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Training beginnt mit Körpergefühl – bei Mensch und Pferd

Training beginnt mit dem Körpergefühl – beim Mensch und beim Pferd

Was bedeutet eigentlich gutes Training – und warum hat es so viel mit Körpergefühl zu tun?
In dieser Folge spreche ich darüber, warum Bewegung allein noch kein Training ist, warum körperliche Arbeit keine Stabilität ersetzt und wie wichtig gezielte Reize, Wahrnehmung und Regeneration für echte Handlungsfähigkeit sind – bei Mensch und Pferd.

Ich erkläre, warum Rumpfkraft vor Extremitätenkraft kommt, wie Faszien als Sinnesorgan unsere Bewegung lenken und weshalb Training immer im Nervensystem beginnt. Und ich teile, warum ich – trotz körperlicher Arbeit mit Pferden – ganz bewusst ins Fitnessstudio gehe, um meine eigene Stabilität zu erhalten.

Wenn du verstehen möchtest,
• warum Körpergefühl die Grundlage für funktionelles Training ist,
• wie du Pferde ganzheitlich und anatomisch sinnvoll trainierst,
• und was Trainingsprinzipien wirklich bedeuten –
dann ist diese Folge für dich.

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Transkript:

Training: Warum Bewegung nicht gleich Training ist

Hallo und herzlich willkommen. Diese Podcast-Folge dreht sich um das Thema Training. Ich möchte das gar nicht streng wissenschaftlich angehen, sondern einfach ein paar Fragen aufgreifen, die mir häufig zum Thema Training gestellt werden – nicht nur bezogen auf das Pferd, sondern auch auf den Menschen und grundsätzlich übertragbar auf andere Lebewesen. Ich höre nämlich ganz oft, wenn ich irgendwo Pferde behandle: „Du brauchst ja auch kein Fitnessstudio mehr.“ Und jedes Mal denke ich: Nein, gerade deswegen muss ich trainieren. Ob ich dafür ein Fitnessstudio brauche, ist eine andere Frage – es gibt viele tolle Trainingsmöglichkeiten für zu Hause, und dafür braucht man wirklich nicht viel Platz. Eine kleine Gymnastikmatte oder ein stabiler Stuhl reichen oft schon aus.

Es gibt also keine Ausreden, und wer sagt, er habe keine Zeit dafür: Manchmal reicht es schon, zwischendurch ein paar gezielte Übungen einzubauen – wichtig nicht nur für den Körper, sondern auch für den Kopf. Wenn es ein Medikament gäbe, das gegen so viele chronische Leiden wirkt, gegen Autoimmunerkrankungen genauso wie gegen psychische und mentale Erkrankungen, dann wäre es vermutlich sofort ausverkauft. Dieses Mittel gibt es tatsächlich – es ist Sport.

Körperliche Arbeit ist nicht dasselbe wie Training

Wer mir sagt „Du brauchst ja auch nicht mehr trainieren“, hat aus meiner Sicht vieles im Bereich Training noch nicht verstanden. Die meiste körperliche Arbeit ist nämlich recht einseitig. Ich höre auch von Pferdebesitzern oft: „Ich arbeite doch schon den ganzen Tag körperlich“ oder „Ich mache doch jeden Tag Stallarbeit.“ Genau das ist aber der Punkt: Die Arbeit, die wir täglich verrichten – am Stall oder in anderen körperlichen Berufen – ist selten ausgewogen und meist sehr einseitig. Sie trainiert selten das, was eigentlich wichtig wäre: Stabilität, Beweglichkeit und eine gute Tiefenmuskulatur.

Körperliche Arbeit zählt für mich deshalb nicht zwangsläufig als Training. Wir müssen klar zwischen Bewegung und Training unterscheiden. Bewegung ist für mich alles, was mit einer körperlichen Bewegungsamplitude zusammenhängt – sobald ich mich bewege, ist das Bewegung. Training dagegen bedeutet, dass ich gezielte Reize setze, die zu einer Anpassung des Körpers führen. Diese Unterscheidung macht es einfacher zu beantworten, wie oft man ein Pferd bewegen oder trainieren darf.

Superkompensation und Regeneration

Wenn ich an einem Tag einen starken, überschwelligen Trainingsreiz setze – also einen, der zu einer Anpassung führt –, muss ich dem Körper danach die Möglichkeit zur Regeneration geben, um eine erhöhte Leistungsfähigkeit zu erreichen. Das ist das Phänomen der Superkompensation: Nach dem Trainingsreiz folgt Erholung, die durchlaufen werden muss, bevor das Leistungsniveau ein höheres Level erreicht. Erst dann sollte der nächste Trainingsreiz gesetzt werden.

Ob das bei einem Pferd 24 oder 72 Stunden dauert, hängt von der beanspruchten Struktur ab. Nach einem sehr starken Reiz auf die Sehnen sollte man dem Körper eher 48 Stunden geben. Andere Strukturen, etwa bestimmte Muskelgruppen – beim Menschen weiß man das zum Beispiel vom Musculus biceps brachii –, regenerieren dagegen deutlich schneller. Es kommt also sehr darauf an, auf welche Struktur der Trainingsreiz gesetzt wird und ob es sich überhaupt um Training oder nur um Bewegung handelt. Ein Pferd oder ein Mensch, der an einem Tag stark überschwellig trainiert hat, darf sich am nächsten Tag trotzdem noch bewegen – das heißt nicht, dass gar keine Bewegung mehr stattfinden darf.

Warum gezielte Reize auch für mich selbst wichtig sind

Ich merke bei mir selbst, wie wichtig das ist. Ich bin körperlich sehr aktiv, viel in Bewegung – ich habe einen Hund, mit dem ich rausgehe, und ein Kind, das mich zu vielen Aktivitäten auffordert. Trotzdem braucht mein Körper gezielte Trainingsreize. Ich gehe mittlerweile ins Fitnessstudio, habe lange Zeit gezieltes Ausdauertraining betrieben und mache das teilweise immer noch – Langstreckenschwimmen, Triathlon, Langstreckenlaufen, was nie meine große Stärke war. Besser war ich immer im Radfahren und Schwimmen, je länger die Strecke, desto besser.

Lange dachte ich, Training im niedrigen Tempo fördere vor allem die Fettverbrennung. Seit ich intensiveres Krafttraining eingebaut habe, hat sich meine Körperzusammensetzung nochmal deutlich verändert – es ist die Mischung aus Grundlagen-Ausdauertraining, hochintensivem Intervalltraining und Krafttraining, die den Unterschied macht, denn Muskulatur verbraucht viel Energie und kann die Körperzusammensetzung enorm verändern.

Ich bin also sehr breit aufgestellt: Fitnessstudio, Ausdauertraining, alles Mögliche. Da ich keine Wettkämpfe im Ausdauerleistungsbereich mehr bestreite, habe ich inzwischen auch mehr Zeit für andere Dinge wie Bouldern. Für Krafttraining zu Hause nutze ich gerne, wenn wenig Zeit vor einem Termin ist, einen Sandsack als funktionelles Trainingsgerät – ein wirklich gutes Gerät ist dabei enorm unbequem im Training, aber genau das sind Pferde ja auch: Sie können sich schnell bewegen, und ich muss trotzdem stabilisieren können, wenn ich zum Beispiel ein Bein anhebe oder der Pferdekopf auf meiner Schulter liegt. Das ist keine Langhantel mit fixer Last, sondern etwas, das sich bewegt – und genau dafür hat sich das Training mit dem Sandsack sehr bewährt. Je nach Phase und je nachdem, was mein Körper gerade braucht, baue ich entsprechend Trainingszeit ein. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mir als Selbstständige weder Krankheit noch Verletzungen leisten kann – ich muss und möchte körperlich so lange wie möglich fit bleiben. Natürlich habe auch ich meinen inneren Schweinehund, aber irgendwann kann man auch nicht mehr ohne.

Bewegung ist Leben, Training ist Anpassung

Diese Prinzipien gelten für Pferde ganz ähnlich. Bewegung ist Leben, Training ist Anpassung. Bewegung hält in Gang, Training verändert. Richtiges Training braucht Struktur, Pausen, Variation – also System. Ich bin sehr für systematisches Arbeiten, was aber nicht heißt, dass man nicht auch einfach mal mit dem Pferd ins Gelände gehen kann. Das ist ganz wichtig, auch für die mentale Gesundheit: Pferde sollten nicht nur kontrolliert bewegt werden, sondern auch handlungsfähig sein – etwa mit langen, hingegebenen Zügeln über Stock und Stein, auf unterschiedlichen Böden, mit sichtlicher Freude, ohne dass der Reiter ständig überlegt, wie das Pferd gerade den Kopf hält.

Genau das verkopfte Trainieren, das Pferd immer „in Form pressen“ – so habe ich früher selbst reiten gelernt, mit dem Pferd am Zügel und der Seitenansicht als wichtigstem Maßstab, was teilweise heute noch verbreitet ist. Erst nachdem ich mein eigenes Pferd dadurch ordentlich überfordert hatte, habe ich das Ganze hinterfragt – und bin über viele Umwege, über den Humanbereich, die Sporttherapie und meine Sport- und Gymnastiklehrerausbildung, zum Beruf der Pferde-Osteotherapeutin gekommen.

„Der geht doch auf die Wiese“ reicht nicht

Im Pferdebereich sagen mir viele: „Mein Pferd bewegt sich doch jeden Tag, das reicht doch.“ Wenn ich sage, ein Pferd sollte nach der Behandlung nochmal bewegt werden, höre ich oft: „Der geht jetzt aber auf die Wiese.“ Dann sage ich: Nein, es sollte wirklich nochmal konsistent 10 bis 15 Minuten bewegt werden. Gerade im Frühsommer, wenn das Weidegras noch üppig ist, laufen Pferde oft einfach von einem großen Grasbüschel zum nächsten – das Buffet direkt vor der Nase. Das ist keine ausreichende Bewegung.

Training hat immer ein Ziel: Belastbarkeit aufbauen, Handlungsfähigkeit verbessern, Verletzungen vermeiden – auf körperlicher Ebene, aber genauso mit erheblichen Auswirkungen auf die Psyche. Beides lässt sich nicht voneinander trennen.

Die grundlegenden Trainingsprinzipien

Ganz zentral sind dabei die Trainingsprinzipien, unabhängig von der Disziplin. Ich arbeite in praktisch allen Bereichen des Reitsports – Distanzpferde, Polopferde, Western, klassische englische Reiter, akademische Reitkunst, alles ist dabei. Die Trainingsprinzipien, also das Grundlagentraining, gelten für jedes Pferd, und ich finde es enorm wichtig, immer wieder auf diese Grundprinzipien zurückzukommen. Es handelt sich um biologische Gesetzmäßigkeiten, die für Mensch und Pferd gleichermaßen gelten:

Erstens Reiz und Anpassung: Ohne Reiz keine Entwicklung, der Körper braucht Impulse, um sich zu verändern. Ein gutes Beispiel sind für mich E-Bikes – das ist Bewegung, aber kein Training, weil kein Reiz gesetzt wird, auf den eine Anpassung erfolgt. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand das E-Bike statt des Autos nutzt, aber wer nur mit dem E-Bike unterwegs ist und behauptet, „50 Kilometer Fahrrad gefahren“ zu sein, verwechselt aus meiner Sicht Bewegung mit Training.

Zweitens die Superkompensation, wie schon beschrieben: Nach Belastung geht der Körper zunächst in ein Defizit und wird danach stärker – aber nur, wenn die Regeneration auch zugelassen wird.

Drittens die Individualität: Kein System reagiert gleich, egal ob bei Futtermitteln oder beim Training. Jeder Körper, ob Mensch oder Pferd, reagiert anders, hat andere Fähigkeiten und Fertigkeiten und Freude an unterschiedlichen Dingen. Wichtig ist, dass sich Reiter und Pferd dabei treffen – entweder woran das Pferd Freude hat, oder wie sich das Training so gestalten lässt, dass es für beide gut funktioniert. Das heißt nicht, dass jeder unbedingt Bodenarbeit im Dualgassen-Stil oder Tensegrity-Training machen muss – es gibt viele Wege, und wir sollten niemandem etwas überstülpen. Als Trainer können wir Angebote machen und schauen, was gut funktioniert. Für mich persönlich funktionieren zum Beispiel Bodenarbeit und Horsemanship, kombiniert mit Freiarbeit, sehr gut – ich sehe, wie gut die so trainierten Pferde dastehen und wie gut sie sich auch unter dem Reiter machen. Viele Reiter denken, sie müssten sich jeden Tag aufs Pferd setzen, damit das Reiten besser wird. In Wirklichkeit werden Pferde oft besser, wenn wir ihnen zusätzliche, vielseitige Angebote machen.

Viertens die Variation: Immer derselbe Reiz bringt keine Fortschritte, unterschiedliche Reize fördern Koordination und Resilienz.

Fünftens die Progression: langsam, aber stetig steigern, damit sich Strukturen anpassen können. Dabei gibt es unterschiedliche Anpassungsgeschwindigkeiten im Gewebe – Muskulatur passt sich schnell an, Band-, Sehnen- und Faszienstrukturen brauchen deutlich länger.

Sechstens die Spezifität: Trainiert wird, was tatsächlich verbessert werden soll – aber immer im funktionellen Zusammenhang, nicht isoliert. Wer diese einfachen, aber entscheidenden Prinzipien vergisst, landet leicht in Überforderung oder Stillstand. Wer nicht weiß, dass Training in Richtung Versammlung für ein Pferd eine enorme Kraftleistung darstellt, wird auch nicht verstehen, dass sich Versammlung nicht wie ein Grundlagen-Ausdauertraining trainieren lässt – und muss sich dann nicht wundern, wenn das Pferd anschließend wiederholt physiotherapeutisch oder osteopathisch behandelt werden muss, weil man schlicht nicht zehn Minuten am Stück versammeln kann.

Das sind einfache Zusammenhänge, die aus meiner Sicht jeder Trainer kennen sollte, lizenziert oder nicht – und die sich vom Menschen problemlos aufs Pferd übertragen lassen.

Funktionelles Training statt isolierter Übungen

Die Trainingsbasis ist aus meiner Sicht ein gutes Körpergefühl, das wiederum voraussetzt, dass der Körper handlungsfähig ist. Ein Pferd, das 23 Stunden am Tag in der Box steht und sich höchstens überlegen kann, ob es mit dem Hintern oder dem Kopf Richtung Stallgasse steht, ist nicht besonders handlungsfähig.

Was ich zum Beispiel heute Vormittag im Fitnessstudio gesehen habe, bestätigt mir immer wieder, wie sinnlos manches Training sein kann – eindimensionale Bewegungen wie Beugung, Streckung, Seitwärtsbewegung, alles schön geführt an Geräten, die auch noch das Tempo anzeigen, dazu eine App zum Draufschauen, damit man bloß vom eigenen Körpergefühl abgelenkt ist. Ich finde das oft nicht sehr funktionell – außer in der Reha, wo zum Beispiel gezielt der Kniestrecker nach einer Verletzung langsam wieder aufgebaut werden soll, um die inter- und intramuskuläre Koordination zu verbessern. Aber manchmal geht es wirklich nur darum, isoliert einen bestimmten Muskel aufzubauen – im Fitnessstudio höre ich dann Sätze wie „Heute mache ich Brust und Trizeps“, und denke mir: Das ist oft eher eine optische Angelegenheit als ein funktionierendes Gesamtsystem.

Funktionelles Training bezieht dagegen den ganzen Körper mit ein, arbeitet in Muskelketten und bezieht Faszien-, Muskel- und Gelenksysteme gemeinsam ein, um die Koordination des gesamten Körpers zu verbessern. Wenn mich jemand fragt, wie man gezielt die Bauchmuskeln, die Rückenmuskulatur oder die Rumpfträger eines Pferdes trainiert, kann ich zwar einzelne Übungen nennen – aber diese müssen im Gesamtzusammenhang eingebettet sein. Ein Pferd soll zum Beispiel im Schulterherein lernen, seine gegen die Schwerkraft arbeitende Brust- und Schultergürtelmuskulatur stärker anzuspannen, ohne dabei die Gesamtbewegung und das große Ganze zu verlieren.

Im Fitnessstudio sehe ich oft, dass an Geräten kaum auffällt, wie schlecht das Körpergefühl vieler Menschen tatsächlich ist – sie sind ja „eingefärbt“ und geführt, wirken dabei aber oft auch gelangweilt. Sobald freie Bewegungen ins Spiel kommen, zeigt sich häufig, dass Körpergefühl und Koordination fehlen, und man kann natürlich nicht mehr mit so hohen Gewichten arbeiten. Genau das halte ich aber für den richtigen Ansatz: wirklich funktionelles Training und echten Kraftaufbau zu betreiben. Ohne Kontrolle gibt es keine echte Stärke – das gilt für Mensch und Pferd gleichermaßen. Wenn ein Pferd seinen eigenen Körper nicht gut wahrnehmen kann, seine Propriozeption, Koordination und Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind, weil es immer nur „eingefärbt“, ausgebunden oder durch Reiterhand und -bein stark limitiert bewegt wird, bekommen wir kein Pferd, das wirklich stabil ist – weder körperlich noch mental. Training ist also immer auch Wahrnehmungstraining.

Ein Appell: eine Sache nach der anderen

Mein Appell geht auch an Menschen, die im Fitnessstudio ständig aufs Handy schauen, während oder zwischen den Übungen. Ich kenne Fitnessstudios nicht erst seit ein, zwei Jahren, sondern schon seit meiner Sport- und Gymnastiklehrerausbildung, die ich 2002 abgeschlossen habe – damals habe ich selbst zeitweise im Fitnessstudio gearbeitet, bevor ich mit Pferden zu arbeiten begann. Damals hat man trainiert und war wirklich im Training, hat sich auf die Übung konzentriert oder zwischendurch mal ein Gespräch geführt. Heute sind viele nur noch mit dem Handy beschäftigt. Ich muss mich nicht aufs Laufband stellen und dabei aufs Handy schauen – das ist einfach zu viel gleichzeitig. Eine Sache zu einer Zeit: Training ist Training, Handydaddeln ist Handydaddeln.

Rumpfkraft vor Extremitätenkraft

Ein weiteres, aus meiner Sicht nach wie vor gültiges Prinzip: Rumpfkraft vor Extremitätenkraft. Wer schnelle Extremitäten braucht, ob beim Pferd oder im menschlichen Ausdauersport, sollte einen stabilen Rumpf haben. Starke Rumpfmuskulatur verlangsamt die Extremitäten dabei nicht – dafür müsste man schon extremes Hypertrophietraining betreiben. Ohne eine stabile Mitte und starke Tiefenmuskulatur fehlt die gute Kraftübertragung. Ein stabiler Rumpf bedeutet dabei nicht Steifheit, sondern eine positive Spannung – eine Mischung aus Beweglichkeit und Stabilität, wie sie zum Beispiel im Horse-Tensegrity-Training angestrebt wird. Nur so kann Energie frei durch den ganzen Körper fließen, können Bewegungen gut geführt werden und neuromuskulär die Koordination zwischen den Muskeln stimmen.

Faszien sind dabei immer mit dabei – für mich gibt es kein isoliertes „Faszientraining“, sondern Faszien sind grundsätzlich in jedes Training involviert. Sie sind der große Vermittler und Durchlässer für Bewegungen, die aneinander vorbei oder miteinander stattfinden können, und liefern eine wichtige Rückmeldung an den Körper – im Grunde ein riesiges Sinnesorgan für Bewegung, Spannung und Orientierung. Ich tue mich nur schwer mit einem rein auf Faszien fokussierten Training, denn gutes Training bezieht immer alle Systeme des Körpers mit unterschiedlichen Schwerpunkten mit ein.

Vielseitigkeit, Regeneration und das Nervensystem

Vielseitiges Training ist mir ebenfalls ein Anliegen – aber auch das muss schrittweise aufgebaut werden. Ein Pferd, das zehn Jahre lang nur in der Halle auf ebenem Boden gelaufen ist, schicke ich nicht plötzlich ins hügelige Gelände, nur weil gutes propriozeptives Training wichtig ist. Langfristig sollte aber das Ziel sein, dass Pferd wie Mensch auf unterschiedlichen Böden ihren Körper unter Kontrolle haben.

Ganz wichtig sind auch Pausen und Regeneration, denn der eigentliche Aufbau, die Anpassung, findet in der Erholungsphase statt. Und schließlich Nervensystem und Lernen: Ein Pferd kann nur dann gut lernen, wenn eine gute Balance zwischen Aktivität und Entspannung besteht. Bei mir schrillen die Alarmglocken, wenn jemand davon spricht, ein Pferd müsse „erst in die parasympathische Funktion“ gebracht werden oder man mache „ein sympathisches Training“ – das halte ich für ziemlichen Unsinn, denn wir brauchen eine gute Mischung aus beidem. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es dabei eher darum geht, mit Fachbegriffen zu jonglieren. Pferde sollten weder missbräuchlich noch im absoluten Dauerstress trainiert werden – das gilt für Menschen genauso. Wir brauchen weder Dauerstress noch komplette Passivität.

Losgelassenheit oder „Lockersein“ bedeutet nicht Spannungslosigkeit, sondern positive Spannung – ein Begriff, den, glaube ich, Stefan Stammer einmal geprägt hat: das Pferd in positiver Spannung. Ich finde diesen Begriff sehr treffend – weder zu wenig noch zu viel Spannung, keine Verkrampfung, kein Hypotonus.

Bewegung wirkt regulatorisch – nicht nur physisch, sondern auch emotional und hormonell. Sie baut Stress ab, senkt Cortisol, fördert Heilungsprozesse und beeinflusst sogar die Genaktivität. Das ist im Grunde ein wichtiger epigenetischer Faktor: Genauso stark wie über die Ernährung können wir über Bewegung und Training darauf einwirken, wie gut Pferde – und wir selbst – in der Lage sind, unsere Gene „vernünftig abzulesen“. Bewegung ist Medizin, und Training ist deshalb für mich nicht verhandelbar.

Trainingspausen sind okay – planloses Training nicht

Natürlich gibt es Trainingspausen, und das ist völlig in Ordnung, wenn Pferde – verletzungsbedingt oder weil gerade andere Dinge Priorität haben – eine Zeit lang pausieren. Man kann nicht immer alles kontrollieren. Aber gutes Training ist kein Zufall. Es ist Bewusstsein in Bewegung. Wenn Körpergefühl, funktionelle Prinzipien und Regeneration zusammenkommen, entstehen Gesundheit und echte Handlungsfähigkeit.

Vielleicht denkst du beim nächsten Mal, wenn dir jemand sagt „Du brauchst ja auch gar kein Fitnessstudio mehr“: Genau deshalb brauche ich es, weil ich mich sonst einseitig trainiere oder belaste. Training ist für mich übrigens auch einfach meine eigene Zeit – Zeit, in der ich mich mit meinem eigenen Körper und mit mir selbst beschäftige.

Wenn euch weitere Themen wie Training, Epigenetik, Genetik, Nervensystem oder Magenthemen interessieren, meldet euch gerne für meinen Newsletter an, den findet ihr über horse-therapy-academy. Ich freue mich über Rückmeldungen, und achtet wirklich genau auf eure Pferde beim Training. Nicht jedes Pferd zeigt Stress durch Anspannung – das wäre auch nochmal ein eigenes Thema für eine Podcast-Folge. Viele Pferde, gerade unter den Robustrassen, zeigen Stress eher subtil durch Passivität und ein phlegmatisches Verhalten. Wenn du dich also fragst, wie es deinem Pferd im Training geht, solltest du dich intensiv mit Schmerzzeichen und der Persönlichkeit deines Pferdes beschäftigen und genau hinschauen – wissend, dass es sowohl aktive als auch passive Stresstypen gibt. Aber das wäre wirklich ein eigenes Thema für eine neue Folge. Bis zum nächsten Mal, eure Denise.