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Fertig ausgebildet ist niemand – auch nach 18 Jahren Praxis nicht.
In dieser Folge spricht Denise über realistische und unrealistische Erwartungen: an sich selbst, an angehende Tierphysiotherapeuten und an die eigene Arbeit als Pferdetherapeutin. Es geht um Vergleiche über Social Media, um Erwartungsmanagement gegenüber Pferdebesitzern bei akuten und chronischen Problemen, und um das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun, das erklärt, warum wir so oft aneinander vorbeireden.
Transkript:
Pferdephysiotherapeut: Wie du dich von unrealistischen Erwartungen und Vergleichen befreist
Nach einem Prüfungsvorbereitungskurs für eine Gruppe angehender Tierphysiotherapeuten habe ich mich noch einmal intensiv mit einer Frage beschäftigt, die weit über die Ausbildung hinausreicht: Was sind eigentlich realistische Erwartungen – und wie entstehen unrealistische? Das betrifft nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Ausbilder und Schüler, sondern begleitet uns alle tagtäglich, auch als Pferdebesitzer oder als Therapeut im Kontakt mit Kunden.
Was Erwartungen eigentlich sind
Erwartungen sind gedankliche Vorwegnahmen von Geschehen, und die meisten davon laufen unbewusst ab. Dass morgens die Kaffeemaschine funktioniert, ist so eine implizite Erwartung – sie wird uns erst bewusst, wenn sie einmal nicht erfüllt wird. Daneben gibt es bewusste Erwartungen, etwa an Pünktlichkeit. Ich lege selbst großen Wert darauf, pünktlich bei Behandlungsterminen zu erscheinen, und erwarte das unbewusst auch von Pferdebesitzern. Kommt jemand ohne Ankündigung zu spät, empfinde ich das schnell als respektlos – wobei mir bewusst ist, dass das im Grunde mein eigenes Thema ist, nicht zwingend eine Absicht des anderen.
Realistische Erwartungen an angehende Therapeuten
Von meinen Tierphysiotherapie-Schülern erwarte ich Bereitschaft, sich mit Anatomie und Physiologie als Basis auseinanderzusetzen – nicht aber, dass sie nach anderthalb Jahren berufsbegleitender Ausbildung schon alles aus dem Effeff können. Das wäre unrealistisch: Ich selbst mache diese Arbeit seit 18 Jahren und schaue immer noch regelmäßig in meine Anatomiebücher, weil sich Wissen zu Biomechanik, Fütterung und Training ständig weiterentwickelt.
Ein hilfreicher Vergleich: Meine eigene dreijährige Humanphysiotherapie-Ausbildung hat mir zwar auch die Lymphdrainage vermittelt – trotzdem durfte ich sie danach nicht direkt mit den Krankenkassen abrechnen, sondern musste dafür eine separate, mehrwöchige Weiterbildung absolvieren. Selbst mit abgeschlossener Grundausbildung ist man also in keinem Fachbereich sofort fertig ausgebildet. Wichtiger als vollständiges Wissen ist deshalb aus meiner Sicht die Bereitschaft, das eigene Nichtwissen zu erkennen, es zuhause nachzuarbeiten und sich fachlich immer wieder zu hinterfragen – gerade wenn eine gute Zusammenarbeit mit Tierärzten und anderen Kollegen gelingen soll.
Warum Vergleiche so oft unzufrieden machen
Frische Tierphysiotherapeuten sehen häufig vor allem das, was sie noch nicht können, und übersehen dabei, was sie schon können – ein evolutionär bedingter Effekt, weil Gefahren (in dem Fall: Nichtwissen) uns präsenter erscheinen als Positives. Verstärkt wird das durch Vergleiche: Früher verglichen wir uns regional, heute über Social Media mit Therapeuten und Sportlern auf der ganzen Welt. Ich merke das bei mir selbst sehr deutlich, etwa beim Sport, und versuche deshalb, Social Media bewusst zu dosieren. Sinnvoller ist ein Vergleich mit sich selbst vor einem halben Jahr statt mit anderen – ergänzt durch ein Dankbarkeitstagebuch, das den Fokus auf das lenkt, was bereits gut läuft, statt nur auf das, was noch fehlt.
Wie überzogene Erwartungen von Kunden entstehen – und was daraus folgen kann
Auch Pferdebesitzer bringen manchmal unrealistische Erwartungen mit, oft ebenfalls durch Social Media geprägt („Mach diese drei Übungen, und die Hinterhand ist aktiviert“). Ich erinnere mich an einen Fall vor einigen Jahren: Ich hatte an einem Stall bereits erfolgreich behandelt, wurde daraufhin zu einem weiteren Pferd gerufen – einem Pferd mit starker Berührungsempfindlichkeit im Genickbereich, bei dem die Behandlung nicht wie gewünscht anschlug. Als ich die Besitzerin Wochen später wiedertraf, war sie enttäuscht und äußerte das an einem Tag, an dem ich selbst übermüdet und wenig belastbar war. Das führte bei mir zu einem echten Einbruch. Im anschließenden Gespräch erkannte die Besitzerin selbst, dass sie eine falsche Erwartungshaltung gehabt hatte: dass ein Therapeut wie bei anderen Pferden am Stall auch bei ihrem schnell und vollständig helfen würde. Diese Offenheit half beiden Seiten, das Erlebnis gut aufzuarbeiten.
Erwartungsmanagement als Teil der eigenen Arbeit
Genau deshalb versuche ich, Erwartungen von Kunden aktiv zu steuern, statt sie unausgesprochen im Raum stehen zu lassen. Bei einer akuten Blockierung darf man schneller mit sichtbarem Erfolg rechnen. Bei chronischen Themen – etwa Magenproblematiken, stoffwechselbedingten Muskelproblemen oder chronischem Husten – kann dagegen nicht erwartet werden, dass sich in einer Woche auflöst, was sich über Jahre aufgebaut hat. Aus diesem Grund dokumentiere ich meine Behandlungen zusätzlich per Video und formuliere darin klar, was auffällig war und was nach der Behandlung realistisch zu erwarten ist – auch um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden. Heilversprechen darf und will ich als Therapeutin ohnehin nicht geben.
Warum wir oft aneinander vorbeireden: das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun
Ein hilfreiches Modell, um Missverständnisse in der Zusammenarbeit besser zu verstehen, stammt von Schulz von Thun: Jede Nachricht hat vier Seiten – Sachinformation, Appell, Beziehung und Selbstoffenbarung. Am Beispiel eines Paars im Auto, bei dem der Beifahrer sagt „Es ist grün“: Das kann als reine Sachinformation gemeint sein, als Appell („Fahr doch los“), auf Beziehungsebene („Du bist nicht aufmerksam genug“) oder als Selbstoffenbarung („Ich habe es eilig“). Wir alle senden auf allen vier Ebenen, hören aber auch selbst bevorzugt auf einer bestimmten Ebene – manche vor allem sachlich, andere nehmen fast alles persönlich, wieder andere hören in fast jeder Aussage einen Appell heraus.
Übertragen auf die Pferdetherapie: Sagt ein Pferdebesitzer nach der Behandlung „Der lässt sich immer noch nicht vernünftig stellen und biegen“, kann das als Appell verstanden werden („Komm nochmal vorbei“) oder auf Beziehungsebene fälschlich als persönliche Kritik ankommen. Sich das bewusst zu machen, hilft, in solchen Situationen nicht vorschnell defensiv zu reagieren, sondern erst zu klären, was tatsächlich gemeint war.
Fazit: den eigenen Weg finden, statt allen gefallen zu wollen
Ich weiß, dass ich als Typ viele Dinge auf verschiedenen Ebenen hinterfrage, mir Zeit für Themen nehme und keine schnellen Antworten liefere – und das ist in Ordnung so. Ich habe nicht die Erwartung, dass ich jedem gefalle oder dass jede Arbeitsweise zu jedem passt. Genau das würde ich auch angehenden Tierphysiotherapeuten mitgeben: nicht zu sehr auf andere Therapeuten schielen, sondern die eigenen Stärken und Schwächen erkennen, sich reflektieren und fachlich präzise bleiben. Das ist auch die Basis für eine gute Zusammenarbeit mit Tierärzten und anderen Fachrichtungen – nicht Unsicherheit oder sofortiges Abblocken von Kritik, sondern die Bereitschaft, das eigene Wissen und Nichtwissen ehrlich einzuordnen und weiter daran zu arbeiten.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Pferdephysiotherapeut: Wie du dich von unrealistischen Erwartungen und Vergleichen befreist“