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Hochsensibilität und Hochsensitivität als Therapeut gewinnend einsetzen

Rund 20 Prozent aller Menschen gelten als hochsensibel – Denise ist eine davon, und in dieser sehr persönlichen Folge erzählt sie offen, wie sie erst vor acht Jahren durch einen Zufall auf das Thema gestoßen ist, warum eine Erschöpfungsdepression im Rückblick ein Geschenk war, und wie sie ihre feine Wahrnehmung heute gezielt in der Arbeit mit Pferden und Besitzern einsetzt.

Außerdem geht es um den Unterschied zwischen Hochsensibilität und Hochsensitivität, um Misophonie, um Grenzen setzen statt Bitten formulieren – und darum, warum Pausen für Hochsensible keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung sind.

Transkript:

Hochsensibilität und Hochsensitivität als Therapeut gewinnend einsetzen

Ich arbeite als Pferdeosteotherapeutin, aber auch im Bereich Online-Beratung für Pferde- und Menschengesundheit, und möchte heute über ein sehr umfassendes Thema sprechen: Hochsensibilität. Das ist kein Etikett, das man einfach nur mit sich herumträgt – aber weil ich selbst hochsensibel bin und wahnsinnig davon profitiert habe, mich damit auseinanderzusetzen, möchte ich mein Wissen und meine Erfahrungen teilen. Man geht davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Lebewesen hochsensibel sind – ob man es selbst ist oder mit hochsensiblen Menschen im näheren Umfeld zu tun hat, lohnt sich die Auseinandersetzung damit in jedem Fall.

Was Hochsensibilität wirklich bedeutet

Hochsensibilität ist negativ behaftet, wenn man den Begriff zum ersten Mal hört – so ging es mir auch. Dabei kommt er aus dem Englischen, High Sensitive Person, HSP, und es geht um die Sinne und die Wahrnehmung, nicht darum, zu empfindlich oder zu schnell beleidigt zu sein.

Man kann sich das wie eine fehlende Vorzimmerdame im Gehirn vorstellen. Normalerweise filtert eine Art Sekretärin im Kopf, welche Reize überhaupt ankommen müssen und welche nicht relevant sind. Bei hochsensiblen Menschen fehlt dieser Filter – alle Reize gehen ungefiltert durch und müssen verarbeitet werden. Das führt zu einer sehr feinen, sehr tiefen Verarbeitung, aber eben auch zu schnellerer Überempfindlichkeit und Erschöpfung. Ich habe früher gedacht, ich sei nicht belastbar. Heute sehe ich es anders: Ich bin sehr belastbar, brauche aber, weil ständig ungefiltert Informationen einströmen, auch regelmäßige Pausen.

Wichtig vorweg: Hochsensibilität ist keine Erkrankung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.

Hochsensibilität und Hochsensitivität – zwei unterschiedliche Ebenen

Ich unterscheide bewusst zwischen Hochsensibilität und Hochsensitivität, weil diese Aufteilung mir sehr hilft. Hochsensibilität liegt auf der körperlichen Ebene: Geruchs-, Hör-, Seh-, Geschmacks- und Tastsinn sind besonders fein ausgeprägt. Nicht jede hochsensible Person ist auf allen Sinnen gleich empfindsam – meist sticht ein Sinn besonders hervor. Bei mir sind es vor allem akustische Signale und der Geruchssinn, die sehr ungefiltert ankommen. Ich erinnere mich an einen Fahrradurlaub auf Mallorca, bei dem ich ständig „riech mal, guck mal“ gesagt habe, während der Rest der Gruppe mich amüsiert, aber erstaunt ansah – die anderen nahmen diese Intensität schlicht nicht wahr.

Hochsensitivität dagegen betrifft die emotionale, energetische Ebene: das Wahrnehmen von Stimmungen und Spannungen, ohne dass jemand etwas gesagt hat. Betrete ich einen Stall, den ich nicht kenne, nehme ich sofort die Energie wahr – fühle ich mich wohl oder nicht, unabhängig davon, ob es objektiv Stress oder Trubel gibt. Diese Empfänglichkeit für Stimmung gilt genauso für Tiere: Auch nicht jedes Pferd fühlt sich an jedem Stall gleich wohl, gerade hochsensiblere Pferde bevorzugen oft ruhigere Umgebungen mit kleineren Gruppen statt Dauerbetrieb und Dauerbeschallung.

Die vier Kernmerkmale

Erstens die Verarbeitungstiefe: Reize werden deutlich tiefer und vielschichtiger verarbeitet, was schnell zu Überstimulation und einer kleinen Wohlfühlzone führt. Mir passiert es zum Beispiel im Supermarkt: Geräusche, Werbebildschirme, viele Menschen – ohne handschriftliche Einkaufsliste vergesse ich komplett, was ich kaufen wollte, weil ich reizüberflutet bin.

Zweitens die Neigung zu Überstimulation selbst. Nach zwei, maximal drei Pferdebehandlungen hintereinander brauche ich zwingend eine Pause – bei mir ein kurzer Spaziergang mit unserer Hündin, möglichst ohne Nachrichten, möglichst allein. Grenzen dafür zu setzen fiel mir lange schwer, ist aber notwendig, um beim nächsten Kunden wieder mit voller Präsenz da sein zu können.

Drittens die Tiefe der emotionalen Reaktion, oft als eine Art Weltschmerz spürbar: Nachrichten aus Social Media oder klassischen Medien können sehr belastend wirken. Ich habe deshalb bewusst reduziert, wie viele Nachrichten ich konsumiere, gerade abends nach einem langen Arbeitstag.

Viertens die sensorische Empfindlichkeit – eine sehr fein eingestellte Wahrnehmung für Sinnesreize und Energien, häufig verbunden mit hoher Naturverbundenheit und einer Neigung zu spirituellen Themen. Das erklärt aus meiner Sicht auch, warum in meinen Fortbildungen für andere Pferdetherapeuten auffällig viele sehr sensible oder sensitive Menschen sitzen – ein Beruf, der sehr gut zu diesem Persönlichkeitsmerkmal passt, wenn man lernt, es gewinnend zu leben statt sich nur davon einschränken zu lassen.

Geräuschempfindlichkeit und Misophonie

Schon als Kind war ich sehr geräuschempfindlich – negativ bei Atem- oder Essgeräuschen, aber genauso stark positiv empfänglich für Naturgeräusche wie Wind in den Blättern oder ruhige, gleichmäßige Klangmuster, wie man sie etwa bei ASMR-Videos findet. Am negativen Ende dieses Spektrums steht bei mir die Misophonie, ein Teilbereich der Hyperakusis: eine extreme Empfindlichkeit gegenüber ganz alltäglichen, meist von Menschen ausgehenden Geräuschen wie Kauen, Schlurfen oder Atmen, die bei mir bis zur völligen Reizüberflutung gehen kann. Ins Kino gehe ich deshalb praktisch nicht mehr – Popcorn- und Chipsgeräusche neben mir kann ich nicht ausblenden. Und je gestresster ich insgesamt bin, desto stärker wird diese Empfindlichkeit; je entspannter, desto besser kann ich die feine Wahrnehmung stattdessen positiv nutzen, etwa in der nonverbalen Kommunikation und im Face-Reading bei Menschen und Pferden.

Wie ich selbst auf das Thema gestoßen bin

Das war bei mir vergleichsweise spät, vor etwa acht Jahren. Bei einem Termin mit meinem Sohn bei einer Heilpraktikerin, die Iris-Diagnostik machte, sagte sie unvermittelt: „Ihr Sohn ist extrem hochsensibel – das hat er von Ihnen.“ Bei aller berechtigten Vorsicht gegenüber solchen Diagnostikmethoden hat mich das neugierig gemacht, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen – Hochsensibilität wird tatsächlich weitervererbt, und das Wissen hat sowohl mir als auch meinem Sohn sehr geholfen.

Wird Hochsensibilität bei einem Kind vom Umfeld nicht erkannt, kann das dazu führen, dass ihm seine Emotionen immer wieder abgesprochen werden – durch Sätze wie „stell dich nicht so an“ oder „ist doch nicht so schlimm“. Das redet die Emotionen klein, und wer therapeutisch mit Menschen oder Tieren arbeiten will, braucht Zugang zu den eigenen Gefühlen, um überhaupt empathisch sein zu können. Bei mir war genau das nicht der Fall – ich habe lange versucht, es allen recht zu machen, weil ich gelernt hatte, meine eigenen Emotionen seien vielleicht nicht angemessen. Das waren sie aber sehr wohl.

Burnout-Risiko und meine eigene Erschöpfungsdepression

Hochsensible neigen überdurchschnittlich zu psychischen Erkrankungen, Depressionen und Burnout – genau diese Gefahr hatte ich definitiv, und daraus resultierte auch, dass ich mich zusätzlich zu Arbeitsstruktur, Preiskalkulation und dem Wert meiner eigenen Arbeit habe beraten lassen. Ich hatte selbst eine Erschöpfungsdepression, und im Rückblick war das für mich ein riesiges Geschenk – auch wenn ich das nicht in jedem Moment so empfunden habe. Daraus ist mein Interesse an Themen wie Darmgesundheit, Darm-Hirn-Achse, Natur, Bewegung und mentaler Gesundheit gewachsen, und die Erkenntnis, dass sich Körper und Psyche nicht trennen lassen.

Wie ich Hochsensibilität konkret in der Arbeit nutze

Eine Kundin fragte mich neulich, ob ich meine Hochsensibilität eigentlich für die Arbeit nutzen könne. Für mich war die Antwort selbstverständlich, aber das muss sie für andere nicht sein: Seit ich weiß, dass ich hochsensibel bin, traue ich mich viel mehr, das, was ich während einer Behandlung wahrnehme – über Gerüche, Gefühle, Intuition, nicht nur das rein taktile Ertasten – bewusst einzusetzen. Das gilt auch im Umgang mit dem Besitzer: Merke ich, dass jemand völlig überfordert ist, bringt es wenig, eine lange Liste an Übungen und Fütterungsanpassungen aufzugeben. Dann finde ich pragmatischere, umsetzbare Lösungen – etwa statt komplexer Dehnübungen einfach den Vorschlag, mit dem Pferd im Wald spazieren zu gehen, über unebenes Gelände, ohne viel nachzudenken.

Auch beim Grenzensetzen habe ich viel gelernt: Ich dachte lange, ich würde Grenzen setzen, wenn ich während einer Behandlung bat, leiser zu sein oder das Radio auszumachen. Das war aber eine Bitte, keine Grenze. Eine echte Grenze bedeutet, klar zu sagen: Während ich mit den Händen am Pferd arbeite, brauche ich volle Konzentration, und Fragen dazu beantworte ich erst im Anschluss, in einer Videodokumentation. Wer sich davon persönlich gekränkt fühlt, ist vermutlich ohnehin nicht die passende Kundschaft für mich – und das muss auch niemand sein. Es gibt genügend andere Therapeuten mit anderen Persönlichkeiten und genauso guten Ergebnissen.

Was auch nicht-hochsensiblen Menschen hilft

Wichtig ist, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen – bei mir zum Beispiel die Vorstellung, nur durch ständige Leistung etwas wert zu sein, oder dass „selbstständig“ gleichbedeutend mit „selbst und ständig erreichbar“ sei, ein Glaubenssatz, den ich von meinem ebenfalls selbstständigen Vater übernommen hatte. Der Selbstwert ist unabhängig vom Fremd- oder Leistungswert, und das zu verinnerlichen war für mich ein wichtiger Schritt.

Feste Strukturen helfen vielen Hochsensiblen sehr – bei mir sind das inzwischen Listen für den privaten und den beruflichen Bereich, um den Kopf zu entlasten und den Fokus besser zu lenken. Wer mehr über das eigene Spektrum erfahren möchte, dem kann ich den Hochsensibilitätstest von Elaine Aron empfehlen, einer der ersten Forscherinnen auf diesem Gebiet.

Bei Kindern zeigt sich Hochsensibilität oft früh: Empfindlichkeit gegenüber bestimmter Kleidung, kratzigen Stoffen oder einer Falte in der Socke, größere Zurückhaltung in neuen Gruppen, aber auch eine besonders starke Naturverbundenheit und ein enger Bezug zu Tieren. Reizüberflutung kann sich bei Kindern in Wut oder starker Impulsivität äußern – dann braucht es echte Pausen statt eines vollen Programms von einer Aktivität zur nächsten.

Mein Fazit

Hochsensible Menschen hat es immer gegeben, oft in beratenden Funktionen oder Führungspositionen, weil sie früh auf Gefahren aufmerksam machen und viel wahrnehmen und analysieren können. Es wäre wünschenswert, wenn auch Firmenchefs und Führungskräfte sich mit dem Thema auseinandersetzen würden, um diese Fähigkeiten gezielt zu nutzen. Wer selbst hochsensibel ist, darf ruhig auch mal auf die Nase fallen und überreizt sein, um daraus zu lernen, wie er dieses Persönlichkeitsmerkmal gewinnend statt einschränkend lebt.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Hochsensibilität und Hochsensitivität als Therapeut gewinnend einsetzen“