Podcast: Play in new window | Download
Abonnieren Apple Podcasts | Spotify | Amazon Music | Android | Youtube Music | RSS | Podcast
Der größte Schlüssel für erfolgreiche Behandlungen war für Denise nie eine bestimmte Technik, sondern volle Präsenz und echter Zugang zum Pferd.
In dieser Folge erzählt sie, warum Unsicherheit bei frischen Pferdetherapeuten selten am fehlenden Wissen liegt, warum energetisches Arbeiten einen spürbaren Unterschied macht und wie sie gelernt hat, sich vor jeder Behandlung wirklich zu erden – vom abgeschafften Diensthandy bis zur bewussten Atmung im Stau.
Außerdem geht es um Intuition, Vertrauen als Basis jeder Behandlung und darum, warum Authentizität wichtiger ist, als es jedem recht zu machen.
Transkript:
Präsenz in der Behandlung – Mein Gamechanger in der Pferdetherapie
Der größte Schlüssel, um Pferde erfolgreich zu behandeln, war für mich nie eine bestimmte Technik. Es war die volle Präsenz in der Behandlung und die volle Konzentration auf das Pferd. Genau das versuche ich auch meinen Tierphysio-Schülern und anderen Therapeuten zu vermitteln, die mich oft mit denselben Fragen kontaktieren.
Warum ich nicht an die eine Technik glaube
Mir ist es wichtig, nie zu behaupten, eine einzelne Sache, drei bestimmte Techniken oder eine einzelne Fortbildung würden automatisch zu guten Behandlungsergebnissen führen. Genau das sehe ich aber sehr oft, gerade bei frischen Therapeuten: eine Grundausbildung ist gemacht, doch trotzdem bleibt große Unsicherheit. Das liegt auch daran, dass viele Fortbildungsinstitute im Bereich der Pferdephysiotherapie keine medizinische Vorbildung voraussetzen – die Grundausbildung vermittelt also wirklich nur die absolute Basis. Das kann schon einiges sein, reicht aber selten aus, um sich sicher zu fühlen.
Was ich dagegen immer wieder beobachte: Genau die Therapeuten, die sich wirklich auf das Pferd und auf ihre eigenen Sinne konzentrieren, kommen am weitesten. Das heißt nicht, dass jeder so arbeiten muss – aber wer selbst etwas sensibler ist und die Informationen, die auf ihn einströmen, nur schwer filtern kann, darf genau diese Eigenschaft als Stärke begreifen, statt sie als Belastung zu empfinden.
Zugang zum Pferd als Game Changer
Ein ganz großer Schlüssel in meiner eigenen Behandlung war es, einen echten Zugang zu den Pferden zu finden. Natürlich lässt sich vieles in das Verhalten eines Pferdes hineininterpretieren – ein Gähnen, ein Kauen. Ich fehlinterpretiere das sicher auch manchmal so, wie ich es gerne hätte. Aber unabhängig davon habe ich mit der Zeit ein sehr klares Gespür dafür entwickelt, wann ein Pferd in der Behandlung entspannt ist und wann nicht. Pferde sind Fluchttiere, und dieser Zugang zu ihnen ist aus meiner Sicht ein wahnsinniger Game Changer in der Behandlung – vorausgesetzt, er passt zu einem selbst als Therapeut.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so arbeiten, denken oder reden würde, wie ich es heute tue. Ich bin von Natur aus sehr bodenständig. In meiner Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin haben wir Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, Körperwahrnehmung und autogenes Training gelernt – und ich war diejenige, die dazu überhaupt keinen Zugang hatte und sich eher aufgeregt hat. Ich dachte: Das ist nichts für mich, das kann ich nicht, das ist etwas für die anderen.
Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass genau die Themen, die einem schwerfallen, oft die Themen sind, die man angehen muss. Manche Glaubenssätze dürfen sich einfach verändern. Einer, der mich viele Jahre begleitet hat: „Wenn du selbstständig bist, dann bist du selbst und ständig“ – also immer erreichbar, immer voll da. Irgendwann wurde mir klar, wie negativ dieser Satz eigentlich ist, und dass ich als Selbstständige alle Möglichkeiten habe, meine Arbeit selbst so zu gestalten, wie sie zu mir passt.
Energetisch statt mechanisch arbeiten
Natürlich ist es wichtig, Fortbildungen zu machen und Anatomie und Physiologie zu verstehen – welches Gelenk welche Bewegung hat, wodurch sie limitiert wird, welches Endgefühl bei der Mobilisation zu erwarten ist. Was ich aber manchmal schade finde: Viele Therapeuten, die gerade am Ende ihrer Ausbildung oder am Anfang ihrer Tätigkeit stehen, konzentrieren sich vor allem darauf, was sie noch nicht können. Dieses negative Denken überschattet dann, was bereits vorhanden ist. Statt „ich kann das nicht“ würde ich mir wünschen, dass Therapeuten öfter sagen: „Ich kann das noch nicht“ – und sich auch bewusst machen, was sie bereits fühlen, sehen und wissen.
Wenn es mir gelingt, mich in einer Behandlung wirklich nur auf das Pferd und auf meine Hände zu konzentrieren, die im Grunde eins werden mit dem Pferd, dann ist das Ergebnis der Behandlung spürbar besser. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich etwas rein mechanisch mache oder ob ich energetisch arbeite und mich wirklich in ein Gewebe hineinfühle. Man kann jemanden mechanisch streicheln – oder man bringt die ganze eigene Zuneigung zum Ausdruck. Das fühlt sich vollkommen anders an, ob beim Pferd, beim Hund oder bei einem Menschen.
Besonders schwer fällt mir das, wenn ich gleichzeitig unterrichten und behandeln muss. Wenn ich eine Technik am Pferd erkläre, arbeite ich in diesem Moment automatisch mechanischer und bringe weniger Energie ein. Ich merke auch, dass manche Pferde unruhig werden, sobald während der Behandlung ein Gespräch mit einer dritten Person läuft – ob mit dem Besitzer oder mit jemandem, der zuschaut. Das mag eine Überinterpretation sein, aber für meine eigene Arbeit funktioniert diese Beobachtung einfach. Ich darf mich da selbst noch stärker sensibilisieren, wirklich zu sagen: Jetzt bin ich nur beim Pferd.
Gespräche mit Besitzern – wichtig, aber mit Grenzen
Das heißt nicht, dass ich während der Behandlung nie spreche. Manchmal braucht es kurze Sätze – etwa die Bitte, das Pferd ruhig zu halten, oder eine Nachfrage zu einer auffälligen Struktur: War die schon einmal auffällig? Wann war die letzte Zahnkontrolle? Auch Informationen zur aktuellen Lebenssituation des Besitzers sind für mich wichtig, weil ich das Training entsprechend anpasse – wer gerade unter enormem Zeitdruck steht, dem hilft die Empfehlung, zehn zusätzliche Übungen zu machen, wenig. Manchmal ist es sinnvoller zu sagen: Geh einfach mit dem Pferd spazieren und komm selbst zur Ruhe.
Trotzdem muss ich mich selbst immer wieder bremsen und zurück zum eigentlichen Behandlungsauftrag finden. Ich werde schließlich gerufen, um das Pferd gut zu behandeln, nicht um jede einzelne Geschichte in aller Ausführlichkeit anzuhören. Wer das als unhöflich oder kühl empfindet, für den ist meine Arbeitsweise vermutlich nicht die richtige – und das ist in Ordnung. Mein Anspruch ist, die Pferde sehr gut zu behandeln, nicht jedem zu gefallen.
Erdung, Meditation und die kleinen Übungsmomente im Alltag
Ein großer Vorteil ist es, sich vor jeder Behandlung wirklich zu erden und herunterzukommen – auch wenn man gerade von einer ganz anderen Behandlung kommt, die man dafür komplett abschalten muss. Nur wer zu 100 Prozent präsent beim Pferd ist, wird auch von ihm als präsent wahrgenommen. Je ruhiger ich selbst bin, desto ruhiger wird auch ein aufgeregtes Pferd, weil sich meine eigene Energie überträgt. Das weiß im Grunde jeder Pferdemensch – die eigentliche Herausforderung liegt darin, es auch wirklich umzusetzen.
Ich meditiere mittlerweile regelmäßig, mit einer App auf dem Handy – etwas, das mir früher komplett zuwider war. Aber Präsenz lässt sich auch ganz ohne Meditationsapp trainieren: an der Supermarktkasse, im Stau, überall dort, wo man sich sonst über Wartezeit ärgern würde. Statt sich zu ärgern, kann man die Zeit nutzen, um sich auf die eigene Atmung zu konzentrieren, zu spüren, wo im Körper Spannung sitzt, und beim Ausatmen bewusst loszulassen. Wer behauptet, dafür keine Zeit zu haben, dem würde ich ehrlich widersprechen – das ist aus meiner Sicht eher eine faule Ausrede. Für den einen ist es Meditation, für den anderen Malen oder einfach nur dasitzen und aus dem Fenster schauen. Wann habt ihr das letzte Mal wirklich nichts gemacht – kein Handy, keine Musik, kein Gespräch, einfach nur präsent gewesen?
Intuition als Werkzeug, nicht als Widerspruch zum Wissen
Nur wer selbst geerdet ist, hat auch Zugang zur eigenen Intuition. Und diese Intuition basiert natürlich auf dem angeeigneten Fachwissen – beides schließt sich nicht aus. Wenn ich ein Pferd zum ersten Mal sehe, fällt mir oft intuitiv sofort etwas Besonderes auf, noch bevor ich weiß, weswegen ich eigentlich gerufen wurde: ein aufgegaster Bauch, flossenartig wirkende Hufe, ein insgesamt müder, matter Eindruck. Das ist kein Hexenwerk, das kann im Grunde jeder mit offenen Sinnen wahrnehmen – uns wurde nur oft schon als Kind abgewöhnt, uns auf die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen zu verlassen.
Am Anfang einer Behandlung geht es für mich deshalb nicht darum, ein festes Ablaufschema abzuarbeiten und sich am Ende zu ärgern, ein bestimmtes Gelenk vergessen zu haben. Viel wichtiger ist zunächst, dass das Pferd mich als Therapeutin kennenlernt und Vertrauen aufbaut. Ein Pferd, das Vertrauen hat, wird viel zugänglicher – auch wenn die Behandlung in Bereiche kommt, die für das Pferd schmerzhaft sind. Das haben mir die Pferde selbst beigebracht, nicht ein Dozent und auch nicht meine eigene Ausbildung.
Selbstreflexion statt Erwartungshaltung erfüllen
Ein weiterer großer Schlüssel für mich war die intensive Auseinandersetzung mit psychologischen Themen und Grundbedürfnissen – die Frage, was für ein Typ ich eigentlich bin. Bei mir persönlich zeigt sich oft die Neigung, die Erwartungshaltung anderer erfüllen zu wollen. Nehme ich zum Beispiel jemanden zum Hospitieren mit, muss ich mich aktiv davon freimachen, dass diese Person eine Erklärung erwartet, warum ich etwas so und nicht anders angehe. Genau daran zu arbeiten, ruhig zu bleiben und bei sich selbst zu bleiben, halte ich für einen der wichtigsten Schlüssel überhaupt.
Dazu gehört für mich auch, wirklich zurückzukommen – zwischen den Behandlungen genauso wie im Alltag. Ich habe WhatsApp beruflich komplett abgeschafft und mein Diensthandy während der Behandlung nicht einmal in der Tasche dabei. Nur mein privates Handy liegt in meinem Arbeitskoffer, für den Fall, dass mein Sohn oder die Schule mich erreichen müssen. Während der Behandlungszeit nehme ich keine neuen Aufträge an, mache keine Termine und halte keinen Smalltalk – wenn das Ziel ist, möglichst gut zu behandeln, gehört das für mich einfach dazu.
Authentisch sein statt allen gefallen wollen
Auf Instagram oder Facebook meine Arbeit zu präsentieren, ist mir lange schwergefallen. Ich merke immer wieder: Ein süßes Pferdebild findet mehr Anklang als ein lange recherchierter Wissensbeitrag. Das mag viele nicht interessieren – aber genau die wenigen, die es interessiert, sind meine Wunschkunden. Gerade am Anfang der eigenen Selbstständigkeit möchte man verständlicherweise möglichst viele Kunden erreichen und ist froh über jeden Auftrag, ist aber vielleicht auch schnell frustriert, wenn die Zusammenarbeit nicht passt. Aus meiner Sicht fährt man besser damit, möglichst authentisch zu sein, statt sich nach den Erwartungen anderer zu richten.
Ich habe selbst hohe Ansprüche an meine eigenen Behandlungen. Meine Arbeitsweise gefällt trotzdem nicht jedem – wer eine schnelle, rein passive Behandlung erwartet, ist bei mir langfristig vermutlich nicht richtig aufgehoben, und meine Arbeit mag manchem auch zu komplex erscheinen. Genau das aber macht sie für mich aus. Ich mag es selbst nicht, wenn bei einer Fortbildung jemand vorne steht und behauptet, DIE eine Technik zu haben und alles andere sei falsch – da schalte ich sofort ab. Meine eigene Idee als Dozentin ist stattdessen: Wenn zwei, drei Impulse aus einer Fortbildung die eigene Arbeit bereichern, hat sich das Wochenende gelohnt. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es in der Therapie einfach nicht.
Das Pferd bleibt Individuum
Es ist mir wichtig, viele Aspekte gemeinsam zu betrachten, statt sich nur auf eine muskuläre oder gelenkige Ebene zu konzentrieren. Wird bei einem Pferd zum Beispiel eine Muskelstoffwechselstörung wie PSSM2 diagnostiziert, wird oft alles nur noch durch diese eine Brille betrachtet. Aus meiner Sicht ist das nicht richtig: Selten kommt ein Symptom allein, und das Pferd bleibt trotzdem ein Individuum, bei dem alle Aspekte mitbeleuchtet werden müssen.
Wer als Therapeut zuhört oder als Pferdebesitzer eine Reiteinheit beginnt, dem lege ich ans Herz: Kommt am Anfang erst einmal an, ohne groß nachzudenken, wie man sitzt oder wo die Hand liegt. Erdet euch, lasst das Handy im Auto und kommt wirklich nur bei dem an, was ihr gerade tut – beim Pferd und bei euch selbst.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Präsenz in der Behandlung – Mein Gamechanger in der Pferdetherapie“