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Warum werden Empfehlungen von Therapeuten so häufig nicht umgesetzt, obwohl Pferdebesitzer ihr Pferd lieben und eigentlich nur das Beste möchten? Liegt es wirklich an fehlender Motivation oder steckt etwas ganz anderes dahinter?
In dieser Folge spreche ich über einen psychologischen Mechanismus, der uns alle betrifft: Wir orientieren uns häufig weniger an dem, was objektiv sinnvoll ist, sondern an dem, was in unserem Umfeld als normal gilt. Genau deshalb werden viele Verhaltensweisen im Stall irgendwann gar nicht mehr hinterfragt – auch dann nicht, wenn sie dem Pferd langfristig schaden können.
Wir sprechen darüber, warum Gewohnheiten so mächtig sind, weshalb Veränderungen oft so schwerfallen und warum Fachwissen allein häufig nicht ausreicht, um Menschen zum Umdenken zu bewegen. Außerdem geht es um die Rolle des Therapeuten: Wie viel Einfluss haben wir eigentlich, wenn wir ein Pferd nur alle paar Wochen oder Monate sehen und der Besitzer die übrige Zeit in einem Umfeld verbringt, in dem vieles einfach „schon immer so gemacht wurde“?
Diese Folge richtet sich an Pferdephysiotherapeuten, Pferdeosteopathen, Tiertherapeuten, Trainer und Pferdebesitzer, die menschliches Verhalten besser verstehen und Veränderungen langfristig begleiten möchten.
Denn oft ist nicht mangelndes Wissen das größte Problem – sondern das, was wir als selbstverständlich und normal empfinden.
Viel Freude beim Zuhören!
Warum fällt Veränderung so schwer?
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“. Mein Name ist Denise Schäfer. Ich bin Osteotherapeutin und Gründerin der Horse Therapy Academy, einer Fortbildungsplattform für Therapeuten, Trainer und Pferdebesitzer, die bereit sind, nach Ursachen zu suchen, statt Symptome zu behandeln, Dinge zu hinterfragen und offen dafür sind, auch einmal neue Wege zu gehen und Pferde durch verschiedene Brillen zu betrachten.
Ich möchte heute über ein Thema sprechen, das wahrscheinlich jeder Therapeut kennt, aber auch viele Menschen aus ganz anderen Zusammenhängen. Und vielleicht erkennt sich der ein oder andere Pferdebesitzer beim Hören ebenfalls ein Stück weit darin wieder. Denn einer der Sätze, die wir von Therapeuten am häufigsten hören, lautet: „Der Besitzer setzt es ja sowieso nicht um“ oder „Ich habe das schon dreimal erklärt, und trotzdem verändert sich nichts.“
Der vertraute Frust: erklärt, und trotzdem verändert sich nichts
Diesen Gedanken kann ich total nachvollziehen, mir passiert das auch. Ich habe definitiv Kunden, bei denen ich merke, dass etwas nicht umgesetzt wird. Ich nehme das nicht persönlich, ziehe mich aber dann manchmal auch zurück. Ich möchte immer dann behandeln, wenn es Sinn macht, und wenn ich immer wieder die gleichen Themen behandle, merke ich: Da verändert sich nichts, und ich möchte nicht dauerhaft symptomatisch arbeiten.
Wahrscheinlich kennt das jeder von uns: zum Stall fahren, das Pferd gründlich untersuchen, sich Zeit nehmen, Zusammenhänge erklären, über mehr sprechen als nur das Manualtherapeutische – also auch Training, Haltung, Fütterung, Management. Und danach fährt man nach Hause mit dem Gefühl, dass das zwar aufgenommen wurde, aber aus dem einen Ohr rein und aus dem anderen wieder raus ist. Wird man Wochen oder Monate später erneut gerufen und stellt fest, dass genau dieselben Themen wieder da sind, weiß man eigentlich schon: Es hat sich nicht viel verändert. Das ist frustrierend, gerade weil viele von uns auf Ursachensuche sind.
Erst mal bei sich selbst hinterfragen
Diesen Frust dürfen wir haben. Trotzdem finde ich es wichtig, sich dabei auch selbst zu hinterfragen: Habe ich überhaupt wirklich verständlich erklärt, sodass es auch angekommen ist? Jeder Mensch hört auf unterschiedlichen Ohren. Für uns selbst ist oft klar, was wir senden wollen – aber nicht immer, was beim Empfänger tatsächlich ankommt. Auf welchem Ohr hat er das gehört? Hat er die Information als Appell aufgenommen, auf der Beziehungsebene oder auf der Sachebene?
Habe ich es wirklich verständlich erklärt, sodass es in seinen Ohren passend ankommt – wofür wir natürlich auch nicht immer allein verantwortlich sind, denn manche Menschen verstehen Dinge grundsätzlich eher auf der Beziehungsebene als auf der Sachebene. Das dürfen wir im Hinterkopf behalten: Wir haben nicht immer Einfluss auf alles, und das ist auch in Ordnung. Trotzdem lohnt sich die Frage: War das jetzt wirklich die Veränderung, die ich mir gewünscht habe? Oder habe ich es nur nebenbei im Nebensatz erwähnt und im Nachhinein gedacht, ich hätte es ja gesagt? Habe ich es vielleicht zu diplomatisch formuliert, weil ich niemandem auf die Füße treten wollte? Habe ich „du musst“ gesagt, statt ein Angebot zu machen? Und habe ich wirklich verständlich erklärt, warum eine Veränderung überhaupt sinnvoll wäre?
Die eigene Wahrheit ist ja nicht automatisch die Wahrheit des anderen, und jeder Mensch geht anders an Pferde heran. Das sind Fragen, die wir uns als Dienstleister immer wieder stellen dürfen und müssen: Wie kommunizieren wir? Das ist nicht immer perfekt, auch bei mir nicht. Es gibt Tage, an denen ich zu diplomatisch bin, und andere, an denen ich zu impulsiv oder zu deutlich bin. Wichtig ist, daraus zu lernen und bei der nächsten Behandlung etwas mitzunehmen – daran können wir wachsen, das sollte uns nicht in Resignation bringen.
Wir überschätzen unsere eigene Wirkung
Wenn ich aber ausschließen kann, dass etwas nicht verstanden wurde, und wirklich das Gefühl habe, es gut vermittelt zu haben, dürfen wir noch etwas anderes berücksichtigen: Wir überschätzen manchmal unsere eigene Wirkung. Denn wie oft sehen wir den Kunden eigentlich? Und wie oft sieht der Kunde die Menschen um sich herum am Stall, die anderen Reiter, den Trainer?
Bei mir ist es so, dass ich manche Pferde vielleicht nur ein- oder zweimal im Jahr sehe. Ich bin dann für anderthalb Stunden am Stall, plus Kommunikation davor und danach. Ich gebe Impulse, erkläre, versuche Verständnis zu schaffen, fahre dann wieder nach Hause, stehe für Rückfragen zur Verfügung und erkläre auch gerne noch einmal anders, wenn etwas nicht richtig angekommen ist. Der Pferdebesitzer aber ist an seinem Stall, wo er steht – er verbringt nicht anderthalb Stunden mit mir, sondern die übrigen 360-plus Tage im Jahr mit seinem Umfeld: mit Stallkollegen, mit dem Trainer, bei dem er vielleicht wöchentlich Unterricht hat, mit dem Hufschmied, mit Freunden, mit Menschen, die seit Jahren bestimmte Dinge auf eine bestimmte Weise machen. Und genau dieses Umfeld prägt uns alle – auch uns Therapeuten, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind – viel stärker, als wir häufig glauben.
Normalität hinterfragen wir selten
Ich bin auf dieses Thema sehr spontan gekommen, weil meine Kollegin Janine Kettlitz, die als Hufbearbeiterin unterwegs ist, kürzlich etwas sehr Schönes geteilt hat. Sie sprach in einem Reel darüber, dass unheimlich viele Pferde bei der Hufbearbeitung unruhig sind – und dass sie sich wünschen würde, häufiger würde gefragt: Warum eigentlich? Nicht nur vom Pferdebesitzer, sondern auch von anderen Dienstleistern rund um den Huf. Warum nimmt man sich nicht zwei, drei Minuten mehr Zeit, statt das Bein einfach hochzuheben, zu fixieren oder Sedierungspaste zu geben, damit das Pferd ruhig steht? Warum schaut man nicht, ob Schmerzen, Unsicherheit oder schlechte Erfahrungen dahinterstecken?
Diesen Gedanken finde ich so treffend, weil er zeigt, was wir überall beobachten können: Wenn acht von zehn Pferden bei der Hufbearbeitung zappeln, fällt das irgendwann gar nicht mehr auf. Dann sind wir in der neuen Normalität angekommen, und Normalität hinterfragen wir nur selten, weil sie sich so gewohnt anfühlt. Genau dasselbe erleben wir beim Longieren: Wenn in einem Stall alle Pferde grundsätzlich mit Ausbindern longiert werden, wird derjenige, der sagt „vielleicht braucht das Pferd das gar nicht, ich gehe einen anderen Weg“, erst mal schief angeschaut – nicht, weil die Menschen dagegen sind, sondern weil das gesamte Umfeld seit Jahren etwas anderes macht und das die Normalität ist. Fachwissen allein reicht dann oft nicht aus, weil die Psyche ein wesentlicher Faktor ist: Selbst eine stressige, aber vertraute Situation kann sich sicherer anfühlen als das unbekannte Neue.
Warum das Vertraute stärker wirkt als das Bessere
Wir arbeiten als Therapeuten häufig gegen Gewohnheiten an – und Gewohnheiten sind wahnsinnig mächtig. Psychologisch ist das ein bekanntes Muster: Unser Gehirn liebt Vertrautes, und das bedeutet leider auch, dass selbst Dinge, die uns nicht guttun, oft leichter akzeptiert werden als etwas völlig Neues. Das kennen wir auch aus Beziehungen: Menschen fragen sich manchmal Jahre später, warum sie so lange in einer bestimmten Beziehung geblieben sind oder so vieles mitgemacht haben. Das ist natürlich kein einfacher Vergleich, und ich möchte Gewalt oder toxische Beziehungen damit nicht relativieren – aber psychologisch sehen wir hier einen ganz ähnlichen Mechanismus. Das Vertraute fühlt sich oft sicherer an als das Unbekannte, nicht weil es besser ist, sondern weil das Gehirn gelernt hat, damit umzugehen.
Und das passiert eben genauso häufig im Umgang mit Pferden. Das Pferd zeigt seit Jahren Futteraggression, läuft seit Jahren fühlig, ist dauerhaft angespannt, ist beim Turnier immer nervös und frisst nichts mehr – und man sagt: „Das ist halt sein Charakter, der ist halt so.“ Die eigentlich spannendere Frage wäre: Warum eigentlich? Und wann haben wir aufgehört, das zu hinterfragen?
Veränderung bedeutet Arbeit und erst mal auch Unsicherheit. Vielleicht muss das Training verändert oder der Trainer hinterfragt werden. Vielleicht muss die Hufbearbeitung oder der Umgang mit dem Pferd überdacht werden – oft mehr als das rein Fachliche. Vielleicht muss akzeptiert werden, dass manches jahrelang gemacht wurde, obwohl es dem Pferd nicht geholfen hat. Das kostet Energie, und viele Menschen haben in der heutigen Zeit gerade davon wenig übrig. Dadurch fällt Veränderung noch schwerer, denn wenn wir Dinge anders machen wollen, fordert das erst mal eine ganze Menge Kapazität.
Die bessere Frage: Wie stark ist das Umfeld?
Ich glaube deshalb, dass wir als Therapeuten manchmal die falsche Frage stellen, wenn wir uns fragen: „Warum setzt der Besitzer meine Empfehlung nicht um?“ Die bessere Frage wäre vielleicht: Wie stark ist eigentlich das Umfeld, gegen das meine Empfehlung gerade ankämpft? Wenn wir alle paar Monate zum Stall kommen, konkurrieren wir mit hunderten kleinen, längst normalisierten Alltagssituationen: Gespräche am Putzplatz, Kommentare am Reitplatz, Sätze wie „das machen wir schon immer so“ oder „ich reite schon seit 20 Jahren, ich lasse mir nichts sagen“. Zu solchen Sätzen lässt man sich manchmal verleiten, gerade weil es auch mal wehtut, auf Dinge hingewiesen zu werden, die nicht ideal laufen – zumal Pferdebesitzer das ja meistens nicht aus böser Absicht tun, sondern aus ihrer eigenen Normalität heraus. Und mich hören sie dann vielleicht 90 Minuten.
Deshalb glaube ich, dass unsere Aufgabe als Therapeut oder Dienstleister nicht nur darin besteht, Wissen weiterzugeben, sondern auch darin, Menschen zu helfen, die eigene Normalität zu hinterfragen, wenn es Sinn macht – wobei die Wahrheit immer relativ bleibt. Veränderung fängt nicht bei der neuen Behandlungstechnik oder einer bestimmten Übung an, sondern beim Gedanken: Vielleicht ist das, was ich bisher für normal gehalten habe, gar nicht so normal, sondern einfach nur das, was ich gewohnt bin. Wenn wir das verstehen, wird es für uns als Therapeuten leichter, gelassener mit solchen Situationen umzugehen.
Fazit: kleine Schritte statt großem Widerstand
Wissen hilft. Zu verstehen, was hinter einer ausbleibenden Veränderung steckt, ist wertvoller, als sich zu ärgern, dass wieder etwas nicht umgesetzt wurde – denn dieser Ärger kostet nur zusätzliche Energie. Deshalb hoffe ich, dass diese Folge sowohl für Pferdetherapeuten als auch für Pferdebesitzer und andere Dienstleister hilfreich ist. Nicht, weil unsere Empfehlungen dadurch weniger wichtig würden, sondern weil wir vielleicht verstehen, dass wir dabei nicht gegen mangelnde Motivation ankämpfen, sondern gegen jahrelange, tief normalisierte Gewohnheiten.
Dazu passt ein Gedanke aus dem Buch „Die Ein-Prozent-Methode“: Oft sind es wirklich kleine Dinge. Statt gleich alles umzuwerfen, reicht es manchmal, auf eine einzelne kleine Sache hinzuweisen – zum Beispiel: „Schau doch mal, wie dein Pferd Schmerz zeigt, es wackelt immer mit dem Schweif oder zieht die Nüstern kraus, wenn ihm etwas unangenehm ist. Achte doch nur mal auf diese eine Sache.“ So überfordert man niemanden. Trotzdem sollten wir den Mut haben, Dinge anzusprechen, gerade wenn sie tierschutzrelevant sind – ohne andere Meinungsverschiedenheiten gleich zu dramatisieren. Solange das Pferdewohl gewahrt bleibt, dürfen wir durchaus unterschiedliche Trainingsphilosophien haben. Aber die mentale und körperliche Gesundheit und die Handlungsfähigkeit von Tier und Mensch sollten immer im Blick bleiben.
Ich wünsche euch viel Freude beim Hinterfragen der eigenen Dienstleistung, im Umgang mit euren Patienten und mit den Pferden selbst. Ich freue mich auch immer über eure Themenvorschläge – eine der nächsten Folgen, an der ich noch etwas länger sitze, wird sich mit der Schilddrüse bei Mensch und Pferd beschäftigen: Warum Pferde damit offenbar weniger Thematiken haben und was wir davon lernen können. Bis dahin schaut gerne in meine älteren Folgen rein und schaut auf der Horse Therapy Academy oder meinem Instagram-Kanal vorbei für weitere Impulse für eure Tätigkeit als Therapeut oder für euch als Pferdebesitzer.