Zum Inhalt springen

Profiberitt/Jungpferdeausbildung/Skala der Ausbildung aus ganzheitlicher Sicht.

Die Skala der Ausbildung wird für Prüfungen zuverlässig auswendig gelernt – verstanden wird sie deutlich seltener.

In dieser Folge ordnet Denise ein, woher die Skala der Ausbildung eigentlich stammt, warum biomechanisches Verständnis wichtiger ist als reines Vokabelwissen, wann ein Pferd wirklich reif fürs Anreiten ist und woran sich ein wirklich guter Ausbilder erkennen lässt.

Außerdem: warum es aus ihrer Sicht keine „Problempferde“ gibt.

Transkript:

Profiberitt/Jungpferdeausbildung/Skala der Ausbildung aus ganzheitlicher Sicht.

Was ist eigentlich „Profi“, und legitimiert eine abgeschlossene Bereiter-Ausbildung automatisch diese Bezeichnung? Diese Frage treibt mich um, weil viele meiner Kunden immer wieder mit dem Ausbilden ihrer jungen oder noch nicht gerittenen Pferde konfrontiert sind – und weil aus meiner Sicht die Grundausbildung aktueller denn je ist. Wir haben hierzulande immer mehr unterschiedliche Rassen mit unterschiedlicher körperlicher Beschaffenheit, darunter zunehmend hypermobil gezüchtete Pferde, die früh aus dem Sport ausscheiden. Und gerade deshalb sollte auch beim Richten stärker erkannt werden, wann ein Pferd wirklich reell ausgebildet ist – unabhängig davon, ob es besonders viel Schulterfreiheit zeigt oder nicht.

Warum ich mich als Osteotherapeutin einmische

Ich bin selbst keine besonders talentierte Reiterin – sonst hätte ich vermutlich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen. Mein eigenes Pferd habe ich mit einer nicht ganz feinen Reitweise zu einer echten körperlichen Baustelle gemacht: Er entwickelte eine massive Entzündung der langen Rückenbänder. Ich hatte mich damals auf einen Reitlehrer verlassen, der auch in hohen Klassen unterwegs war, ohne selbst zu hinterfragen – und musste erst etwas kaputt machen, um daraus zu lernen. Genau wie ein Physiotherapeut der Fußballnationalmannschaft nicht zwangsläufig selbst ein guter Fußballer sein muss, geht es mir nicht um reiterliches Talent, sondern um das Verständnis biomechanischer Zusammenhänge: Wer weiß, dass eine dauerhaft komprimierte Halswirbelsäule die Aufrichtung und die Beweglichkeit der gesamten Wirbelsäule einschränkt, versteht auch, warum starkes Ziehen an den Zügeln oder ein festes vorderes Bewegungszentrum kein Untertreten der Hinterhand zulässt.

Ist die Skala der Ausbildung noch aktuell?

Die Skala der Ausbildung dient der Orientierung beim Ausbilden des Reitpferdes mit dem Ziel, es am Ende einhändig, durchlässig und in leichtfüßiger Versammlung reiten zu können. Sie ist nicht als starres, geradliniges Durchlaufen gedacht, sondern als Bereiche, die ineinander übergehen können. Ihre Punkte – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, gerade Richtung und Versammlung, später ergänzt um Gleichgewicht und Durchlässigkeit – haben ihren Ursprung übrigens in der Heeresdienstverordnung von 1912 beziehungsweise 1937: Ziel war ein Pferd, das im Kampfeinsatz beweglich, dynamisch und ein sicherer Partner für den Soldaten war. Diese Wurzeln erklären auch, warum ein detaillierter Ausbildungsplan damals zum Beispiel acht Wochen reines Reiten ohne Zügel vorsah.

Was zwischen den Zeilen steht

Die Punkte der Skala werden für Prüfungen häufig auswendig gelernt, aber genau das, was zwischen den Zeilen steht, wird oft übersehen. Auf der Seite der FN steht ausdrücklich, dass sich die klassische Reitlehre an der Natur und den individuellen Anlagen des Pferdes orientieren, seine körperlichen Voraussetzungen berücksichtigen und bei richtiger Anwendung zu seinem Wohlbefinden führen soll. Pferde sollen mental während der gesamten Ausbildung gesund bleiben und nicht schon mit acht Jahren aus dem Turniersport aussteigen, weil sie „auf“ sind. Gerade dort, wo Bereiter täglich zehn oder elf Pferde durcharbeiten müssen, ist individuelles Arbeiten kaum noch möglich – ich glaube, viele starten mit einer wirklich guten Idee und geraten dann in genau diese Realität.

Gebrochenes Pferd oder Partner?

Die klassische Reitlehre spricht ausdrücklich von einem willigen, vertrauensvoll mitarbeitenden Pferd – nicht von einem bloß untergeordneten. Man sollte sich ehrlich fragen: Möchten wir ein Pferd, das aus Angst vor Strafe und Schmerz gehorcht, oder eines, das als respektvoll behandelter Partner mehr als hundert Prozent geben mag? Übertragen auf den Menschen: Ein Chef, der nur Anweisungen gibt statt wertzuschätzen, bekommt von seinen Mitarbeitern selten mehr als das Nötigste. Beim Pferd ist das nicht anders.

Wann darf ein Pferd angeritten werden?

Die Faustregel „ein Dreijähriger darf dreimal, ein Vierjähriger viermal geritten werden“ halte ich für wenig hilfreich, weil ein Schaden immer dann entsteht, wenn die Belastung höher ist als die Belastbarkeit – und die ist nicht am Alter allein festzumachen. Ein dreijähriger Spätentwickler mit wenig Bewegung in der Aufzucht kann weniger belastbar sein als ein jüngeres Pferd, während eine neunjährige Zuchtstute nach jahrelangem Zuchteinsatz ebenfalls behutsam wieder herangeführt werden muss. Bestimmte anatomische Reifungsschritte spielen dabei durchaus eine Rolle: Das Kreuzbein der Pferde ist beispielsweise erst ab etwa fünf Jahren zusammengewachsen und belastbar, der Zahnwechsel ist meist erst gegen Ende des fünften Lebensjahres abgeschlossen. Muskulär können Pferde optisch schon mit drei Jahren proper aussehen – das ist aber nicht zwangsläufig gesund, sondern oft Ausdruck zu starker Fütterung, nicht tatsächlicher Reife.

Ein Beispiel aus der Praxis: Mir wurde einmal ein zweieinhalbjähriges Pony vorgestellt, das unterm Sattel bereits Probleme zeigte. Bei der Untersuchung war es zwar berührungsempfindlich, zeigte aber ohne Reiter keine behandlungsbedürftige Symptomatik – die Empfindlichkeit war aus meiner Sicht dem zu frühen Reitergewicht geschuldet. Ich habe das Pferd bewusst nicht „auf den Kopf gestellt“ und stattdessen der Besitzerin dringend empfohlen, es aktuell nicht zu reiten. Es hätte keinen Sinn ergeben, immer wieder Läsionen zu lösen, wenn die eigentliche Ursache – zu frühe Belastung – bestehen bleibt.

Woran erkenne ich einen wirklichen Profi?

Vier Wochen ausgebunden im Kreis longieren und sich dann daraufsetzen, um kurz darauf Turnierreife zu erwarten, kann auf Dauer nicht gut gehen. Die Basis fängt am Boden an: Horsemanship, gute Kommunikation, Bodenarbeit, das Pferd als Handpferd mitnehmen, Spazierengehen über unterschiedliches Terrain zur Kräftigung der stabilisierenden Muskulatur – vor allem aber der Aufbau von Vertrauen. Der Reiter setzt sich schließlich genau auf die Stelle hinter dem Widerrist, die für ein Fluchttier eine besonders große Schwachstelle darstellt. Pferde, die ohne diese Vorarbeit zu früh und zu schnell angeritten werden, kämpfen aus meiner Erfahrung häufig ihr ganzes Leben mit körperlichen und mentalen Folgen.

Woran also einen guten Ausbilder erkennen? Qualität statt Quantität ist ein zentrales Kriterium: Wer täglich zehn oder elf bereits fertig gesattelte Pferde „abarbeitet“, kann kaum eine echte Bindung zum einzelnen Pferd aufbauen, was mentalen Stress und körperliche Anspannung verstärkt. Ich würde mich außerdem nicht an einen Betrieb wenden, in dem ein Osteopath an einem Tag zehn Pferde behandelt – aus meiner Erfahrung ist das nicht gewissenhaft möglich, ich selbst behandle maximal drei Pferde am Tag. Transparenz, Kritikfähigkeit und klare Erklärungen sollten selbstverständlich sein. Sätze wie „der muss da durchgeritten werden“, „der ist echt schwierig“ oder „ich brauche andere Zügel, weil ich ihn mit den glatten nicht halten kann“ sollten hellhörig machen.

Warum es aus meiner Sicht keine Problempferde gibt

Zeigt ein Pferd Auffälligkeiten – beim Anreiten, in der Jungpferdeausbildung oder später –, dann kann es aus meiner Sicht ausnahmslos eines von drei Dingen sein: Es kann etwas noch nicht, es hat den Reiter noch nicht verstanden, oder es hat Schmerzen. In 18 Jahren Praxis habe ich noch kein Pferd erlebt, das schlicht keine Lust hatte oder nicht kooperieren wollte. Verantwortlich ist dabei nicht allein der Ausbilder oder Bereitstall – auch der Pferdebesitzer trägt Verantwortung für die notwendige Vorarbeit. Je mehr davon geleistet wird, desto einfacher wird die weitere Ausbildung.

Feine statt grobe Technik – auch in der Osteopathie

Gewalt und Kraft haben in der Pferdeausbildung ebenso wenig zu suchen wie in der Pferdeosteopathie, die ohne kraftvolle, gewaltsame Techniken funktioniert. Pferde profitieren aus meiner Erfahrung eher von feinen als von spektakulären Techniken – „wo Wissen aufhört, fängt Gewalt an“, trifft das ganz gut. Manchmal reicht schon eine veränderte Atmung, um die Spannung des Pferdes oder die eigene zu verändern; oft genügt allein der Gedanke an eine bevorstehende Bewegung, um sie einzuleiten. Den Satz „Die Energie folgt dem Gedanken“ aus der Osteopathie habe ich selbst erst nach Jahren manueller Arbeit wirklich verinnerlicht – so wie ein ganzes Leben nicht ausreicht, um Anatomie und Osteopathie vollständig zu erlernen.

Trainingsprinzipien richtig verstehen

Eine feine Reitweise bedeutet keineswegs, dass ein Pferd nicht arbeiten soll – ein Trainingsreiz muss groß genug sein, um zu Anpassung zu führen. Die oft genannten 72 Stunden Erholungszeit können eine sinnvolle Orientierung sein, etwa bei intensivem Krafttraining oder bei einem Pferd, das gerade lernt, Reitergewicht zu tragen – sie sind aber kein starres Dogma und hängen stark davon ab, welche Art von Reiz gesetzt wurde und wie gut das Pferd bereits trainiert und regenerationsfähig ist. Ein Pferd soll ohnehin nicht nur alle drei Tage bewegt werden, sondern vielseitig: an einem Tag eher kraftbetont, an einem anderen ausdauerorientiert, an einem dritten auf Koordination und Gleichgewicht ausgerichtet.

Fazit

Am Ende geht es darum, echte Vorarbeit zu leisten, statt Pferde in kurzer Zeit „fertigzumachen“. Wer einen Ausbilder oder Berittstall sucht, sollte auf Transparenz, individuelle Betreuung und das Vermeiden von Massenabfertigung achten – und selbst bereit sein, die notwendige Basisarbeit mitzutragen. Pferde sollten im Laufe ihres Lebens an Ausdruck gewinnen, nicht mit fünf Jahren ihre beste Leistung zeigen und danach nur noch als Symptomträger verwaltet werden.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Profiberitt/Jungpferdeausbildung/Skala der Ausbildung aus ganzheitlicher Sicht.“