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Eine Erstbehandlung für 120 Euro, orientiert an dem, was in der Region üblich ist – so hat auch Denise vor Jahren kalkuliert.
In dieser Folge blickt sie ehrlich auf ihren Weg von der Sport- und Gymnastiklehrerin zur Pferde-Osteotherapeutin zurück, auf die jahrelange Fehlkalkulation ihrer Preise und darauf, was der Begriff Opportunitätskosten aus einem Business-Coaching daran verändert hat.
Außerdem: warum Grenzen bei der Erreichbarkeit und Automatisierung von Verwaltungsaufgaben genauso zur Wirtschaftlichkeit gehören wie der Preis selbst.
Transkript:
Selbständig in der Pferdebranche
Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise. Mein Podcast läuft nach dem Motto „Love it, change it or leave it.“ In dieser Folge geht es um die Selbstständigkeit als Dienstleisterin in der Pferdebranche: um meine Erfahrungswerte, Misserfolge und Erfolge, und darum, warum ich diesen Podcast überhaupt mache. Ich möchte, dass der ein oder andere Therapeut von meiner Erfahrung profitieren kann, sich das ein oder andere mitnimmt, aus meinen Fehlern lernt oder sich vielleicht auch einfach wiedererkennt.
Wie ich zur Pferde-Osteotherapeutin wurde
Ich bin Pferde-Osteotherapeutin und im Grunde ganzheitliche Pferdetherapeutin. Gestartet bin ich mit einer Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin. In dieser Zeit hatten wir in der Familie ein Pferd, das ich nicht besonders fein geritten habe – da könnte ich mich jetzt rausreden, aber im Grunde trage ich selbst die Verantwortung. Mir war damals nicht bewusst, dass die Reitweise, mit der ich dieses Pferd geritten bin, ihm geschadet hat. Ich habe mein eigenes Pferd kaputt geritten und daraus sehr viel gelernt. Ich lebe ein Stück weit nach dem Motto: Jeder hat seine Päckchen zu tragen, jeder fällt auch mal, und dann liegt es an einem selbst, entweder an Problemen zugrunde zu gehen oder daraus zu lernen. Ich falle des Öfteren, versuche aber immer, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen – jeden Misserfolg, beruflich wie privat, als Chance zu nutzen.
Danach hatte ich eine Osteotherapeutin am Pferd, deren Arbeit mir damals nicht so gut gefallen hat – das ging mir alles viel zu schnell, und ich hatte das Gefühl, dass das Pferd gar nicht richtig vernünftig untersucht wurde. Trotzdem fand ich das Feld sehr interessant und habe überlegt, wie ich selbst in die Pferde-Osteopathie einsteigen kann, und zwar fundiert. Damals gab es noch nicht so viele Anbieter, aber ich habe mit dem DIPO, dem Deutschen Institut für Pferde-Osteopathie in Dülmen, eine sehr gute Wahl getroffen. Voraussetzung dort war, entweder Humanmediziner, Tiermediziner oder Physiotherapeut zu sein. Da ich sowieso immer sportbegeistert war und an derselben Schule wie meine Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin auch die Physiotherapieausbildung machen konnte, bin ich diesen Weg gegangen, habe die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und konnte dank eines Stipendiums direkt mit der Weiterbildung zur Pferdeosteotherapeutin starten.
Das ist jetzt schon 17, 18 Jahre her: Seit 2007 bin ich gelernte Pferde-Osteotherapeutin. Zunächst habe ich nebenbei als Humanphysiotherapeutin in verschiedenen Praxen gearbeitet, zuletzt in einer wirklich angenehmen Praxis mit einem sehr netten Chef – mir war immer wichtig, dass auch das Arbeitsklima stimmt. Trotzdem war für mich das Problem, Patienten im 20-Minuten-Takt zu behandeln, was so vom Gesundheitssystem vorgesehen ist: Die Praxen bekommen nicht besonders viel Geld für physiotherapeutische Behandlungen, entsprechend bleibt wenig Zeit. Mich hat das sehr ausgelaugt, weil ich überfordert war, innerhalb von 20 Minuten einen Menschen mit seiner kompletten Anamnese, seinen körperlichen wie mentalen Beschwerden, bestmöglich zu unterstützen. Das hat mich immer in einen Konflikt gebracht, während ich beim Pferd die Möglichkeit hatte, anders zu arbeiten und mir Zeit und Honorar so zu gestalten, wie es für mich stimmig war.
Von der Doppelrolle zur vollen Selbstständigkeit
Bis 2012 habe ich parallel in der Praxis gearbeitet, sodass ich sozial versichert war und die Pferde-Osteopathie im Nebenverdienst lief – ganz klassisch manualtherapeutisch. Als 2012 mein Sohn geboren wurde, bin ich komplett aus dem Angestelltenverhältnis ausgestiegen und hatte genug Kunden, um mich solo selbstständig zu machen. Das hat mir weiterhin sehr viel Freude gemacht. Trotzdem habe ich in der Doppelrolle als Mutter und Pferde-Osteotherapeutin oft gemerkt, dass ich an meine Grenzen komme und nicht ganz so flexibel bin wie jemand ohne diese Verantwortung – wobei ich es nicht anders haben wollte, mein Sohn hat klar Priorität. Lebenssituationen verschieben eben die Prioritäten.
In den letzten Jahren war ich mental nicht immer ganz fit und konnte weniger arbeiten. Dabei habe ich gemerkt: Ich hatte kaum Geld beiseitelegen können, weil ich meine Preise von Anfang an nicht gut kalkuliert habe. Eine Erstbehandlung habe ich damals für 120 Euro angeboten, war aber noch nicht umsatzsteuerpflichtig und als kleine Unternehmerin unterwegs. Ich habe mich an den Preisen anderer Therapeuten in der Region orientiert, und in zahlreichen Weiterbildungen, an denen ich teilgenommen oder die ich selbst gegeben habe, kam immer wieder die Frage auf: Was nimmt ein Therapeut für eine Behandlung? Die Antwort war meistens: „Die anderen nehmen ja auch nicht mehr.“ Dabei habe ich nicht einkalkuliert, dass ich mich mit anderen, die vielleicht ganz anders arbeiten, gar nicht vergleichen kann. Ich bin anderthalb Stunden bei einer Erstbehandlung am Pferd – und habe komplett fehlkalkuliert.
Wo die Fehlkalkulation wirklich lag
Ich habe zwar Anfahrtskosten genommen, aber wirklich nur das, was ich an Sprit verfahren habe, nicht das, was mich das Auto im Unterhalt tatsächlich kostet. Und ich habe die Zeit, die ich im Auto sitze und von Kunde zu Kunde fahre, nicht mit einkalkuliert – dabei ist das meine Lebenszeit und Arbeitszeit, in der ich keiner anderen Tätigkeit nachgehen kann. Auch der Umfang meiner Behandlungen ist irgendwann über das rein Manualtherapeutische hinausgewachsen: Ich habe zwar erfolgreich manualtherapeutisch behandelt, aber gemerkt, dass immer mehr Pferde weitere Symptome zeigten, die ich nicht immer richtig deuten oder gut beraten konnte, weil mir die Zusammenhänge fehlten. Das hat mich dazu gebracht, mich selbst sehr in diese Themen reinzufuchsen – auch aufgrund einer eigenen gesundheitlichen Situation. Ich wollte nicht länger nur symptomatisch behandeln oder symptomatische Tipps geben, sondern verstehen, warum Dinge so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind: Der Körper gibt Symptome, damit wir darauf reagieren können, und das sind nicht nur osteopathische Läsionen, sondern auch Hautprobleme, viszerale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten oder Erschöpfung. Aus meiner Sicht spiegeln Pferde da ziemlich genau unsere Gesellschaft – ich sehe bei ihnen ganz ähnliche Themen wie in der Gesundheitsberatung bei Menschen: Übererschöpfung, Verspannungen, Reizungen, Entzündungen, hormonelle Probleme.
Auch das hat mich dazu gebracht, diesen Podcast zu machen: Ich bin sehr wissbegierig, lerne gerne, bin neugierig, will Dinge verstehen und nicht einfach hinnehmen – und weil ich Fragen selten mit Ja oder Nein beantworten kann, wollte ich einen Raum haben, um Themen differenzierter aufzuklären.
Das Horse Business Coaching und die Preise neu denken
Anfang dieses Jahres habe ich mich endlich dem Thema Wirtschaftlichkeit meiner Arbeit gestellt und ein Horse-Business-Coaching bei Antonia und Jan von Franco und Winter gemacht. Die beiden haben meine wirtschaftliche Situation und auch das Thema Marketing beleuchtet. Sie sind auf Dienstleister im Pferdebereich spezialisiert und sagen, dass sie dort immer wieder dieselben Probleme sehen: Viele nehmen nicht annähernd so viel ein, wie sie eigentlich bräuchten, um davon leben zu können. Ich bin vermutlich eine der wenigen Dienstleisterinnen im pferdetherapeutischen Bereich, die zu hundert Prozent selbstständig sind – viele meiner Kollegen behandeln Pferde nebenberuflich, haben eine hauptberufliche Anstellung, sind darüber sozial versichert und haben vielleicht ein Kleingewerbe. Bei mir ist das anders: Das ist meine einzige Einnahmequelle, entsprechend muss ich anders kalkulieren, wenn ich Zeit, Energie und Geld für Fortbildungen einrechne. Ich gebe selbst Fortbildungen, bilde mich aber auch ständig weiter, weil ich es schwierig finde, sich als Experte zu bezeichnen, gerade in einem Feld, das sich so stark weiterentwickelt – wer sich selbst als Experte bezeichnet, hat aus meiner Sicht vielleicht aufgehört zu lernen. Wenn ich mich neuen Themen widme, höre ich mir dasselbe Thema bewusst von mehreren Quellen an, schaue mir an, wie es biochemisch aussieht, und ziehe dann gemeinsam mit meiner eigenen Erfahrung – die mir wahnsinnig wichtig ist – meine Schlüsse.
Beim Coaching habe ich den Begriff Opportunitätskosten gelernt: Ein Pferdebesitzer investiert in einen ganzheitlich arbeitenden Osteotherapeuten wie mich, und eine ganzheitliche Erstbehandlung inklusive Futtermittelberatung liegt bei mir inzwischen bei 250 Euro. Im ersten Moment denkt man, das sei viel Geld. Aber entscheidend ist, den langfristigen Wert dieses Investments zu sehen. Ich mache keine Wellnessbehandlung – das ist ein Begriff, der mich regelrecht triggert –, sondern meine Idee von Arbeit ist, Kunden so zu beraten, dass ich nicht nur mal eben symptomatisch eine Blockade löse, sondern wirklich schaue, wo die Schwachstelle des Pferdes liegt und an welcher Stelle im System es sich lohnt anzusetzen. Da fügen sich viele Puzzleteile zusammen, das ist für mich mental immer sehr anspruchsvoll. Meine Behandlungen sind nicht nur kurzfristig gedacht: Meine Idee ist, die Pferde so selten wie möglich zu sehen, gute Impulse zu geben und dem Besitzer mit der Taschenlampe den Weg zu beleuchten, damit er sein Pferd bestmöglich unterstützen kann – bestmöglich heißt nicht immer perfekt oder optimal, sondern so gut, wie es zeitlich und finanziell machbar und umsetzbar ist.
Damit kommen wir zur Frage, was der Preis und was der Wert einer Leistung ist. Der Wert meiner Arbeit ist für meine Kunden ziemlich hoch, und der Preis dafür ist im Vergleich durchaus gerechtfertigt – wahrscheinlich nehme ich immer noch zu wenig, aber ich bin auf dem Weg dahin. Wer Preise kalkulieren will, sollte sich wirklich hinsetzen und aufschreiben, wie viel Zeit tatsächlich pro Kunde draufgeht, inklusive der Rückfragen danach.
Grenzen ziehen: das Beispiel Sprachnachrichten
Ein Thema dabei ist bei mir zum Beispiel die Kommunikation über Messenger-Dienste. Ich habe jahrelang Acht-Minuten-Sprachnachrichten über WhatsApp angehört, deren eigentlicher Inhalt sich locker auf 30 Sekunden hätte reduzieren lassen. Bei ein, zwei Kunden ist das machbar, aber es wurde immer mehr – was ja auch schön ist, weil es zeigt, dass die Praxis wächst –, und ich kam einfach nicht mehr hinterher, hatte keine Pause mehr. Also habe ich Sprachnachrichten komplett abgeschafft, weil ich nicht einzelnen Kunden sagen wollte, sie sollen aufhören, während andere weiter Sprachnachrichten schicken durften – das wäre nicht fair gewesen. Privat schicke ich meinen Freundinnen selbst sehr lange Sprachnachrichten, das ist eine feine Sache. Beruflich ist es aber nicht der richtige Informationsaustausch: Wenn in einer vierminütigen Sprachnachricht zwei Futtermittel genannt werden, die ich mir anschauen soll, müsste ich eigentlich direkt danebensitzen und mitschreiben, sonst muss ich mir später die ganze Nachricht samt Nebeninformationen noch einmal anhören, um die eigentlichen Fakten herauszufiltern. Für mich als Soloselbstständige zwischen zwei Behandlungsterminen ist das schlicht nicht machbar.
Automatisierung, damit die Zeit fürs Fachliche bleibt
Um wirklich nur für mein therapeutisches Wissen bezahlt zu werden, habe ich viele Arbeitsprozesse automatisiert. Dazu gehört ein Kontaktformular, das jeder Pferdebesitzer ausfüllt, der einen Termin möchte – mit Stalladresse und Kontaktdaten, die ich direkt an mein Buchhaltungsprogramm übermitteln kann. Im Anamneseformular, das ich vorab verschicke, trägt der Besitzer Dinge ein, die ich sonst beim Termin handschriftlich hätte notieren müssen. Ich möchte für meine Expertise bezahlt werden, nicht dafür, dass ich mir die Adresse buchstabieren lasse oder beim Termin erst herausfinde, welches Futtermittel gefüttert wird, weil der Besitzer mit einer Schaufel Pellets ankommt, ohne dass ich weiß, was genau darin steckt. Auf dem Anamneseformular sollte im Idealfall die genaue Marke und Bezeichnung stehen – auch wenn nicht jeder das Feld richtig ausfüllt und ich nicht jeden damit erreiche, hilft es doch, Fehler seltener werden zu lassen.
So kann ich zu Hause in Ruhe das Anamneseformular durchgehen, mir gezielte Fragen notieren, die mich auf die eine oder andere Fährte bringen oder auch wieder davon abbringen, und beim Termin selbst schnell und zielgerichtet fragen, untersuchen und behandeln, statt Grundlagen erst vor Ort zu erheben. Das hätte ich wahrscheinlich schon vor Jahren machen sollen.
Was ich daraus über mich selbst gelernt habe
Meine größte Erkenntnis der letzten zwei, drei Jahre: Ich habe lange fehlgewirtschaftet, jahrelang zu wenig für meine Arbeit bekommen und zu wenig Grenzen gezogen – bei meiner Erreichbarkeit und bei der Menge an Informationen, die mir Besitzer mitgeben. Dabei habe ich sehr viel über mich selbst gelernt, auch darüber, was der geringe Wert, den ich für meine Behandlungen genommen habe, mit mir selbst zu tun hat. Das führt direkt zum Thema Selbstwert und damit zur Persönlichkeitsentwicklung: Durch die Fehler, die ich beruflich gemacht habe, musste ich mich auch mit mir selbst auseinandersetzen – und dabei ordentliche Fortschritte gemacht.
Fazit
Dieser Podcast soll Therapeuten helfen, einen etwas anderen Blick auf ihre Arbeit und deren Wert zu bekommen, und vielleicht auch neue Ideen für ganzheitliche Pferdebehandlung mitzunehmen – meine Erfolge genauso wie meine Misserfolge. Ich höre selbst sehr gerne Podcasts, schaue mir auch Studien an, aber am meisten interessieren mich Erfahrungswerte: von Medizinern, die jahrelang in einem Bereich gearbeitet haben, von Physiotherapeuten, Osteotherapeuten oder aus der Psychologie. Ein Thema, das mir dabei besonders wichtig ist und das ich selbst gut kenne, ist Hochsensibilität – was für ein Fluch und was für ein Segen sie für meine Arbeit ist. Mehr dazu in der nächsten Folge. Ich freue mich, wenn ihr weiter dabei seid, und schickt mir gerne eure Themenwünsche. Bis zum nächsten Mal – love it, change it or leave it.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Selbständig in der Pferdebranche“