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Es gibt keine Problempferde – Ursachenbehebung ist nicht immer Zuckerschlecken.

„Die war schon immer so“ ist auf der Stallgasse eine harmlose Erklärung – aus therapeutischer Sicht eine der gefährlichsten.

Denise erklärt in dieser Folge, warum ihr in 18 Jahren Praxis kein einziges Pferd begegnet ist, das von Natur aus unkooperativ war, welche drei Reaktionsmöglichkeiten Pferde bei Stress überhaupt haben, und warum sie ohne stimmige Basics in Haltung und Fütterung nicht mehr rein osteopathisch behandelt.

Mit einer Praxisgeschichte über einen jungen Wallach, bei dem am Ende nicht mehr Behandlung, sondern ein Stallwechsel die wirksamste Empfehlung war.

Transkript:

Es gibt keine Problempferde – Ursachenbehebung ist nicht immer Zuckerschlecken

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“. Und das Motto, mit dem ich beruflich und privat durchs Leben gehe: „Love it, change it or leave it.“

Ich behaupte: Es gibt keine Problempferde, es gibt keine Pferde, die von Natur aus unkooperativ sind. Ich will nicht ganz ausschließen, dass es den Fall trotzdem irgendwo gibt – sag niemals nie –, aber mir ist er bisher nicht begegnet. In achtzehn Jahren habe ich nicht ein Pferd in der Behandlung gehabt, dessen Natur es ist, unkooperativ zu sein. Pferde sind wahnsinnig soziale Wesen, und aus meiner Sicht ist es manchmal wirklich schade, dass der Mensch sich so über Tier und Natur stellt und meint, er sei überlegen. In Sachen Kommunikation, Sozialverhalten, Ehrlichkeit und Authentizität sind uns die Pferde doch weit voraus – und nicht nur die Pferde.

Warum extreme Reaktionen immer eine Ursache haben

Es gibt klare Regeln, klare Grenzen in der Kommunikation bei Pferden. Ich hatte Pferde in der Behandlung, die gestiegen sind, mich gebissen haben, versucht haben zu treten, sich nicht haben anfassen lassen. Rückblickend kann ich sagen: Keines dieser Pferde war von Natur aus so – jede extreme Reaktion hatte immer eine Ursache. Immer. Das war mir vor einigen Jahren noch nicht so bewusst. Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren hatte ich eine Ponystute, die nach der Behandlung auf mich losgegangen ist. Damals habe ich das nicht ganz verstanden – die Stute konnte sich nach der Behandlung wieder gut bewegen und galoppieren, es war also scheinbar nicht alles verkehrt, was ich gemacht hatte. Trotzdem hatte auch das eine Ursache, und da hätten bei mir eigentlich schon damals die Alarmglocken angehen müssen.

Wenn Besitzer taube Ohren haben

In solchen Fällen sagen Besitzer manchmal: „Ja, aber die war schon immer so, die ist halt so, wir nennen sie schon Miss Granti.“ Das wird dann belächelt, und das ist eigentlich wirklich schwierig. Gerade wenn ich Besitzer, so wie ich das heute mache, darauf hinweise, dass das kein normales Verhalten ist, gerät man manchmal an sehr taube Ohren und eine Beratungsresistenz, die mich einiges an Energie kostet. Es fällt mir manchmal schwer, genug Energie aufzubringen, um immer wieder zu erklären, dass das Verhalten eines Pferdes – gerade wenn es mit Aggression, Steigen oder starker Abwehr zusammenhängt – nicht normal ist, auch wenn es für das Pferd längst zur Norm geworden ist. Das ist bei Menschen übrigens ganz ähnlich: Manchmal hat man das Gefühl, Ratschläge werden gegeben, aber nicht angenommen, weil man sich in einer Rolle – und sei sie noch so unangenehm – eingerichtet und damit identifiziert hat. Veränderung bedeutet dann, diese Rolle aufzugeben, und das bringt fast immer mit sich, dass man aneckt.

Warum Basics in Haltung und Fütterung nicht verhandelbar sind

Das kommt an den Reitställen durchaus vor: dass ich am Ende sage, das Management dieses Stalls oder die Art der Haltung lässt es einfach nicht zu, dass das Pferd hier eine gute Basis hat – bezüglich Haltungsbedingungen, Fütterung. Es gibt leider immer noch Reitställe, die nicht eingesehen haben, dass eine Versorgung mit ausreichend Raufutter die Basis darstellt und dass es ohne nicht geht. Pferde sind Herdentiere, soziale Tiere. Natürlich möchte nicht jeder Besitzer, dass das Pferd mit anderen auf der Weide steht, und Einzelhaltung kann durchaus mal vorkommen, etwa wenn ein Pferd für zwei, drei Monate im Beritt ist und sich schwer in eine bestehende Herde integrieren lässt – es gibt also durchaus Gründe für Einzelhaltung. Aber grundsätzlich sind Basics in Haltung und Fütterung für mich nicht verhandelbar. Wenn ich, wie neulich, einen Stall erlebe, in dem über den kompletten Tag kein Raufutter zur Verfügung steht, dafür aber jede Menge Kraftfutter, und auch kein ausreichend fließendes, frisches Wasser vorhanden ist, dann kann das wirklich unangenehm werden. Meine Herangehensweise kostet mich dabei manchmal sehr viel Energie, aber ich kann es nicht mehr anders. Wenn die Basics – Haltung, Fütterung, Training, Reitweise – stimmen, kann eine osteotherapeutische Behandlung ganz wunderbar greifen. Stimmen sie nicht, ist es bei meiner mittlerweile ganzheitlichen Arbeitsweise auch meine Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass an der Basis etwas nicht stimmt, statt zum Beispiel eine feste Halswirbelsäule immer wieder zu behandeln, obwohl ich weiß, dass die Ursache an der Reitweise oder an Stress liegt. Stress manifestiert sich, genau wie bei uns Menschen, sehr oft im Bereich der Halswirbelsäule. Behandle ich dort immer wieder, ohne dass Reitweise oder Stressfaktoren in der Haltung verändert werden, ist das für mich als Therapeutin auf Dauer sehr frustrierend.

Erstarren, Flucht oder Angriff: die drei Stressreaktionen

Es gibt keine Problempferde. Bei Stress oder Traumatisierung, ob körperlich oder mental, haben wir – und auch die Pferde – immer drei Optionen: erstarren, weglaufen oder angreifen. Pferde sind Fluchttiere, aber das heißt nicht, dass jedes Pferd primär mit Flucht reagiert. Es gibt Pferderassen, die eher zum Erstarren neigen. Oft gibt es aber gar keine Möglichkeit zu fliehen, dann bleiben Erstarren und Angriff. Wenn ein Pferd angreift, etwa den Menschen, oder eine Verzweiflungstat wie Steigen beim Reiten zeigt, dann ist das wirklich die letzte Option – davor ist schon eine ganze Menge passiert, sodass das Pferd keine andere Möglichkeit mehr sieht, als Aggression zu zeigen.

Warum ich Behandlungen per Video dokumentiere

Das heißt aber nicht, dass ich sagen würde, „das Pferd ist aggressiv“ – das hatte ich auch schon, dass mir Worte in den Mund gelegt wurden, die so nie gefallen sind. Deswegen bin ich mittlerweile dazu übergegangen, am Ende einer Behandlung meine Befunde und Eindrücke in einer Videodokumentation festzuhalten, damit nichts in den falschen Hals gerät und mir hinterher nichts im Mund verdreht wird. Das ist für mich eine wunderbare Art, Dinge auf den Punkt zu bringen, Zusammenhänge zu erklären und sie im Nachhinein für den Besitzer oder alle, die mit dem Pferd zu tun haben, zur Verfügung zu stellen.

Warum ich nicht mehr rein osteopathisch behandle

In einer Behandlung arbeite ich also nicht nur die einzelnen Regionen ab – wobei allein die Osteopathie schon wahnsinnig umfangreich ist. Ich bin zwar mit der Pferdeosteopathie gestartet, habe aber festgestellt, dass ganz oft die Basics nicht stimmen und dass ich, wenn ich ursächlich behandeln möchte, schauen muss, was die größten Stressoren für das Tier sind. Natürlich kann ich osteopathisch nicht nur auf Gelenkebene, Muskulatur und Faszien wirken, sondern auch viszeral, im Bereich der Organe, und auf das Nervensystem einwirken. Aber was nützt das, außer für den Moment, wenn ich weiß, dass die Stressfaktoren extrem hoch bleiben? Das ist der Grund, warum es mir oft nicht mehr reicht, rein osteopathisch zu behandeln. Als Folgebehandlung, oder wenn alle Basics gut sind, kann ich rein osteopathisch arbeiten. Aber gerade bei Erstbehandlungen bin ich immer eher dafür, das Pferd ganzheitlich zu beleuchten: Fütterung, Haltung, Stressfaktoren, Reitweise.

Eine Fallgeschichte: der junge Wallach mit den Sorgenfalten

Ein Beispiel: Gestern war ich bei einem wunderschönen, sehr bewegungsstarken jungen Wallach, der in einem großen, sportbetonten Stall steht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen sportliche Herausforderungen – im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass man im Training ausreichend starke Reize setzen muss, wenn man langfristig gesund bleiben möchte, ob als Mensch oder Pferd. Ich betreibe selbst sehr intensiven Sport, obwohl ich nicht mehr an Wettkämpfen teilnehme. Wichtig ist, dass die Anatomie und Biomechanik mitgedacht werden und dass die Pferde nicht nur nach den Punkten der Skala der Ausbildung trainiert werden, sondern mit dem Ziel, dass sie gerne mitarbeiten, kooperativ und psychisch ausgeglichen sind.

Ich kam gestern an und sah riesige Sorgenfalten bei diesem Pferd – ich habe es zum dritten Mal gesehen. Schon nach der ersten Behandlung war die Besitzerin sehr offen für Veränderungen beim Training, wir haben auch die Fütterung optimiert, und es ist einiges passiert. Das Pferd zeigte sich in den folgenden Behandlungen deutlich besser, aber trotzdem immer wieder massive Verspannungen in einigen Bereichen. Ich kam an und sah wieder die großen Sorgenfalten über den Augen, einen sehr hohen Muskeltonus und eine hohe Spannung in vielen vegetativen Zentren – für mich stand schon bei der letzten Behandlung fest: Der größte Faktor bei diesem eher hochsensiblen Pferd ist Stress.

Die Besitzerin fragte mich am Ende, ob sie Massagegriffe anwenden und wie sie ihn sonst noch unterstützen kann. Ich habe kurz mit mir gerungen, ob ich ihr ein paar Techniken aus der Stresspunktmassage nach der Masterson-Methode zeigen soll, ihr dann aber gesagt: Das Pferd woanders hinzustellen, könnte der größte Schlüssel für seine Gesundheit sein. Man kann noch so viel mobilisieren, behandeln, dehnen und massieren – solange das Pferd in einer Haltung steht, die ihm offensichtlich nicht guttut, wird es schwer. Das heißt nicht, dass kein Pferd in dieser Haltung guten Anschluss finden könnte, aber bei diesem Pferd konnte ich klar ausmachen, dass es an diesem Stall wirklich Stress hatte.

Ich hätte ihr auch einfach alle paar Wochen eine weitere Behandlung und tausend Übungen verkaufen können. Aber ich möchte die Ursache herausfinden, beobachte das Pferd während der Behandlung und schaue, auf welche Stressoren es reagiert. Ich war gestern selbst an diesem Stall nicht besonders wohl – das hatte ich beim letzten Termin schon so empfunden. Für den Moment der Behandlung kann ich das runterfahren, aber ich nehme wahr, dass dort keine gute Energie herrscht. Was wir an diesem Stall nicht verändern konnten: dass die Pferde keine Sozialkontakte haben, dass es dort sehr laut ist und dass die Reitweise nur teilweise so umgesetzt werden konnte, wie es langfristig zur Gesunderhaltung beitragen würde. Die Besitzerin fragte auch, ob eine ECVM, also eine Malformation der Halswirbelsäule, vorliegen könnte. Meine Antwort: Natürlich kann das sein, aber da ich keine eindeutige strukturelle Ursache finden konnte, schauen wir erst einmal, dass wir die Basis wiederherstellen – und ich habe ihr empfohlen, den Stall zu wechseln. Das ist nicht immer einfach, das ist mir bewusst, und ich weiß auch nicht, ob sich das Pferd am neuen Stall wirklich wohlfühlen wird. Aber ich weiß, dass es nicht so unruhig, gestresst und schmerzempfindlich im Bereich der Halswirbelsäule sein muss, nur weil vielleicht irgendwo Befunde vorliegen. Mir war in diesem Moment klar, dass Stress der größte Faktor war – ein Stück Intuition, aber Intuition ist eben auch nichts anderes als die Erfahrung, die man mit solchen Pferden gesammelt hat. Wenn ich diesem Pferd in die Augen geschaut habe, sah ich einen kooperativen, lieben, freundlichen, selbstbewussten, aber ganz feinen Kerl, der mit den Stressoren an diesem Stall einfach nicht zurechtkam und deshalb dieses Verhalten zeigte. Das herauszufinden, ist mittlerweile ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.

Solche Empfehlungen stoßen nicht immer sofort auf offene Ohren – bei der Besitzerin selbst schon, aber es führte auch dazu, dass sie mit einigen Personen am Stall aneckte. Es ist eben nicht immer einfach, wenn man Dinge verändert, selbst wenn das Ziel ist, dass es einem selbst oder dem Pferd nachher bessergeht. Das kann bedeuten, dass man am Stall unangenehme Dinge ansprechen muss, auch mit dem Trainer über die Reitweise. Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein.

Stress wirkt sich immer aus – bei Pferd und Mensch

Wenn ich Pferde behandle, schaue ich also zuerst: Stimmt die Basis? Erst wenn sie stimmt, weiß ich, dass die Übungen, die ich dem Besitzer mitgebe, meine osteotherapeutische Behandlung und meine Empfehlungen zur Fütterung wirklich die größten Erfolge bringen. Denn was nützt die beste Fütterung, wenn das Pferd trotzdem Stress hat? Stress ist kein rein das Gehirn betreffender, lokaler Faktor, sondern wirkt sich immer auf den gesamten Körper aus. Aus meiner Sicht gibt es nicht somatisch oder psychisch getrennt, sondern nur somatopsychisch beziehungsweise psychosomatisch – es gibt niemals nur den einen Faktor. Bei Pferden, die so sensibel und so soziale Tiere sind, wirkt sich Stress meiner Erfahrung nach sogar noch stärker aus als bei uns Menschen, obwohl Stress auch bei uns der größte Faktor ist. Auch uns wird ja geraten: Schalte mal deine Stressoren aus, leg dein Handy für ein paar Stunden weg, sei einfach mal bei dir selbst in der Gegenwart. Auch das kann unangenehme Gefühle auslösen, wenn Themen hochkommen, die sonst durch Fernsehen, Social Media und andere Ablenkungen überlagert werden.

Der Gedankensprung von den Stressfaktoren beim Pferd zu den Stressfaktoren bei uns Menschen ist für mich immer sehr klar, auch wenn Veränderungen erst einmal unangenehm sein können. Das geht nicht ohne, es geht nicht immer alles bilderbuchmäßig glatt. Aber aus meiner Sicht sind Herausforderungen dafür da, dass wir daran wachsen. Veränderungen gehen manchmal auch mit einem Stallwechsel einher, der selbst nicht einfach ist – man weiß, dass Pferde etwa sechs bis zwölf Monate brauchen, um sich an einem neuen Stall einzufinden, und ob der neue Stall mit der bestehenden Herde wirklich passt, weiß ich vorher genauso wenig wie der Besitzer. Genauso wie man einen Menschen nicht einfach in eine neue WG stecken kann und erwarten kann, dass es automatisch passt: Bei Pferden erwarten wir oft, dass ein Stall, der für uns praktisch, wohnortnah und mit tollen Trainingsbedingungen ausgestattet ist, automatisch auch für das Pferd gut ist. Das kann ich von einer Spezies, die ein tolles soziales Miteinander hat, sich aber nicht unbegrenzt anpassen kann, nicht automatisch erwarten.

Fazit: Es gibt keine Problempferde

Es gibt keine Problempferde. Es gibt keine Pferde, die von Natur aus nicht kooperativ sind – weder in der Behandlung noch beim Reiten noch im Umgang. Es hat immer eine Ursache, und die Basics müssen stimmen. Das ist das Fazit dieser Folge, die heute etwas kürzer und etwas knackiger ausgefallen ist. Ich hoffe, ihr könnt mit meinen zum Teil wirren, konfusen Gedanken etwas anfangen. Ich freue mich über eure Rückmeldung, über ein Abonnement oder eine Bewertung meines Podcasts, und ich freue mich auf euch. Bis zum nächsten Mal. Eure Denise.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Es gibt keine Problempferde – Ursachenbehebung ist nicht immer Zuckerschlecken“