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Selen im Pferdefutter: Wie entsteht unbemerkt eine Überversorgung – und warum sind Social-Media-Tipps so gefährlich?
In dieser Podcastfolge erzähle ich dir ein bewegendes Fallbeispiel eines vierjährigen Jungpferdes, das durch gut gemeinte Empfehlungen beinahe in eine Selen-Überdosierung rutschte. Stärke- und zuckerreiches Wachsfutter, hochdosierte Mineralfutter und zusätzliche Müslis – viele Pferde nehmen dadurch deutlich mehr Selen auf, als ihre Körper vertragen können.
Du erfährst:
- warum gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz regionale Selenwerte im Boden extrem variieren
- wie organisches vs. anorganisches Selen wirkt und warum die Kombination entscheidend ist
- welche Symptome auf eine Selenvergiftung oder einen Selenmangel beim Pferd hinweisen
- weshalb junge Pferde besonders sensibel auf falsche Fütterung reagieren
- wie Social-Media-Futtertipps zu massiven Fehlversorgungen führen können
- warum eine osteopathische Behandlung allein nicht reicht – und wir das gesamte Pferd betrachten müssen
- wie Stärke, Zucker und Melasse die Darmgesundheit belasten und sogar Parasiten begünstigen
- welche Verantwortung die Futtermittelindustrie bei Mineralstoffdosierungen trägt
Diese Folge richtet sich an alle, die Pferde nicht „zwischen Tür und Angel“ behandeln oder füttern möchten, sondern Zusammenhänge ganzheitlich verstehen wollen.
Wenn du tiefer in Themen wie Spurenelemente, Stoffwechsel, Magenprobleme und Darmgesundheit einsteigen möchtest, trag dich gern in meinen Newsletter ein – dort erhältst du kostenlose Webinare und Fachwissen für nachhaltige Pferdegesundheit.
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Transkript:
Selen, Social Media und das Jungpferd, das fast in eine toxische Überversorgung rutschte
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“. Heute möchte ich anhand eines Fallbeispiels verdeutlichen, warum ich Fragen wie „Kannst du mir mal kurz sagen, welches Mineralfutter gut ist?“, „Was machst du bei der und der Erkrankung?“ oder „Was hältst du von…?“ nicht einfach schnell beantworten möchte. Therapie braucht Zeit. Wer mir Böses will, unterstellt mir dann vielleicht, ich wolle mit Behandlungen, Beratungen oder Mentoring nur Geld verdienen. Wer aber genauer hinschaut und versteht, wie ich arbeite, wird eher respektieren, dass solche schnellen Antworten nicht möglich sind – auch wenn ich dabei manchmal kurz angebunden wirke –, während ich gleichzeitig eine Menge kostenlosen Input und Wissen in Webinaren und Podcasts wie diesem weitergebe. Social Media ist dafür oft nicht die optimale Informationsquelle, wenn es darum geht, Themen wirklich differenziert zu beleuchten.
Ich bekomme diese Fragen – „Was hältst du von…?“, „Was mache ich bei…?“, „Welches Mineralfutter soll ich nehmen?“ – praktisch jede Woche. Ich verstehe sie, weil der Markt sehr unübersichtlich ist und viele einfach irgendwas empfehlen. Ich mache das anders: Ich bin gerne für die Kunden da, die ich betreue, und stehe auch nach der Behandlung oder Beratung – je nach gebuchtem Paket – für eine gewisse Zeit für Rückfragen zur Verfügung. Meine Zeit und Energie möchte ich meinen Kunden und meinem eigenen Streben nach tieferem Wissen widmen, damit ich die Arbeit, für die ich gerufen und bezahlt werde, vernünftig ausüben kann. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass Therapie langfristig nicht mit einer kurzen, schnellen Lösung funktioniert.
Ein Fallbeispiel: gut gemeint, aber riskant umgesetzt
Heute möchte ich das Beispiel eines jungen Pferdes und seiner wirklich engagierten Besitzerin zeigen, an dem deutlich wird, warum genaues Hinschauen so wichtig ist. In der Regel müssen Probleme – oder, positiver gesagt, Herausforderungen – aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Deshalb geht es heute auch um das Thema Selen.
Wie ihr wisst, bin ich grundsätzlich ein großer Freund davon, zum Heu zu mineralisieren, denn die Böden in Deutschland sind in vielen Regionen ausgezehrt und enthalten deutlich weniger Zink und Magnesium als früher – der Magnesiumgehalt ist gegenüber vor 100 Jahren um etwa 90 Prozent zurückgegangen. Je nach Heu ist eine zusätzliche Mineralisierung deshalb durchaus notwendig. Wichtig ist aber: Das sind immer Ergänzungen zu einem guten Grundfutter, keine Ersatz dafür. Auch ich ergänze bestimmte Mengen- und Spurenelemente, aber sie ersetzen keine gesunde Grundernährung.
Das Fallbeispiel handelt von einem vierjährigen jungen Pferd. Ich nenne natürlich keine Namen, und einzelne Details habe ich leicht abgewandelt, um das Beispiel etwas runder zu machen – falls die Besitzerin mithört, bitte ich um Verständnis dafür. Das Pferd wurde mir zur Kontrolle vorgestellt, weil die sehr engagierte Besitzerin genau wissen wollte, wie sie einige kleinere und größere Probleme vernünftig in den Griff bekommen kann.
Die Stute sah auf den ersten Blick recht kräftig aus, hatte solide Substanz, wurde nett gearbeitet und fühlte sich in ihrer Herde sichtlich wohl – gute Basics, gutes Horsemanship, gutes Training, und das Wissen, dass Heu die absolute Basis der Fütterung ist. Das Pferd wurde bereits mit einem sehr hochwertigen und kostspieligen Mineralfutter unterstützt. Mineralfutter muss nicht zwangsläufig teuer sein, wichtig ist vor allem, dass es nicht überwiegend aus Füllstoffen besteht, die dem Körper eher schaden als nützen – Füllstoffe als Trägersubstanz sind grundsätzlich notwendig, aber die Dosierung macht den Unterschied. In diesem Fall war es tatsächlich ein sehr hochwertiges, hochpreisiges, aber leider auch selenreiches Mineralfutter.
Wie es zur Überversorgung kam
Das Fell des Pferdes war etwas stumpf, die Stute muskulär recht fest. Die Besitzerin war sehr erfreut darüber, dass die Stute so gut zugenommen hatte – sie kam ursprünglich aus einer schlechten Haltung, war stark unterernährt und verwurmt. Die naheliegende Idee war also, das Pferd erst einmal „aufzupäppeln“, und darin steckten viele richtige Ansätze. Leider war aber offenbar auch eine nicht ganz optimale Beratung im Spiel, vermutlich über Social Media – so habe ich es zumindest verstanden.
Bei diesem sehr schmalen, unterernährten und weiterhin verwurmten Pferd – der Wurmbefall wurde zwar bereits angegangen, bestand aber noch – wurde ein Futter für Pferde im Wachstum empfohlen: ein Müsli mit sehr hohem Stärke- und Zuckeranteil. Bei einem Pferd, das nicht mehr als sechs Stunden pro Woche locker trainiert wird und gleichzeitig verwurmt ist, würde ich aus meiner Sicht ein solches Futtermittel nicht einsetzen – es belastet aus meiner Erfahrung eher den Darm.
Grundsätzlich lässt sich durchaus auch mal mit stärkehaltigen Futtermitteln arbeiten – ich bin dabei eher ein Fan von Hafer als von Gerste, Mais oder Weizen, weil letztere Gluten enthalten. Hafer selbst enthält ursprünglich kein Gluten, kann aber durch Anbau auf Feldern, auf denen zuvor glutenhaltiges Getreide stand, Spuren davon enthalten. Viel Gluten kann Darmentzündungen begünstigen. Bei einer Verwurmung greifen die Würmer zwar nicht direkt auf Zucker und Stärke zu, aber: Das Immunsystem hat seinen Hauptsitz im Darm. Ist der Darm entzündet oder überlastet – etwa durch große Mengen Müsli –, fällt es dem Körper deutlich schwerer, gegen die Verwurmung anzukämpfen. Je stabiler der Darm und je entzündungsärmer die Fütterung, desto besser – und dazu gehört, wenn der Energiebedarf nicht entsprechend hoch ist, eine stärke- und kohlenhydratreduzierte Fütterung, zumal im Grundfutter Heu meist ohnehin schon ausreichend Zucker enthalten ist.
Schon in der Anamnese, bei der Vorbereitung auf den Termin, klingelten bei mir die Alarmglocken: Warum bekommt dieses Pferd dieses Müsli? Die Besitzerin hatte einfach vertraut – was man ja irgendwie auch tun muss, denn irgendjemandem muss man vertrauen. Sie hatte darauf gesetzt, dass dieses Aufpäppel-Futter schon passend sein würde, ohne zu wissen, dass hohe Mengen an Kraftfutter den Magen belasten, im Darm Entzündungen begünstigen und das Immunsystem so schwächen können, dass man der Verwurmung kaum Herr wird.
Die Idee, das Pferd aufzupäppeln, war also grundsätzlich gut – die konkrete Umsetzung aber nicht ideal. Ich wurde gerufen, weil das Gefühl da war, dass sich noch etwas optimieren ließe. Zusätzlich wurde dieses Müsli in großer Menge gegeben, laut Packungsangabe rund zwei Kilogramm täglich.
Die Rechnung: deutlich über der toxischen Grenze
Nehmen wir vereinfacht ein 500-Kilo-Pferd als Bezugsgröße: Der Gesamtbedarf – inklusive dem, was im Heu enthalten ist, was in diesem Fall nicht bekannt war – liegt bei etwa einem Milligramm Selen am Tag. Allein die zwei Kilogramm Müsli enthielten bereits 1,4 Milligramm Selen – schon deutlich über dem Bedarf. Selen ist als wichtiges Antioxidans zwar bedeutsam: Es unterstützt die Ausleitung von Schwermetallen und ist wichtig für die Schilddrüsenfunktion, etwa für die Umwandlung des Schilddrüsenhormons T4 in T3. Aber bei diesem Pferd kamen wir allein durch das Müsli schon auf 1,4 Milligramm. Dazu kam ein Mineralfutter mit Selen in organischer Form – konkret Selenhefe beziehungsweise Selenomethionin, eine Form, die ich grundsätzlich eher ungern sehe –, das noch einmal etwa ein Milligramm beisteuerte. In Summe kamen wir bei diesem rund 400 Kilo schweren Pferd auf 2,4 Milligramm täglich – bei einem 500-Kilo-Pferd wäre das mehr als der doppelte Erhaltungsbedarf. Die toxische Grenze liegt bei einem 500-Kilo-Pferd bei etwa 5 Milligramm am Tag.
Schon anhand der Anamnese und der übermittelten Blutwerte wusste ich, dass das Pferd mit Selen überversorgt war: Der Selenwert im Blut lag bei 180 Mikrogramm pro Liter, während der Referenzbereich je nach Labor zwischen 100 und 200 liegt. Dazu habe ich bereits eine eigene Folge gemacht, auf die ich hier verweise – aus meiner Sicht sind die Referenzwerte bei Selen fürs Pferd tendenziell zu hoch angesetzt, unter anderem, weil vielen Futtermitteln standardmäßig Selen zugesetzt wird und dadurch die Normwerte der Labore entsprechend nach oben verschoben werden. Viele Pferde bekommen dann eine Selenkur, selbst wenn ihr Wert nur bei etwa 90 liegt, unabhängig von tatsächlichen Symptomen. Insgesamt lag dieses Pferd bei etwa dem 2,5-fachen Erhaltungsbedarf.
Wen trifft die Verantwortung?
Die Besitzerin konnte nichts dafür – wirklich nicht. Ich erlebe das öfter: engagierte Kundinnen und Kunden, die es genau wissen wollen und trotzdem merken, dass irgendwo etwas nicht stimmt. Wir können von Pferdebesitzern nicht erwarten, dass sie sich mit den toxischen Grenzen einzelner Spurenelemente auskennen. Und wir können ihnen keinen Vorwurf machen, wenn ein Futtermittel von jemandem empfohlen wurde, der vielleicht die richtige Grundidee hatte – „das Pferd braucht viel Energie“ –, aber nicht auf die toxischen Grenzen bei Selen geachtet hat. Pferdebesitzer müssen sich auf irgendjemanden verlassen können, ähnlich wie ich mich in der Autowerkstatt auf die Fachleute verlasse. Irgendwo muss man Vertrauen können, und oft merkt man ein Problem erst, wenn es bereits eingetreten ist. Man kann sich nicht in jedes einzelne Thema selbst einarbeiten – dafür sind viele Bereiche mittlerweile zu tief und zu speziell geworden.
Die Gesamtsituation des Pferdes
Zusammengefasst hatten wir hier: organisches Selen in hoher Dosierung, einen bestehenden Wurmbefall – im Kot waren deutlich Bandwürmer sichtbar – und vermutlich, wie sich auch in Bewegung und Verhalten zeigte, einen entzündeten Darm, der sich trotz Arbeit mit spezialisierten Laboren nicht recht in den Griff bekommen ließ. Es geht dabei auch darum, den Würmern das Leben möglichst unbequem zu machen, indem Immunsystem und Darm gezielt unterstützt werden.
Vom Bewegungsapparat her war das vierjährige Pferd ansonsten unauffällig, wirkte allerdings entwicklungsmäßig eher wie ein Pferd, das ein Jahr jünger ist – vermutlich, weil es über längere Zeit nicht optimal versorgt war. Solche Pferde hinken in der Entwicklung häufig etwas hinterher, zeigten hier aber ansonsten keine großen Probleme und entwickelten sich insgesamt gut.
Trotzdem war es entscheidend, nicht nur osteopathisch zu behandeln. Bei mir kann man entweder eine rein osteopathische Behandlung buchen oder das Standardpaket, das auch die Analyse von Haltung, Fütterung und Training einschließt. Ich empfehle Letzteres, weil ich mich sonst manchmal osteotherapeutisch an denselben muskulären Problemen abarbeite, ohne an die eigentliche Ursache heranzukommen. Am Anfang etwas mehr zu investieren, lohnt sich – ich stecke viel Zeit und Recherche in die Einarbeitung und erstelle für die Besitzer einen ausgefertigten Fütterungsplan, immer mit dem Hinweis, dass jedes Pferd unterschiedlich reagiert und nicht jede Einstellung bei jedem Pferd gleich wirkt. Deshalb ist mir die Rückmeldung der Besitzer so wichtig – ich möchte nicht einfach etwas „verordnen“ und davon ausgehen, dass es passt. Wie der Körper reagiert, ist angesichts von Genetik und Epigenetik immer individuell.
Selenüberschuss: Symptome und regionale Besonderheiten
Ein kurzer Überblick: Bei einem Selenüberschuss treten teilweise ähnliche Symptome auf wie bei einem Selenmangel. Deutschland gilt größtenteils, aber eben nicht überall, als Selenmangelgebiet. Im nördlichen Münsterland, wo ich selbst arbeite, bis Richtung niederländische Grenze, südliches Emsland, Osnabrücker Land und Cloppenburg wird die Landwirtschaft sehr intensiv betrieben und entsprechend stark gedüngt – hier gibt es einige Flächen mit Selenüberschuss. Wer sein Heu aus solchen Regionen bezieht, kann also durchaus bereits ausreichend, wenn nicht zu viel Selen im Grundfutter haben.
Bei einem Selenüberschuss reagieren Pferde teilweise mit Panik, Unruhe und Schwitzen, manche sind besonders berührungsempfindlich im Kopfbereich. Auch Haarausfall und vereinzelte Verfärbungen im Fell können auftreten – wobei man hier vorsichtig sein muss, weil einige Pferde von Natur aus Pigmentstörungen im Fell haben, was nicht automatisch auf Selen hindeutet. Panik, Unruhe, Schwitzen, Haarausfall, Lahmheiten und Hufprobleme bis hin zum Ausschuhen sind mögliche Symptome eines Selenüberschusses, haben aber auch hohe Überschneidungen mit anderen Thematiken.
Es ist tatsächlich schon vorgekommen, dass Pferden, bei denen vermeintlich ein Selenmangel festgestellt wurde, eine Selenkur verabreicht wurde – mit der Folge, dass mehrere Pferde reihenweise Hufrehe entwickelten und das nicht überlebt haben. So weit wollen wir es natürlich nicht kommen lassen. Es lohnt sich, lieber einmal etwas mehr zu investieren, um ein Pferd vernünftig einzustellen, statt sich der Futtermittelindustrie oder schwarz-weißen Theorien einfach anzuvertrauen. Dieses Pferd zeigte zwar noch keine dieser Symptome, aber der Weg dorthin war im Grunde bereits vorgezeichnet. Mir geht es nicht darum, auf eine bereits eingetretene Erkrankung zu schauen, sondern darum, das Pferd gesund zu erhalten, damit möglichst wenig Erkrankung überhaupt entsteht – schließlich hat die Besitzerin sicher Interesse daran, mit diesem Pferd noch 15 bis 20 Jahre lang zu arbeiten.
Wie sich die Probleme gegenseitig verstärkten
Das eigentliche Kernproblem in diesem Fall: Das Pferd wurde gut gemeint dicker gefüttert, weil es mangelernährt wirkte. Die hohe Stärke- und Zuckerzufuhr fütterte aber nicht nur das Pferd, sondern vermutlich auch den bestehenden Wurmbefall beziehungsweise die Darmentzündung mit – Parasiten „lieben“ Stärke und Zucker, ähnlich wie das übrigens auch für andere problematische Prozesse im Körper gilt, worüber hierzulande auffällig selten offen gesprochen wird. Je mehr aufgefüttert wurde, desto mehr wurde also im Zweifel auch das eigentliche Problem mitgefüttert. Das Pferd zeigte zudem einige auffällige Magen-Zustimmungspunkte, die hier aber nicht die Hauptursache, sondern eher eine Folge der Gesamtbelastung waren – Magenthematiken sind manchmal Hauptursache, manchmal eher Begleiterscheinung einer Überlastung, und das sollte man immer mitdenken. Die Kombination aus Wachstumsfutter, hohem Selengehalt, Melasse, Mais und Soja ist gerade für junge Pferde und ihre Darm-Gelenk-Achse denkbar ungünstig.
Warum ich nie nur osteopathisch schaue
Genau deshalb möchte ich in meinen Behandlungen immer mehr betrachten als nur die osteopathische Ebene – ich habe festgestellt, dass Pferde oft ganz andere zugrundeliegende Thematiken haben. Mir geht es darum, das gesamte Pferd zu verstehen: den Stoffwechsel, Mikro- und Makronährstoffe, Training, Darmgesundheit, Haltung, Stress, Horsemanship, die Entwicklung und die gesamte Vorgeschichte. Ein Pferd ist kein Puzzle aus austauschbaren Einzelteilen, sondern ein funktionierendes Gesamtsystem – trotzdem lohnt es sich, die einzelnen Puzzleteile genau anzuschauen.
Hätte ich dieses Pferd in den kommenden Monaten nur osteopathisch behandelt, wäre jede Behandlung im Grunde wieder zunichtegemacht worden. Ich habe das Pferd zwar auch osteopathisch behandelt, aber ohne die Fütterungsumstellung wäre es vermutlich irgendwann fühlig, steif, nervös und empfindlich in den Hufen geworden – man hätte vielleicht über Hufschuhe oder Spezialbeschlag nachgedacht. Es wäre in der Muskulatur unterversorgt und gleichzeitig mit Selen überversorgt geworden. Überschüssiges Selen lagert sich unter anderem in Zähnen und Huf ein und kann zu verschiedensten Vergiftungssymptomen führen.
Ein Blick über das Pferd hinaus
Selen ist übrigens auch beim Menschen ein Thema, dem zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird – ich selbst, mein Hund und mein Kind nehmen alle Selen zu uns, obwohl wir uns wirklich ausgewogen ernähren. Viele Menschen haben einen Selenmangel, ähnlich wie beim Vitamin D, ohne dass das erkannt wird, weil in der Schulmedizin meist nur geschaut wird, was der Mensch braucht, um akut zu überleben und keine offensichtliche Erkrankung zu entwickeln. Genau diese chronischen, schulmedizinisch oft nicht aufgefangenen Themen sind es, die nach Jahren manchmal zu handfesten Erkrankungen führen – und genau das möchte ich möglichst verhindern.
Selen ist also ein sehr wichtiges Spurenelement, das oft, aber eben nicht immer, im Mangel vorliegt. Das soll jetzt nicht heißen, dass ihr eurem Pferd grundsätzlich kein Selen mehr geben sollt. Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem, auf die richtige Form zu achten. Nach aktuellem Stand (November 2025) wird eher die anorganische Form empfohlen, also Natriumselenit – hier kann der Körper noch selbst entscheiden, ob er das Selen einlagert oder ausscheidet. Bei einer organischen Verbindung, also Selenhefe oder Selenomethionin, hat der Körper diese Wahl nicht: Wird zu viel davon gegeben, wird es unabhängig vom tatsächlichen Bedarf eingelagert – und genau das kann zum Problem werden.
Wir haben nicht bei jedem Pferd eine Heuanalyse zur Verfügung – das ist nicht immer praktikabel, gerade wenn Heu von verschiedenen Landwirten und Chargen kommt. Aber zumindest sollte man darauf achten, nicht in eine Überdosierung zu geraten, und eine Form zu wählen, bei der der Körper überschüssiges Selen noch selbst ausscheiden kann. Auch wenn bereits ein Selenüberschuss besteht, lässt sich therapeutisch gegensteuern – auch dafür gibt es von mir keine pauschale, schwarz-weiße Lösung. Wenn ihr mir also schreibt „Mein Pferd hat den und den Selenwert, was soll ich geben, um das Selen auszuleiten?“, schauen wir uns auch das wieder differenziert an.
Wenn ihr weiter Interesse an differenziertem Wissen habt, tragt euch gerne in meinen Newsletter ein. Er richtet sich primär an Pferdetherapeuten und Trainer mit einer guten anatomischen Grundlage, aber grundsätzlich dürfen sich auch alle anderen eintragen – nur solltet ihr wissen, dass sich meine Webinare und Online-Kurse an eine bestimmte Zielgruppe richten und entsprechend speziell werden. Das schadet aber auch sehr wissbegierigen Pferdebesitzern oder anderen Dienstleistern rund ums Pferd nicht.
Fazit
Pferdebesitzer wollen meistens alles richtig machen. Der Markt macht es ihnen schwer, die Futtermittelindustrie macht es ihnen schwer, dazu kommt oft ein schlechtes Gewissen nach dem Motto „Wenn du dieses Futter jetzt nicht kaufst, geht es deinem Pferd schlecht“. Das ist eine wirklich schwierige Ausgangslage. Selen ist wichtig, wird aber häufig falsch und ohne echte Differenzierung eingesetzt.
Gute Therapie beginnt nicht zwischen Tür und Angel, sondern damit, das ganze Pferd zu sehen und eine vernünftige Anamnese zu machen – bei mir meist mit mindestens einer halben Stunde Vorbereitung zu Hause, bevor ich überhaupt beim Pferd bin, dann eine gezielte Anamnese und genaue Betrachtung vor Ort. Ich verkaufe mein Wissen, nicht eine schnelle Lösung. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich zwar sehr viel Wissen weitergebe, bei Fragen wie „Was mache ich bei…?“ oder „Was würdest du tun bei…?“ aber bewusst kurz angebunden bleibe – das würde einer echten, individuellen Behandlung nicht gerecht. Wer das möchte, kann gerne einen Termin bei mir buchen, damit wir das im Sinne des Pferdes richtig angehen.
Gebt mir gerne eine Rückmeldung, ob ihr aus dieser Folge etwas mitnehmen konntet, und teilt sie gerne – nur so kann dieses Wissen weitergetragen werden, und darauf bin ich angewiesen. Vielen Dank fürs Zuhören bis zum Schluss, und ich freue mich auf die nächste, hoffentlich für euch spannende und nerdige Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“.