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Das leidige Magenthema beim Pferd. Suchst du nach dem nächsten Gastrofutter oder doch lieber nach der Ursache?

Magenprobleme beim Pferd sind eines der komplexesten Themen in der Praxis: Die Symptome sind unspezifisch, Stallgassen-Ratschläge führen oft in die Irre, und ein Magenthema bleibt nie lokal, sondern wirkt über die Darm-Hirn-Achse häufig zuerst auf Verhalten und Psyche.

Denise nimmt sich in dieser ausführlichen Solo-Folge Zeit für Symptome, Ursachen, ihren osteotherapeutischen Blick auf Nervus vagus, Zwerchfell und Brustwirbelsäule sowie für medikamentöse und pflanzliche Unterstützungsmöglichkeiten.

Dazu teilt sie auch eine persönliche Erfahrung, wie die eigene Verdauung ihre Psyche beeinflusst hat.

Transkript:

Magenprobleme beim Pferd: Schau zuerst nach dem Grundproblem, nicht nach dem Gastrofutter

Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“. Ganz nach dem Motto „Love it, change it or leave it“ gehe ich beruflich und auch privat durchs Leben. Und ich freue mich sehr, endlich dazu zu kommen, die Folge zum Thema Magen beim Pferd aufzunehmen.

Auf diese Folge musstet ihr, und auch ich, ein wenig warten. Das liegt daran, dass ich neben meiner Rolle als Pferdeosteotherapeutin und Gesundheitsberaterin für Mensch und Pferd noch einige andere selbstgewählte Rollen im Leben habe, und manchmal müssen und dürfen sich Prioritäten verschieben. Das ist auch in Ordnung, da versuche ich, ganz stressfrei dranzugehen. Es ist einfach ein wahnsinnig umfangreiches Thema, und wie immer fällt es mir schwer, Themen sauber abzugrenzen. Es wird deshalb eine relativ lange Folge werden. Ich habe den Anspruch, auf möglichst alles hinzuweisen, muss diesen perfektionistischen Gedanken dabei aber auch mal nach hinten stellen. Ich hoffe, euch heute viele sinnvolle Informationen zu geben, egal ob ihr Pferdebesitzer seid und vermutet, dass euer Pferd ein Magenthema hat, oder ob ihr Therapeut seid und mehr darüber wissen möchtet.

Ich versuche übrigens, im Laufe der Folge nicht so häufig das Wort „Problem“ zu benutzen, sondern es durch „Thema“ zu ersetzen. Als Therapeutin sucht man natürlich nach Defiziten, aber „Problem“ ist ein sehr negativ besetztes Wort. „Thema“ passt oft besser, damit man nicht das Gefühl hat, dieser Magenthematik machtlos gegenüberzustehen. Schaut außerdem zuerst nach dem Grundproblem, und nicht zuerst nach dem Gastrofutter – das ist im Grunde die Kernbotschaft dieser Folge.

Mein Blick als Therapeutin: Puzzleteile statt Schubladen

Wie ihr wisst, arbeite ich nicht in einzelnen Schubladen. Natürlich ordne ich für mich als Therapeutin ein, welche Grundthematiken bei einem Pferd vorhanden sind. Aber es ist nicht so, dass ich eine Schublade öffne, das Pferd hineinstecke und dann nur noch diese eine Schublade behandle. Für mich ist eine Behandlung eher wie ein Puzzle, das aus ganz vielen Teilen besteht – Stärken und Schwächen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Themen, Persönlichkeitstypen, Befunde. Je nachdem, wie sich mir diese Teile aufgedeckt oder versteckt präsentieren, versuche ich, sie mit meinen Mitteln zu erkennen und zu einer funktionierenden Einheit zusammenzufügen, die dauerhaft aneinanderhält.

Meine Idee ist es, nicht nur einzelne Symptome zu behandeln, sondern zu schauen, wie sich diese Dinge zusammenfügen lassen. Wenn man nur eine Schublade öffnet und sagt „Mein Pferd ist ein Magenpferd“, wird das dem Tier nicht gerecht – mein Pferd ist erst einmal mein Pferd, mit seinen Stärken und Schwächen und seiner Persönlichkeit, und nicht das Sammelsurium aus Themen, sondern ein Individuum. Das Puzzeln ist natürlich erst einmal mehr Aufwand, aber ich mag das. Wenn mir ein Pferd neu präsentiert wird, schaue ich mir zwar am Anfang auch das Leseformular mit vorhandenen Befunden und Vermutungen an, stelle das aber thematisch erst einmal hinten an, um mit meinen eigenen Wahrnehmungskanälen und meinem Wissen zu einer möglichst objektiven Idee zu kommen, wie ich dieses Pferd am besten unterstützen kann, um es langfristig gesund zu erhalten.

Es gibt Pferderassen und -typen, bei denen die Themen offen zutage liegen, und andere, bei denen alle Puzzleteile verdeckt sind und sich nicht offensichtlich zeigen. Dazu zählen übrigens viele Robustrassen, die eher eine subtile Schmerzäußerung haben – meistens, nicht immer, sonst wäre das ja auch wieder eine Schublade.

Warum Stallgassen-Ratschläge oft in die Irre führen

Wenn wir die Symptome von Magenauffälligkeiten betrachten, fallen viele Pferde durchs Raster, weil sie es einfach nicht zeigen, und andere werden falsch eingeordnet – etwa weil sie häufig gähnen und das ja bekanntlich ein Zeichen für ein Magenthema sein soll. Oder etwa nicht? So hört man auf der Stallgasse öfter Sprüche wie: „Mein Pferd gähnt so häufig, jetzt habe ich ein Magenfutter gekauft, dem Boxennachbarn hat das ja auch geholfen.“ Oder: „Dein Pferd gähnt auch häufig, dann hat das bestimmt ein Thema mit dem Magen.“ Das kann der gut gemeinte Rat eines Trainers sein, der selbst ein Magenpferd hat und die Magenthematik durch seine Trainer-Brille sieht – was grundsätzlich erst einmal gut ist, wenn man nicht nur auf Trainingsebene schaut, sondern auch andere Dinge im Hinterkopf hat.

Oder es kommt ein Spruch wie: „Dein Pferd hat Mundgeruch? Das ist der Magen“, sagt der eine Mitstaller. „Da musst du das Gastromüsli geben, das hat bei meinem auch geholfen“, sagt der Nächste. Und wieder ein anderer: „Nee, bei meinem hilft nur Mash. Ich habe schon dreißig Jahre Pferdeerfahrung, du musst Mash füttern.“ Am Ende ist der Pferdebesitzer total verunsichert. Und Verunsicherung ist mittlerweile definitiv einer der Hauptgründe, warum ich als Therapeutin zu Behandlungen gerufen werde. Um über einige Themen aufzuklären und Wissen zu vermitteln, widme ich diese Folge also dem Thema Magen, Magenprobleme und Magenthemen beim Pferd.

Warum ich oft die dritte oder vierte Therapeutin bin

Ich erlebe es nicht selten, dass ich die dritte oder vierte Therapeutin bin, die zu einem Pferd gerufen wird. Und nicht ganz so selten sehe ich Folgendes: Ein Tierheilpraktiker war schon da, hat das tatsächlich vorhandene Magenthema erkannt, tolle Kräutermischungen empfohlen und mit guten Akupunkturpunkten unterstützt. Trotzdem hat sich keine Besserung gezeigt, obwohl er eigentlich richtig lag. Aus meiner Sicht hat er dann vielleicht nicht das Ganze gesehen und nicht nach der Ursache geschaut, die dem eigentlich zugrunde liegt. Beispielsweise wird noch ein zusätzliches Mittelchen für den Magen, den Darm, die Nieren gegeben, ohne geschaut zu haben, ob genügend Grundfutter Heu in ausreichender Qualität und Quantität vorhanden ist oder ob eventuell große Mengen an Stärke und Zucker gefüttert werden, obwohl der Bedarf gar nicht da ist. Das macht dann das noch so gute Kraut für den Magen in seiner Wirkung zunichte – total schade, denn das hätte ja auch ein guter Ansatz oder eine tolle Unterstützung bei akuten Themen sein können.

Symptome von Magenproblemen sind unspezifisch, genau wie Symptome vieler anderer Erkrankungen. Man kann viele der Symptome, die ich gleich auflisten werde, auch ganz anderen Themen zuordnen. Einzugrenzen, was die eigentliche Schwachstelle des Individuums ist, ist auch für den Fachmann eine Herausforderung und setzt Erfahrung voraus. Und Halbwissen von der Bande kann da zu einer noch größeren Verunsicherung führen – auch wenn es natürlich jeder gut meint und gerne hilft.

Formen von Magenauffälligkeiten und wann eine Gastroskopie sinnvoll ist

Wenn Therapeut oder Tierarzt zu dem Schluss kommen, dass ein Magenthema vorliegt, stellt eine Gastroskopie die genaue Art der Magenauffälligkeit heraus. Nicht immer ist eine Gastroskopie indiziert, nicht immer wird sie gemacht, und nicht immer ist sie die erste Maßnahme, die ich ergreifen würde. Aber wenn trotz gutem Management und ursachenorientierter Herangehensweise keine Besserung erzielt wird, macht es oft Sinn, eine solche bildgebende Untersuchung machen zu lassen – auch wenn diese natürlich mit Stress, Futterkarenz und einem Klinikaufenthalt verbunden ist, was wiederum selbst eine Ursache von Magenthemen sein kann.

Zu den Formen von Magenauffälligkeiten: Dazu gibt es auch tolle Folgen von Tierärzten, die durch ihre Bildgebung die verschiedenen Arten noch besser darstellen können, aber der Vollständigkeit halber möchte ich zumindest kurz darauf hinweisen. Am häufigsten sind Magenschleimhautreizungen, also eine typische Gastritis, und Magengeschwüre, also ein Magenulkus. Ganz klassisch wird zu Beginn die Schleimhaut des Magens gereizt, also entzündet, und bleibt diese Entzündung bestehen, kann es zur Ausbildung von Magengeschwüren kommen. Diese werden nach ihrer Lage im drüsenfreien oder drüsenhaltigen Raum unterschieden: eine ESGD, also eine Equine Squamous Gastric Disease, ist ein Geschwür der drüsenlosen Schleimhaut, eine EGGD, also eine Equine Glandular Gastric Disease, ein Magengeschwür der drüsenhaltigen Schleimhaut. Welche Art vorliegt, kann nur eine gezielte tierärztliche Diagnostik zeigen – gerade bei therapieresistenten Fällen macht das durchaus Sinn, um wirklich gezielt behandeln zu können. Ein Magengeschwür ist eine sehr unangenehme Geschichte, da sollte man nicht zu lange rumeiern, wenn die Basics hergestellt sind und trotzdem keine Besserung eintritt – dann bitte, bitte schnell über den Tierarzt gehen, das ist ganz wichtig.

Magengeschwüre am Magenausgang, also am Pylorus, sind übrigens oft schwieriger zu behandeln als solche im Mageneingangs- oder mittleren Magenbereich. Alle Formen von Magengeschwüren und Magenschleimhautentzündungen gibt es außerdem in verschiedenen Stadien, die tierärztlich unterschieden werden. Neben den häufigen Magengeschwüren gibt es auch noch die Magenentleerungsstörung und die Magenruptur – beide eher selten, aber der Vollständigkeit halber zu erwähnen, da sie durchaus vorkommen.

Der Magen des Pferdes ist verhältnismäßig klein, und Pferde sind, anders als wir, keine Mahlzeitenfresser, sondern Dauerfresser. Wenn Mahlzeiten, dann ganz viele kleine. Die Basis ist Raufutter, nicht eine Mahlzeit aus Getreide oder wenig Struktur – Pferde benötigen Rohfaser und eine gute Basis an Raufutter.

Warum ein Magenproblem nie nur ein Magenproblem ist

Ein Magenproblem ist nie nur ein Magenproblem. Wenn mich jemand fragt „Ich habe ein Magenpferd, kannst du das behandeln?“, sage ich immer: Ich kann mir nur das ganze Pferd anschauen und muss erst selbst gucken, was da noch mit im Spiel ist. Der Magen ist nach Maul und Speiseröhre der Startpunkt der Nahrung, und Nahrung, die im Magen nicht gut verwertet werden kann, macht in der Folge auch im Dünndarm und Dickdarm Probleme und kann irgendwann auch für Leber und Niere zum Thema werden. Als Therapeut sollte man sich bei Fehlfunktionen in nachgeschalteten Abschnitten immer bewusst sein, was vorgeschaltet ist – also Speiseröhre und Magen –, und ob der Magen physiologisch arbeitet, das gilt auch bei wiederkehrenden Koliken. Da landet erst einmal die Nahrung, wenn sie durch die Speiseröhre gekommen ist. Ein Magenproblem bleibt also nicht lokal, sondern hat immer Auswirkungen, vor allem wenn es länger besteht – was wir uns umgekehrt aber auch für die Therapie zunutze machen können.

Die größten Auswirkungen sehe ich in der Veränderung der Psyche. Körper und Psyche kann man aus meiner Sicht nicht voneinander trennen, das ist für mich immer beides zugleich: somatopsychisch und psychosomatisch. Vor allem in Verhaltensänderungen und veränderten mentalen Befindlichkeiten äußert sich ein Magenproblem manchmal deutlicher als an den offensichtlichen Magenzustimmungspunkten. Das liegt vor allem an der sogenannten Darm-Hirn-Achse, die noch größer ist als die reine Verbindung vom Hirn zum Darm. Jeder weiß, dass Stress auf den Magen schlägt, aber gerade als Therapeut lohnt es sich, sich näher mit dieser Darm-Hirn-Achse zu beschäftigen. Dazu laufen mittlerweile sowohl beim Menschen als auch beim Pferd einige Untersuchungen: Der Einfluss der Verdauungsorgane auf die Hirnfunktion, der Gehalt an Nährstoffen und der Zustand des Magen-Darm-Apparats haben eine größere Auswirkung auf die Hirnleistung und die mentale Verfassung, als viele denken.

Meine eigene Erfahrung: wie die Verdauung meine Psyche beeinflusst hat

Diejenigen, die mich oder meinen Podcast schon länger verfolgen, wissen, dass ich unter depressiven Episoden leide – die ich aber auch als Herausforderung sehe. Ich denke, für irgendetwas werden sie gut sein, Symptome sind schließlich immer Helfer. Ich leide an Depressionen, die immer mal wieder auftreten, je nachdem, wie stark die Belastungen sind. Die konsequente Umstellung meiner Ernährung, das Auffüllen von Nährstoffen und die Verbesserung meiner Schilddrüsen- und Hormonwerte waren hier, neben der Beschäftigung mit mentaler Balance, der größte Schlüssel für mich. Gelernt habe ich das natürlich durch viele Fortbildungen, aber vor allem durch meine Erfahrung in der Behandlung von Pferden, die Themen im Verdauungsapparat hatten. Bei diesen Pferden haben wir die Fütterung konsequent umgestellt, teils auf eine artgerechte, mikronährstoffreiche und rohfaserreiche Ernährung. Und die Erfolge, die eine solche Therapie nicht nur auf den Verdauungsapparat, sondern auch auf Psyche und Hormonstatus hatte, haben mich absolut davon überzeugt, nicht nur bei der Osteopathie zu bleiben, sondern mich selbst auch mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen. Meine eigene Ernährung war eigentlich nie schlecht, aber ich dachte immer, das reicht aus – es hat aber nicht ausgereicht, das habe ich deutlich gemerkt.

Ich habe von den Pferden wahnsinnig viel gelernt, auch über mich selbst. Das kann wirklich auch für Pferdebesitzer eine tolle Idee sein, deren Pferde erkrankt sind und vielleicht mehrere Baustellen gleichzeitig haben – es kann einem eine Menge beibringen, auch über sich selbst und die eigene Herangehensweise. Und noch ein wichtiger Hinweis: Alle Arten von Pferden können an Magengeschwüren leiden, nicht nur Renn- und Sportpferde, auch wenn wir bei Rennpferden wissen, dass sie eine sehr hohe Anfälligkeit dafür haben.

Typische Symptome, die du als Pferdebesitzer erkennen kannst

Kommen wir zu den typischen Symptomen von Magenthemen beim Pferd. Wie gesagt, sind sie sehr unspezifisch – je mehr davon zutreffen, desto wahrscheinlicher liegt ein Magenthema vor. Es gibt Symptome, die der Besitzer mit seinen eigenen Wahrnehmungskanälen feststellen kann, und Dinge, die mir als Manualtherapeutin begegnen. Nochmal der Hinweis: Symptome sind Helfer, sie wollen uns nicht ärgern, sondern uns helfen, wenn wir sie beachten. Wir sollten sie also nicht als Problem sehen, sondern als Hilfestellung – sie weisen auf etwas hin und geben uns die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Reagieren wir nicht, kommen meist weitere Symptome dazu.

Pferde mit Magenthemen sind oft klemmig, schlapp oder wollen nicht antraben, häufig mit einer Verstärkung, wenn der Sattel aufliegt und gut angezogen wird. Das liegt daran, dass Magenschmerzen sehr unangenehm sind – bei diesem Schmerzgeschehen mag man sich kaum noch bewegen. Eine Erhöhung des Drucks auf den Magen durch den Sattel oder etwa im Trab führt dazu, dass Magensäure aufsteigt, weshalb die Pferde oft ungern antraben. Ein weiteres Symptom ist Mundgeruch, wobei der natürlich auch ganz andere Ursachen haben kann, etwa die Zahngesundheit – dazu habe ich auch schon eine eigene Folge zum Thema EOTRH gemacht. Viele Magenpferde zeigen eine starke Gewichtsabnahme, das muss aber nicht sein: Nur weil ein Pferd zum Beispiel EMS hat und nicht rappeldürr ist, heißt das nicht, dass es kein Magenthema haben kann.

Viele Magenpferde sind apathisch, manche auch panisch – in jedem Fall zeigen sich Verhaltensänderungen, manchmal auch ein verändertes Schlafverhalten. Ein Magenpferd legt sich unter Umständen nicht gerne ab und kommt nicht in den erholsamen REM-Schlaf, denn wenn ein Pferd eine Einschränkung hat, muss es als Fluchttier noch schneller fluchtbereit sein und wird sich entsprechend seltener hinlegen. Umgekehrt können aber auch Schlafprobleme zu Magenproblemen führen. Weitere mögliche Anzeichen sind Rittigkeitsprobleme, Nicht-vorwärts-gehen-Wollen, Blockieren, auch Steigen und Bucken – wenn sich das Pferd wirklich nicht mehr anders zu helfen weiß, kann das ein Symptom sein, aber natürlich auch für viele andere Themen sprechen. Das Verhalten kann von schlapp bis panisch, von phlegmatisch bis aggressiv reichen. Dazu kommen ein typisches Schmerzgesicht, häufiges Gähnen, Zähneknirschen, Flehmen, Koliken, mattes Fell, schlechte Hufe und Hauterkrankungen – Letztere ordnet man oft eher dem Darm oder der Leber zu, aber die sind dem Magen im Grunde nachgeschaltet, weshalb auch hier die Verbindung zum Magen hergestellt werden kann.

Auch wiederkehrende Probleme beim Satteln und Gurten gehören dazu: Wenn immer wieder der Sattler gerufen wird und das Pferd trotzdem Gurt- oder Sattelzwang zeigt, ist nicht immer der Sattler schuld, sondern der Magen kann durchaus eine Option sein. Pferde, die häufig die aus dem Yoga bekannte Dehnhaltung des „herabschauenden Hundes“ zeigen – also sich mit den Vorderbeinen und dem Brustkorb regelmäßig nach unten strecken –, können damit ebenfalls eine typische Magensymptomatik zeigen.

Ganz interessant ist auch die Blutanalyse, dazu habe ich ebenfalls schon einen Podcast gemacht, dass Normwerte keine Gesundheitswerte sind. Bei Blutanalysen von Magenpferden heißt es oft, die Werte seien in Ordnung. Schaut man genauer hin, sind aber häufig die roten Blutkörperchen eher im niedrigen Referenzbereich – das liegt daran, dass Magengeschwüre meist auch dauerhafte, leichte Blutungen und damit einen Blutverlust bedeuten. Hohe Glucosewerte können ein Stressgeschehen andeuten, das aber nicht nur zum Magen, sondern auch zu anderen Themen führen kann. Auch ein bestimmtes Verhältnis von Granulozyten zu Lymphozyten wurde als zuverlässiger Parameter für Stress beim Pferd festgestellt. Und Stress ist einer der größten Faktoren für die Entstehung von Magengeschwüren und Magenschleimhautentzündungen.

Was ich osteotherapeutisch finde und behandeln kann

Was finde ich therapeutisch noch? Da sind einmal die Zustimmungspunkte des Magens – ich schaue auch gerne Richtung TCM, welche Magenzustimmungspunkte es dort gibt. Dann eine Berührungsempfindlichkeit in der Brustwirbelsäule, ganz besonders im Bereich des Widerrists: Sobald man dort berührt, wird der Hautmuskel sehr hyperaktiv, die Pferde sind oft sehr empfindsam in diesem Bereich und haben häufig auch Bewegungseinschränkungen in der vorderen Brustwirbelsäule. Da der Magen bei starker Füllung vor allem links liegt, stehen viele Pferde im Stand links angenähert – linkes Vorderbein etwas nach hinten, linkes Hinterbein etwas nach vorne gestellt – und laufen auf der linken, angenäherten Hand oft besser, auf der rechten dagegen schlechter.

Ich hatte einmal eine Stute, ich glaube es war ein Brownpan, die ich selbst an die Longe genommen hatte. Linksrum zu schicken war überhaupt kein Problem, aber rechtsrum fing sie sofort an zu bocken, zu treten und zu rennen. Das war sehr auffällig und definitiv kein Kommunikationsproblem, sondern die Stute hatte ein Magengeschwür und wollte deshalb rechtsrum nicht laufen, weil es dabei zu einer stärkeren Dehnung im Magenbereich kommt, die bei Magenschleimhautentzündungen oder Magengeschwüren sehr unangenehm sein kann.

Wenn Stress der Hauptfaktor ist, zeigen sich häufig auch Auffälligkeiten im Bereich der Halswirbelsäule – sowohl in den parasympathischen Zentren im Genickbereich und an der Halsbasis. Stress schlägt eben nicht nur auf den Magen, sondern auch auf die Halswirbelsäule, weshalb wir bei Pferden mit einer Stressthematik dort häufig Auffälligkeiten finden, auch wenn diese natürlich auch andere Ursachen haben können.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Austritt des Nervus vagus an den Kopfgelenken. Der Nervus vagus versorgt parasympathisch den Magen und andere innere Organe sowie ein paar Muskeln. In seinem Verlauf kann ich Zustimmungspunkte finden, die mir anzeigen, dass er eventuell etwas überreizt ist. Nicht alle Symptome müssen zutreffen – Schmerzanzeichen sind stark abhängig von der Persönlichkeit und der Rasse des Pferdes. Pferde zeigen als Fluchttiere Magenprobleme grundsätzlich nicht so schnell an, und Robustrassen noch weniger: Bei einem Tinker etwa, der Magenprobleme zeigt, oder auch manchmal bei Hufrehe, ist das wirklich schwer zu erkennen. Bei Eseln ist das übrigens ähnlich, sie zeigen noch langsamer und noch weniger offensichtlich Auffälligkeiten – sonst werden sie in der Herde schnell unten durch.

Noch einmal zur Darm-Hirn-Achse, weil ich das so spannend finde: Man nennt sie auch das enterische Nervensystem. Dieses ist ein sehr komplexes Geflecht von Neuronen, das nahezu den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht, also nicht nur den Darm, sondern auch den Magen. Beim Menschen weiß man, dass es vier- bis fünfmal so viele Neuronen besitzt wie das Rückenmark – das enterische Nervensystem ist also noch umfangreicher als unser Rückenmark. Der Magen wird dabei vor allem vom Nervus vagus versorgt, der ein wichtiger Teil dieses enterischen Nervensystems ist, da er nicht nur den Magen versorgt, sondern auch Rückmeldungen ans Gehirn meldet. Er gehört zum Parasympathikus, diesem wichtigen Nervengeflecht, und ich kann ihn in seinem Verlauf manuell regulieren und beeinflussen, aber auch als zusätzliches diagnostisches Indiz heranziehen.

Damit komme ich zu meinen osteotherapeutischen Möglichkeiten des Erkennens und Behandelns: der Verlauf des Nervus vagus, die Berührungsempfindlichkeit im Bereich des Widerrists, die Zustimmungspunkte des Magens aus der TCM. Die viszerale Osteopathie beschäftigt sich mit der Behandlung beziehungsweise Einflussnahme auf die Organe. Eine direkte Mobilisation des Magens ist nicht möglich, da er intrathorakal liegt – aber indirekt kann ich ihn über das Zwerchfell beeinflussen, das Verbindungen zum Magen hat, sowie über die Halswirbelsäule und den thorakalen Anteil von Sympathikus und Parasympathikus.

Die Behandlung des Zwerchfells, dieses ganz wichtigen Atemmuskels, der den Brustraum vom Bauchraum trennt und durch seine Bewegung dafür sorgt, dass sich die Organe frei bewegen können, ist deshalb für die Behandlung des Magens ganz essenziell. Das Zwerchfell wird als großer Muskel wiederum durch den Nervus phrenicus innerviert. Dieser Nerv kommt aus der unteren Halswirbelsäule, genauer vom fünften bis zum siebten Halsnerv. Über die untere Halswirbelsäule und den Nervus phrenicus kann ich also das Zwerchfell beeinflussen, und ein entspanntes Zwerchfell führt zu einer Regulation im Bereich des Magens – eine ganz tolle Möglichkeit, den Magen indirekt zu beeinflussen. Der Magen hat außerdem über Faszien, zum Beispiel über das Magen-Zwerchfell-Band, eine enge Nähe und Verbindung zum Zwerchfell.

Dazu kommt der Nervus vagus als Teil des Parasympathikus, den ich über Zugangspunkte in der Nähe des Kiefergelenks und im Bereich der Brustwirbelsäule behandeln kann. Auch den Sympathikus kann ich beeinflussen, und zwar über das Ganglion cervicale, über das die sympathische Versorgung des Magens erfolgt. Wir haben außerdem einen Brustteil des sympathischen Grenzstrangs, den Truncus sympathicus. Dieser geht aus dem Ganglion stellatum an der Halsbasis hervor und läuft dann dorsal, ganz nah entlang der Brustwirbelsäule beidseits in Höhe der Rippenwirbelgelenke. Auffälligkeiten im Bereich der Brustwirbelsäule können deshalb auch einen erhöhten Sympathikotonus anzeigen. Im Bereich der sechzehnten Rippe trennt sich der Nervus splanchnicus major ab, der dann den Magen versorgt – und ganz oft haben Pferde mit einem Magenthema auch einen sehr empfindlichen Bereich rund um diese sechzehnte Rippe. Natürlich liegt dort in der Regel auch der Sattel, es ist also nicht automatisch immer der Magen, der diesen Bereich empfindlich macht. Aber dennoch ist es ein spannender Bereich, an dem ich den sympathischen Anteil, der auf den Magen wirkt, therapeutisch unterstützen kann.

Wann schulmedizinische Hilfe nötig ist

Wann muss der Magen schulmedizinisch gezielt unterstützt oder therapiert werden? Nicht immer muss das sofort erfolgen. Bei ganz akuten Problemen kann es Sinn machen, wenn das Pferd eine ausgeprägte Symptomatik zeigt. Bei chronischen Problemen empfehle ich, erst einmal nach den Basics zu schauen – und diese ergeben sich, wie ihr gleich seht, direkt aus den Ursachen: Haltung, Fütterung, Training. Eine interessante Frage dabei: Liegt es an der Haltungsform insgesamt oder am Raufutter, das vielleicht etwas belastet oder zu knapp ist? Ist nur ein Pferd betroffen, oder ist es ein Bestandsproblem? Manchmal haben wir Reitställe, wo sehr viele Pferde gleichzeitig Magenthemen haben – dann schaut man anders darauf, als wenn nur ein einzelnes, vielleicht hochsensibles Pferd betroffen ist.

Die häufigsten Ursachen: Stress, Training, Haltung, Fütterung

Das Magengeschehen ist fast immer multifaktoriell. Vor allem Stress spielt eine große Rolle: Turnier, Reitweise, Haltung, Transport, Stallwechsel, dauernder Besitzer- oder Herdenwechsel, Einzelhaltung – Letztere ist definitiv ein Stressfaktor. Wenn ich Pferde sehe, die einzeln auf der Wiese oder im Stall gehalten werden, ist das im Grunde immer ein Stressfaktor, und stressbasierte Themen liegen dann fast auf der Hand. Besonders betrifft das die hochsensiblen Tiere. Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit vielen Stärken verbunden ist, aber eben auch anfällig macht, und betrifft ungefähr zwanzig Prozent aller Lebewesen – nicht nur uns Menschen, dazu habe ich auch eine eigene Folge gemacht, sondern eben auch Pferde. Gerade bei introvertierten Persönlichkeiten, zu denen viele Hochsensible gehören, wird das oft sehr spät erkannt, weil sie es einfach nicht so schnell zeigen.

Beim Training kann eine unphysiologische Trainingsbelastung eine Rolle spielen, ein Nicht-Akzeptieren der anatomischen und biomechanischen Gegebenheiten, viel Druck, Schmerzen beim Training. Bei der Haltung sind es zu wenig Platz, häufige Stallwechsel, fehlende Sozialkontakte, Unstimmigkeiten in der Gruppe, Unruhe im Stall. Auch dauerhafte Radiobeschallung kann ein Stressfaktor sein, genauso wie ein Stellplatz mit ständigem Durchgangsverkehr, an dem ein Pferd nicht zur Ruhe kommt – gerade bei einem sensiblen Charakter kann das allein schon, selbst bei bester Fütterung und bestem Training, zu Stress und Magenthemen führen.

Ein weiterer großer Punkt ist die Fütterung: zu wenig Raufutter, zu viel Kraftfutter, zu wenig Wasser – dazu gibt es auch Studien, dass zu wenig Wasser ebenfalls zu Magenthemen führen kann. Zu viel Zucker und Stärke, zu viel Stroh, wenn also kein Heu, sondern nur Stroh gefüttert wird. Pferde dürfen natürlich Stroh fressen, es sollte aber nicht mehr als ein Drittel der gesamten Raufutterration ausmachen, je nach Pferd auch weniger. Wird Heu extrem reduziert, weil ein Pferd abnehmen soll, während das Kraftfutter beibehalten wird, nimmt das Pferd zwar ab, hat dann aber häufig ein Magenthema. Auch Unterforderung spielt eine Rolle: Pferde, die kaum mehr bewegt werden, mit denen nichts mehr gemacht wird, haben eine höhere Anfälligkeit für Magenthemen. Und Medikamente, etwa Entzündungshemmer wie Phenylbutazon, können bei dauerhafter Gabe – ähnlich wie beim Menschen – zu Magenproblemen führen.

Pferde produzieren, anders als wir, Magensäure unabhängig von der Nahrungsaufnahme, weshalb lange Raufutterpausen ein echtes Problem sind. Wir sind Mahlzeitenfresser, das Pferd ist Dauerfresser. Eine interessante Studie hat gezeigt, dass untrainierte Pferde, die aufgestallt und antrainiert und mit sechs Kilogramm Heu gefüttert wurden, nach vierzehn Tagen zu hundert Prozent Magengeschwüre entwickelt hatten – erschreckend, und ein guter Beleg dafür, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Pferde im Laufe ihres Lebens an Magenthemen leiden. Auch die Heuqualität kann ein Thema sein: starke toxische Belastungen, ein hoher Zuckergehalt, ein geringer Rohfaseranteil.

Haltung, Fütterung und Training sind also die großen Themenfelder, aus denen sich auch die Ursachen und damit der Ansatzpunkt für die Behandlung ergeben. Grundsätzlich gilt: Raufuttergabe mit möglichst kurzen Futterpausen ist das Mittel der Wahl beziehungsweise die Basis, die zuerst hergestellt werden muss. Einem zu fetten Pferd können wir dabei nicht einfach das Heu wegnehmen, sonst verlagern wir nur das Problem – da müssen wir die Ration anders zusammenstellen. Eine Gastroskopie macht dann Sinn, wenn die Basics hergestellt wurden und die Optimierung von Haltung, Fütterung und Reitweise nicht greift.

Medikamentöse und pflanzliche Unterstützung

Tierärztlich-therapeutisch wird in der Regel mit Magensäureblockern gearbeitet, vor allem mit Omeprazol und Sucralfat, die die Produktion von Magensäure herabsetzen. Aber Achtung: Das kennen wir auch bei Menschen, die dauerhaft Sodbrennen oder Magenprobleme haben und dauerhaft Protonenpumpenhemmer nehmen – sie können davon eine Depression bekommen, weil das zu einem Mangel an Vitamin B12 führt. Beim Pferd weiß ich das nicht sicher, kann es aber vermuten, weil die Mechanismen ähnlich funktionieren. Säurehemmer gehen unter anderem immer zulasten von B12, und B12 wird für die Nerven benötigt – bei einem B12-Mangel kommt es häufig zu Depressionen und Antriebsstörungen. Wirkstoffe sind hier zum Beispiel Sucralfat und Omeprazol. Ergänzend wird teils auch mit isländischer Rotalge gearbeitet, das ist dann allerdings eher der alternative als der tierärztliche Bereich.

Die beste Therapie ist immer die Vorbeugung: eine artgerechte Fütterung, Haltung und ein pferdegerechter Umgang. Auch der Stress des Reiters wirkt sich stark auf das Pferd aus – kommt der Besitzer oder Reiter immer gestresst zum Pferd, wird das Pferd das aufnehmen, wobei der eine es besser verarbeiten kann als der andere. Fernab der tierärztlichen Möglichkeiten steht deshalb erst die Rationsgestaltung, und erst danach denken wir über Zusätze nach. Ganz wichtig ist außerdem: kein Training auf leerem Magen. Pferde produzieren dauerhaft Magensäure, und wenn ein Pferd schon drei Stunden lang kein Raufutter bekommen hat und wir dann den Sattel drauflegen und traben, kann die Magensäure aufsteigen und Probleme verursachen. Ein wenig Heu vor der Reiteinheit anzubieten – auch im Sommer bei durchgehendem Weidegang – ist deshalb wirklich wichtig, genauso wie Raufutter grundsätzlich vor dem Kraftfutter zu füttern.

Zur Phytotherapie: Klassisch, je nach Pferd, sind hier unter anderem Alantwurzel, Wegwarte, Melisse, Bockshornkleesamen, Fenchel, isländisch Moos, Oregano, Pfefferminze und Lavendel – aber, wie gesagt, immer erst die Basics herstellen.

Fazit

Das war ein kleiner Überblick über die therapeutischen Möglichkeiten, Interventionen und Diagnosemittel rund um Magenthemen beim Pferd. Wenn ihr eine gute Unterstützung und eine individuelle Betrachtung für euer Pferd wünscht, meldet euch sehr gerne für eine Online-Beratung oder einen Termin vor Ort. Wenn ihr euch als Therapeut weiterbilden möchtet, schaut gerne auf meiner Homepage vorbei, dort gibt es bereits einzelne Kurse, und es wird definitiv noch weiter ausgebaut. Ich hoffe, euch einen guten Überblick gegeben zu haben. Danke fürs Zuhören bis zum Ende. Empfehlt diesen Podcast gerne weiter, wenn er euch gefallen hat, lasst mir einen Kommentar oder ein Like da. Ich freue mich auf die nächste Folge. Bis dann. Love it, change it or leave it.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Magenprobleme beim Pferd: Schau zuerst nach dem Grundproblem, nicht nach dem Gastrofutter“