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Ein sonst freundliches, kooperatives Pferd wird im Fellwechsel plötzlich grantig und lässt sich kaum noch antreiben.
In dieser Folge nimmt Denise einen konkreten Praxisfall auseinander: den 15-jährigen Wallach Willi. Es geht um Berührungsempfindlichkeit, eine zu üppige Kraftfutterration, Ruhe- und Herdenstress als möglichen Faktor für Magenreizungen, und darum, warum sich reine Symptombehandlung selten auszahlt – und die Suche nach der Ursache hinter der Ursache umso mehr.
Transkript:
Wallach Willi will nicht laufen. Warum es sich lohnt, nach der Ursache der Ursache zu suchen.
Heute möchte ich euch von einem Fallbeispiel aus meiner Praxis in der Pferde-Osteopathie berichten – von einem Wallach, den ich hier Willi nenne (der Name ist aus Datenschutzgründen geändert). Willi ist 15 Jahre alt, ein Alt-Oldenburger vom alten Schlag: großrahmig, kräftig, mit massigen Gelenken, 1,75 Meter groß und deutlich zu schwer. Seit drei Jahren ist er bei seiner jetzigen Besitzerin, die ihn zuvor als Reitbeteiligung kannte und übernahm, als die Vorbesitzerin aus familiären Gründen keine Zeit mehr für ihn hatte. Willi steht im Offenstall, wird fünf bis sechs Mal pro Woche 45 bis 60 Minuten geritten, vom Boden gearbeitet und spazieren geführt – nach heutigem Maßstab leichtes Training, für ein Pferd aus meiner Sicht aber keine große sportliche Leistung.
Der Anlass: eine deutliche Verschlechterung im Fellwechsel
Gerufen wurde ich, weil sich Willis Allgemeinzustand im herbstlichen Fellwechsel deutlich verschlechtert hatte. Er war schon immer etwas triebig und im Fellwechsel gewöhnlich etwas antriebsloser – dieses Mal war es aber besonders extrem: wenig Vorwärtsdrang, mattes Fell, eine spürbare Steifigkeit und feste Muskulatur. Beim Vorstellen an der Hand musste er um jeden Schritt gebeten werden, kam kaum in den Trab, und an der Longe im Round Pen musste die Besitzerin so viel Energie aufbringen, um ihn anzutreiben, dass sie am Ende schweißgebadet war – während Willi selbst kaum davon zu profitieren schien. Auffällig war zudem sein steifer, in der Vorhand eingeschränkter Gang und ein für ihn völlig untypisches, grantiges Verhalten beim Antraben, obwohl Willi vom Gemüt her ein sehr freundliches, kooperatives Pferd ist.
Der Untersuchungsbefund
Beim Abtasten zeigte sich Willi sehr berührungsempfindlich im Bereich der Halswirbelsäule, der gesamten Rückenmuskulatur und besonders im Bereich des Widerrists und der Gurtlage – dort bestand seit jeher ein bekannter Gurt- und Sattelzwang. Der Sattel selbst passte gut und war nicht die Ursache, zumal Willi auch ohne Sattel dasselbe Verhalten zeigte. Weitere Auffälligkeiten: leichter Mundgeruch, blasse und stellenweise gereizte Schleimhaut, etwas wärmere Hufe als üblich, ein sichtbares Schmerzgesicht mit zusammengezogenen Nüstern und Sorgenfalten – und ein insgesamt schlapper Allgemeinzustand. Die Rippen waren nicht mehr zu fühlen, Willi hatte deutlich an Gewicht zugenommen.
Die Fütterung als möglicher Schlüssel
Willi bekam bereits Ad-libitum-Heu über Slow-Feeder-Einrichtungen sowie täglich anderthalb Kilo eines pelletierten Kraftfutters mit rund 36 Prozent schnell verfügbarer Stärke und Zucker – dazu Möhren, rote Beete und Äpfel, weil er sie so gerne fraß. Für ein Pferd, das kaum sechs Stunden Arbeit pro Woche leistet und dabei nur selten ins Schwitzen kommt, ist das eine üppige Menge. Auf Nachfrage bestätigte die Besitzerin außerdem vermehrtes Trinken und Urinieren – ein möglicher Hinweis auf eine nicht optimale Insulinsensitivität. Eine Heuanalyse lag nicht vor, weil das Heu häufig wechselte; die auffällige Gewichtsentwicklung ließ aber schon ohne Analyse einen Rückschluss auf einen Energieüberschuss zu.
Wenn Ruhe und Herdenstruktur zum Faktor werden
Ein weiterer Punkt kam über gezieltes Nachfragen ans Licht: Willi, der ranghohe, aber freundliche Herdenchef, legte sich in letzter Zeit selten hin. Slow-Feeder können dazu führen, dass Pferde zwar tendenziell etwas weniger Heu fressen, aber deutlich länger am Futter stehen – auf Kosten der Zeit für Sozialverhalten und Liegephasen. Zusätzlich gab es häufige Wechsel in der Herdenzusammensetzung, was Willi vermutlich zusätzlichen Stress bereitete und ihn noch weniger zur Ruhe kommen ließ. Stress wiederum kann ein bedeutender Faktor für Magenprobleme sein – zusammen mit der hohen Kraftfuttermenge ein naheliegender Verdacht, dass der Magen bei Willi überlastet und gereizt war.
Die Behandlung und ein erster, schneller Erfolg
Osteopathisch fand ich bei Willi vor allem im Bereich der Kopfgelenke, der unteren Halswirbelsäule und des Zwerchfells deutliche Einschränkungen. Das Zwerchfell als wichtigster Atemmuskel wird über den Nervus phrenicus aus der Halswirbelsäule angesteuert und reagiert empfindlich auf Stress – ist es fest, bewegen sich auch die inneren Organe schlechter. Nach ausgiebiger Mobilisation der Brustwirbelsäule, viszeraler Techniken und Entspannung der Oberlinie liefen wir mit Willi direkt im Anschluss nochmal ins Round Pen: Er bewegte sich spürbar bereitwilliger. Das allein hätte man als Erfolg verbuchen und die Sache auf sich beruhen lassen können – mein Anliegen war aber, dass Willi langfristig fit bleibt, nicht nur kurzfristig entlastet wird.
Der Leber auf den Grund gehen, statt nur das Symptom zu behandeln
Die Besitzerin hatte Willi bereits seit Jahren zum Fellwechsel hin Leberkräuter gegeben – mit jeweils kurzfristiger Besserung. Seit der Empfindlichkeit im Gurt- und Sattelbereich kamen zusätzlich Kräuter für den Magen dazu. Beides war aus meiner Sicht sinnvoll gedacht, behandelte aber eher das Symptom: Die Leber wird bei einer hohen Kohlenhydratzufuhr stark belastet und steht für Müdigkeit und Erschöpfung – wer aber nur die Leber unterstützt, klebt im Grunde ein Pflaster auf eine Wunde, ohne zu klären, was die Leber überhaupt so belastet. Aus meiner Sicht lag die eigentliche Ursache im Magen-Darm-Trakt, ausgelöst durch die hohe Kraftfuttermenge und den zusätzlichen Stress in der Herde.
Die konkreten Maßnahmen
Wir haben deshalb an mehreren Stellschrauben gleichzeitig angesetzt: Die Kraftfuttermenge wurde deutlich reduziert und durch ein hochwertigeres, für den Magen-Darm-Trakt schonenderes Mineralfutter ersetzt – bewusst mit Blick auf Spurenelemente, die sich nicht in Richtung toxischer Grenzen bewegen. Zusätzlich bekam Willi nachts die Möglichkeit, sich in ein offenes Separee mit einer Mischration aus Knabberhölzern, Stroh und Heu zurückzuziehen, um wirklich zur Ruhe zu kommen und sich hinzulegen. Da die Besitzerin beim Vorführen sichtlich Mühe hatte und Willi teils distanzlos durch die Gegend zog, empfahl ich außerdem, sich Richtung Horsemanship einen Trainer zu suchen, der die Kommunikation zwischen beiden stressfreier gestaltet. Eine Heuanalyse blieb als offener Punkt bestehen, um die Ration langfristig noch genauer abzustimmen.
Das Ergebnis nach sechs Wochen
Im Gespräch sechs Wochen später zeigte sich: Der Gurt- und Sattelzwang, den Willi schon lange hatte, war deutlich zurückgegangen. Als Nebeneffekt – obwohl die Behandlung gar nicht auf die Hufe zielte – hatte sich sogar seine Strahlfäule verbessert, sodass weniger Mittel dagegen nötig waren. Willi ist heute wieder ein fitter, freundlicher Freizeitpartner. Ob künftig eine jährliche osteopathische Kontrolle ausreicht, wird sich zeigen, sofern Fütterung und Haltung stabil bleiben.
Fazit
Dieser Fall zeigt aus meiner Sicht sehr gut, warum es sich lohnt, nicht nur symptomatisch zu arbeiten und manuell an den eingeschränkten Bereichen zu behandeln, sondern konsequent nach der Ursache hinter der Ursache zu suchen – und zu prüfen, ob das gezeigte Verhalten überhaupt zum sonstigen Wesen des Pferdes passt. Bei Willi, einem eigentlich sehr freundlichen Herdenchef, passte das plötzliche Grantigwerden ganz offensichtlich nicht zu ihm. Diese Zusammenhänge herzustellen bedeutet mehr Aufwand – für die Besitzerin ebenso wie für mich als Therapeutin –, war in diesem Fall aber genau der Schlüssel zum Erfolg.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Wallach Willi will nicht laufen. Warum es sich lohnt, nach der Ursache der Ursache zu suchen.“