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Der schwierige Weg lohnt sich – Jungpferde, Selbstständigkeit & Eigenverantwortung mit Anna Hübner

In dieser Folge spreche ich mit Anna Hübner über Wege, die bewusst keine Abkürzungen nehmen – weder in der Jungpferdeausbildung noch im eigenen beruflichen oder persönlichen Leben.

Anna und ich kennen uns seit vielen Jahren, noch aus einer Zeit klassischer Ausbildungsstrukturen. Schon damals war spürbar, dass sie genauer hinschaut, Zusammenhänge sehen will und Verantwortung nicht an Methoden delegiert. Heute arbeitet sie selbstständig mit Pferden und Menschen – in der Ausbildung, in der pferdegestützten Förderung, im Coaching sowie im Bereich mentaler Gesundheit, Kommunikation und Stressmanagement.

Wir sprechen über:

  • Probleme in der heutigen Jungpferdeausbildung, wenn Leistung vor Entwicklung steht
  • warum schnelle Lösungen selten nachhaltig sind – weder fürs Pferd noch für den Menschen
  • was es bedeutet, Verantwortung wirklich zu übernehmen statt Symptome zu verwalten
  • Selbstständigkeit als Entwicklungsweg – mit Zweifeln, Klarheit und Eigenverantwortung
  • Sensibilität als Stärke und nicht als Schwäche
  • und warum beruflicher Wandel ohne Abkürzung oft der ehrlichere Weg ist

Dieses Gespräch bewegt sich bewusst zwischen Leistung und Menschlichkeit.
Es richtet sich an Pferdetherapeuten, Trainer und reflektierte Pferdebesitzer – aber auch an alle, die spüren, dass Entwicklung Zeit braucht und Haltung wichtiger ist als Tempo.

Eine Folge über Jungpferde. Über Selbstständigkeit. Und über den Mut, den schwierigeren Weg zu gehen.

Transkript:

Zuhören, bevor wir reiten: Jungpferdeausbildung und Stresscoaching mit Anna Hübner

Denise Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“. Ich habe heute eine Gästin – ein für mich ganz seltsames Wort, Gästin –, und zwar Anna Hübner. Anna kenne ich schon seit sehr vielen Jahren, und mittlerweile fährt sie zweigleisig: Zum einen hat sie die Seite „Feines Reiten“, auf der sie im Bereich pferdegestützte Förderung, Beritt und Unterricht arbeitet, sehr pferdegerecht, mit dem Grundthema Pferd und Mensch im Einklang. Zum anderen hat Anna das Modell „Focus and Feel“ entwickelt, ein Stress- und Mentalcoaching, mit dem sie Führungskräfte und Teams dabei unterstützt, Stresskompetenz zu entwickeln, und im Bereich Persönlichkeitsentwicklung arbeitet.

Wir haben uns kennengelernt, als Anna noch angestellt war, in einem typischen Berittstall mit teilweise recht hochkarätigen Pferden – ich habe dort als Osteotherapeutin gearbeitet. Anna ist mir damals schon extrem aufgefallen, weil sie eine der wenigen war, die wirklich genau nachgefragt hat: was ich therapeutisch gefunden hatte und wie sie das Pferd gut unterstützen konnte. Sie hatte schon damals die Idee, aus dem klassischen Dressurbereich ein Stück weit auszuscheren, obwohl sie es sich leicht hätte machen können – sie hätte wahrscheinlich die besten Pferde bekommen und im Dressursport durchstarten können. Hat sie aber nicht gemacht. Ich habe größten Respekt vor Menschen, die nicht den einfachen Weg gehen, sondern Mut haben, Dinge anders anzugehen.

Anna, ich habe dich damals als jemanden erlebt, der Dinge hinterfragt hat: Warum ist das beim Pferd so, warum hast du das gefunden? Du darfst dich gerne noch weiter vorstellen, falls ich etwas vergessen habe. Aber ich würde gerne mit der Frage starten: Was hat dich damals innerlich beschäftigt, was hat dich geprägt, auch in der Angestelltentätigkeit, und was hat dich schließlich dazu bewegt, in die Selbstständigkeit zu gehen?

Anna Auch von mir ein ganz liebes Hallo, und danke für die liebe Anmoderation – du hast schon ziemlich viel von dem, was ich mache, ins Boot geholt. Ich habe mich irgendwann auf das Thema Jungpferdeausbildung spezialisiert, das ist bis heute Kern meiner Arbeit in Sachen Ritt und Pferdeausbildung. Im Rahmen meiner Angestelltentätigkeit hatte ich damals ganz viele junge Pferde. Ich erinnere mich noch genau an einen, Don Rosario, ein junger brauner Wallach, der mir von der Bereiterin übergeben wurde, die aufgehört hat – mit den Worten: „Hier, Anna, viel Spaß, der hat sich an der Longe schon mal überschlagen, und da kommt keiner drauf.“ Das war ein dreijähriges Pferd, klassisch mit drei angeritten, wie es in diesen Betrieben Standard war.

Ich stand also da und dachte: Ich fange gerade erst als Bereiterin an, und jetzt soll ich dieses – wirklich gefährliche – Pferd irgendwie reparieren? Ich war sehr dankbar, dass ich in diesem Betrieb relativ frei entscheiden durfte, wie viel Zeit ich den Pferden gebe, und durfte wirklich bei null anfangen. Klar war nur: Wenn es nicht funktioniert, geht das Pferd zum Händler oder irgendwohin, wo niemand mehr darüber sprechen wollte. Also dachte ich: Challenge accepted.

Es hat mich schon immer berührt, Pferde ganzheitlicher anzuschauen. Ich habe angefangen, diesem Pferd zuzuhören – wir haben in der Freiarbeit gestartet, klassisches Gelassenheitstraining, ich habe mich damals wirklich ausprobiert und wurde im Betrieb auch belächelt, was ich denn mit meinem Handtüchlein und dem Regenschirm mache. Aber es hat richtig gut geklappt. Das war mein Vorzeigepferd, ein echter Musterschüler, der sich wahnsinnig toll entwickelt hat. Ich habe neulich sogar recherchiert: Er geht heute erfolgreich Dressur, turniertechnisch unterwegs.

Das Pferd hat mich stark geprägt, weil ich gemerkt habe: Nur weil Menschen sagen, das funktioniert nicht oder das ist ein gefährliches Pferd, hat das oft ganz andere Ursachen. Bei diesem Pferd war es so, dass niemand richtig zugehört und gesehen hatte, wie er tatsächlich war – vielleicht ein bisschen schneller gestresst, ein bisschen zuckiger, ein bisschen sensibler als andere Pferde. Ich habe zugehört, die Bedürfnisse erkannt und das Pferd einfach anders betrachtet, als es andere getan hätten. Das war mein Umbruch. Ich habe viele solcher Begegnungen erlebt, und auch das Thema Pferdehaltung war für mich immer wieder ein Reibungspunkt – ich bin dort immer wieder angeeckt und habe irgendwann festgestellt, dass ich keinen Betrieb gefunden habe, in dem Pferde so gehalten und ausgebildet werden, wie ich es mir mit der nötigen Zeit, Einfühlungsvermögen und einem gewissen Wissen um die Bedürfnisse der Pferde wünsche. Die logische Konsequenz war dann, mich selbstständig zu machen.

Denise Du kommst ja ursprünglich aus der klassisch-englischen Reitweise. Wie bist du auf die Idee gekommen, Richtung Gelassenheitstraining zu gehen? Hatte dich jemand inspiriert – ein Reitlehrer, eine eigene Erfahrung mit deinem Pferd –, oder war das eigene Recherche?

Anna Ich habe damals mit meinem damaligen Freund, das ist über zehn Jahre her, zusammen einen Betrieb geleitet – er war und ist Pferdewirtschaftsmeister. Er hat schon sehr viel Richtung USA gearbeitet, amerikanisch, Horsemanship-mäßig. Das war für mich völliges Neuland, ich war eher eine klassische Dressurmaus: super gerne Dressurturniere geritten, mit schickem Helm und glitzerndem Jackett. Ich habe es geliebt.

Aber mir sind immer mehr Pferde begegnet, die nicht in dieses klassische Schema passten, in dieses standardmäßig gesetzte Raster, wo das Pferd hineinpassen muss. Damit konnte ich mich weder für die Pferde noch für mich selbst identifizieren. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich viel gelernt – ich sitze zum Beispiel beim ersten Anreiten ohne Sattel drauf, ich reite Pferde auch alleine an, ganz ohne dass zwei Leute das Pferd festhalten, weil es angeblich so wild ist. Das gibt es bei mir einfach nicht. So bin ich da reingerutscht und habe mich weiterentwickelt.

Denise Spannend, dass du das sagst – dieses klassische erste Draufsitzen war ja immer so ein großer, aufgeladener Moment in der Reitpferdelaufbahn. Ich glaube aber: Wenn man gute Vorarbeit leistet, gutes Horsemanship betreibt und die Pferde mental wie körperlich belastbar macht, ist das erste Draufsitzen eigentlich kein Hexenwerk mehr. Ich kenne das auch von früher – ich war nie die talentierteste Reiterin, hatte aber keine Angst und habe junge Pferde angeritten, bin runtergefallen, wieder draufgesetzt. Wenn ich heute darüber nachdenke: Das waren im Grunde alles Pferde, die klassisch anlongiert und ausgebunden wurden, dann kam ein paar Mal der Sattel drauf, dann ich, ein paar Mal bin ich runtergeflogen, und dann wurden die Pferde aufs Turnier vorgestellt. Diese Pferde sind förmlich zentrifugiert worden, mit einem richtigen Schleudergang. Ich habe mich oft gefragt, warum die mich als nicht besonders talentierte Reiterin überhaupt draufgelassen haben – aber ich hatte damals einfach keine Angst.

Das Thema Horsemanship wird im Leistungssport ja immer noch ein wenig belächelt. Ich habe Pferde aus allen möglichen Sparten in der Behandlung – Western, Dressur, Springen, Distanz, Polo –, und ich glaube, die Basis ist bei allen gleich: Wenn wir vielseitiger mit ihnen umgehen und im Sinne der Pferde handeln würden, statt sie zu vermenschlichen, und auf die Bedürfnisse dieses Fluchttiers eingehen, bevor wir uns auf diese empfindliche Stelle setzen, an der evolutionär der Puma angreifen würde – dann wären viele Probleme gar nicht erst da.

Wenn mir ein Pferd vorgeführt wird und ich schon beim Vorführen Probleme sehe, denke ich: Da musst du dich eigentlich noch gar nicht draufsetzen, das muss erst vom Boden aus stimmen. Oft heißt es dann: „Bei der Rittigkeit haben wir Probleme mit Stellung und Biegung.“ Und wenn ich sage, führ ihn doch mal im Schritt und Trab, dann an der Longe – oh Gott, an der Longe, nur am Halfter – kommt sofort Panik auf. Das ist der Schlüssel. Ich setze erst drauf, wenn die volle Vertrauensarbeit da ist, und empfehle den Leuten Horsemanship, Bodenarbeit, Freiarbeit. Das wird oft belächelt, ich sage es trotzdem.

Man sieht das auf deinem Instagram-Kanal ja auch sehr schön, wie du mit den Pferden arbeitest und Gelassenheitstraining machst. Wer hat dich da eigentlich inspiriert? Ich finde, wir brauchen Menschen, die uns inspirieren. Und ein Wort, das du eben genannt hast, führt auch schon in den Bereich deines Stresscoachings: das Zuhören. Auf deiner Seite „Focus and Feel“ steht ganz vorne „Zuhören“. Ich glaube, wir haben mittlerweile so viele Menschen, die senden, aber kaum noch jemanden, der aktiv zuhört – die meisten warten nur auf ihren eigenen Redeanteil. Was ist das Wichtigste, das du den Menschen in der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch immer wieder mitgibst?

Anna Bevor ich das beantworte, noch ein Gedanke zu deiner Beschreibung eben: dass Leute Sorge haben, ihr Pferd zum Beispiel am einfachen Halfter zu longieren. Genau das ist der Kern dessen, warum ich bei den Jungpferden gelandet bin. Selbst bei älteren Pferden in meinem Kundenkreis – die ich immer noch gerne betreue – sehe ich oft: Der Mensch bleibt beim Aufsteigen an der Aufstiegshilfe nicht mehr stehen, ein Standardding. Dann schauen wir uns die Situation an, nicht erst an der Aufstiegshilfe, sondern schon grundlegend auf dem Reitplatz oder in der Halle. Und meistens, in etwa 90 Prozent der Fälle, ist es so: Die Leute sind mit ihrem Pferd kaum in der Lage, mehr als zehn Sekunden einfach still zu stehen, auf der Stelle, ohne irgendetwas zu tun.

Da ist immer die Frage: Wo kommt das eigentlich her? Ich habe mich lange als Symptombehandlerin gefühlt – die Leute wollten, dass etwas schnell repariert wird, und das bin einfach nicht ich. Ich schaue lieber ganzheitlich, und deshalb habe ich mir überlegt: Wo kann ich am meisten verändern? Das ist ganz klar bei der Jungpferdeausbildung. Wenn ich am Kern ansetze, bevor überhaupt erst die Themen entstehen, wegen derer die Leute später zu mir kommen, dann starten wir einfach geschickter und sinnvoller – und die Pferde laufen dann als Reitpferd ganz anders durchs Leben.

Denise Ich glaube, dass gerade bei uns Menschen wie auch bei Pferden diese Aufzucht und der Umgang in den Jungpferdejahren wahnsinnig prägend ist. Die größten Herausforderungen habe ich fast immer mit Pferden, bei denen als Jungpferd etwas schiefgelaufen ist – besonders herausfordernd, aber nicht unmöglich. Das merke ich sowohl körperlich als auch mental, und ich glaube nicht an eine Trennung zwischen psychosomatisch und somatopsychisch, sondern es ist immer beides zugleich. Wenn Pferde von klein auf artspezifisch und mit einer guten, pferdegerechten Kommunikation behandelt werden, haben wir später weniger Probleme. Die Pferde, die durch die harte Schule gegangen sind – „gib das mal zum Bereiter, dann wird das einmal eingenordet“ –, haben die größten Probleme.

Anna Das kann ich zu hundert Prozent bestätigen. Ich habe gerade den perfekten Vergleich bei mir selbst: Ich habe meine eigene Stute selbst gezüchtet, sie wird im Mai vier, weil ich genau wissen wollte, wie es ist, wenn mein Stempel von Tag eins an dabei ist. Das ist ein temperamentvolles Pferd, das aber seit Tag eins meine Art im Umgang kennt. Ich würde sie heute auch einem weniger erfahrenen Menschen in die Hand geben und sagen: Führ die mal von A nach B. Sie ist höflich, kennt Grenzen, würde nie auf die Idee kommen, mich umzurempeln, ist sehr menschenbezogen und kennt trotzdem Klarheit durch den Menschen.

Gleichzeitig habe ich eine junge Stute, die mit einem Jahr zu mir kam, mittlerweile ist sie drei. Es hieß, das Pferd könne nur mit vier Leuten beim Schmied vorgestellt werden – ein ganz liebes Mäuschen eigentlich. Als sie vom Transporter kam, wurde mir gesagt, sie sei mit dem Blasrohr sediert worden, weil niemand drankam. Das war für mich damals völlig unbegreiflich. Ich habe versucht, sie vom Anhänger zu führen, und dieses kleine Jährlingspferd hat mich über die ganze Stellgasse gezogen, sodass ich wirklich Not hatte. Kein Verständnis für das, was ich da eigentlich von ihr wollte. In der Folge konnte ich das Pferd zweieinhalb Wochen lang maximal kurz berühren, mehr nicht – und habe zweieinhalb Wochen gebraucht, nur um ihr einen Halfter aufzuziehen, weil sie eine solche Angst hatte, gar keinen Bezug zu Menschen und nur Negatives mit ihnen verbunden hat. Keiner weiß genau, was das Pferd erlebt hat, ich war so ein bisschen die letzte Hoffnung der Besitzerin.

Mittlerweile, nach knapp zwei Jahren, können wir sie am langen Strick zum Putzplatz stellen, der Schmied bearbeitet die Hufe, ich kann mit ihr in die Halle und über den Reitplatz, wir sind schon durch ein kleines Waldstück gegangen. Natürlich ist das ein Pferd mit besonderen Bedürfnissen – sie verträgt es nicht, wenn ein Mensch laut oder grob ist, das ist wahrscheinlich ein Trauma aus den ersten Monaten ihres Lebens. Und trotzdem: Es ist möglich, das zu verändern. Das ist bei mir gerade der krasseste Vergleich – was hat das eine Pferd im ersten Jahr erlebt, wie hat sich das entwickelt, und wie steht dagegen das Pferd da, das von Anfang an mit Klarheit, Grenzen und Höflichkeit aufgewachsen ist. Ich habe die größten Herausforderungen mit Pferden, die eingenordet worden sind – vier Wochen, mal eben angeritten –, eine riesengroße Herausforderung fürs ganze Leben des Pferdes.

Denise Total. Ich werde oft zur Behandlung gerufen, und die Besitzer sagen mir dann: „Ach Denise, ich weiß gar nicht, ob der so ruhig hält, ob der sich überhaupt anfassen lässt, der lässt nicht jeden ran.“ Und ich denke: Genau deswegen bin ich ja hier, um das herauszufinden. Nicht nur, um eine Blockierung zu lösen und das Pferd mechanisch durchzuarbeiten, sondern um mich zu fragen, was die eigentliche Thematik des Pferdes ist. Ich bin ja da, weil das Pferd etwas zeigt, und das soll in der Behandlung nicht stillstehen.

Ich merke immer: Wenn ich mit dem Pferd starte, ohne etwas von ihm zu fordern, sondern ihm einfach meine Hand anbiete und mich hinstelle – ich gehe mittlerweile gerne auf die Stirnpartie und lege dort einfach nur meine Hand hin, um über Koregulation die Pferde herunterzufahren und wirklich hundert Prozent präsent zu sein –, dann geben die Pferde oft einen Seufzer von sich, und ich merke, dass sie spüren, wenn ich voll bei ihnen bin. Ich habe am meisten von den Pferden selbst gelernt, weil sie mir zeigen, was nicht stimmt. Deshalb konzentriere ich mich bei der Behandlung voll aufs Pferd, das kommt dann auch viel mehr an. Wenn ich das Pferd von Kopf bis Huf durchtaste und untersuche, sage ich dem Besitzer manchmal: Jetzt ist Sendepause für dich. Viele konnten damit früher nicht so gut umgehen, weil sie dachten, das sei unfreundlich. Aber ich will keine Show-Behandlung machen, sondern schauen, was das Problem des Pferdes ist – und dafür muss ich zuhören, was ja nicht nur akustisch gemeint ist, sondern echtes Hineinfühlen.

Ich glaube, dass diese Basiskommunikationsfähigkeit, sowohl in Bezug auf Pferde als auch zwischenmenschlich, oft fehlt. Wir Menschen sind ja genauso geprägt wie ein junges Pferd, wenn etwas schiefgelaufen ist – da können wir uns in die Opferrolle begeben und sagen, das Pferd wurde schlecht aufgezogen, oder der Mensch hat frühkindlich schlechte Erfahrungen gemacht. Es gibt ja den Spruch: Es ist nie zu spät für eine gute Kindheit. Aber im Kern geht es immer um dieses Zuhören – die Kommunikation des Pferdes ist eine andere als die zwischen Menschen, aber die Basis ist dieselbe.

Anna Das mit dem Zuhören ist für mich auch ein riesiges Thema, weil ich, ähnlich wie du das mit deiner Behandlung beschreibst, damals mega inspiriert war – ich war zu der Zeit noch am Anfang meiner eigenen Beschäftigung mit Achtsamkeit und Bewusstsein. Ich dachte kurz: Ist das jetzt ihr Ernst, wieso darf ich jetzt keine Frage stellen? Ich bin ein sehr begieriger, wissbegieriger Mensch. Aber es war so schön zu beobachten, wie du mit dem Pferd interagierst und wie das Pferd dann auch bereit ist, mitzumachen.

Genau das habe ich später bei meinen Pferdemenschen erlebt: Ich realisiere in dem Moment mit dem Pferd, dass wir zum Beispiel weitere Übungen umsetzen können – und tausche mich dann mit dem Besitzer aus, und es funktioniert plötzlich vorne und hinten nicht. Eine Sache, die mir dabei auffällt: Den Menschen fehlt so sehr die Klarheit, erst mal bei sich selbst zu wissen, was sie eigentlich wollen. Was passt gerade zu dieser Situation? Was ist mein Pferd gerade in der Lage zu leisten? Ich checke mit einem kurzen Blick: Was sind gerade die Bedürfnisse, will das Pferd sich bewegen, ist es gerade voll gestresst?

Ich arbeite mit einer Stresslevel-Skala von null bis zehn. Zehn wäre, das Pferd reißt sich los und rennt weg. Bei sieben ist das Pferd schon im Überlebensmodus – dann sage ich dem Menschen nicht „guck mal, wir machen jetzt Schulter rein“, sondern dann haben wir ein ganz anderes Thema. Sich selbst dafür zu sensibilisieren, klarer zu sehen, was das Pferd gerade braucht und wie ich ihm helfen kann, ist entscheidend. Mein Lieblingsspruch ist: Hilfen sind dazu da, dass sie helfen, und nicht, dass sie das Pferd überfordern. Genau das ist der Einfluss, den wir als Menschen haben – zu entscheiden, in welche Richtung sich eine Situation entwickelt. Stelle ich bei einem Stresslevel von sieben die nächstschwierigere Frage, landen wir wahrscheinlich bei zehn, und das Pferd reißt sich los. Oder ich bin in der Empathie und sage: Ich habe dir zugehört, lass uns kurz eine Runde Schritt gehen, gemeinsam durchatmen, vielleicht kurz stehen bleiben. Bei mir gibt es zum Beispiel das aktive Absenken des Kopfes, um das Stresslevel zu regulieren. Es geht immer darum, zu schauen, wie ich meinem Pferd jetzt tatsächlich helfen kann. Und dafür muss ich zuhören.

Denise Du hattest gestern auch einen Beitrag dazu, „Was darf Reitunterricht wert sein“ – auch das fand ich spannend, weil ich glaube, dass du den Menschen nicht nur für diese eine Konstellation hilfst, sondern dass sie diese Information in ihren ganzen Alltag mitnehmen. Man überträgt das dann auf andere Situationen: Wenn man sich im Auto ärgert, weil der vor einem nicht losfährt, und sich kurz überlegt, dass da vielleicht die 98-jährige Oma sitzt, die gerade ein bisschen Schwierigkeiten hat – und dann Empathie entfaltet. Das ist ein längerer, aber viel ganzheitlicherer Weg.

Ich habe früher gedacht, dass ich mit Menschen nicht kann, und deshalb lieber mit Pferden arbeite – die Kommunikation mit Menschen fand ich anstrengend. Und dann merkt man beim Pferdebesitzer: Im Grunde waren es nicht die Leute, die mich gestört haben, sondern ich war diejenige, die nicht richtig bei sich war, ihre eigenen Grenzen nicht kommunizieren konnte und kein gutes Mindset hatte – und das habe ich auf andere übertragen. Ich habe unglaublich viel von den Pferden gelernt, was Grenzen angeht, weil sie das so ehrlich und klar zeigen. Mir ist es immer leichter gefallen, mit Pferden zu arbeiten, auch wenn sie nicht immer nett und freundlich waren – ich bin das ja auch nicht immer, auf den ersten Blick wirke ich nicht super herzlich, sondern eher fokussiert. Aber ich habe wahnsinnig viel von den Pferden gelernt, und diese Themen – über mich selbst, meine Arbeit, meine Selbstständigkeit, wo ich wirklich an Grenzen gekommen bin und schnell erschöpft war von der Kommunikation mit Menschen – haben mich dazu gebracht, mich seit Jahren intensiv mit mir selbst und mit Psychologie zu beschäftigen. Ich glaube, da haben wir eine gemeinsame Schnittstelle. Du hast irgendwann gesagt, dass du das Thema Psychologie, Kommunikation, Mindset, Stressmanagement nochmal isoliert anbietest, auch für Menschen ohne Pferdebezug. Was machst du da genau, und wie kam es dazu?

Anna Das ist etwas, das ich oft erst im Nachhinein herausfinde. Ich habe damals an der Hochschule, an der ich auch den Stress- und Mentalkurs gemacht habe, „Manager im Pferdesport“ studiert – ein Fernstudium, das war 2017 oder 2018, während ich noch als angestellte Bereiterin im Ausbildungsbetrieb gearbeitet habe. In dem Rahmen habe ich mich gefragt, was eigentlich der Kern meiner Arbeit ist. Möchte ich die Trainerin sein, die immer in der Mitte steht, bei der der Mensch das Gefühl hat, ohne sie geht gar nichts, weil er es ja gar nicht anders kann? Das war nie mein Anspruch. Ich war lange auch wöchentlich bei Schülern, das mache ich heute so gar nicht mehr. Mein Anspruch war immer: Ich möchte euch etwas mit an die Hand geben, damit wir gemeinsam sehen, was ihr als Team auch ohne mich leisten könnt, um euer Ziel zu erreichen – egal ob das gemütliches Ausreiten oder Turniersport ist, ich habe eine sehr gemischte Gruppe.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich an Grenzen komme, was das Wissen dahinter angeht: Wie gebe ich das nachhaltig weiter? Wie bringe ich Tipps, Tricks und Tools so ein, dass der Mensch zum Beispiel merkt: „Mist, das klappt mit meinem Pferd nicht“ – welches Gefühl kommt da hoch, vielleicht Frust – und wo bin ich noch frustriert, wie kann ich das in meinen Alltag mitnehmen? Mit diesem erst mal negativen Gefühl umgehen zu lernen, es anzunehmen: Okay, ich bin frustriert, verärgert, traurig, und das ist okay, das ist für sehr viele Menschen ein Riesenthema. Und dann zu fragen: Wie kann ich mir das zunutze machen, was sagt mir das über mich, will ich immer so reagieren, oder kann ich die Perspektive wechseln?

Da kam der Knackpunkt, an dem ich fast keinen klassischen Reitunterricht mehr gebe, sondern etwas Ganzheitlicheres. Ein Klassiker: Das Pferd rempelt den Menschen an, ich sage, mach mal deinen Raum präsent, der Mensch sagt, das mache ich doch schon. Dann schauen wir gemeinsam, wie sich das anfühlt – wie präsent bist du gerade, auf einer Skala? Der Mensch sagt: locker eine Zehn. Von außen sehe ich eher eine Drei, der ist eigentlich immer noch ganz vorsichtig. Das gilt es zu durchleuchten und die Perspektive zu verändern: Du darfst dich trauen, wirklich da zu sein. Dann frage ich, wie das im sonstigen Leben ist – hast du gerne Menschen nah um dich, oder fällt dir Grenzen setzen und Nein sagen schwer? Zu hundert Prozent kommt dann: Ja, das fällt mir auch total schwer.

Das war der Einstieg in die reine Arbeit mit Menschen, weil ich gemerkt habe, dass das nicht nur ein Pferdewelt-Thema ist, sondern viel größer gedacht werden darf. Da ich schon immer nachhaltig etwas verändern möchte, habe ich gesagt: Ich möchte das größer denken. Mittlerweile habe ich meinen Fokus vom reinen Pferdeausbilden in Teilen verändert – zu mir kommen zum Beispiel Kinder mit ADHS, Autismus oder anderen Besonderheiten, Integrationskinder aus Kindergärten, die eine Stunde mit mir verbringen. Dabei geht es ums Lernen: Was machen gerade meine Gefühle, warum kriege ich das nicht hin, wie geht es mir damit, wie kann ich es anders lösen, wie kommt ein ADHS-Kind, das nie zur Ruhe kommt, mit dem Pferd in Kontakt und kann einfach mal durchatmen.

Der zweite Teil ist, dass ich mit Teams in Kitas arbeite – Resilienztraining, Achtsamkeitsarbeit, Teamworkshops, Kommunikation: Es ist ja auch unter Menschen so, dass der eine etwas sagt und der andere etwas ganz anderes hört, und dann redet keiner mehr richtig miteinander. Wie können wir das in unserem normalen Leben verbessern? Das hat sich mit den Kita-Mitarbeitenden inzwischen so ergeben, dass ich ganzheitlich schaue, wie ich nicht nur mit den Kindern, sondern auch mit den dazugehörigen Erwachsenen arbeiten kann.

Denise Toll, wie sich das so entwickelt hat. Du hattest über die Gefühle gesprochen, dass auch ein negatives Gefühl da sein darf. Ich glaube, wir haben verlernt, dass es in Ordnung ist, wenn es einem mal nicht gut geht, und dass Herausforderungen auch dazu führen können, dass wir daran wachsen. Dazu gehört auch der Mut, unangenehme Themen anzusprechen. Ich glaube, wir leben heute in einer Welt mit extrem hoher Belastung, in der sich viele nicht mehr authentisch zeigen, weil sie überlegen, wie das aussieht, sich extrem anpassen und dann in Erschöpfung geraten. Diese ADHS-Autismus-Geschichten gehören ja zum Bereich Neurodivergenz. Ich bin übrigens der Meinung, dass wir wahrscheinlich gar nicht so viele Themen damit hätten, wenn wir in einer Welt leben würden, die nicht so schnell ist, ohne so hohe Erwartungshaltungen, ohne so viel Lärm und Sozial- und Umweltbelastung. Ich zähle mich selbst zur Neurodivergenz, ich habe deutliche autistische Züge, und seitdem ich das weiß, kann ich viel besser damit umgehen. Aber wir können die Umgebung nun mal nicht immer verändern, deshalb finde ich das Thema Resilienz extrem wichtig – und auch die Frage, auf welchem Ohr ich eigentlich höre.

Da bin ich großer Fan von Friedemann Schulz von Thun und seinem Kommunikationsmodell, das wir schon in der Schule gelernt haben. Der lebt übrigens immer noch, ich habe mehrere Podcasts mit ihm gehört und dachte, der wäre schon nicht mehr am Leben – ein total sympathischer Typ. Sich klarzumachen, auf welchem Ohr ich sende – ich sende zum Beispiel ganz viel auf dem sachlichen Ohr, und dann denkt vielleicht jemand, ich sei wenig auf der Beziehungsebene unterwegs. Aber es ist total spannend, sich damit zu beschäftigen, wie ich sende und auf welchem Ohr ich empfange, ob ich Dinge persönlich nehme oder einfach verstehen will. Das ist, glaube ich, der allergrößte erste Schritt – die eigentliche Veränderung kommt dann über Jahre. Aber erst mal zu verstehen, wie ich ticke, was für eine Persönlichkeit ich bin, wie Kommunikation unter Menschen und unter Pferden funktioniert.

Ich finde es spannend, dass du nicht mehr nur im Eins-zu-eins-Pferdebereich unterwegs bist, weil das ja auch wirtschaftlich eine Herausforderung ist, immer nur eins zu eins mit Pferd und Mensch zu arbeiten. Du machst ja auch Gruppenangebote und Vorträge – war das mit ein Grund, dass du dir gesagt hast, das kannst du dir nicht dreißig Jahre lang so vorstellen?

Anna Ich bin sowieso ein sehr transparenter Mensch, auch auf Social Media. Ich erzähle nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, sondern versuche auch zu zeigen, was nicht so gut läuft oder was ich kritisch hinterfrage – zum Beispiel in dem Beitrag, den ich gestern veröffentlicht habe: Was darf eine Reitstunde eigentlich kosten? Ich habe mich viel mit anderen darüber unterhalten und ein Trainernetzwerk ins Leben gerufen, „Trainer stärken Trainer“, in dem sich Pferdetrainerinnen gegenseitig stärken – nach dem Motto Gemeinsam statt einsam, weil wir alle dieselben Themen und Herausforderungen haben, statt dass der eine dem anderen etwas nicht gönnt.

2023 haben mein Partner und ich hier den eigenen Hof gekauft, eine Riesensache, auch wirtschaftlich – man muss durchrechnen, was das eigentlich kostet, wenn all diese Pferde hier stehen, und was man verlangen muss, damit sich der Stall trägt. Ich bin gerade ganz akut mit meinen Einstellern im Gespräch, weil ich festgestellt habe, dass ich meine Arbeitszeit nicht mehr kostenlos zur Verfügung stellen kann, weil das ja auch meine private Zeit ist.

Meine Kundschaft ist zum Glück sehr bereitwillig und weiß zu schätzen, wie ich unterrichte, deshalb fühlt es sich für mich richtig an, so weiterzumachen. Früher habe ich viel vereinzelt unterrichtet, das mache ich heute so gar nicht mehr – ich fahre entweder eine ganze Unterrichtstour oder mache einen Wochenendkurs, bei dem fast nie nur reiner Eins-zu-eins-Unterricht dabei ist, sondern meist ein Theorieteil und ein kleiner Reflexionsteil, wo wir gemeinsam ganzheitlicher hinschauen. Das liegt nicht nur daran, dass Eins-zu-eins wirtschaftlich nicht das Gelbe vom Ei ist, sondern auch daran, dass ich etwas Größeres möchte. Meine Vision ist eine andere – ich fühle mich nicht als die, die auf jedem einzelnen Reitplatz steht, sondern möchte mehr Menschen erreichen, weil ich sonst die Pferdewelt nicht besser machen kann.

Denise Genau, weil du einfach etwas zu sagen hast und Dinge hinterfragst. Ich glaube, man wächst extrem an Dingen, die einen fordern – man kann eigentlich nur wachsen, wenn man auch mal Schwierigkeiten hat. Und ich glaube, als hauptberuflich Selbstständige kommt man da an seine Grenzen. Wir arbeiten gerne mit Pferden, sind aber nicht karitativ unterwegs, sondern müssen davon auch leben können. In einer Branche, in der viele nebenberuflich tätig sind und das Thema Pferd ein sehr emotionales ist – die Pferde sind ja oft Familienmitglieder –, wird Wirtschaftlichkeit von Nebenberuflichen manchmal kritisiert. Du kennst ja beide Positionen, sowohl die Angestelltentätigkeit als auch die Selbstständigkeit.

Da ich gesagt hatte, dass ich einen Podcast mit dir mache, kam auch die Frage: Anna, wie geht es dir wirklich? Was bringt dich an deine Grenzen, was möchtest du in Zukunft nicht mehr, wo musst du deutlichere Grenzen ziehen? Und auf der anderen Seite: Was sind deine Ressourcen, wo tankst du Energie, wo verlierst du am meisten Energie, was belastet dich? Das wäre jetzt meine vorletzte Frage an dich.

Anna Das waren viele Fragen auf einmal. Zur ersten: Was bringt mich an meine Grenzen? Ich lerne auch durch meine Arbeit sehr viel über mich selbst. Ich befinde mich gerade selbst in der ADHS-Diagnostik, weil das neben Neurodivergenz einfach zu hundert Prozent passt – ich bin gespannt und freue mich auf viele rückblickende Aha-Erlebnisse.

Ich bin ein Mensch, der sehr gerne Gutes für andere tut. Es fällt mir aber auch heute noch schwer, die Grenze zu finden zwischen „was tut mir gerade gut“ und „was geht schon über meine Grenzen“ – wo ich merke, das geht mir an die Substanz, das nehme ich mit nach Hause, oder da habe ich gerade eigentlich keine Kapazität mehr. Nicht, weil ich mich gegen einen Menschen entscheide, sondern weil ich mich für mich selbst entscheide. Das bringt mich zum Beispiel an meine Grenzen, wenn ich mit Menschen diskutiere, ob eine Reitstunde 70 oder 75 Euro kosten darf oder ob das nicht wert ist. Dieses Selbstwertthema – da bin ich mittlerweile zum Glück sehr klar, aber es wird immer wieder von außen infrage gestellt, und dann darf ich bei mir selbst einchecken: Ist das noch mein Weg, oder rutsche ich davon weg?

Das war schon immer eine Herausforderung, gerade weil ich einerseits will, dass es allen gut geht, und mich dabei selbst schnell vergesse – das gilt auch rückblickend für die Selbstständigkeit. Mittlerweile kann ich richtig gut in konstruktive Gespräche gehen und halte mit nichts mehr hinterm Berg, wenn mich etwas beschäftigt, spreche ich es an.

Meine Ressourcen ziehe ich aus einer sehr tollen Familie und aktiven Freunden – eine Handvoll Menschen, mit denen ich über das spreche, was mich wirklich beschäftigt. Ich habe irgendwann für mich entschieden, dass ich nicht mein ganzes Leben auf Social Media teilen möchte, es gibt auch noch ein Privatleben, das ich sehr gerne habe. Durch meine Weiterbildung zum Stress- und Mentalcoach, die ich rückblickend wahrscheinlich auch für mich selbst gemacht habe, habe ich gelernt, Pausen zu machen und dabei ein gutes Gefühl zu haben, statt zu denken, ich müsste jetzt etwas Produktives tun – sondern anzunehmen, dass eine Pause mit einem Buch, einer großen Runde mit Pferd und Hund oder einem Wochenende wegfahren einfach Energie schenkt.

Mein persönlicher Superskill: Ich trage mir Zeiten in den Kalender ein, die „Anna-Zeit“ heißen. Wenn ein Kunde fragt, ob am Donnerstag ein Termin frei ist, und da Anna-Zeit im Kalender steht, sage ich nicht „ich habe einen Termin mit mir selbst“, sondern einfach: „Da kann ich leider nicht, ich habe einen Termin.“ Was das für ein Termin ist, ist meine Entscheidung – wichtig ist, dass ich für mich und meine Grenzen einstehe und sage: Auch wenn ich dir gerne helfen möchte, das ist meine Zeit. Das ganz bewusst zu entscheiden, hat mir sehr geholfen.

Denise Glaubst du, du hättest dich ohne die Selbstständigkeit so entwickeln können? Ich glaube das für mich nicht – wäre ich angestellt, wäre ich nie so an meine Grenzen gekommen und hätte nie gemerkt, dass ich selbst gesund bleiben muss, wenn ich meine Arbeit lange machen möchte. Auch wenn die Selbstständigkeit wirklich fordernd ist, bin ich sehr daran gewachsen. Immer wenn ich falle, weiß ich: Ich hole Schwung, und danach geht es noch höher hinaus. Glaubst du, du hättest dich in einer Angestelltentätigkeit vom Mindset her genauso entwickelt?

Anna Unter gar keinen Umständen. Es gibt natürlich Momente, in denen ich überlege, ob es nicht leichter wäre, wieder angestellt zu sein, im Krankheitsfall einfach mein Geld zu bekommen, Urlaub zu machen, ohne die ganze Verantwortung zu tragen. Aber dann rutsche ich schnell zurück in meine eigenen Werte und merke: Das ist nicht das, was ich mir eigentlich wünsche. Ich wünsche mir Sicherheit, aber gleichzeitig auch Freiheit, und die Selbstständigkeit schenkt mir diese Freiheit, auch wenn sie verdammt viel Disziplin fordert und in vielen Situationen anstrengend ist.

Ich bin übrigens gelernte Steuerfachangestellte, ein kleiner Disclaimer. Ich kann mir unter gar keinen Umständen vorstellen, fünf Tage die Woche von morgens bis abends am PC zu sitzen – das wäre die absolute Hölle für mich. Ich hätte mich unter keinen Umständen so entwickeln können.

Denise Das wäre jetzt meine allerletzte Frage gewesen: Was hättest du gemacht, wenn Pferde nicht in dein Leben getreten wären? Man kann sich das natürlich schwer vorstellen, aber gab es einen alternativen Beruf, den du dir hättest vorstellen können? Bei mir wäre es zum Beispiel Winzerin gewesen.

Anna Tatsächlich stand für mich ziemlich klar fest, dass ich Grundschullehrerin werden wollte. Das ist witzig, weil ich mittlerweile im Rahmen des Stress- und Mentalcoachings auch in der Grundschule bin und dort AGs leite – ähnlich wie mit Jungpferden arbeite ich dort mit Kindern an Resilienz, Achtsamkeit, Bewusstsein, Kommunikation, am Kennenlernen von Gefühlen. Allerdings nicht als Lehrerin, sondern als pädagogische Mitarbeiterin, ein kleiner Teil, der sich einfach so ergeben hat, nicht weil ich es geplant hätte. In dieser Grundschule hatte ich schon Momente, in denen ich dachte: Das hätte mir auch gefallen, ich hätte wahrscheinlich Sport und Deutsch studiert.

Denise Dann wärst du aber in einem System gefangen gewesen.

Anna Genau. Ich habe damals mein Abi geschmissen, zur Nichtfreude meiner Eltern, und hätte sonst wahrscheinlich auf Lehramt studiert – ich unterrichte ja mittlerweile auch relativ viel. Ich wäre wahrscheinlich in diesem Schulsystem gefangen gewesen, in dem heute wirklich tolle Lehrer arbeiten, die mit einer ganz tollen Idee gestartet sind. Und ich bin froh, dass ich unterrichten darf, aber so, wie ich das möchte. So schließt sich auf schöne Weise der Kreis von dem, was man vielleicht ursprünglich mal gedacht hat, und nimmt dann einen ganz anderen Weg – ich glaube, das hat immer einen Grund.

Denise Das finde ich auch so eine schöne, runde Sache zum Abschluss dieser Folge: dass man sich leiten lassen darf und am Ende vielleicht doch wieder bei der ursprünglichen Idee ankommt, nur in einer viel besseren Version. Anna, es hat mich Mut gekostet, obwohl wir uns schon so lange kennen, dich zu fragen, ob du in meinen Podcast kommst – Mut ist meine größte Hürde, weil Mut ja voraussetzt, dass man Angst hat. Und das haben wir, glaube ich, beide gemacht. Ich bin sehr gespannt, wie es bei dir weitergeht, und ich freue mich riesig, dass du zu Gast warst und dass ich diese Folge jetzt veröffentlichen kann. Danke, Anna.

Anna Sehr, sehr gerne, es war sehr schön. Ich habe noch eine abschließende Frage an dich, wenn ich sie stellen darf: Wenn du der Pferdewelt, all den Pferdemenschen, die du begleitest oder die dir zuhören, eine Sache mit auf den Weg geben könntest, die dich im Laufe deiner Selbstständigkeit im Pferdebereich begleitet hat – was wäre das?

Denise Ich würde den Leuten erstens sagen: Lasst euer Handy mal in der Tasche, wenn ihr am Stall seid. Und beschäftigt euch wirklich mit der Art des Pferdes an sich, statt alles vom Menschen aufs Pferd zu übertragen – wenn wir uns mit dem Tier beschäftigen, sollten wir es nicht vermenschlichen. Mein Appell: Vermenschlicht die Pferde nicht, seid bereit, von den Pferden zu lernen, und schaut wirklich genau hin. Ich glaube, dann könnten wir viele der Probleme und Herausforderungen, die wir heute haben, streichen. Wenn man wirklich im Jetzt ist, nicht ständig in der Vergangenheit oder bei dem, was gleich kommt, sondern einfach beim Pferd ist, entspannt ausreitet und sich nicht dauernd Stress macht – was könnte das Pferd jetzt haben, was habe ich gerade bei Instagram gesehen, hat er jetzt einen aufgegasten Bauch, oh Gott –, sondern seinen eigenen Sinnen und dem eigenen Menschenverstand vertraut und wirklich beim Pferd ist.

Anna Danke, darauf war ich gar nicht vorbereitet, aber umso besser.

Denise Es war ein schöner Austausch, kein einseitiges Gespräch. Tausend Dank.