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Selenmangel oder schon zu viel?
Denise erklärt in dieser kompakten Folge, warum Selenüberschüsse beim Pferd aus ihrer Erfahrung häufig übersehen werden, weil die Laborreferenzwerte in den letzten Jahren deutlich angehoben wurden.
Außerdem: ein Praxisfall zur unbeabsichtigten Selen-Kumulation über mehrere Futterprodukte, der mögliche Zusammenhang mit EOTRH und warum anorganisches Selen die vorsichtigere Wahl sein kann.
Transkript:
Selenfütterung beim Pferd – Zwischen Mangel und Intoxikation
Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast. Nach dem Motto „Love it, change it or leave it“ erzähle ich euch so einiges zum Thema Pferdegesundheit, Herausforderungen im Pferdebusiness und Gesundheitsthemen bei Mensch und Pferd. Heute eine kurze, aber knackige Folge zum Thema Selen.
Bei manchen Themen merke ich, dass ich da schnell getriggert bin, weil ich denke, das habe ich doch schon tausendmal erzählt. Aber man kann natürlich nur Dinge erklären für Menschen, die es gerade interessiert. Und beim Thema Selen muss man auch klar dazu sagen, dass hier noch ziemlich viel geforscht wird, sowohl im Pferde- als auch im Humanbereich.
Was Selen ist und warum die toxische Grenze so eng ist
Selen gehört zu den Mineralstoffen. Grob unterteilen lassen sich Mineralstoffe in Mengenelemente, die in größeren Mengen im Körper vorkommen, etwa Natrium, Kalium, Chlorid oder Magnesium, und Spurenelemente, die nur in Spuren vorkommen, etwa Eisen, Mangan, Zink und eben auch Selen. Und gerade weil Selen nur in Spuren vorkommt, müssen wir besonders aufpassen, denn es gibt sehr wichtige toxische Grenzen, die in der Fütterung einzuhalten sind. Das soll jetzt nicht heißen, füttert kein Selen – ein Selenmangel kann sehr unangenehm sein, ich spreche da aus eigener Erfahrung, weil ich selbst einen Selenmangel hatte und Selen zu mir nehme, damit meine Schilddrüsenhormone besser umgewandelt werden können.
Was ist dran an dem Ruf, dass Deutschland so selenarm ist? Einiges, aber wichtig ist: viele, nicht alle Böden in Deutschland sind eher selenarm. Es mag also durchaus Böden geben, auf denen ausreichend Selen vorhanden ist. Aber in den meisten Regionen, in denen Heu produziert wird, ist eher wenig Selen enthalten. Selen ist dabei nicht nur wichtig für die Umwandlung von T4 in T3, also die aktive Schilddrüsenhormonform, sondern auch für die Bildung von Enzymen, für die Biotransformation, für das Immunsystem, die Leber, die Zellteilung als Krebsschutz und für die Ausleitung von Schwermetallen wie Quecksilber und Cadmium. Manche Pferde, etwa sehr stark bemuskelte, können einen etwas höheren Selenbedarf haben. Und Selen ist auch ein wichtiges Antioxidans.
Trotzdem sollten wir Selen nicht einfach als Kur zufüttern, ohne eine echte Rationskontrolle zu haben. Sinnvoller ist es, sich die gesamte Ration anzuschauen: Was ist im Heu enthalten, wo kommt das Heu her? Auch ohne aktuelle Heuanalyse lohnt es sich zu recherchieren, aus welcher Region das Heu stammt und wie die Böden dort tendenziell einzuschätzen sind.
Warum Selenüberschüsse so oft übersehen werden
Dieses Thema ist deshalb so wichtig, weil aus meiner Erfahrung Selenüberschüsse ganz oft nicht erkannt und manchmal sogar fälschlicherweise Selenmängel diagnostiziert werden, wo gar keine vorliegen. Das liegt vor allem daran, dass die Referenzwerte für Selen bei den meisten Laboren nicht mehr den Optimalwerten entsprechen. Beim Pferd wird Selen in der Regel im Serum gemessen, und diese Referenzwerte sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen: Früher lag der Referenzbereich bei etwa 50 bis 120 Mikrogramm, heute bei vielen Laboren bei 100 bis 200 – für mich der eigentlich bessere, idealere Gesundheitsbereich liegt eher im unteren Teil davon.
Wie kam es zu dieser Anhebung? Vermutlich, weil man einst gegengesteuert hat: Da Deutschland eher selenarme Böden hat, wurde vielen Futtermitteln Selen zugesetzt. Mittlerweile enthalten ziemlich viele Futtermittel Selen. Gibt ein Pferdebesitzer nun nicht nur ein mineralisiertes Ergänzungsfutter, sondern zusätzlich noch ein Müsli mit eigenen Zusatzstoffen, findet sich auf der Deklaration – unter „Zusatzstoffe pro Kilogramm“ – ganz häufig noch einmal zugesetztes Selen. Da ist wirklich Vorsicht geboten.
Ein Praxisbeispiel: An einem Stall wurde ein mineralisiertes Ergänzungsfutter passend zur Heuanalyse gefertigt, das bereits 20 Milligramm Selen pro Kilogramm enthielt. Bei einer Tagesdosis von 50 Gramm entspricht das etwa einem Milligramm Selen – im Grunde die passende Menge für ein 500-Kilo-Pferd. Nur standen an diesem Stall kaum 500-Kilo-Pferde, sodass die tatsächlich vorhandenen, leichteren Pferde über dieses Mineralfutter allein schon mehr als ausreichend Selen bekamen. Und selten bleibt es bei nur einem Produkt: Oft kommt ohne böse Absicht noch ein Müsli dazu, oder ein weiteres Ergänzungsfutter, etwa gegen brüchige Hufe, das zusätzlich Zink enthält – und Zink verbessert wiederum die Aufnahme von Selen. Kommen mehrere selenhaltige Produkte zusammen, ist die toxische Grenze schnell erreicht.
Was eine Selenintoxikation im Körper anrichtet
Selenmängel können problematisch sein, noch problematischer ist aber die Intoxikation, also der dauerhafte Selenüberschuss. Diese Grenze kann schnell erreicht werden, ab etwa 0,7 Milligramm pro 100 Kilogramm Körpermasse dauerhaft. Wird einem Pferd dauerhaft zu viel Selen zugeführt, kommt es zu Einlagerungen im Gewebe – bevorzugt im Bereich des Kronrands, der Plazenta und der Zähne.
Interessanterweise sehe ich bei Pferden mit Auffälligkeiten in Richtung EOTRH, also der Zahnfacherkrankung der Schneidezähne, schon im jungen Adultenalter häufig einen Rückgang des Zahnfleisches, viele kleine Punkte auf der Schleimhaut, dazu weitere Symptome wie starke Berührungsempfindlichkeit, einen sehr hohen Muskeltonus und Fellverlust. Das ist eine beginnende EOTRH, gekennzeichnet durch Abbau von Zahnmaterial, eine Hyperzementose – also zementartig gebildete Zahnstruktur – in Kombination mit einer Parodontitis. Bei genau diesen Pferden finde ich in den Blutwerten – das ist ausdrücklich meine eigene Erfahrung, keine gesicherte Studienlage – auffällig oft relativ hohe Selenwerte, für mich schon ab etwa 130 bis 140, je nach Rasse (Robustrassen und Fohlen haben grundsätzlich niedrigere Selenwerte). Liegt der Laborreferenzbereich mittlerweile bei 100 bis 200, fällt ein Pferd mit einem Wert von 130 oder sogar 180 aber gar nicht mehr auf – bei manchen Laboren liegt die Obergrenze inzwischen sogar bei 220 oder 250.
Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf den Blutwert, sondern auf die Symptomatik zu schauen: Zeigt ein Pferd Auffälligkeiten wie Panik, starke Berührungsempfindlichkeit, Haut- oder Fellprobleme, kann das auf eine Selenintoxikation hindeuten, auch wenn der Blutwert selbst unauffällig bleibt, weil die Referenzwerte so weit angehoben wurden. Und ist erst einmal zu viel Selen eingelagert, lässt sich das nur schwer wieder rückgängig machen.
Mangel und Überschuss unterscheiden
Gleichzeitig werden dadurch Selenmängel häufiger diagnostiziert, als sie tatsächlich vorliegen: Ein Pferd mit einem für mich im Idealbereich liegenden Wert von etwa 80 kann laut Tierarzt schon als Selenmangel gelten – und dann wird unter Umständen relativ viel Selen zugeführt, ohne dass die Symptomatik mitbetrachtet wird. Typische Zeichen eines echten Selenmangels sind Lethargie, Muskelverlust und Fellverlust. Diese Symptome können denen eines Selenüberschusses durchaus ähneln – auch dort finden sich Hautprobleme. Ein Unterschied, den ich in der Praxis beobachte: Pferde mit zu viel Selen wirken oft etwas moppliger, Pferde mit zu wenig Selen eher drahtig. Das ist aber keine feste Regel.
Selen als Kur zu geben, kann deshalb gefährlich sein. Wichtig ist, genau auf die Referenzwerte des jeweiligen Labors zu schauen und die Rasse zu berücksichtigen – nicht jede in Deutschland gehaltene Rasse ist für hiesige Böden gemacht, und nicht jede Rasse verträgt viel Selen gleich gut.
Anorganisches oder organisches Selen?
Ein weiterer wichtiger Punkt: In vielen Produkten wird Selen inzwischen in organischer Form zugesetzt. Ich will damit nicht pauschal sagen, dass organische Spurenelemente grundsätzlich schlechter oder besser sind. Aber beim Selen ist der aktuelle Stand meiner Erfahrung nach, dass anorganisches Selen, zum Beispiel als Natriumselenit, zu bevorzugen ist. Modernere Produkte setzen jedoch häufiger auf organische Formen wie Selenhefe oder Selenomethionin, die sehr gut aufgenommen werden – vereinfacht gesagt, weil sich diese Formen im Körper kaum „trennen“ lassen. Genau das macht sie aber auch problematisch: Sie lagern sich bevorzugt im Bereich von Kronrand, Plazenta, Zähnen und Zahnfleisch ein.
Ein mir bekannter Fall betrifft Traber, denen kurz vor Wettkämpfen eine hochdosierte, organische Selenkur gegeben wurde. Diese Pferde entwickelten daraufhin eine massive Hufrehe und mussten regelrecht ausgeschuht werden – sie konnten keinen Schritt mehr machen. Seither ist man vermutlich vorsichtiger geworden, zu Recht. Deshalb würde ich, wenn überhaupt zusätzlich gegeben wird, Natriumselenit bevorzugen: eine Form, die sich eher wieder trennt, unproblematischer ist und sich nicht so leicht toxisch einlagert.
Fazit
Für Mensch und Pferd ist Selen wichtig, aber die Situation ist unterschiedlich zu bewerten: Menschen bekommen selten mehrere Ergänzungsprodukte gleichzeitig, die zusätzlich Selen enthalten, beim Pferd ist genau das ein häufiges, meist unabsichtliches Problem. Ein Pferd mit 500 Kilogramm Idealgewicht hat einen Selenbedarf von etwa einem Milligramm täglich. Ohne echte Rationskontrolle, also ohne zu wissen, wie viel Selen bereits im Heu und in sämtlichen Zusatzprodukten steckt, sollte diese Menge nicht langfristig unkontrolliert gegeben werden. Aus meiner Erfahrung entwickeln Pferde mit dauerhaft zu hoher Selenzufuhr häufig Auffälligkeiten im Zahnfleisch und werden fühlig. Fütterung mit Sinn und Verstand bedeutet: zugefüttert wird das, was im Heu tatsächlich fehlt – nicht einfach eine Kur „reingekippt“. Und ein Spurenelement kommt selten allein und wirkt selten isoliert von den anderen.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Selenfütterung beim Pferd – Zwischen Mangel und Intoxikation“