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Hauptberuflich Pferdetherapeut oder doch Regale im Supermarkt einräumen?

Kann man vom Beruf des Pferdetherapeuten wirklich leben?

Denise spricht in dieser Folge sehr offen über eigene Fehlkalkulationen, das verbreitete Helfer-Syndrom in der Branche und die Erkenntnis, dass man für die Lösung eines Problems bezahlt wird – nicht für die Minuten am Pferd.

Außerdem: warum sie sich selbst bis heute kein eigenes Pferd leisten kann, und was sie jedem neuen Therapeuten zur Preiskalkulation mitgeben würde.

Transkript:

Hauptberuflich Pferdetherapeut oder doch Regale im Supermarkt einräumen?

Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast. Heute wieder nach dem Motto „Love it, change it or leave it“. Das Thema der heutigen Episode: Hauptberuflich Pferdetherapeut – ist das möglich? Oder wirtschaftet sich dieser Berufszweig, der aus meiner Sicht sehr wichtig ist, im Grunde selbst herunter?

Warum ist es so schwer, hauptberuflich in diesem Bereich zu arbeiten? Ich spreche da bestimmt nicht für alle, aber ich kann aus meiner eigenen Erfahrung berichten und aus dem, was ich in Fortbildungen mitbekomme, die ich selbst gebe oder besuche, und aus Gesprächen mit anderen Therapeuten.

Warum ich jahrelang falsch kalkuliert habe

Da ist häufig die Frage: Wie viel kann ich eigentlich berechnen? Ich hatte schon in meiner allerersten Folge, in der es um Selbstständigkeit in der Pferdebranche und typische Fehlkalkulationen ging, darauf hingewiesen, dass ich viele Jahre lang – und ich mache diesen Job seit 2007 – absolut falsch kalkuliert habe. Ich konnte davon leben, aber ich konnte keinerlei Rücklagen bilden. Das ist ganz allein meine Schuld, ich kann da niemandem sonst die Verantwortung geben. Auch mein Steuerbüro hat mich darauf hingewiesen, meine Steuerberaterin sagte: „Frau Schäfer, Sie müssen Ihre Preise erhöhen.“ Ich gehöre wohl zu den Menschen, die erst einmal selbst auf die Nase fallen müssen, um daraus zu lernen. Das ist manchmal auch wichtig – aus Krisen kann man gestärkt herausgehen. Deswegen passt das Motto „Love it, change it or leave it“ so gut: Entweder ich bleibe bei dem, was ich gerne mache, oder ich verändere etwas.

Ich behandle sehr gerne Pferde und berate sehr gerne im Bereich Pferde- und Humangesundheit. Aber ich habe festgestellt: Wenn ich diesen Job weitermachen und weiter im Pferdegesundheitsbereich arbeiten möchte, muss sich wirklich etwas ändern. Das fällt mir nach wie vor schwer. Während ich das hier aufnehme, habe ich gerade Rechnungen geschrieben, an einem Sonntagmorgen, kurz vor sieben. Vor etwa einem Jahr habe ich festgestellt, dass wirklich etwas schiefläuft. Wenn ihr Pferdetherapeuten seid oder einen Pferdetherapeuten beauftragt, hoffe ich, euch mit dieser Folge etwas zu den Preiskalkulationen mitgeben zu können.

Das Helfer-Syndrom vieler Pferdetherapeuten

Die meisten starten den Beruf oder die Ausbildung mit der Idee, mal den eigenen Pferden zu helfen, aber eben auch anderen Pferdebesitzern. Die meisten Therapeuten haben, wie ich, dieses Helfer-Syndrom. Man geht diesen Job an, weil man gerne hilft, gerne berät, und weil einem die Arbeit mit den Pferden wahnsinnig viel gibt – man bekommt ja auch von den Pferden und von den Besitzern eine Menge zurück, wenn nach einer erfolgreichen Behandlung oder Beratung eine positive Rückmeldung kommt. Das heißt aber nicht immer, dass ich als Therapeutin der Schlüssel bin. Manchmal behandle ich, und das eigentliche Problem liegt ganz woanders. Ich kann immer nur das behandeln, was ich von außen wahrnehme oder an Material bekomme – das macht mich nicht automatisch zur eierlegenden Wollmilchsau für dieses Pferd. Manchmal geht es auch einfach darum, einen Check-up zu machen und zu schauen, ob mit dem Pferd alles in Ordnung ist, was ich palpatorisch oder mit meinen Wahrnehmungskanälen erfassen kann. Ich arbeite oft präventiv, und es geht nicht nur um das Erkennen von Erkrankungen, sondern vor allem um langfristige Gesunderhaltung – frühzeitig Fehlwege oder Entgleisungen festzustellen und ihnen entgegenzuwirken.

Bezahlt für die Lösung, nicht für die Zeit

Ich habe etwas länger gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht für die Zeit bezahlt werde, die ich am Pferd verbringe, sondern für die Lösung eines Problems oder einer Aufgabe. Ich muss kalkulieren: Welche Zeit brauche ich vor Ort für einen Behandlungstermin oder eine Beratung, aber auch, wie viel Zeit brauche ich zu Hause? Was habe ich an Geld in Fortbildungen gesteckt? Und was geht alles ab – an Steuern, an Versicherungen, nicht nur Benzin, sondern der gesamte Unterhalt für mein Auto? All das musste ich verändern und anpassen. Beim Schreiben der Rechnungen fällt mir immer wieder auf, auch wenn ich es längst verstanden habe: Es kann so nicht weitergehen. Entweder ich hänge meinen Job an den Nagel, oder ich nehme für meine Beratungen und Behandlungen endlich das Geld, das ich wirklich durchgerechnet habe – und das sind keine Wucherpreise. Wenn ich wirklich, wirklich durchrechne, komme ich auf ganz andere Beträge, als ich sie bisher genommen habe.

Warum der Vergleich mit anderen Therapeuten hinkt

Ich glaube, man schaut als Therapeutin immer auch, was die anderen nehmen. Gerade für die neuen, zum Teil von mir ausgebildeten Pferdephysiotherapeuten stellt sich immer die Frage: Was kann ich berechnen? Aber ich kann mich nicht mit einem anderen Therapeuten vergleichen, der vielleicht Kleinunternehmer ist und keine Umsatzsteuer zahlen muss, oder der nicht so viele Weiterbildungen gemacht hat und direkt nach der Ausbildung anfängt zu arbeiten. Das muss ich alles mit einkalkulieren. Mache ich diese Arbeit nur nebenbei, weil ich einen hauptberuflichen, sozialversicherten Job habe, und die Pferdetherapie ist ein Nebenverdienst aus Berufung, ohne dass ich davon leben muss? Dann sehen die Preise auf dem Markt, wie sie derzeit bei den meisten sind, noch okay aus.

Nebenberuflich vs. hauptberuflich: ein Rechenbeispiel

Dann kann ich für sagen wir 120 Euro eine komplette physiotherapeutische Behandlung machen, anderthalb Stunden vor Ort sein, hin- und zurückfahren, viele Fragen vorher und nachher beantworten. Insgesamt komme ich damit auf einen Zeitaufwand von etwa drei Stunden – nicht nur die anderthalb Stunden vor Ort, sondern die gesamte Vor- und Nachbereitung, die sich wirklich läppert. Bei 120 Euro für drei Stunden Zeitinvestition bleiben 40 Euro pro Stunde übrig, die noch versteuert werden müssen – vielleicht keine Umsatzsteuer, weil ich Kleinunternehmerin bin. Mache ich das nur nebenbei, ist das ein netter Zuverdienst. Aber wenn man davon leben möchte, und das möchten viele Pferdetherapeuten, weil es ein wunderbarer, erfüllender, aber auch anstrengender Beruf ist, dann kann man nicht mit diesem Geld planen. Für den Pferdebesitzer mag das nach einer Stange Geld für anderthalb Stunden aussehen, aber wer nicht selbstständig ist, weiß nicht, wie viel Arbeit dahintersteckt – die vielen Rückfragen der Kunden, für die auch Raum sein muss, weil man gut beraten möchte. Bei drei, vier Kunden pro Woche fällt das vielleicht nicht so ins Gewicht, aber möchte man davon leben, sieht es anders aus.

Warum ich mir selbst kein Pferd leisten kann

Wenn mich jemand fragt, ob ich eigentlich ein eigenes Pferd habe, lautet meine Antwort: nein. Im Stillen denke ich mir: Das kann ich mir auch einfach nicht leisten. Vor etwa drei Jahren bin ich erkrankt und musste meine Arbeit deutlich zurückfahren. Da habe ich gemerkt, dass ich im Grunde immer nur an der Grenze kalkuliere – es reicht für Rechnungen, Miete, Versicherungen, Einkommens- und Kirchensteuer, Umsatzsteuer, Kfz-Kosten, aber es reichte nicht, um Rücklagen zu bilden. Damals habe ich vier Wochen komplett pausiert, keine Behandlungen gemacht, keine Kundenkommunikation betrieben, weil ich einfach nicht mehr konnte. Aber ich habe gemerkt: Länger als vier Wochen hätte ich mir nicht leisten können, weil dann meine finanziellen Rücklagen aufgebraucht gewesen wären. Das klingt für Kunden, die für meine Behandlung bezahlt haben, vielleicht komisch, aber wenn man wirklich mal schaut, wie viel Zeit man auch unbezahlt mit Rede und Antwort verbringt, weiß man: Es geht so nicht weiter.

Ein eigenes Pferd kann ich mir also nicht leisten. Die Frage ist auch, ob ich es mir überhaupt leisten wollen würde – und ich glaube, selbst wenn ich richtig viel Geld hätte, hätte ich kein eigenes Pferd, denn so sehr ich den Umgang mit Pferden liebe: Ich bin eine Zeit lang mit meinem Sohn bei einem Pferd gewesen, das wir mitbetreut haben und auf dem er im Kindergartenalter geritten ist. Das hat mir schon gereicht zu merken, dass ich nicht unbedingt regelmäßig reiten muss. Ich habe mich vor einem Jahr auch mal an einem Hof eingemietet, an dem ich auch arbeite – aber ich glaube, ich könnte dort schlecht abschalten.

Grenzen ziehen können – auch in der Freizeit

Ich habe gemerkt: Selbst mit einer Reitbeteiligung wäre ich nicht zur Ruhe gekommen, weil ich diese Berufung im Bereich der Pferdegesundheit nach Feierabend nicht ganz ablegen konnte. Es ist mir sehr schwergefallen, Nein zu sagen, wenn ich am Stall war und ein Pferd irgendetwas hatte – ich habe im Grunde nie Feierabend bekommen. Deswegen habe ich irgendwann aufgehört, in meiner Freizeit noch zum Pferd zu fahren, eine Reitbeteiligung zu haben oder gar ein eigenes Pferd. Ich arbeite mit den Pferden, und ich bin sehr gerne mit diesen Tieren zusammen – das würde mir fehlen, wenn ich nicht mehr beruflich mit ihnen arbeiten würde. Dann würde ich mir vielleicht eine Pflege- oder Reitbeteiligung suchen, um den Kontakt zu haben. Aber nebenher, nach Feierabend, möchte ich das nicht, und ich habe ohnehin viele andere Interessen: meinen Sohn, meine Familie, meinen Partner, Sport – ich boulder, mache Kraftsport, schwimme. Ich bin gerne draußen, lese und koche gerne. Daraus ziehe ich Energie, und es ist wichtig, einen Ausgleich zur Arbeit zu haben. Meine Ressourcen liegen einfach woanders als im Pferdebereich in der Freizeit – auch weil „mal eben kurz gucken“ für mich gar nicht möglich ist. Ich habe den Anspruch, Dinge zu hundert Prozent zu beleuchten. Wenn ich Rede und Antwort zu gesundheitlichen Fragen stehen soll, widme ich mich dem Pferd zu hundert Prozent, sonst geht der Schuss meistens nach hinten los.

Zwei Optionen: Regale einräumen oder etwas verändern

Ich hatte im Grunde zwei Optionen. Aufhören mit der Arbeit und im Supermarkt Regale einräumen – das soll nicht abwertend klingen, aber ich habe irgendwann festgestellt, dass ich wahrscheinlich finanziell besser über die Runden komme, wenn ich mich anstellen lasse, einer einfacheren, aber natürlich auch fordernden Tätigkeit nachgehe, sozialversichert bin und an der Kasse sitze oder Regale einräume. Das ist tatsächlich etwas, das ich mir vorstellen kann, auch wenn ich glaube, dass ich in meinem eigentlichen Job trotzdem richtig bin. Also: entweder Regale einräumen und mich anstellen lassen, oder etwas verändern. Und das habe ich gemacht.

Warum mir das Schreiben von Rechnungen so schwerfällt

Jetzt, beim Schreiben von Rechnungen, stelle ich fest, dass es mir total schwerfällt, die Preise, die ich mit sehr viel Arbeit und sehr viel Unterstützung durch Antonia und Jan vom Horse Business Coaching ausgerechnet habe, auch wirklich auf die Rechnung zu schreiben. Bei Bestandskunden fällt mir das noch schwerer als bei Neukunden, denn mittlerweile habe ich einige Arbeitsprozesse vereinfacht und automatisiert: Auf meiner Homepage sieht jeder direkt, was ein gebuchtes Paket kostet – eine einfache osteopathische Behandlung oder ein Standardpaket, das zum Beispiel auch die Analyse von Ergänzungsfuttern oder Rationsberechnungen beinhaltet. Der Kunde weiß also vorher genau, was ihn die Behandlung und Beratung kostet. Trotzdem fällt es mir hinterher schwer, die Rechnung dafür zu schreiben. Das ist total bescheuert, und ich glaube, das hat ganz viel mit dem eigenen Selbstwert zu tun. Im Grunde weiß ich, dass meine Arbeit jeden Euro wert ist – was aber nicht heißt, dass ich für jedes Problem der richtige Schlüssel bin.

Zwei Pferde, gleicher Preis: eine Fallgeschichte

Ich hatte einmal einen Fall, bei dem ich zwei Pferde von zwei Schwestern an einem Stall behandelt habe. Die Pferde waren extrem unterschiedlich: Das eine war in der Behandlung sehr zugänglich, die Untersuchung ging deutlich flüssiger und schneller – Pferde sind immer kooperativ, aber manchmal braucht es einfach Zeit, bis sich ein Pferd auf mich einstellt, und diese Zeit möchte ich den Pferden geben. Ich möchte mich nicht nach Minuten bezahlen lassen, sondern für die Problemlösung. Bei diesem Pferd habe ich etwa eine Stunde 15 gebraucht, ich schaue während einer Behandlung ohnehin nicht auf die Uhr. Es ging eher um Stoffwechselveränderungen – das Pferd hatte ein deutliches equines metabolisches Syndrom, und ich war hier eher beratend für die Besitzerin tätig, wie sie das Management anders gestalten könnte.

Beim zweiten Pferd der Schwester dauerte die Behandlung vor Ort deutlich länger. Das Pferd war skeptischer, brauchte länger, um sich auf die Behandlung einzulassen, und ich habe am Ende noch ein paar Akupunkturnadeln eingesetzt. Beide Schwestern waren bei den jeweiligen Behandlungen dabei, und ich habe beide Behandlungen gleich berechnet – denn ich werde nicht für die Minuten bezahlt, sondern für die Lösung und die Beratung. Das ist nicht nur der Moment am Pferd: Wenn der Besitzer mir zuhört und die Ratschläge ernst nimmt, hat er einen viel größeren Gewinn durch meine Ratschläge, als sich in Minuten berechnen ließe. Trotzdem kam von der Besitzerin des ersten Pferdes hinterher die Rückmeldung, sie sei zwar zufrieden gewesen, finde es aber nicht schön, dasselbe bezahlt zu haben wie ihre Schwester, die aus ihrer Sicht mehr Leistung vor Ort bekommen habe. Wir hatten eine sehr nette Kommunikation darüber, und ich habe ihr erklärt, dass ich nicht nach Minuten vor Ort bezahlt werde, sondern für die Lösung und für meine Expertise – für meine fachliche Beratung und das Erkennen von Problemen oder Auffälligkeiten. Wer nicht selbst selbstständig ist, braucht dafür manchmal eine Erklärung.

Genau deshalb tue ich mich auch schwer, wenn jemand meine Behandlung als Wellnessbehandlung bezeichnet. Wenn ich für mein Pferd eine Wellnessbehandlung möchte, würde ich nicht mich buchen, sondern jemanden, der Massagen anbietet – wohltuende Massagen, Wärmebehandlungen, Dehnungen können sehr sinnvoll sein, und rein symptomatisch zu behandeln kann man machen. Aber das Ziel meiner Arbeit ist ein anderes: Ich möchte für mein Fachwissen bezahlt werden, nicht für eine Wellnessbehandlung.

Fazit: Kalkuliert von Anfang an richtig

Wenn ihr hauptberuflich als Pferdetherapeut durchstarten wollt: Es ist wirklich schwer, das zwei, drei Jahre nebenberuflich zu machen und dann einfach die Preise zu steigern und zu sagen, jetzt mache ich das hauptberuflich. Diesen Schritt muss man bewusst gehen und die Preise deutlich anziehen. Überlegt euch von vornherein, ob ihr das nimmt, was die Behandlung wirklich wert ist, oder ob ihr bewusst einen kleinen Obolus als nebenberuflicher Hobbytherapeut nehmt, ohne das abwertend zu meinen. Jedem Therapeuten, der neu anfängt, würde ich wirklich empfehlen, ganz genau zu kalkulieren: Wie viel Zeit, wie viel Fachwissen steckt in einer Behandlung? Was ist der Wert meiner Arbeit? Macht nicht denselben Fehler wie ich, sondern seid von Anfang an ein bisschen fortschrittlicher und kalkuliert das, was die Behandlung wirklich wert ist.

Ich freue mich, dass ihr bis zum Ende dabeigeblieben seid. Wenn ihr Anregungen oder Fragen habt, schickt sie mir gerne per E-Mail oder PN. Bis zum nächsten Mal. Love it, change it or leave it.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Hauptberuflich Pferdetherapeut oder doch Regale im Supermarkt einräumen?“