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Schulpferde gesund halten – zwischen Struktur, Verantwortung und Realität.

Didi Meiners vom Rumlerhof im Interview

Schulpferde gesund halten – zwischen Struktur, Verantwortung und Realität
In dieser Podcast-Folge spreche ich mit Didi vom Rumler Hof über die Frage, was Schulpferde wirklich langfristig gesund hält – körperlich und mental.

Wir sprechen darüber, warum Struktur und klare Regeln im Reitschulbetrieb keine Härte bedeuten, sondern Sicherheit schaffen – für Pferde wie für Menschen. Warum mentale Stabilität eine zentrale Grundlage für Gesundheit ist. Und warum Mitleid oft weniger hilft als tragfähige Systeme, klare Verantwortlichkeiten und gute Basics im Alltag.

Es geht um die Realität eines Reitschul- und Ferienbetriebs:
um Wirtschaftlichkeit, Empathie und Verantwortung, um Regeneration statt Dauerbelastung und um ehrliche Entscheidungen – auch dann, wenn es nicht perfekt läuft.

Diese Folge richtet sich an alle, die Schulpferde nicht bemitleiden, sondern verstehen, schützen und fair begleiten wollen.

Transkript:

Schulpferde gesund halten: Im Gespräch mit Didi vom Rummlerhof

Denise Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“. Heute freue ich mich sehr, Didi vom Rummlerhof zu Gast zu haben, um mit ihr über Schulpferde zu sprechen. Didi ist gelernte Pferdewirtin, hat aber in Osnabrück Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Pferdemanagement studiert. Sie wohnt in Westerkappeln im Kreis Osnabrück und führt dort einen Reitschulbetrieb mit gleichzeitigem Ferienhof. Ich bin selbst seit 2009 dort, habe erst mit Didis Vater Uli gearbeitet, der auch heute noch sehr aktiv am Hof ist. Wir möchten heute darüber sprechen, wie es ein Reitschulbetrieb schafft, Schulpferde gesund zu halten – körperlich, mental und im Alltag –, wie wichtig die eigene Gesunderhaltung als Betriebsführerin ist und wie sich das alles mit der Wirtschaftlichkeit vereinbaren lässt. Wenn man euren Hof betritt, fällt sofort diese Ruhe auf, diese positive Energie – nicht, weil alles konfliktfrei ist oder jedes Pferd perfekt läuft, sondern weil eine ganz klare Struktur erkennbar ist. Magst du dich noch einmal vorstellen und erzählen, wie sich der Rummlerhof entwickelt hat?

Didi Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich sehr, dabei zu sein. Die Reitschule hier hat mein Vater Anfang der 90er gegründet – der Betrieb war vorher schon ein Pferdebetrieb mit Pensionspferden und ein bisschen Zucht, und dann kam peu à peu die Reitschule dazu, wirklich im Do-it-yourself-Stil. Papa hat sich selbst ins Unterrichten reingearbeitet und dabei eine richtig gute Idee entwickelt. Ich durfte das Ganze 2017 übernehmen, nach Ausbildung, Studium und Zeit auf anderen Betrieben. Wir haben damals schnell entschieden, wer welchen Bereich übernimmt – zu viele Köche verderben den Brei –, ich habe die Reitschule übernommen, Papa die Ferienwohnungen, die Landwirtschaft teilen wir uns. Die Reitschulstruktur habe ich dann schnell an mich angepasst: eine grundsätzliche Vertragsidee mit Kündigungsfristen, die Reitstundenbezahlung läuft größtenteils per Abo, damit ich wirtschaftliche Planungssicherheit habe. Und wir haben feste Gruppen, in denen dieselben Kinder immer wieder mit denselben Menschen zusammen sind – das gibt Sicherheit und macht für alle, die zu uns kommen, gut einschätzbar, was hier passiert.

Denise Was mir schon damals auffiel: Dein Vater hatte ja bereits einen für die Pferdehaltung sehr fortschrittlichen Reitschulbetrieb, mit einer Art Offenstall, in dem die Pferde in Herden untergebracht sind. Und was ich immer wieder beobachte, wenn ich alle paar Monate wiederkomme: Es wird ständig angeschaut und angepasst, welche Pferde wie zusammengestellt werden, welche Konstellation funktioniert. Die Pferde sind ja auch eure Mitarbeiter – was hat dazu geführt, dass ihr sagt, wir müssen dafür sorgen, dass die auch gesund bleiben? Was hast du zum Beispiel aus deinen Aufenthalten auf Island oder auf anderen Betrieben mitgenommen?

Didi Da hast du einen wichtigen Punkt angesprochen – die flexible Herdenhaltung. Ich liebe Herdenhaltung und Offenstallhaltung, aber man muss immer eine Schnittmenge finden: Wie bringt man Pferde mit unterschiedlichem Futterbedarf bestmöglich zusammen? Das ist der kleine Nachteil der Herdenhaltung. Wir haben inzwischen fünf Herden, früher waren es zwei, und schauen ständig, wie die nach Alter, Futterbedarf und sonstigen Bedürfnissen am besten zusammenpassen. Von anderen Betrieben habe ich gute Vorbilder mitgenommen – Höfe, die eine Idee von gesunder Herdenhaltung haben, dabei aber nicht starr sind. Dazu kommen die Basics: gesundes Wasser, gesundes Heu, gutes Stroh. Heu mache ich komplett selbst, Stroh teilweise – dabei bin ich natürlich vom Wetter abhängig, und wenn ich beim zweiten Schnitt nur anderthalb trockene Tage habe, muss ich nehmen, was ich ernte, und das dann auch verfüttern. Das ist meine eigene Verantwortung. Und ich versuche, das gegenüber Reitschülerinnen und Einstellerinnen transparent zu machen – ich erkläre gerne, warum ich etwas so mache, wie ich es mache, wenn gefragt wird, denn meistens hat es einen Grund.

Denise Das gefällt mir, dass ihr auf eurer Seite auch die Herausforderungen der Landwirtschaft zeigt und nicht nur die schönen Momente. Ich glaube, wenn man den Anspruch hätte, alles müsse optimal sein, dürfte man gar nicht erst anfangen, Pferde zu halten – weder als Freizeit- oder Leistungsreiter noch als Reitschulbetrieb. Man muss auch mal Stoiker werden: Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können, und Dinge, die wir ändern können. Und dafür muss gefragt werden dürfen. Was habt ihr sonst noch für feste Strukturen und Regeln, für Reitschüler und Eltern? Ich hacke ja gerne auf den Basics rum, weil ich glaube, dass jede Therapie nur dann Sinn macht, wenn die Basics stimmen.

Didi Eine recht neue Regel, die wir im Sinne der Pferde letzten Sommer eingeführt haben: Es dürfen nur noch Menschen unter 85 Kilo aufs Pferd. Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen, weil ich weiß, dass sie Menschen aufgrund ihrer Größe oder Lebensumstände ausschließt, und das Thema Gewicht ist extrem emotional. Aber ich weiß, dass es für die Pferde gut ist – ihre Rückenmuskulatur ist nicht darauf ausgelegt, uns zu tragen, und wir müssen es ihnen bestmöglich leichtmachen. Natürlich kann ein schwererer, sportlicher Mensch auf einem gut trainierten Pferd mehr tragen, aber das kann ich als Reitschule mit begrenzter Zeit für Zusatztraining nicht leisten. Dann unterrichten wir neben dem Reiten auch am Boden – wir haben eine Gruppe, die komplett am Boden arbeitet, und auch in den normalen Reitstunden findet immer wieder Bodenarbeit statt, damit die Menschen lernen, ihr Pferd von unten kennenzulernen. Die Pferde haben außerdem eine feste Regel: In der Herde ist Ruhe, da geht niemand rein, so gerne man auch mal ein Pferd knuddeln möchte – sie brauchen Ruhephasen. Und sie laufen maximal drei Reitstunden am Tag, mit Pause dazwischen – zwei Stunden am Stück, dann eine Pause, falls eine dritte Stunde dazukommt. Das ist uns wichtig, weil sie mental wieder runterfahren können müssen: Das Bewegen selbst ist nicht das Problem, aber sich auf einen neuen Menschen einzustellen, das ist eine Herausforderung, die wir auch von uns selbst kennen. Und sonntags haben die Pferde zusätzlich Pause – nicht für den Körper, sondern für den Kopf.

Denise Was ich auch sehr beeindruckend finde: Ihr gönnt den Pferden im Winter, um Weihnachten herum, vier Wochen komplette Pause – das heißt nicht, dass am Hof nichts läuft, ihr baut ja auch um, aber die Pferde haben wirklich frei. Ich selbst habe gerade auch vier behandlungsfreie Wochen, mein Schreibtisch ist entsprechend voll. Wie kam es dazu? Hatte das schon dein Vater so gemacht?

Didi Er hatte immer drei Wochen gemacht, auch weil in den Ferienwohnungen dann Pause war – für uns als Familie die einzige Pausenzeit. Er hat das damals über die Herbstferien ausgeglichen, eine Woche mehr im Winter, eine Woche Unterricht mehr in den Herbstferien. Als ich übernommen habe, dachte ich: Das ist doch gar nicht im Sinne der Pferde, die brauchen einmal richtig Pause und haben sich die Herbstferien genauso verdient. Ich kannte das Konzept auch von einem anderen Betrieb, von einem Hof auf Island, wo im Winter ohnehin wenig los ist und man eine feste, komplette Pause einlegt. Das fand ich großartig – dass die Pferde einfach nur für sich sein dürfen, in der Herde, sich bewegen und Ruhe haben. Das tut ihnen gut, und dabei bleibt es auch.

Denise Jeder Sportler kennt Regeneration – Training greift nur, wenn genug Erholung da ist. Das Leistungsniveau geht in der Pause erstmal runter, aber danach steigt es wieder, das ist auch für die Gesunderhaltung der Pferde entscheidend. Und zur Gewichtsgrenze: Es kommt nicht nur auf die Größe des Pferdes an, sondern auf den Gesamtkontext, etwa auch die Hufqualität. Aus der Community kam übrigens die Frage, inwiefern die Psyche der Pferde berücksichtigt wird – das kenne ich von Therapiepferden, die mit körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen arbeiten und dafür lange vorbereitet werden. Körper und Psyche hängen einfach zusammen, Regeneration ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Gesundheit. Aber ich sehe da natürlich auch den wirtschaftlichen Aspekt – man muss sich das alles genau durchrechnen. Wie hast du das gelernt, wie machst du das?

Didi Das Studium war tatsächlich eine mega gute Grundlage, um keine Angst vor Zahlen zu haben – das größte Problem vieler Leute ist ja, dass sie Lust auf die eigentliche Tätigkeit haben, aber Angst vor den Zahlen dahinter. Ich habe dort verstanden, worauf ich achten muss, und gemerkt: Es ist kein Hexenwerk, wenn man es einmal erklärt bekommen hat. Wichtig ist auch, dass es nicht reicht, gerade alles bezahlen zu können – ich brauche Rücklagen, etwa wenn ein Pferd krank wird und ein halbes Jahr Pause braucht, dafür und potenziell für ein Ersatzpferd. Wenn ich das nicht im Blick habe, wird es schwierig. Und wenn ich denke, ich möchte so günstig sein, dass es sich jeder leisten kann, dann kann ich es mir selbst nicht mehr leisten – dann geht es entweder an meine finanziellen oder an meine emotionalen Ressourcen, und das ist nicht nachhaltig. Ich brauche die Absicherung, dass das, was ich tue, langfristig funktioniert: dass ich mir Pausen leisten kann, mich versichern kann, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen kann, ohne Sorge, ob ich mir das leisten kann.

Denise Ich hatte den Podcast gehört, in dem dein Vater und du zur Hofübergabe interviewt wurdet – du hast gesagt, deine Bedingung war, auch Raum für dich selbst zu haben. Wie schaffst du das im Alltag, dich abzugrenzen? Du wohnst ja auch in einer WG mit Nicht-Pferdemenschen.

Didi Genau, das ist auch Teil meines Lebens – ich habe mehr Interessen als Zeit und muss immer schauen, was gerade mein Schwerpunkt ist. Aktuell ist das Singen: Ich singe im Chor und nehme Einzelstunden, und ich liebe es, dabei einmal in der Rolle der Schülerin zu sein, was ich hier nicht bin. Das ist ein schöner Perspektivwechsel, ähnlich dem, was meine eigenen Schülerinnen erleben. Diese Termine sind unverrückbar, nur beim Weltuntergang verschiebe ich sie. Das tut mir gut, um den Tag in Arbeits- und Pausephase zu strukturieren – als Selbstständige kann man ja immer noch kurz die E-Mails checken oder WhatsApp beantworten, und ich versuche, mir dann zu sagen: Jetzt ist Pause, jetzt kümmere ich mich nicht drum, damit ich mich erholen kann und wieder kreativ werden kann. Und sonntags bin ich im Stall nicht ansprechbar für Unterrichtsfragen. Die WG mit Nicht-Pferdemenschen war eine bewusste Entscheidung, damit wir über andere Dinge reden können – und ich kann Themen, die ich mit meinem Team habe, mit dem vergleichen, was jemand woanders im Team erlebt, und daraus wieder etwas für mein Leben hier mitnehmen.

Denise Kommst du trotzdem manchmal an deine Grenzen – oder hast du das so gut strukturiert, dass du nie in so ein Loch fällst, wo du dich fragst, ob du das alles so weitermachen willst? Das ist jetzt eine sehr persönliche Frage.

Didi Das kommt schon mal vor – dass ich bei manchen Dingen merke, das passt gerade nicht mehr für mich, und dann denke ich, das kann ich ja ändern. Wir hatten zum Beispiel keinen privaten Außenbereich, keinen eigenen Garten, und ich habe gemerkt: Sobald ich im Sommer draußen bin, bin ich im Job – das war super anstrengend. Irgendwann konnte ich es nicht mehr aushalten, noch etwas gefragt zu werden, und musste eine Grenze ziehen – buchstäblich einen Zaun bauen und sagen: Wo ich nicht mehr sichtbar bin, bin ich auch nicht ansprechbar. Das gehört für mich dazu, im Kopf zu haben, dass sich das immer wieder verändert, weil ich mich auch verändere. Eine Zeit lang finde ich es großartig, von morgens bis abends mit Menschen zusammen zu sein, und dann vielleicht wieder nicht – und mein Betrieb darf sich verändern, weil ich mich verändere.

Denise Genau solche Momente führen ja dazu, dass man strukturiert arbeitet und Lösungen findet. Nochmal zurück zu den Pferden: Habt ihr für manche Pferde eine feste Pflegebeteiligung, also Menschen, die vom Boden aus oder bei der Pflege zusätzlich unterstützen?

Didi Das ist eher ein flexibles Konzept, nicht pro forma bei jedem Pferd, sondern dort, wo ich merke, ein Pferd könnte noch mehr Unterstützung gebrauchen – dann finden sich die passenden Menschen meistens von selbst. Das hat einen großen Nutzen, aber ich muss auch immer im Kopf haben: Jede Person, die mehr beteiligt ist, braucht auch mehr Fokus von mir, und mehr Menschen bringen auch mehr Meinungen und Handlungen mit, die nicht immer meiner Planung entsprechen. Deshalb schaue ich immer, ob der Mehrwert fürs Pferd den Mehraufwand für mich rechtfertigt – und ob die Kommunikation mit den Menschen verlässlich genug ist.

Denise Was macht ihr konkret vom Boden aus mit den Pferden – welche Tools, die auch ein Schulbetrieb mit kleinem Aufwand nutzen kann?

Didi Sehr gerne nutzen wir Dualaktivierung und Äquikinetik – ich bin auch Geithner-Trainerin und darüber eher gestolpert, fand es aber sofort großartig: einfach erklärbar, wertvoll für die Pferde, weil es Körper und Geist gut anspricht, über dieses blau-gelbe Farbsystem beim Training. Das ist mit Menschen, die im Pferdeumgang sicher sind, super schnell erklärt. Und ganz einfach: Massage am Pferd – da ist es schwer, große Fehler zu machen, das tut den Pferden meistens gut, wenn man die Leute darauf hinweist, worauf sie achten können.

Denise Wenn ihr Pferde ankauft, weiß man ja nicht sofort, ob sie für den Schulbetrieb geeignet sind. Wie läuft das bei euch, wie testet ihr das, und was macht ihr, wenn es nicht passt?

Didi Die Pferde bekommen erstmal Zeit anzukommen, je nach Herde. Dann starten wir am Boden, dann mit Reiten – erst in einer kleinen Gruppe oder mit einer sicheren Person, einzeln, je nach Pferd. Wir haben kein starres Muster, sondern schauen, wie das jeweilige Pferd reagiert: Manche können wir schnell in mehrere Gruppen einbinden, bei anderen fangen wir mit ein, zwei, drei Einheiten die Woche an und steigern langsam. Manchmal merke ich aber auch: Das passt nicht, entweder weil das Pferd grundsätzlich nicht zum Reitschulunterricht passt oder mental oder körperlich zeigt, dass etwas nicht stimmt. Dann gebe ich die Pferde in neue Hände – dafür nehme ich mir viel Zeit und achte darauf, dass es wirklich passende Menschen sind, weil mir meine Verantwortung wichtig ist. Da nehme ich lieber das Risiko, drei Monate länger zu füttern, aber zu wissen, dass das Pferd in guten Händen ist, statt es möglichst schnell und wirtschaftlich abzugeben.

Denise Ich weiß, dass manche angedachten Schulpferde auch in die Hände von Reitschülern gekommen sind, die sich irgendwann ein eigenes Pferd zulegen wollten – das finde ich schön. Ich glaube auch, dass vielen Eltern, die ihr Kind in eine Reitschule schicken, ohne selbst Pferdeerfahrung zu haben, oft gar nicht bewusst ist, worauf man achten sollte – man schaut eher auf Preis und Nähe. Was für Illusionen gibt es über Schulpferdebetriebe, und wo könnte man ansetzen – bei den Eltern, bei festen Regelungen?

Didi Ich glaube, Eltern entscheiden sich oft aus Mangel an Alternativen für Betriebe, hinter denen sie eigentlich nicht richtig stehen. Ich würde mir wünschen, dass Eltern sich trauen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen – ich erlebe oft, dass Eltern ohne Fachkenntnis sagen, in dem einen Stall hat sich etwas komisch angefühlt, und hier fühlt es sich gut an, obwohl sie keine Ahnung haben. Das Bauchgefühl zeigt oft schon sehr viel, vielleicht sogar mehr, wenn man wenig Fachkenntnis hat, weil man dann nur auf sein Gefühl hören kann. Ein großer Faktor bei Schulbetrieben ist auch nicht nur das Pferd, sondern die Menschen – dass man menschenfreundlich unterwegs ist. Eine Mutter hat mir mal gesagt, es wäre toll, wenn ihr Kind beim ersten Mal Reiten nicht weinen müsste – ich finde es gut, wenn niemand bei uns weinen muss, denn so vermittle ich kein Wissen. Neben dem Tierwohl ist das Menschenwohl genauso wichtig, weil nur mit Respekt vor beiden können Menschen die Pferdesprache lernen. Ich höre auch oft, ein Schulpferd sei „stumpf“ und müsse „korrigiert“ geritten werden – dabei lernt der Reiter gerade erst eine neue Sprache, so wie ich in meiner ersten Französischstunde auch noch nicht viel sagen konnte, ohne dass mein Lehrer daran schuld war. Reitunterricht bedeutet erst zuzuhören und zu verstehen, dann Bewegungsmuster selbst zu erlernen, bevor man irgendwann führen kann – wie beim Tanzen, wo man erst folgen lernt, bevor man führt. Ein Schulpferd ist ein Lehrmeister, der viele „falsche Vokabeln“ einfach mal ignorieren muss – und was oft als stumpf beschrieben wird, ist eigentlich nur sinnvolles Abwarten des Pferdes, kein fehlendes Reagieren.

Denise Das erinnert mich an mein eigenes frühes Reitenlernen – wir standen zu siebt oder acht gleichzeitig an der Longe, ausgebundene Pferde, Hauptsache das Seitenprofil stimmte, und wir mussten Sprüche aufsagen wie „Gewicht und Schenkel sind zum Lenken, zuletzt sollst du an die Zügel denken“ – dabei saßen wir auf Pferden, die nicht nach vorne oder zur Seite schauen konnten, und mir wurde gesagt, die Verbindung zum Pferdemaul sei gar nicht so wichtig. Das passte für mich schon damals nicht zusammen. Wertschätzung beginnt eben nicht erst beim Tier, sondern schon in der Kommunikation zwischen uns Menschen.

Didi Genau, und auch beim Vokabular, das wir mitgeben: Wenn ein Pferd etwas nicht macht, sage ich nicht „er will das nicht“, sondern „er hat dich offensichtlich nicht verstanden“ – der Hintergrund kann ein ganz anderer sein als das, was auf den ersten Blick so wirkt.

Denise Das hatte ich letzte Woche auch mit Anna besprochen: Wenn wir Abstimmungsprobleme mit dem Pferd haben, sollten wir uns fragen, ob uns das auch im Miteinander begegnet – werde ich vom Pferd immer wieder angebufft, weil Menschen meine Grenzen übergehen, weil ich selbst nicht klar genug kommuniziere? Regeln zu schaffen, wie du das mit den Reitschülern machst – das ist mein Raum, ich bin für euch da, und ich habe meine Grenzen – wirkt kurzfristig manchmal hart, ist aber langfristig für alle klar. Ich habe von Pferden selbst am meisten gelernt: In der Ausbildung haben wir gelernt zu testen und zu mobilisieren, aber nicht wirklich zu schauen, was sagt mir das Pferd. Mittlerweile achtet man mehr auf Schmerzgesichter und Reaktionen – wir können so viel von Pferden lernen, das darf nicht nur von oben herab stattfinden.

Didi Total, genau.

Denise Es sollte allen klar sein: Ein Schulpferdebetrieb muss nicht perfekt sein, und das ist auch nicht das Ziel – sonst könnten wir gar nicht erst anfangen. Wichtig ist, den Pferden Regenerationszeit zu geben, wertschätzend miteinander umzugehen, wertschätzend mit den Pferden umzugehen, und dass man in der Reitschule nicht nur fürs Reiten bezahlt, sondern auch für Bodenarbeit lernt. Du hattest ja die Gewichtsgrenze erwähnt, aber auch Bodenarbeitskurse – gibt es Menschen, die sagen, sie können zwar nicht mehr aufs Pferd, aber viel vom Boden aus machen?

Didi Ja, das gibt es. Manche sagen, das reicht ihnen dann doch nicht, andere sagen, das ist super spannend, warum habe ich das nicht viel früher gemacht. Beides finde ich völlig legitim – Bodenarbeit ist extrem wertvoll, aber ich bin auch offen dafür, wenn jemand merkt, dass ihm etwas fehlt und er dann lieber gar nichts mit einem Pferd macht. Jeder weiß selbst am besten, was für ihn der richtige Weg mit Pferden ist, das möchte ich niemandem vorschreiben – ich kann nur mein Angebot machen.

Denise Zum Abschluss: Was sind eure nächsten großen Projekte, oder läuft gerade alles gut, wie es ist?

Didi Ich habe eigentlich immer fünf Pferde im Kopf, bei denen ich denke, es könnte ihnen noch besser gehen – ist das wirklich der richtige Ort für sie, sollten sie vielleicht in andere Hände? Tierwohl hat nach oben kein Ende, es kann immer noch besser gehen. Ich kann nicht alle Projekte gleichzeitig starten, aber ich versuche, alle Pferde im Blick zu behalten und peu à peu bei jedem zu schauen, ob es passt oder etwas anderes braucht.

Denise Das finde ich sehr vernünftig. Und das ist auch mein Anspruch als Therapeutin: Ich möchte nicht alle vier Wochen ein Pferd behandeln, nur damit es gehfähig bleibt – wenn die Basics stimmen, sollte möglichst wenig an Zusatzbehandlungen nötig sein. Manchmal muss ich Leuten auch vor den Kopf stoßen, wenn die Reitweise nicht zu dem passt, was ich mir vorstelle – so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Hast du noch etwas auf dem Herzen?

Didi Ich hatte mir vorher ganz viele Gedanken aufgeschrieben, aber ich glaube, wir haben eigentlich alles ganz von allein mitgenommen.

Denise Ganz wichtig zum Abschluss: Es ist nicht immer alles Gold und muss es auch nicht sein. Schulpferden geht es grundsätzlich nicht schlechter als Freizeit- oder erst recht Turnierpferden – im Gegenteil, es ist toll, dass sie sich so viel bewegen, das ist weniger die körperliche Belastung, weil Pferde zum Bewegen geboren sind, eine Stunde am Tag ist für sie im Grunde nichts, vor allem für Robustrassen. Deswegen sehe ich es oft so, dass Schulpferde durch Bewegung auch belastbarer werden, wenn die Basics stimmen.

Didi Das haben wir tatsächlich bei ein paar Pferden gemerkt, die bis 25, 30 Jahre bei uns waren – ich bin unfassbar dankbar für diese Pferde. Natürlich wurden sie im Alter vorsichtiger eingesetzt, aber sie sind immer in Bewegung geblieben. Man denkt manchmal, jetzt müssen sie in Rente, aber das ist gar nicht der richtige Weg – mit leichten Menschen, vorsichtiger, aber regelmäßiger Bewegung sind die wunderbar alt geworden. Nicht jedes Pferd, manche hatten vorher größere Baustellen, aber es ist großartig, wenn ich das meinem Pferd ermöglichen kann.

Denise Ich habe auch die Erfahrung gemacht: Pferde, die eine Aufgabe hatten, wollen nicht einfach aufs Abstellgleis. Die zeigen dann manchmal richtig an, dass sie mitgenommen werden wollen.

Didi Genau – und wenn ein Pferd wirklich nicht mehr geritten werden kann, bekommt es eine Pflegebeteiligung, die spazieren geht und sich kümmert. Das brauchen sie, das ist wichtig.

Denise Wunderbar. Ich glaube, diese Folge gibt sowohl Therapeuten als auch Menschen, die Schulpferde manchmal zu Recht oder zu Unrecht bemitleiden, viele Lösungsvorschläge und Ideen mit – und das ist mir wichtig, dass wir nicht nur meckern, sondern auch Impulse geben. Vielen Dank, Didi, für deine Zeit.

Didi Sehr, sehr gerne. Danke für das Angebot.