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EOTRH war lange eine Erkrankung alter Pferde – mittlerweile findet Denise sie zunehmend auch bei jungen, adulten Tieren.
In dieser Folge erklärt sie, was sich hinter der Abkürzung verbirgt, warum Pferde als Fluchttiere Zahnschmerzen erstaunlich lange verstecken, und welche einfachen Tests (Stichwort Möhrentest) im Alltag helfen, frühzeitig aufmerksam zu werden.
Außerdem geht es um die Grenzen der gängigen Druck-Hypothese, um Zusammenhänge mit Ernährung, Selen und Stoffwechselerkrankungen wie PPID – und darum, warum „die Zähne sind gemacht“ nicht automatisch EOTRH ausschließt.
Transkript:
EOTRH Früherkennung und Thesen zur Ursache
Nach dem Motto „Love it, change it or leave it“ gehe ich als Pferdetherapeutin durchs Leben. Heute geht es um ein absolutes Herzensthema von mir: die Früherkennung von Zahnfacherkrankungen, speziell EOTRH. Ein etwas komplizierter Begriff – wenn Pferdebesitzer zu mir kommen und sagen „da hat jemand was festgestellt, so eine Erkrankung mit ganz vielen Buchstaben“, weiß ich meistens schon Bescheid.
Was EOTRH überhaupt bedeutet
EOTRH ist die Abkürzung für Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis. Equine heißt, es betrifft Pferde. Odontoclastic bedeutet zahnsubstanzfressend – Odontoklasten sind die Zellen, die Zahnsubstanz abbauen. Resorption ist die Auflösung von Zahnsubstanz, Hyperzementose die übermäßige Bildung von Zahnzement, umgangssprachlich auch Knollenbildung genannt.
EOTRH ist damit ein Überbegriff für mehrere unterschiedliche Erkrankungsschwerpunkte. Bei manchen Pferden überwiegt die Resorption, also der Abbau von Zahnsubstanz. Andere sind stärker von der Zementbildung betroffen, wieder andere zeigen vor allem eine Entzündung oder einen starken Rückgang des Zahnfleisches.
Warum das Thema so wichtig ist
Früher war EOTRH vor allem eine Erkrankung alter Pferde. Mittlerweile finde ich immer mehr Pferde, die schon im jungen adulten Alter erste Auffälligkeiten zeigen. Das liegt auch daran, dass ich für dieses Thema sensibilisiert bin und entsprechend früh hinschaue – aber die Verschiebung zu jüngeren Pferden ist trotzdem real.
Besonders wichtig ist das Thema, weil Pferde Zahnprobleme nicht schnell zeigen. Es ist erstaunlich, wie lange Pferde mit entzündeten Zähnen und massiven Zahnschmerzen weiterlaufen und weiterfressen – vielleicht mit leichter Vermeidung einer Kauseite, aber ohne dass Besitzer etwas bemerken, bis die Pferde abbauen und dünn werden.
Das liegt am Fluchttier-Verhalten: Pferde sind als Teil der Herde darauf angewiesen, fluchtfähig zu wirken. Zeigen sie körperliche Probleme – ob Zähne, Stoffwechsel oder Struktur – kommt es häufig dazu, dass sie das nicht schnell zeigen, weil sie sonst in der Herdenhierarchie unten durch wären. Besonders vorsichtig muss man bei robusten Rassen wie Isländern, Tinkern oder Shetlandponys sein, die Probleme noch subtiler anzeigen als etwa Warmblüter oder Vollblüter.
Wo EOTRH ansetzt
EOTRH betrifft primär die Schneidezähne, kann aber auch auf die Hengstzähne übergreifen – die übrigens nicht nur bei Hengsten oder Wallachen, sondern manchmal auch bei Stuten angelegt sind.
Frühsymptome, die aber nicht alle gleichzeitig auftreten müssen, sind starkes Speicheln und Mundgeruch. Beides kann allerdings auch andere Ursachen haben, etwa Magenprobleme oder Futterreste, die zwischen den Zähnen gären. Ein Symptom allein reicht also nie für eine Verdachtsdiagnose, es müssen mehrere Dinge zusammenkommen.
Betroffene Pferde mögen häufig keine Möhren oder Äpfel mehr beißen. Ich bin generell kein Fan von übermäßigem Möhrenfüttern, weil Möhren bis zu 10 Prozent Zucker enthalten können – aber ein gelegentlicher Möhrentest lohnt sich als Diagnostik-Werkzeug: Ein gesundes Pferd sollte kraftvoll abbeißen können. Beißt es zögerlich ab, ist das auffällig. Und wenn Besitzer dann sagen „das war schon immer so“, ist genau das der Moment, an dem man aufmerksam werden sollte – „schon immer so“ wird zu schnell als unauffällig abgetan.
Was der Blick ins Maul zeigt
Zieht man Ober- und Unterlippe vorsichtig auseinander, zeigt sich bei EOTRH oft eine Knollenbildung im Bereich der Zahnwurzeln, teils Einziehungen zwischen den Zähnen, bei manchen Pferden kleine Pünktchen oder Fisteln am Zahnfleisch. Viele Pferde mit beginnender EOTRH haben zudem auffällig viel Zahnstein – das kann bereits ein Frühsymptom sein.
Bei 90 Prozent der Pferdebesitzer kommt bei diesem Griff ins Maul die Info: „Der Zahnarzt war gerade da, die Zähne sind gemacht.“ Das weiß ich meist schon aus dem Anamneseformular, wo ich abfrage, wer sich die Zähne zuletzt angesehen hat. Wichtig ist mir dabei, dass diese Person sich wirklich auf Zähne spezialisiert hat – denn man kann deutlich mehr sehen als nur, ob der Biss stimmt. Erkrankungen, die die Zähne betreffen, kommen aus meiner Erfahrung selten allein: EOTRH geht häufig mit Problemen im Bereich der Hufe oder der Haut einher, weshalb es sich lohnt, nicht nur ins Maul, sondern auch auf die Schleimhäute zu schauen.
Weitere Anzeichen und Spätsymptome
Pferde mit beginnender EOTRH können im Kopfbereich berührungsempfindlich sein, Rittigkeitsprobleme zeigen oder das Gebiss nicht richtig annehmen wollen – wobei das natürlich auch andere Ursachen haben kann, etwa eine harte Reiterhand oder ein Gebiss mit scharfen Kanten.
Weitere Anzeichen: verdicktes Zahnfleisch, lockere Zähne, vermehrter Zahnstein bis hin zu komplett ummantelten Zähnen. Als spätes Symptom schieben manche Pferde die Zunge zwischen die Zähne, um Druck zu nehmen. Ebenfalls spät und nicht bei jedem Pferd zu beobachten: Meiden von kaltem Wasser, Rückzug aus der Herde, depressives Verhalten und körperlicher Abbau.
Interessant ist auch: Haben Pferde einseitig Probleme im Bereich der Backenzähne, bevorzugen sie meist unauffällig die gesunde Kauseite und bauen trotz massiver Zahnprobleme lange nicht ab. Bei einem 15 Jahre alten Pferd, das ich kürzlich gesehen habe, war der körperliche Zustand insgesamt gut – aber im Gesicht sah es aus wie 25, weil die Kaumuskulatur, vor allem Musculus masseter und Musculus temporalis, deutlich zurückgegangen war.
Was tierärztlich gemacht wird
Die aktuell einzige tierärztliche Lösung ist im Grunde die Kürzung einzelner oder aller Schneidezähne, in fortgeschrittenen Fällen die Extraktion. Die Kürzung nimmt Druck von den Zähnen, die Extraktion ist eine späte, aber oft wahnsinnig entlastende Lösung. Ich bin an der Stelle absolut für die Schulmedizin, die in solchen Fällen häufig keine andere Option mehr hat.
Umso wichtiger ist es, früh hinzuschauen: Rückgängig machen lässt sich EOTRH nicht, aber der Zusammenhang zwischen Zahnerkrankungen und Ernährung wird auch in der Schulmedizin zunehmend anerkannt. Nicht selten wird bei einer diagnostizierten EOTRH inzwischen begleitend eine Heilpilzmischung verschrieben, etwa mit Reishi oder Cordyceps – beide können antibakteriell und antientzündlich wirken. Das finde ich einen sehr fortschrittlichen Ansatz.
Warum die reine Druck-These für mich nicht überzeugend ist
Schulmedizinisch wird oft vermutet, EOTRH entstehe durch zu viel Druck auf die Schneidezähne. Ich bezweifle das: Wäre reiner Kaudruck die Ursache, müssten frühere Pferdegenerationen – mit hartem Gras und Ästen statt feinem, zuckerreichem Heu und weichem Müsli – eigentlich noch häufiger betroffen gewesen sein. Der Kaudruck dürfte in den letzten 30 bis 40 Jahren eher ab- als zugenommen haben. Eine Druckentlastung durch Kürzung bringt zwar spürbare Entlastung, das heißt aber nicht automatisch, dass zu viel Druck auch die Ursache ist.
Was ich stattdessen beobachte: EOTRH betrifft mittlerweile alle Rassen, früher vor allem alte, heute zunehmend auch junge und adulte Pferde. Der Zusammenhang mit der Ernährung dagegen ist inzwischen anerkannt – an vielen anderen Stellen heißt es bei EOTRH aber weiterhin schlicht „Ursache unbekannt, wir extrahieren“.
Was ich als Zusammenhänge sehe
In einer früheren Folge bin ich auf Selenintoxikation eingegangen – zu hohe Selenzufuhr durch übermäßige Zusatzstoffe. Man weiß, dass sich überschüssiges Selen unter anderem im Bereich der Zähne anlagert, was bei Selenform-Fütterung problematisch ist, weil der Körper dort schwerer steuern kann, wie viel er aufnimmt. Man vermutet, dass sowohl eine starke Selenintoxikation als auch ein starker Selenmangel EOTRH begünstigen können.
Ebenso werden Dysbalancen im Nährstoffhaushalt insgesamt vermutet: Demineralisierungsstörungen, chronisch-stille Entzündungen, starke Leberbelastungen durch toxinreiches Heu, Pflanzenschutzmittel oder Konservierungsstoffe in Futtermitteln. Chronisch-stille Entzündungen kennen wir bereits von Pferden mit EMS oder Insulinresistenz – und auffällig häufig sehe ich EOTRH bei Pferden mit Cushing-Symptomatik beziehungsweise PPID, wo ebenfalls Stresshormone fehlreguliert sind und meist ein erhöhter Blutzuckerspiegel sowie eine Insulinresistenz vorliegen. Mein Ansatz ist deshalb immer, zu schauen, was im gesamten Pferdekörper aus dem Gleichgewicht geraten ist – also wo überhaupt Platz für eine Erkrankung wie EOTRH entsteht.
Nährstoffe, die für die Zahngesundheit wichtig sind
Besonders relevant sind aus meiner Sicht Calcium, Magnesium, Zink, Kupfer, Vitamin D und Selen.
Bei Calcium ist wichtig zu wissen, dass deutsches Heu häufig sehr calciumreich ist – entscheidender als die absolute Menge ist aber das Verhältnis von Calcium zu Phosphor. Eine dauerhaft zu hohe Calciumaufnahme kann trotzdem den Knochen- und Zahnstoffwechsel beeinflussen. Magnesium gehört eng dazu, weil die Calciumverwertung magnesiumabhängig ist. Zink und Kupfer werden ebenfalls im Zusammenhang mit Zahngesundheit genannt – und sind genau die Mineralstoffe, die in deutschen Böden am häufigsten im Defizit sind. Bei Vitamin D wird spekuliert, dass es zusammen mit Vitamin K eine Rolle spielt; da Vitamin D über Sonnenlicht aktiviert wird, könnten dauereingedeckte Pferde – im Winter mit Decke, im Sommer mit Ekzemerdecke – tendenziell weniger davon synthetisieren.
Bei einer Selenintoxikation sehe ich häufig kleine rote Pünktchen am Zahnfleisch, insgesamt eher blasses oder gerötetes, gereiztes Zahnfleisch. Zu einer Studie, an die ich mich erinnere, aber leider nicht mehr finden konnte: Über mehrere Jahre wurden dort Pferde mit EOTRH und Selenanlagerung im Zahn- und Zahnfleischbereich mit hochdosiertem Vitamin C und MSM behandelt, kombiniert mit guter zahnärztlicher Versorgung – Kürzung der Schneidezähne, Politur des restlichen Gebisses. Bei vielen dieser Pferde ließ sich ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern, eine Extraktion war nicht mehr nötig. Falls jemand diese Studie kennt oder finden kann, freue ich mich sehr über einen Hinweis.
Eine pauschale Lösung gibt es nicht. Es geht immer darum, individuell Nährstoffdysbalancen, Entzündungsreaktionen und mögliche Grunderkrankungen wie Insulinresistenz, EMS oder PPID mitzubehandeln.
Ein Blick auf die Zahn-Organ-Zuordnung
Nur als Denkanstoß am Rande: Ähnlich wie bei der Ohr- oder Fußreflexzonenbehandlung beim Menschen lassen sich auch beim Pferd bestimmte Zähne bestimmten Körperbereichen zuordnen. Die Schneidezähne stehen dabei für Niere und Blase, die Eck- beziehungsweise Hengstzähne für die Leber. Das lässt sich in eine ganzheitliche Betrachtung mit einbeziehen, ersetzt aber natürlich keine Diagnostik.
Was du konkret tun kannst
Schau dir regelmäßig das Maul deines Pferdes an, riech ab und zu daran, steck den Finger vorsichtig in die zahnfreie Lade. Mach etwa einmal im Monat einen Möhrentest und achte darauf, ob dein Pferd kraftvoll oder zögerlich abbeißt. Beobachte unabhängig von EOTRH generell, ob sich dein Pferd aus der Herde zurückzieht, kaltes Wasser meidet oder sich in der kalten Jahreszeit verschlechtert.
Was mir noch wichtig ist: Auch das tierärztlich empfohlene Putzen der Zahnfleischtaschen und Befreien der Zahnzwischenräume gehört dazu. Die Basis bleibt aber immer, zusatzstoff-, zucker- und kohlenhydratreiches Futter zu vermeiden beziehungsweise zu reduzieren. Erst wenn die Ration stimmt – ausreichend Eiweiß, wenig Stärke und Zucker, ausgeglichene Mineralstoffe und Elektrolyte – lässt sich gezielt an Nährstoffdysbalancen arbeiten.
Ich hoffe, ich konnte euch für das Thema EOTRH ein Stück weit sensibilisieren. Bis zum nächsten Mal. Love it, change it or leave it. Eure Denise.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „EOTRH Früherkennung und Thesen zur Ursache“