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Normal ist nicht gesund

„Ihre Werte sind ja in der Norm“ – diesen Satz hat Denise jahrelang gehört, während sie immer erschöpfter wurde.

In dieser sehr persönlichen Folge erzählt sie ihren eigenen Gesundheitsweg: von der ersten Diät mit acht Jahren über die Entfernung ihrer Schilddrüse mit Anfang 20 bis zur zufälligen Begegnung mit einem Apotheker, der als Erster das Wort Hashimoto in den Raum stellte.

Es geht um das Low-T3-Syndrom, einen massiven Eisenmangel, den Umstieg auf natürliche Schilddrüsenhormone – und um die zentrale Erkenntnis, dass Normwerte nur Durchschnittswerte einer Population sind, kein Maßstab für individuelle Gesundheit. Mit direkten Parallelen zur Arbeit mit Pferden und der Frage, die Denise heute bei jedem Fall stellt: Was ist die Ursache der Ursache?

Transkript:

Normal ist nicht gesund

Man könnte diese Folge auch „Mutti hatte recht“ nennen – denn im Grunde hatte sie recht, auch wenn man das als Kind oder junger Erwachsener nicht unbedingt hören will. Ich möchte an meinem eigenen Beispiel zeigen, wie ich mein eigener Therapeut geworden bin, und warum ich es für sehr sinnvoll halte, dass Menschen sich mit ihren eigenen Schwachstellen wirklich beschäftigen. Das gilt genauso für Pferdebesitzer und die Gesundheit ihrer Pferde: In der Beratung profitieren Kunden am meisten davon, wenn ich zwar mit der Taschenlampe den Weg ausleuchte, sie sich aber selbst zusätzlich schlau machen. Meine Arbeit besteht vor allem darin, Impulse zu geben – der eine braucht davon mehr, der andere weniger.

Meine erste Diät mit acht Jahren

Dass „normal“ nicht automatisch „gesund“ bedeutet, ist mir erst sehr spät bewusst geworden. Wie so oft kommen dabei mehrere Faktoren zusammen – Körper und Psyche lassen sich nie wirklich trennen, weder beim Menschen noch beim Tier.

Mit acht oder neun Jahren habe ich meine erste Diät gemacht. Ich war in der Grundschule etwas kräftiger als andere – nach heutigen Maßstäben wäre ich damals völlig im Normalbereich gewesen, aber am damaligen Vergleichsmaßstab lag ich außerhalb der Norm. Ich habe angefangen, Kalorien zu zählen, und tatsächlich sieben Kilo abgenommen – für ein Kind eine ordentliche Menge, die von vielen Seiten gelobt wurde. Diese Rückmeldung, dass Abnehmen und Schlanksein gut seien, hat mich seither begleitet.

Von Kalorienzählen über Ausdauersport zu Kraftsport

Als reines Kalorienzählen irgendwann nicht mehr fruchtete, kam Ausdauersport dazu – viel Fahrradfahren, denn Ausdauersport verbrennt Fett, dachte ich damals. Heute weiß ich, dass diese Rechnung so nicht ganz aufgeht: Ich mache zwar weiterhin Ausdauersport, inzwischen aber deutlich mehr Kraftsport, weil mir das spürbar mehr Energie gibt – mental wie körperlich – und weil sich Fettablagerungen dadurch tatsächlich sichtbarer reduziert haben als durch reines Ausdauertraining.

Die Schilddrüsenentfernung mit Anfang 20

Mit 20 oder 21 Jahren wurde mir die Schilddrüse entfernt – eine Schilddrüsenüberfunktion ließ sich nicht in den Griff bekommen, ich war extrem zittrig, Medikamente halfen nicht ausreichend. Am Ende wurden Schilddrüse und Nebenschilddrüsen komplett entfernt, ich bekam das Schilddrüsenhormon T4 (Euthyrox) als Ersatz. Im Rückblick ist das auch ein Geschenk: Ohne dieses Erlebnis hätte ich mich vermutlich nie so intensiv mit Hormonen, Nährstoffen und den Zusammenhängen im Körper beschäftigt – weder beim Menschen noch beim Pferd.

Anfangs kam ich mit den Hormonen gut zurecht. Aber ich hatte immer wieder das Gefühl, schneller zuzunehmen und mehr Fett anzulagern als andere, besonders im Bauch- und Gesichtsbereich. Als ich das einmal einer Kollegin gegenüber erwähnte, kam die Antwort: „Ja, das sagen alle, dass ihre Schilddrüse nicht in Ordnung ist.“ Diese Reaktion hat mich dazu gebracht, meine eigene Wahrnehmung infrage zu stellen, statt der Sache nachzugehen – ich dachte, ich müsse mich einfach mehr zusammenreißen.

Wenn Erschöpfung immer erklärt wird

Nach der Geburt meines Sohnes – der natürlich Energie kostet, wie es sein soll – wurde ich zunehmend erschöpfter, ganz allmählich, ohne dass es richtig auffiel. Meine Hausärztin, die wirklich sehr empathisch ist, fand für jede Lebensphase eine plausible Erklärung: Anfang 30 lässt die Energie eben nach, mit Mitte 30 verändern sich die Hormone, und als Alleinerziehende mit schlechtem Schlaf ist Erschöpfung ja auch kein Wunder. Jede einzelne Erklärung klang nachvollziehbar – aber in der Summe habe ich irgendwann einfach akzeptiert, dass es wohl so sein muss. Das ist, glaube ich, vielen so vertraut: Auch bei den Kunden, deren Pferde-Blutwerte ich mir ansehe, heißt es ganz oft „alles in der Norm“ – und die Symptome bleiben unerklärt im Raum stehen.

Der Wendepunkt: Hashimoto zum ersten Mal gehört

Ich hatte damals eine Depression entwickelt und war eines Tages völlig erschöpft in der Apotheke, um mein Euthyrox in einer bereits recht hohen Dosierung von 175 zu holen. Der Apotheker kam mir hinterher, weil ich in diesem Zustand nicht hätte Auto fahren sollen. Im Gespräch fragte er mich, ob ich Hashimoto hätte – ich verneinte, ich habe ja gar keine Schilddrüse mehr. Das war das erste Mal, dass ich diesen Begriff überhaupt gehört habe, und er legte mir außerdem nahe, meinen Vitamin-D-Wert zu messen.

Ich habe angefangen, mich einzulesen: Was ist Hashimoto überhaupt, was macht der Hypothalamus, die Hypophyse, wie funktioniert die Nebenniere. Meine Mutter hatte mir schon lange geraten, meine Schilddrüsenwerte gründlicher überprüfen zu lassen – ich habe lange abgewiegelt, weil ich ja regelmäßig beim Endokrinologen war. Dort wurde aber ausschließlich der TSH-Wert gemessen und auf Normwerte eingestellt, ohne die freien Hormonwerte oder meine tatsächlichen Symptome einzubeziehen. Am Ende hatte meine Mutter recht.

Das Low-T3-Syndrom und der massive Eisenmangel

Über Podcasts von Ärzten, die sich intensiver mit Schilddrüsengesundheit beschäftigen, und eine eigene Fortbildung im Bereich Mineralstoffe und Hormone bin ich auf das Low-T3-Syndrom gestoßen: Wenn der Körper reines T4 nicht ausreichend in das stoffwechselaktive T3 umwandeln kann, fehlt trotz „normaler“ Werte die zellaktive Energie. Dazu kam ein Eisenmangel, der im Rückblick massiv gewesen sein muss – mein Ferritinwert lag bei 19, während der Normbereich damals bei etwa 20 begann. Die Supplementierung von Eisen half spürbar, aber Eisen wird auch für die Umwandlung der Schilddrüsenhormone benötigt – ein Puzzleteil unter mehreren.

Umstieg auf natürliche Schilddrüsenhormone

Über mehrere Heilpraktiker, die jeweils aus ihrer eigenen fachlichen Perspektive gute Impulse gaben, habe ich mich Stück für Stück weiter eingearbeitet. Vor knapp zwei Jahren bin ich von reinem T4 auf natürliche Schilddrüsenhormonextrakte umgestiegen, zunächst auf Schweinebasis, inzwischen auf einen Rinderschilddrüsenextrakt, den ich als Nahrungsergänzung selbst finanzieren muss. Nach ärztlicher beziehungsweise heilpraktischer Rücksprache habe ich diesen Weg ausprobiert – und innerhalb weniger Tage waren meine depressiven Symptome deutlich reduziert. Das hat mir noch einmal klar gemacht: Es ist nie nur eine Sache, sondern immer ein Zusammenspiel mehrerer Komponenten.

Warum Normwerte keine Gesundheitswerte sind

Als ich mit meiner neuen Medikation zum Endokrinologen ging, wurden nur die Augen verdreht – meine Werte seien schließlich in der Norm, das andere sei „totaler Quatsch“. Das hat mich dazu gebracht, mir genauer anzuschauen, was Normwerte eigentlich sind: im Kern Durchschnittswerte der eingesendeten Blutanalysen, also ein Spiegel dessen, was sich gesellschaftlich abspielt – nicht zwangsläufig das, was optimale Gesundheit bedeutet. Das war für mich ein echtes Aha-Erlebnis.

Wenn man bedenkt, wie viele Menschen Schilddrüsenprobleme haben und T4-Monopräparate zu den meistverschriebenen Medikamenten überhaupt zählen, wundert mich das inzwischen nicht mehr. Wer mit unspezifischen Symptomen zu einem klassischen Schulmediziner geht und dessen Werte im Normbereich liegen, bekommt oft weder eine Erklärung noch ernsthafte Unterstützung – ich schätze die Schulmedizin sehr für Akutfälle, aber bei chronischen Beschwerden und der Ursachensuche stößt dieser rein normwertbasierte Blick an klare Grenzen.

Ursache der Ursache: wie ich heute arbeite

Ich frage heute bei jedem Menschen und jedem Pferd, das mir begegnet, nicht nur „was sind die Symptome“, sondern „was ist die Ursache“ – warum funktioniert etwas nicht, warum hat das Pferd Fellprobleme, warum ist es dauerhaft müde. Ich bin bewusst keine Akutmedizinerin, sondern arbeite in der Alternativmedizin daran, Gesundheit so zu verbessern, dass für Krankheit weniger Raum bleibt. Das braucht Zeit: Manche Verbesserungen – wie bei mir die Rinderschilddrüse oder das Auffüllen von Nährstoffdefiziten – wirken schnell, anderes wie Mindset, Alltagsbewältigung und das Fernhalten toxischer Belastungen, ob Beziehungen, Umwelt oder Ernährung, braucht deutlich länger.

Das gilt genauso beim Pferd: Muskelt ein Pferd nicht richtig auf, muss ich fragen, warum – stimmen Haltung und Fütterung, wie hoch ist die Stressbelastung? Pferde sind als Fluchttiere für solche Belastungen oft noch empfindlicher als wir.

Meine eigenen depressiven Neigungen sind übrigens geblieben, besonders Schlafmangel begünstigt bei mir depressive Phasen. Ich kann nicht behaupten, komplett frei von der Angst vor einer erneuten depressiven Phase zu sein – aber durch meine Selbstständigkeit kann ich meine Arbeit inzwischen so gestalten, dass ich damit besser umgehen kann.

Wenn Ärzte nur Medikamente statt Ursachen anbieten

Bei praktisch jedem klassischen Schulmediziner, den ich aufgesucht habe, hieß es: „Sie sind ja in der Norm.“ Das Einzige, was mir regelmäßig verschrieben wurde, waren Antidepressiva – ohne dass jemand meine freien Schilddrüsenwerte überhaupt messen wollte. Auch eine Psychotherapie habe ich gemacht, die mir wirklich geholfen hat – meine Psychotherapeutin sagte mir am Ende offen: „Ich kann Ihnen Impulse geben, aber ich bin nicht dafür da, Ihre Erkrankung zu beseitigen.“ Genau so verstehe ich auch meine eigene Arbeit als Dienstleisterin im Pferdebereich, ob als Therapeutin, Trainerin oder Futterberaterin: Impulse geben, aber den individuellen Weg muss jeder für sich selbst finden.

Ernährung: von „ich ernähre mich schon gut“ zur tatsächlichen Veränderung

Vor rund zehn Jahren saß ich vor dem Fernseher, aß M&Ms und schaute die „Ernährungs-Docs“, die für eine zucker- und entzündungsarme Ernährung plädierten – und dachte dabei: Die müssen das machen, ich ernähre mich doch schon gesund. Tatsächlich hatte ich damals viel Vollkornbrot, viele Kohlenhydrate und wenig Eiweiß auf dem Teller – „gesünder als andere“ war eben nicht automatisch „gesund“.

Erst als ich bei Pferden beobachtete, wie sich reduzierter Zucker positiv auf mentale Gesundheit und körperliche Erschöpfung auswirkt, habe ich mein eigenes Essverhalten kritischer reflektiert. Heute ernähre ich mich weitgehend clean: möglichst kein raffinierter Zucker, keine stark verarbeiteten Lebensmittel, keine unnötigen Zusatzstoffe, dafür deutlich mehr Eiweiß und eine fast glutenfreie Ernährung. Das bedeutet nicht völligen Verzicht – ich esse gerne 90-prozentige Schokolade oder selbstgemachte Bananenkekse, aber Brötchen oder Brot gehören im Alltag nicht mehr dazu.

Warum gesunde Ernährung nicht automatisch teurer ist

Ein verbreiteter Einwand ist, gesunde Ernährung sei zu teuer. Wenn ich meine eigenen Ausgaben ehrlich durchrechne – wie viele Lebensmittel früher weggeworfen wurden, wie oft ein Coffee-to-go oder ein belegtes Brötchen unterwegs gekauft wurde –, ernähre ich mich heute clean, regional und eiweißreich nicht teurer als vor sechs, sieben Jahren mit viel hochverarbeiteter Kost. Bio lohnt sich dabei nicht bei jedem Lebensmittel gleichermaßen, und regionale statt importierte Produkte sind oft die pragmatischere Wahl.

Mein Fazit

Jeder Mensch hat irgendwo eine körperliche Schwachstelle – auch wer sich beruflich mit Ernährung oder Körperarbeit beschäftigt. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern jeden Tag die beste Version seiner selbst zu sein und die eigene Gesundheit aktiv in die Hand zu nehmen. Bei einem Pferd ist es oft leichter, klare Empfehlungen zu Fütterung und Training zu geben und die Erfolge zu sehen, als bei sich selbst konsequent zu bleiben – aber genau das lohnt sich. Sucht euch jemanden, der die Taschenlampe über euer Leben hält und mit euch reflektiert – ob Arzt, Heilpraktiker oder Coach –, bleibt aber selbst auf der Suche nach dem, was individuell zu euch passt. Auch Stoffwechsel und Ernährung sind individuell, es gibt ein paar Basics zu beachten, aber am Ende macht jeder daraus seinen eigenen Weg.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Normal ist nicht gesund“