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Zuhören ist kein passiver Prozess. Und gute Therapie entsteht nicht dadurch, dass wir möglichst viel erklären oder zeigen.
In dieser Folge spreche ich darüber, warum aktives Zuhören einer der wichtigsten – und gleichzeitig unterschätztesten – Bausteine in der Pferdetherapie ist.
Es geht um:
- Zuhören gegenüber dem Pferd und seinen feinen Reaktionen
- echtes Zuhören gegenüber dem Pferdebesitzer – auch zwischen den Zeilen
- warum Stille eine therapeutische Qualität hat
- weshalb gute Therapie Erdung, Präsenz und Zurückhaltung voraussetzt
- und warum spektakuläre Techniken oft weniger bewirken als feine, leise Arbeit
Ich spreche außerdem über die osteopathische Listening-Technik – eine sehr subtile, weiche Technik, bei der wir dem Gewebe wirklich zuhören. Nicht passiv, sondern hoch aufmerksam. Und oft mit erstaunlicher Wirkung für das Pferd.
Diese Folge richtet sich an Pferdetherapeut:innen, die nicht auf Show-Therapie setzen wollen, sondern auf Tiefe, Wahrnehmung und echte Verbindung.
Wenn du lernen möchtest, wie du ruhiger, klarer und effektiver arbeitest – jenseits von Aktionismus – findest du weiterführende Inhalte unter horse-therapy-academy.de
Transkript:
Wenn du glaubst, alles zu wissen, hörst du auf zuzuhören
Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt Pferde, Schäfer und Menschen. Heute mache ich eine Folge, die nicht nur für Pferdebesitzer interessant ist, sondern auch für das ganz normale Miteinander – aber insbesondere eben auch bei den Pferdebehandlungen und in der Kommunikation mit den Pferdebesitzern.
Die rufen mich ja nicht, damit ich ewig nur einen Monolog halte, sondern weil sie sich selbst und auch die Thematiken, die ihre Pferde haben, ernst genommen sehen möchten. Und das finde ich ganz wichtig, denn wenn ich selbst zu einer Therapie gehe, möchte ich ja auch, dass es da um mich geht und um meine Thematiken, dass die auch ernst genommen werden.
Deswegen ist das Thema meiner heutigen Folge: Wenn du glaubst, alles zu wissen, hörst du auf zuzuhören. Viele glauben, dass Zuhören etwas rein Passives ist – man hört halt zu oder man hört halt nicht zu. Viele warten aber nur auf ihren eigenen Redeanteil und darauf, dass sie selbst zu Wort kommen und ihre eigenen Sachen loswerden.
Ich glaube, dabei können wir uns alle ertappen. Mir geht das auch manchmal so, insbesondere gar nicht unbedingt im Beruflichen, sondern bei Nahestehenden, dass ich selbst versuche, dazwischenzureden, weil ich ja meine, den anderen eh schon gut zu kennen und zu wissen, was er zu erzählen hat.
Da erwische ich mich manchmal selbst dabei, dass ich dazwischenrede, weil ich im Grunde empathisch meine Zustimmung geben möchte – da ich ja glaube, schon zu wissen, was der andere sagen möchte. Aber das führt dann meistens eher zu Konflikten. Das spiegelt mir auch mein pubertierendes Kind, der dann sagt: „Mensch Mama, du musst mir auch mal richtig zuhören.“ Und damit hat er manchmal recht.
Auch in meiner Arbeit erlebe ich das Zuhören immer wieder – dem Pferd zuhören, auch wenn es nicht verbal spricht. Zuhören ist ja kein rein auf die Ohren oder akustisch bezogener Prozess, sondern ein sehr aktiver Prozess, der neuronal stattfindet. Und das ist oft der Punkt, an dem Therapie überhaupt erst beginnt.
Ich bekomme von den Pferdebesitzern das Anamnese-Formular zugeschickt und habe dann schon eine grobe Idee, welche Thematik das Pferd mitbringen könnte – bilde mir also vorher schon eine kleine Meinung. Aber ich versuche, ganz offen zu bleiben für das, was mir das Pferd dann zeigt. Das heißt: Das Anamneseformular ist die eine Sache, die Symptome, die mir das Pferd zeigt, oder was mir der Pferdebesitzer zeigt, oder auch die Kommunikation zwischen Pferd und Pferdebesitzer, ist noch einmal etwas ganz anderes.
Zuhören findet eben auf mehreren Ebenen statt: körperlich, emotional, energetisch und kommunikativ. Und genau hier schlägt es auch die Brücke zur Osteopathie, in der es eine Technik gibt, die Listening-Technik genannt wird.
Das Listening in der Osteopathie ist oft etwas, was viele Therapeuten, die sonst immer eine manuelle Technik machen – bei der es um das direkt sichtbare Bewegen von Gelenken, Muskulatur etc. geht, wo man wirklich etwas sieht –, erst einmal überrascht. Wenn ich dann Übungen oder Techniken zum Listening zeige, denken die Pferdetherapeuten manchmal: Boah, wie – und mehr als die Listening-Technik lernen wir jetzt nicht?
Pferde haben eine viel, viel feinere Wahrnehmung als wir Menschen. Sie sind sehr darauf angewiesen, was sie im Außen wahrnehmen, über ganz viele verschiedene Kanäle, und reagieren unmittelbar darauf. Wir Menschen planen dagegen viel mehr, weil unser präfrontaler Kortex im Gegensatz zu dem der Pferde unheimlich ausgeprägt ist. Wir arbeiten planend und organisierend und denken schon voraus, während Pferde sehr, sehr fein sind in dem, was sie wahrnehmen.
Das können wir uns in der Osteopathie beziehungsweise in der Behandlung von Pferden sehr zunutze machen, weil sie aus meiner Erfahrung auf sehr weiche Techniken und auf die volle Präsenz in der Behandlung besonders gut reagieren.
Die Listening-Technik ist eine Technik, bei der wir im Grunde unsere Hände auf Strukturen legen und erst einmal dem Gewebe zuhören. Das ist aber kein ganz passiver Prozess – wir hören zwar zu, was das Gewebe unter den Händen uns sagt, was wir wahrnehmen. Aber wir haben in dieser Technik auch die Möglichkeit, aktiv einzugreifen und dem Gewebe über unsere Hände zu erzählen, in welche Richtung es sich bewegen darf. Also dass die Suturen im Schädelbereich sich öffnen dürfen, dass die Energie zwischen den Händen wieder fließen kann.
All das bringt die Listening-Technik mit sich. Von außen sieht das dann so aus, als würde man die Hand einfach nur irgendwo auflegen. Aber es passiert eine ganze Menge. Und das ist die Art und Weise, wie wir dem Pferd und dem Gewebe zuhören.
Dabei geht es nicht nur um das Gewebe, sondern auch um die eigene Präsenz. Listening ist keinesfalls ein Nichtstun, sondern eine ganz hoch fokussierte Wahrnehmung, bei der der Therapeut möglichst geerdet sein sollte und möglichst wirklich seine eigenen Themen, sein eigenes Ego zur Seite schiebt – und wirklich nur dem lauscht, was ist, nicht dem, was er fühlen möchte. Das ist manchmal ganz schwierig abzustellen. Es passiert mir in der Therapie oft, dass ich denke: Ah ja, das Pferd hat auf jeden Fall einen super festen Schädel. Dann muss ich zwischendurch mal mit den Händen wieder vom Pferd weggehen und meine Hände auslockern, um sie wieder ans Pferd zu legen und mich frei zu machen von dem, was ich glaube, wahrnehmen zu wollen.
Das kommt nämlich oft dazu, dass wir als Therapeut mit der Idee ans Pferd gehen, „da sollte ich jetzt dies und das fühlen“, und dann irgendwann nicht mehr richtig unterscheiden können: Ist das, was wir fühlen, jetzt wirklich das, was das Gewebe uns zeigt, oder ist es Wunschdenken? Aber ich glaube, wenn man schon mal so weit ist, dann ist es schon sehr gut, sich dessen bewusst zu sein, dass man auch sein eigenes Denken manipulieren kann und den eigenen Gedanken nicht immer trauen sollte, ob positiv oder negativ – dass man das immer wieder reflektiert.
Und somit ist meine Behandlung zum Beispiel sehr, sehr still und ruhig. Ich möchte keine Show-Therapie machen und tue mich manchmal schwer, wenn jemand sagt, er würde gerne zur Behandlung mitkommen, und dann vielleicht auch während der Technik nachfragt, was ich denn da gerade mache. Dann bin ich raus. Ich hatte das auch schon in einem früheren Podcast gesagt: Ich kann entweder das Pferd behandeln oder ich kann unterrichten, aber beides kann ich nicht gleichzeitig, weil ich dann nicht mehr zu hundert Prozent beim Pferd bin. Wir können zwar gleichzeitig mehrere Aufgaben erledigen, aber das geht immer zulasten der Qualität.
Wie auch beim Zuhören: Wenn wir zuhören möchten und gleichzeitig schon überlegen, was wir sagen wollen, dann sind wir eigentlich schon gar nicht mehr richtig im Zuhören.
In Fortbildungen, in denen ich zum Beispiel solche Listening-Techniken zeige, bekomme ich oft Rückmeldungen wie: „Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Technik so berührt und dass sie so einen Effekt hat.“ Ich finde es immer toll, wenn Therapeuten dann wirklich den Mut haben, komplett still zu arbeiten und es schaffen, sich darauf einzulassen, wo sie vorher vielleicht gesagt haben: „Boah, ich weiß nicht, einfach nur die Hand da hinlegen?“ Ich habe wirklich ganz oft die Rückmeldung bekommen, auch neulich noch aus einem Kurs im Frühjahr, in dem ich Pferdephysiotherapeuten osteopathische Techniken gezeigt habe. Da kam die Rückmeldung: „Ich war noch nie so gerührt in der Behandlung, wie das Pferd reagiert hat“ – obwohl ich das Pferd gar nicht von Kopf bis Fuß irgendwie durchmobilisiert habe, sondern von außen optisch gefühlt gar nicht viel gemacht habe.
Und so ist es auch beim Zuhören gegenüber dem Besitzer. Die Zeit der osteopathischen Behandlung gehört zu hundert Prozent dem Pferd, aber die Gespräche vorher und nachher gehören dem Pferdebesitzer. Da gilt es, das, was er sagt und was er an Sorgen hat, auch ernst zu nehmen und zwischen den Zeilen zu lesen.
Auch seine eigenen Thematiken mit einzubeziehen, ihn zu beruhigen und seine Ideen und sachlichen Hinweise weiterzugeben, wenn ich merke, jemand ist sehr aufgeregt. Ich freue mich immer, wenn nach der Behandlung die Rückmeldung kommt: „Ich war am Anfang total nervös, auch weil du kommst, weil ich mir immer so viele Sorgen um mein Pferd mache – und jetzt hat mich das deutlich beruhigt.“ Das kann auch ein ganz großer Wert einer Behandlung sein: nicht nur, dass man das Pferd behandelt und Läsionen, also Bewegungseinschränkungen, löst, sondern auch, dass man den Besitzer aufklärt.
Und ihn auf der einen Seite manchmal auch sensibilisiert für Themen, aber in den meisten Fällen eher sachlich aufklärt, welche Ursachen Thematiken beim Pferd haben können und in welche Richtung man da schauen kann. Zuhören in der Kommunikation ist also eine ganz, ganz wichtige Sache. Ich mag da total gerne die Podcasts und Videos zu den Ideen von Friedemann Schulz von Thun und seinem Kommunikationsquadrat, das man ja schon früher in der Schule gelernt hat. Es ist im Grunde so einfach, dass man sendet und empfängt auf verschiedenen Ebenen: auf der Sachebene, auf der Beziehungsebene, auf der Selbstoffenbarungsebene und auf der Appellebene.
So sendet ein jeder und so empfängt ein jeder. Es ist sinnvoll, sich bewusst zu machen, auf welcher Ebene man selbst häufig sendet und auf welcher man empfängt. Wenn man zum Beispiel immer auf der Beziehungsebene empfängt, Dinge aber im Grunde auf der Sachebene kommuniziert oder gesendet werden, dann kann das immer zu Konflikten führen. Es lohnt sich immer, sich selbst zu fragen: Auf welcher Ebene höre ich eigentlich zu und auf welcher reagiere ich?
Da beginnt es auch: Wenn ich zuhöre, dann höre ich aktiv zu. Wir haben heutzutage einfach eine Welt, in der gesendet und gesendet und gesendet wird, aber kaum jemand ist noch in der Lage zu empfangen. Wenn ich mal schaue, wie lange jemand wirklich aktiv zuhören kann, wie lange die Konzentrationsspanne ist, wie lange jemand bereit ist zuzuhören – gut, manchmal ist das Thema vielleicht auch langweilig, oder jemand schaltet beim Podcast auch früher ab, weil er denkt, die Gedankengänge sind ihm zu komplex. Das ist dann auch völlig in Ordnung.
Aber es wird sehr, sehr viel gesendet, und wir sind kaum noch in der Lage zu empfangen. Ich habe gestern eine ganz tolle Dokumentation gesehen über jemanden, der in Pakistan, in Tibet, in den Bergen unterwegs war und einfach nur beobachtet hat. Der hat gesagt: Wir nehmen oft viel zu wenig wahr, was da ist, und sind nur mit unseren eigenen Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft, oder mit dem, was wir auf Social Media sehen und hören. Es ist schwierig, Stille auszuhalten. Und das ist, glaube ich, das Ding: Es ist schon schön, auch mal komplett Stille aushalten zu können, denn das müssen wir Therapeuten in der Behandlung auch schaffen. Und wenn wir das außerhalb der Behandlung nicht schaffen – auch mal wirklich komplett ohne Beschallung zu sein und ohne, dass jemand etwas an uns sendet –, dann wird es in der Behandlung schwer.
Deswegen ist es aus meiner Sicht als Therapeut auch ganz wichtig, an seinem eigenen Mindset zu arbeiten. Wenn man glaubt, als Therapeut Experte zu sein – ich würde mich niemals als Experte bezeichnen –, dann höre ich auch auf, zuzuhören und wahrzunehmen und auch bei jemand anderem, dessen Wahrheit sich mir vielleicht nicht sofort erschließt, zu versuchen, etwas für mich herauszuziehen. Denn meist ist das, was uns zuwider ist, auch etwas, worüber wir vielleicht mal etwas mehr nachdenken können.
Und wenn uns etwas sehr triggert, sollten wir uns nicht ewig darüber aufregen, sondern uns vielleicht fragen, warum uns das gerade so triggert, dass dies und das kommuniziert wurde. Wissen, ohne wirklich zuzuhören, bedeutet Stillstand. Und zu glauben, Experte zu sein, ohne Demut gegenüber anderen Fachrichtungen, Kollegen oder dem Pferdebesitzer zu haben, führt dazu, dass man sich nicht weiterentwickelt und vielleicht auch ein wenig betriebsblind wird. Wenn man sich in seiner eigenen Bubble bewegt – gerade auch in der Social-Media-Welt, wo oft nur bestätigt wird, was man von sich gibt –, dann hat man auch das Gefühl, das, was ich mache, ist immer richtig und wird immer nur bestätigt. Und vielleicht traut sich der eine oder andere dann auch nicht mehr, etwas Kontroverses zu sagen.
Ich finde es schön, wenn auch mal kontrovers Kritik geäußert wird, auf einer vernünftigen Ebene. Dann reagiere ich auch darauf, wenn ich merke, jemand reflektiert und bringt neue Anregungen ein, die ich vielleicht nicht beachtet habe – das finde ich sehr gut. Wenn jemand aber einfach nur passiv-aggressiv reagiert und patzig irgendeinen Spruch macht, dann weiß ich: Da lohnt es sich jetzt nicht, Energie hineinzustecken. Aus dem Austausch mit jemandem, der einem eine vernünftige Kritik entgegenbringt, entstehen dagegen oft ganz tolle Gespräche und eine tolle Kommunikation. Und ich nehme aus jeder Fortbildung, die ich selbst gebe, auch immer etwas mit – auch mit angehenden Therapeutinnen und Therapeuten, wenn ich wirklich nur richtig, richtig gut zuhöre.
Diese Haltung – Zuhören, Struktur, Reflexion – vermittle ich auch in meiner Weiterbildung „Methodik für Therapeuten: professionell und strukturiert arbeiten“. Da geht es nämlich auch genau darum, dass wir nicht die kompliziertesten Techniken sammeln müssen, sondern dass wir uns bewusst machen, was die Grundlage für wirklich nachhaltige therapeutische Arbeit ist – unabhängig davon, was uns anatomisch, biomechanisch und funktionell-medizinisch beim Pferd begegnet.
Eine kurze, knackige Folge, ein kleiner Appell an das wirklich bewusste Zuhören. Ausreden lassen. Ich freue mich auf die nächste Folge – ich denke, wir greifen auch noch einmal das Thema Wahrnehmung beim Pferd auf, also wie Pferde wahrnehmen. Und als kleiner Ausblick: Im nächsten Jahr wird es auch noch einmal eine Podcast-Folge zum Thema Kotwasser und Darmprobleme beim Pferd geben. Wenn ihr noch weitere Ideen habt, schickt sie mir gerne zu. Ich freue mich, dass ihr bis hierhin zugehört habt. Bis zum nächsten Mal, eure Denise.