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Ein kritischer Blick auf den Markt der Pferdetherapeuten (und weitere Dienstleister der Pferdebranche).

Ein kritischer, ehrlicher Blick auf den Markt der Pferdetherapeuten:

  • Warum Konkurrenz statt Zusammenarbeit dominiert,
  • weshalb eine Ausbildung nur das Fundament und nie das Ende des Lernens ist,
  • warum interdisziplinäre Zusammenarbeit an Zeit, Geld und dem eigenen Ego scheitert –
  • und warum Preisgestaltung das gesamte Berufsfeld betrifft, nicht nur die eigene Existenz.

Mit konkreten Tipps zur eigenen Kalkulation.

Transkript:

Ein kritischer Blick auf den Markt der Pferdetherapeuten (und weitere Dienstleister der Pferdebranche)

Hallo und herzlich willkommen. Mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“, mein Motto, mit dem ich beruflich und privat durchs Leben gehe, heißt „Love it, change it or leave it“. Das Thema heute ist vor allem für Dienstleister in der Pferdebranche gedacht – ich spreche hier natürlich vor allem für Pferdetherapeuten, aber auch für alle anderen Dienstleister und für Pferdebesitzer wird bestimmt etwas Interessantes dabei sein. Ich werfe heute einen kritischen Blick auf den Markt der Pferdetherapeuten, der wahnsinnig groß geworden ist. Ich lebe im Münsterland, absolutes Pferdeland: Es gibt wahnsinnig viele Therapeuten, wahnsinnig viele Pferde, ein sehr hohes Konkurrenzdenken und viel Missgunst, was ich schade finde – wir könnten ja alle voneinander lernen und profitieren. Man könnte sagen, Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber manchmal ist es die Art und Weise, wie gearbeitet wird, mit welchem Selbstbewusstsein der eine oder andere frische Therapeut ans Werk geht, mit viel Bling-Bling und Show, aber manchmal wirklich wenig Fachwissen. Das meine ich nicht böse – ich hatte am Anfang meiner beruflichen Tätigkeit selbst von vielen Dingen keine Ahnung, und auch nach 18 Jahren gibt es noch sehr viel, von dem ich nicht viel weiß. Aber ich bin immer bereit, mich zu reflektieren, mein Wissen zu hinterfragen und offen zu bleiben.

Diese Folge wird mit Sicherheit nicht jedem schmecken, und an der einen oder anderen Stelle könntet ihr euch getriggert fühlen. Das ist in Ordnung. Ich habe selbst festgestellt: Themen, die etwas in einem auslösen, wo man denkt „nee, das kann ja nicht sein, bei mir ist das anders“, sind oft genau der wunde Punkt, mit dem man sich beschäftigen sollte. Bei mir war das zum Beispiel das Thema Meditation und Entspannungstechniken während meiner ersten Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin – ich fand es schrecklich. Erst gut 20 Jahre später habe ich verstanden, dass genau das gewesen wäre, womit ich mich hätte beschäftigen müssen. Vielleicht schaffe ich es, euch mit dieser Folge zum Nachdenken zu bringen, wenn auch ihr wollt, dass das Tätigkeitsfeld der Manualtherapeuten und anderer Dienstleister bestehen bleibt. Denn auch ihr wirkt durch euer Handeln daran mit – nicht nur das therapeutische, sondern auch das organisatorische, die Preisgestaltung und so weiter.

Der Vergleich zur Humanphysiotherapie

Ich arbeite seit 18 Jahren als Pferde-Osteotherapeutin und habe dafür eine dreijährige Vollzeitausbildung zur Humanphysiotherapeutin absolviert, um am DIPO, dem Deutschen Institut für Pferdeosteopathie, weiterlernen zu dürfen – damals Voraussetzung, weil Osteopathie etwas Aufbauendes ist. Ich weiß deshalb, wie es in der Humanphysiotherapie abläuft, und ich weiß, dass wohl kaum ein Humanphysio, der davon seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, so arbeiten würde wie viele Pferdetherapeuten auf dem freien Markt. Der 20-Minuten-Takt pro Patient in der Humanphysiotherapie war nie mein Anspruch – ich will zu 100 Prozent an die Ursache von Problemen im Bewegungsapparat gehen, was in einem von Kassen und ärztlichen Verordnungen abhängigen System nicht möglich war. Deshalb bin ich in den Pferdebereich gegangen.

Stellt euch aber vor, jeder Patient würde euch auch außerhalb der Behandlungszeit ein Update über all seine Befindlichkeiten geben, spätabends anrufen und kostenlosen Rat einholen. Bei einem Einzelfall ist das kein Problem. Aber langfristig sollten wir von Anfang an klare Grenzen setzen, denn das erhöht unsere Kompetenz. In der Humantherapie übernimmt im besten Fall eine Anmeldekraft die Terminvergabe und Rückfragen – und die muss bezahlt werden, genau wie eure eigene Nebenbei-Arbeit an Organisation und Kommunikation bezahlt werden muss, wenn ihr irgendwann hauptberuflich davon leben wollt.

Ein überschwemmter Markt und die Frage nach echtem Selbstwert

Im Pferdebereich haben wir immer mehr Therapeuten, immer mehr Dienstleister, viele Quereinsteiger. Ich beobachte seit Jahren, dass der Markt überschwemmt wird, die Konkurrenz größer wird, aber die Qualität nicht unbedingt besser. Manche Quereinsteiger fuchsen sich so intensiv in ihr Thema rein, dass sie nach ein paar Jahren durchaus mit jemandem mithalten können, der eine fundierte medizinische Grundausbildung hat – das ist meine Erfahrung, eine Humanphysiotherapie-Ausbildung macht also nicht automatisch den besseren Pferdetherapeuten, auch wenn taktile Sinne und medizinisches Vorwissen dadurch oft größer sind. Trotzdem: Eine Ausbildung zum Humanphysiotherapeuten oder ein Medizinstudium ist nicht in ein paar Wochenendseminaren zu ersetzen.

Viele frische Pferdetherapeuten treten mit einem Selbstbewusstsein auf, das mich manchmal ins Staunen versetzt – und die Frage ist, ob das wirklich ein echtes Selbstbewusstsein ist oder eher die Suche nach möglichst vielen Kunden, Anerkennung und Followern, die dann das Selbstwertgefühl aufwerten sollen. Selbstwert ist aber nicht Fremdwert und nicht Leistungswert – Selbstwert ist das, wo ich mir selbst einen Wert zuspreche, unabhängig von meiner Leistung. Der Vergleichswahn bei Social Media kann zu großer Unzufriedenheit führen. Ich bevorzuge definitiv Seiten, auf denen es um Fachwissen geht statt um Oberflächlichkeiten – ich sehe dort oft viel Schein und wenig Sein, auch wenn Social Media nicht grundsätzlich schlecht ist und mir durchaus auch tolle Impulse und Kontakte zu Kollegen bringt. Deshalb habe ich bewusste Social-Media-Zeiten und bewusste Detox-Zeiten, weil ich merke, dass mir Dauerpräsenz dort persönlich nicht guttut.

Ausbildung ist das Fundament, nicht das Ende des Lernens

Ich bilde selbst frische Pferdetherapeuten mit aus und hadere immer wieder mit der Frage: Reicht es, an ein paar Wochenenden eine fachliche Weiterbildung zu machen und dann am lebendigen Lebewesen zu arbeiten? Ich habe einen sehr hohen Anspruch an das, was ich unterrichte, und versuche, in der Kürze der Zeit die richtigen Impulse zu geben. Aber ich bin nur ein kleiner Baustein. Deshalb finde ich wichtig, dass man sich als Therapeut nicht nur von einer Person ausbilden lässt, sondern über den Tellerrand schaut – bei uns an der Döpfer-Akademie haben wir bewusst viele unterschiedliche Dozenten und Herangehensweisen, es gibt nicht nur schwarz und weiß, nicht nur richtig und falsch.

Ein Grundkurs reicht als erste Basis für alle, die bereit sind, sich weiter reinzuknien, aber es wäre ein falsches Signal für alle, die glauben, nach anderthalb oder zwei Jahren Wochenendfortbildung am Ende des Lernens zu sein. Erst nach der Grundausbildung geht es richtig los – wie das Ausheben der Baugrube, bevor das eigentliche Bauen beginnt. Zu den nötigen Erfahrungen gehören auch Misserfolge und Fehleinschätzungen, an denen man als Therapeut wachsen kann, wenn man bereit ist, sich immer wieder zu reflektieren.

Warum interdisziplinäre Zusammenarbeit so oft scheitert

Es mangelt an guter Zusammenarbeit im Pferdebereich, und ich glaube, dafür gibt es zwei Gründe. Der erste: Zeit ist Geld. Langfristig wäre eine interdisziplinäre Zusammenarbeit – Tierärzte, Schmiede, Zahnspezialisten, Therapeuten, Futterexperten gemeinsam an einem kniffligen Fall – nerven- und zeitsparender und für den Pferdebesitzer langfristig sogar günstiger, aber erstmal ein großer Aufwand, weil all diese Experten für ihre Zeit bezahlt werden müssen. Auch die Bestätigung, dass „alles in Ordnung“ ist, etwa im Zahnbereich, setzt Expertise voraus und ist Arbeit, die honoriert werden muss.

Der zweite Grund ist das eigene Ego. Eine gute Zusammenarbeit setzt voraus, dass jeder sein Ego hintenanstellen kann. Jeder schaut mit einer anderen Brille aufs Pferd: der Schmied, der Trainer, der Tierarzt, der Pferdefysio oder Osteotherapeut, der Futterexperte. Das erfordert so viel Selbstwertgefühl, die eigenen fachlichen Möglichkeiten UND Grenzen zu erkennen – und Selbstwert ist eben nicht Fremdwert oder Leistungswert. Hängt der Selbstwert komplett an der beruflichen Bezeichnung, wird es schwierig, sich auf andere Sichtweisen einzulassen, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen. Ein Bild, das mir dabei hilft: Wer im ersten Stock eines Hochhauses wohnt, hat eine kleinere, engere Sicht auf die Straße, aber mehr direkten Austausch mit Menschen, die vorbeikommen. Wer im obersten Stockwerk wohnt, hat einen größeren Gesamtüberblick, aber weniger Kontakt zu dem, was unten wirklich passiert. Keine der beiden Sichtweisen ist grundsätzlich besser – wir laufen alle mit unterschiedlichen Brillen herum, und das darf uns bewusst sein. Mein Tipp: Hört nicht auf zu lernen, schaut über den Tellerrand und kennt eure eigenen Grenzen genauso wie eure Kompetenzen.

Preisgestaltung als Branchenproblem

Ein ganz wichtiger Punkt, der die Pferdetherapie herunterwirtschaftet und das Ansehen der Branche verschlechtert, ist die Preisgestaltung. Ich weiß selbst nicht immer, wie lange ich meine Arbeit als hauptberufliche Osteotherapeutin noch fortführen kann, weil es schwer ist, die Kosten zu decken, ohne die Preise zu nehmen, die inzwischen nötig sind, um wirklich davon leben zu können – nicht nur kostendeckend zu arbeiten. Dabei ist mein Lebensstandard alles andere als üppig: kein eigenes Pferd, keine große Wohnung, kein Luxus, sehr überschaubare Urlaube. Der größte Luxus, den ich mir erlaube, ist gutes Essen für meine Gesundheit – und Grenzen zu setzen, um Zeit zu haben, die nicht nur der Arbeit gehört.

Bei einer kleinen Instagram-Umfrage von mir gaben nur 20 Prozent der antwortenden Dienstleister im Pferdebereich an, ausschließlich davon zu leben – und von diesen 20 Prozent war weniger als die Hälfte Pferdefysio oder -osteotherapeut, also keine 10 Prozent insgesamt. Ich habe selbst jahrelang nur kostendeckend gearbeitet, ohne Rücklagen für die Rente oder einen Puffer, der mir erlaubt hätte, krank zu werden. Die Rechnung dafür bekam ich, als ich vor zwei Jahren erkrankte und merkte, dass ich jahrelang draufgezahlt hatte. Verantwortlich dafür bin ich selbst – ich habe mich von Anfang an verkalkuliert, orientiert an dem, was andere nehmen, und mir damit mein eigenes wirtschaftliches Grab geschaufelt. Davor möchte ich vor allem nebenberuflich arbeitende Therapeuten bewahren, die irgendwann hauptberuflich einsteigen wollen.

Konkrete Tipps zur Kalkulation

Wer als Therapeut zu niedrige Preise wählt und dazu noch rund um die Uhr erreichbar ist, ohne Grenzen aufzuzeigen, macht sich selbst und der ganzen Branche die Zukunft kaputt – ellenlange E-Mails, kostenlose Telefonate, freundschaftliche Extra-Dienste erhöhen vielleicht kurzfristig die Kundenbindung, aber nicht die Wertschätzung für die eigentliche fachliche Kompetenz. Eine Buchempfehlung dazu: „Der netten Beißen die Hunde“ – für alle, die schlecht Nein sagen können.

Ein paar konkrete Tipps: Schreibt eure Fixkosten auf – Steuern, Versicherung, Vorsorge, Fahrzeugkosten (nicht nur Sprit, sondern auch Instandhaltung, Reifen, Versicherung), Umsatzsteuer, sobald ihr kein Kleinunternehmer mehr seid. Kalkuliert euren organisatorischen Aufwand mit ein, also Tourenplanung, Anfahrtszeiten, Fortbildungen, Kundenkommunikation – das ist alles Arbeitszeit. Digitalisiert wiederkehrende Fragen in FAQs oder Blogbeiträge, statt sie immer wieder einzeln zu beantworten. Vermeidet langwierige Telefonate, außer ihr schreibt die Anamnese währenddessen direkt mit, statt sie später ein zweites Mal abzufragen. Kalkuliert Fortbildungszeit inklusive Nichterreichbarkeit ein – wenn ich in einer Fortbildung sitze, ist mein Handy aus. Und bei der Preisgestaltung: Rechnet nicht nur die reine Behandlungszeit, sondern auch Organisation, Befunddokumentation, Nachbesprechungen und Rückfragen mit ein. Bei mir sind das bei anderthalb Stunden Behandlungszeit vor Ort locker nochmal 40 bis 60 Minuten für Anfahrt und Kommunikation drumherum – bei einer Erstbehandlung leicht drei Stunden insgesamt. Für 100 Euro kann man nicht drei Stunden arbeiten, und das Ganze sollte natürlich auch versteuert werden.

Fazit

Ich habe meine eigene Arbeitsstruktur inzwischen verändert und meine Preise angepasst – auch wenn das für Bestandskunden erstmal Umstellung bedeutet und mir dadurch auch Kunden verloren gehen. Das ist in Ordnung, das muss mir klar sein. Der Wert meiner Arbeit ist dennoch höher als der Preis: Ich behandle Pferde so selten wie nötig, nicht so oft wie möglich. Meine Priorität ist volle Präsenz in der Behandlung und die Investition in mein Fachwissen – nicht das Umgarnen von Kunden und ständige Erreichbarkeit. Es ist meine Verantwortung, dazu beizutragen, dass das Berufsfeld der Pferdetherapeuten weiter anerkannt bleibt und fortbesteht: durch klare Grenzen, Transparenz bei den Preisen und ein Fachwissen, das nie endgültig ist. Denkt dran: den Netten beißen die Hunde.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Ein kritischer Blick auf den Markt der Pferdetherapeuten (und weitere Dienstleister der Pferdebranche)“