigenen Wahrnehmungskanäle. Aber wenn jemand anderes diesen Weg geht, finde ich das gut, denn dann weiß ich, wohin ich einen Pferdebesitzer vermitteln kann, wenn ich merke, dass etwas nicht zu mir passt. Zu mir kommt zum Beispiel kaum jemand mit einem akut verletzten Pferd im langsamen Trainingsaufbau, weil das einfach nicht mein Schwerpunkt ist. Ich mag lieber die extrem komplexen, austherapierten Pferde mit wiederkehrenden Auffälligkeiten, bei denen ich alles zusammenanalysiere, in ein System bringe und ein bisschen Detektivarbeit betreibe. Je komplexer, desto zeitaufwendiger – aber genau das finde ich spannend, mittlerweile auch die Kommunikation mit dem Pferdebesitzer selbst. Gleichzeitig ist klar: Nicht jeder Pferdebesitzer hat darauf Lust, für manche bin ich vielleicht etwas zu anstrengend, und das ist völlig in Ordnung. Andere Therapeuten setzen genau da an, wo ein Pferdebesitzer einen anderen Impuls braucht.

Ein Beispiel für echte Kollegialität

Diese Woche hatte ich einen schönen Fall: Ich wurde zu einem Pferd gerufen, das einem Kollegen gehört hatte, der ein Reha-Zentrum betreibt und das Pferd später an eine Frau weiterverkauft hat. Die neue Besitzerin hatte mich zur Behandlung gerufen. Der Kollege war anwesend, hat größtenteils ruhig zugeschaut, und wir konnten uns über unsere jeweilige Sichtweise austauschen – er hatte das Pferd bereits als Dreijähriges gekauft. Es war ein sehr respektvoller, ruhiger Umgang, ganz ohne Konkurrenzdenken. Er weiß genau, was er kann, und das ist einiges – er macht das schon deutlich länger als ich. Keine Abwertung, keine unterschwelligen Kommentare, kein „Ich weiß es besser“. Das fand ich sehr schön.

Man begegnet ja häufiger anderen Therapeuten direkt an einem Stall, und ich finde es unangenehm, wenn dann während der Behandlung eines mir anvertrauten Pferdes ein Spruch fällt, der eher dem eigenen Ego dient als dem Pferd, dem Besitzer oder dem Verhältnis zwischen den Kollegen. In diesem Fall waren wir einfach zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Brillen auf ein Pferd geschaut und gemeinsam überlegt haben, was zu tun ist – und wenn eine Sichtweise nicht mehr ausreicht, hat vielleicht jemand anderes noch eine Idee. Das ist leider nicht selbstverständlich, aber ich fand diese Begegnung wirklich angenehm und unaufgesetzt.

Konkurrenzgefühl kenne ich trotzdem

Ich kenne dieses Konkurrenzgefühl auch selbst. Vor etwa acht Jahren machte meine ehemalige Chefin aus der Humanphysiotherapie-Praxis, die bereits Human-Osteotherapeutin war, zusätzlich ihre Pferde-Osteopathie-Ausbildung, ebenfalls am Depot. Da dachte ich kurz: Wow, die ist so gut, ich kann einpacken. Dann kam der nächste Gedanke: das Ganze eher als Antrieb zu nutzen und als Möglichkeit, sich mit jemandem auszutauschen, der schon vor der Pferde-Ausbildung einiges auf dem Kasten hatte. Aber dieser kurze nervöse Moment war da.

Umgekehrt hatte ich mal eine Schülerin an der Döpfer Akademie, wo ich Hunde- und Pferdephysiotherapie unterrichte, die einen tollen Abschluss gemacht hat und mir danach sagte: „Denise, du brauchst aber keine Angst zu haben, dass ich dir deine Kunden wegnehme – ich behandle ja nur Hunde.“ Das fand ich süß und habe sie bestärkt. Ich arbeite ja ohnehin ganz anders, mit einem anderen Schwerpunkt und anderen Kunden, die zu mir passen. Genauso habe ich hier im Umkreis Kollegen mit ähnlichen Ausbildungen wie ich, mit denen ich gerne zusammenarbeite und mich auch mal auf einen Kaffee treffe – und das passt eben nicht mit jedem, und auch das ist in Ordnung. Jeder arbeitet anders: Manche können viel mit meinen osteopathischen und funktionellen Ansätzen anfangen, andere schauen mich eher fragend an. Auch das ist völlig in Ordnung. Mal übernehme ich einen Patienten, mal übernimmt ihn ein Kollege von mir, und irgendwann unterstützt man sich wieder gegenseitig. Der eine arbeitet gerne mit Geräten, der nächste macht eine KI-basierte Gangbildanalyse, ein anderer arbeitet manuell oder mehr im Bereich der Bodenarbeit, Hufmechanik oder Rhythmustherapie – es gibt so viele Möglichkeiten. Entscheidend ist, dass es für denjenigen, der es ausübt, Sinn ergibt.

Was ich Einsteigern mitgeben möchte

Wenn ihr überlegt, eine Pferdephysiotherapie-Ausbildung zu machen, oder schon am Anfang steht und euch ständig mit anderen Kollegen vergleicht und denkt „Oh Gott, der kann das alles“ – schaut lieber, wo eure eigene besondere Stärke liegt. Und wenn ihr das noch nicht wisst, ist das auch in Ordnung: Dann holt euch überall Impulse und schaut, was euch besonders interessiert. Mich hat es oft sehr bereichert, mich in Themen einzuarbeiten, bei denen ich zunächst dachte, davon habe ich überhaupt keine Ahnung oder gar keine Lust darauf – meistens war es trotzdem sehr lohnenswert. Das Thema Fütterung war für mich am Anfang so ein riesiges Feld, dass ich dachte, da bekomme ich nie einen Überblick. Es hat wohl locker zehn Jahre gedauert, mich dort so einzuarbeiten, dass ich mich einigermaßen sicher fühle – auch wenn der Bereich immer noch erforscht wird und wir dort mehr nicht wissen, als wir wissen.

Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mit der Zeit weniger Pferde behandle. Ich dachte mal, je mehr ich weiß, desto schneller werde ich und desto mehr kann ich schaffen. Mittlerweile behandle ich maximal drei Pferde am Tag – nicht wegen der körperlichen Anstrengung, sondern weil ich immer genauer hinschaue, mehr sehe und mehr mit einbeziehe. Ich habe oft schnell eine erste Idee, äußere sie aber nicht sofort, weil ich schon zu oft eines Besseren belehrt wurde, nachdem ich das gesamte Pferd untersucht und die komplette Anamnese aufgenommen hatte. Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir eben auch, was wir nicht wissen. Das macht die Arbeit nicht einfacher, aber komplexer und interessanter. Nach etwa fünf, sechs Jahren Pferde-Osteopathie dachte ich einmal, wie eintönig das eigentlich ist. Mittlerweile denke ich: Wie spannend, weil es so viele individuelle Unterschiede gibt – bei den Pferden, aber auch bei den Pferdebesitzern, die als wichtiger Teil der Behandlung das Pferd im Alltag managen, mit ihm in Beziehung sind und mit ihm trainieren.

Gerade am Anfang denkt man, man brauche jeden einzelnen Kunden, und ich hatte früher eine riesige Beschriftung auf meinem Auto. Die ist von Jahr zu Jahr kleiner geworden – mittlerweile ist es nur noch ein kleiner QR-Code, und ich bin ganz gerne etwas inkognito unterwegs. Ich bin vermutlich nicht die richtige Therapeutin für jeden, ich bin, glaube ich, ein bisschen ein spezieller Typ, und das ist auch okay. Ich muss nicht nur mit ähnlichen Typen gut arbeiten können, aber mir ist auch klar, dass nicht jeder von meiner Arbeit maximal profitieren kann. Die Art, wie ich Dinge erkläre und mich positioniere, führt dazu, dass manche nicht mehr zu mir kommen – das nehme ich nie persönlich. Dafür kommen genau die Kunden zu mir, die bereit sind, wirklich genau hinzuschauen, zu hinterfragen und Zusammenhänge zu verstehen. Damit meine ich nicht nur Pferdebesitzer, sondern auch Therapeuten, die sagen: Ich weiß schon viel, möchte aber gerne noch tieferes Wissen, und es gibt Bereiche, in denen ich noch nicht so viel weiß. Dabei finde ich es wichtig, nicht zu sagen „das weiß ich nicht“, sondern „das weiß ich noch nicht“ – damit wertet man sich selbst nicht ab.

Wenn dich diese ganzheitlichen, funktionellen Themen interessieren und du tiefer verstehen willst, wie Zusammenhänge im Körper funktionieren, um als Therapeut oder Trainer bessere Entscheidungen zu treffen, schau dir gerne die Inhalte meiner Online-Kurse an. Und wenn du noch überlegst, ob du eine Ausbildung zum Pferdephysiotherapeuten machen sollst, kann ich unsere Döpfer Akademie sehr empfehlen – es gibt aber mit Sicherheit auch viele andere gute Institute. Angehende Therapeuten fragen mich oft, welche Schule denn gut sei. Ich kann da nur für die Schulen sprechen, die ich selbst kenne, denn die anderen kenne ich nicht aus eigener Erfahrung – vieles davon ist immer nur Hörensagen, mit einer persönlichen Nuance. Ich kann sagen: Ich habe am Depot gelernt und war dort sehr begeistert, ich unterrichte an der Döpfer Akademie und bin überzeugt, dass wir dort gerade mit dem aktuellen Team wirklich gut aufgestellt sind. Genau das ist meine Motivation: sich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen, den eigenen Weg zu finden und offen zu bleiben.

Wenn ihr Rückmeldungen zu dieser Folge oder Themenwünsche habt, schreibt mich gerne an. Ich freue mich sehr über Bewertungen des Podcasts, und auch kritisches Hinterfragen ist sehr willkommen – gerne per E-Mail oder über den Messenger auf meinem Instagram-Account. Bis zum nächsten Mal, eure Denise.