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Was hat dein eigeses Befinden mit Pferden wirklich zu tun – und warum bringt weniger Kontrolle und Perfektion oft mehr Vertrauen? Im zweiten Gespräch mit Sophie Bratschke geht es um die Option zwischen Flucht und Kampf, warum es in der Pferdeherde keine Rangordnung, sondern nur eine Aufgabenverteilung gibt, und wie schnell übermäßige Fürsorge fürs Pferd in einen Burnout kippen kann. Außerdem: die Aktionismus-Falle, warum Fehler beim Pferd und beim Menschen dazugehören sollen, und der Satz, den Sophie selbst noch heute als Erinnerung braucht: Jedes Pferd ist brav, solange man nichts erwartet.
Transkript:
Herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge bei Pferde, Schäfer und Menschen. Ich habe heute zum zweiten Mal Sophie Bratschke zu Gast. Sophie ist nicht nur Pferde-Osteotherapeutin und auf den Bereich Training spezialisiert, sondern begleitet Menschen auch mental, damit sie mit ihren Pferden besser zurechtkommen. Denn vieles, was wir in der Interaktion mit den Pferden feststellen, lässt sich auf das gesamte Leben übertragen – und das kann sehr bereichernd sein, wenn wir uns damit beschäftigen, Mensch und Pferd in Balance zu bringen, statt nur das Pferd gerade zu rücken oder osteopathisch zu unterstützen.
Sophie, vielen Dank, dass du zum zweiten Mal bei mir im Podcast zu Gast bist. Ich starte gleich mit einer Frage: Warum, glaubst du, sind Menschen lieber mit Pferden zusammen als mit anderen Menschen?
Sophie
Danke für die Einladung. Die Frage finde ich sehr interessant, auch wenn ich die Antwort nicht jedem Menschen überstülpen möchte. Aber ich kann mir vorstellen, dass es einigen Menschen so geht, weil Tiere nicht bewerten. Wir Menschen bewerten und vergleichen gerne, das fängt schon in der Schule mit dem Notensystem an. Das gibt es unter Tieren nicht – dort herrscht eine ganz andere Hierarchie als bei uns Menschen. Das könnte einer der Gründe sein, warum manche Menschen lieber mit Tieren zusammen sind als mit Menschen.
Denise
Spannende Antwort. Das stimmt schon, denn bei uns selbst ist immer eine Erwartungshaltung da, ob wir das wollen oder nicht. Wenn wir uns mit jemandem treffen, ist irgendwo immer eine Erwartung im Spiel, die auch von einer bestimmten Rolle ausgeht. Pferde begegnen uns dagegen erst mal komplett erwartungsfrei. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich freuen, wenn wir respektvoll und artspezifisch mit ihnen umgehen.
Ich hätte die Frage ähnlich beantwortet: Im Grunde ist es einfacher, weil Pferde uns ziemlich klar sagen, was sie von dem halten, was wir gerade vorhaben – nicht nur „alles toll“, so wie wir Menschen oft in Harmonie bleiben wollen und uns anpassen, sondern ganz eindeutig: Das finde ich gut, und das finde ich nicht gut.
Sophie
Man muss das aber aushalten können – diese Wahrheit. Meine Pferdebesitzer und Reiter, die ich vor allem in der Freiarbeit begleite, lernen dort sehr gut diese klare Kommunikation und Ehrlichkeit, auch mit sich selbst. Man muss erst mit sich selbst ehrlich werden, um überhaupt ein Pferd beeindrucken zu können.
Ein Pferd kommuniziert ehrlich, vor allem wenn das Seil weg ist und wir nur noch unsere eigene Körpersprache haben – und Energieverstärker wie Stick oder Gerte, weil wir körperlich nicht so agieren können wie ein Pferd. Manchmal hält man es aber vielleicht nicht aus, wenn ein Pferd klar sagt: Ich habe die Option zu gehen, also gehe ich, obwohl du gerade mit mir in Kontakt treten möchtest.
Denise
Und dann wird ganz oft der Fehler beim Pferd gesucht: „Das Pferd reagiert immer so und so.“ Statt zu fragen, was strahle ich selbst aus, oder verstehe ich das Pferd vielleicht nicht ganz. Wir hatten im Vorgespräch schon besprochen, dass dieses Thema unbedingt rein sollte: dass wir Pferde nicht mit menschlichen Maßstäben bewerten, sondern wirklich schauen, was für ein Tier das Pferd überhaupt ist.
Wie siehst du das – hast du bei den Pferd-Mensch-Paaren, die du betreust, das Gefühl, dass die Pferde wirklich in ihrer Art angenommen werden, oder wird eher vermenschlicht?
Sophie
Es wird viel vermenschlicht, oft auch unbewusst, weil wir nun mal Menschen sind. Wir stecken schnell wieder in diesem Bewertungssystem: „Wieso macht mein Pferd das jetzt, es mag mich nicht“ – wir verkopfen uns, statt in dem Moment, in dem wir etwas wahrnehmen, es einfach erst mal anzunehmen. Aha, mein Pferd zeigt mir die kalte Schulter – wie kann ich jetzt am besten handeln? Das kommt immer auf die individuelle Geschichte zwischen Pferd und Mensch an, und bei einem eigenen Pferd steckt zusätzlich Emotionalität dahinter.
Für das Pferd selbst ist es einfacher: Es ist in dem Moment einfach da und reagiert. Entweder es denkt zu dir und schließt sich dir an, oder eben nicht. Wir können seine Herde nie ersetzen – dafür müssten wir 24/7 mit im Stall leben, um ein reelles Herdenmitglied zu werden. Ein Pferd wird uns immer als Mensch wahrnehmen, nie wie ein anderes Pferd, und es wird sich, wenn es die Wahl hat, immer wieder seiner Herde anschließen wollen. Das muss man aushalten können – anders als bei einem Hund, der 24/7 bei uns lebt. Man darf das nicht persönlich nehmen, sondern eher als Zustand im Hier und Jetzt sehen.
Dabei geht es auch darum, sich selbst treu zu bleiben. Wenn das Pferd merkt, dass heute diese Regel gilt und morgen plötzlich nicht mehr, warum sollte es sich uns dann als Führungsperson anschließen?
Denise
Und da sind wir beim Thema Führung. Das erlebe ich so oft: Ich behandle Pferde, und dann heißt es, wir dürften nicht so weit von der Herde weggehen, oder das Pferd werde nervös, wenn die Herde woanders ist. Bei denen, die wirklich in Richtung Beziehungsarbeit, Horsemanship und Freiarbeit unterwegs und klar in ihrer Kommunikation sind, erlebe ich dagegen, dass sich die Pferde beim Menschen wohl und sicher fühlen und auch während der Behandlung von der Herde entfernt sein können.
Wenn Pferde nervös sind, weil die Herde nicht in der Nähe ist, wähle ich den Behandlungsort erst mal so, dass die Herde in der Nähe bleibt – ich muss ja in meiner osteopathischen Behandlung vorankommen. Trotzdem nehme ich das wahr und sage dann: Wenn du mit deinem Pferd nicht allein, ohne Begleitung eines anderen Pferdes, vom Hof kommst, dann musst du genau da ansetzen. Das ist ein Klassiker, den viele kennen werden: Mein Pferd kommt nicht klar oder wird nervös, wenn es von der Herde weggeht. Und dann ist meistens nicht das Pferd das Problem, sondern dass wir uns als Menschen noch annähern müssen – wir sind ja keine Pferde, und Pferde sind keine Menschen, aber ich glaube, wir tun gut daran zu sagen: Ich versuche, dich zu verstehen. Und das Pferd versucht ja auch, uns zu verstehen. Oder bewerte ich das über?
Sophie
Das würde ich eher dem Pferdecharakter zuordnen. Es gibt Pferde, die von Natur aus kooperativer sind – wir bewerten diese Pferde dann als sehr kooperativ. Natürlich spielt auch die Aufzucht eine große Rolle: Was hat das Fohlen erlebt, wurde viel berührt, Fohlen-ABC, Halfterführung, Hufe auskratzen, Putzen, Raum des Menschen akzeptieren. Das entscheidet mit, ob das Pferd später, wenn es ans Eingemachte geht, diese Bereitschaft mitbringt.
Ein Pferd reagiert aber immer sehr natürlich auf unsere Handlungen. Es sagt nicht „die eine mag ich, die andere nicht“. Aus meiner Erfahrung in der Freiarbeit mit vielen unterschiedlichen Pferden ist das erstaunlich individuell und gleichzeitig sehr natürlich und neutral: Ist das Pferd beeindruckt von dem Menschen, der ihm gegenübersteht, zeigt es mehr Kooperation, weil es merkt, du kommunizierst mit mir auf einer Ebene, mit der ich etwas anfangen kann. Denn Pferde haben von Natur aus instinktiv nur zwei Optionen, auf uns zu reagieren: Flucht oder Kampf, also Widerstand gegen Druck. Mehr gibt es von Natur aus nicht.
Denise
Von Natur aus, genau.
Sophie
Ein Pferd wird nicht geboren und denkt: „Die da in der Mitte fuchtelt mit einem Stick, was will die von mir“, bleibt stehen und überlegt. Das passiert nicht. In dem Moment rennt es entweder weg oder geht dagegen – wendet mehr Druck oder Energie an, um uns zu beeindrucken.
Denise
Würde das nicht bedeuten, dass jeder Freeze-Zustand – ich habe oft Pferde, bei denen ich am Schädel bin und merke, gerade bei einem jungen Pferd möchte ich einen beweglichen Schädel spüren, aber ich habe oft diesen Freeze-Zustand, der sich auch in der Kommunikation zeigt – dass das eigentlich nicht natürlich ist? Wenn ich dann nach der Vorgeschichte frage, stellt sich fast immer heraus – und das muss gar nichts Böses sein, wie du eingangs sagtest –, dass einfach zu wenig auf die Frage geachtet wurde, wie man wirklich vorgeht oder was für dieses Pferd physiologisch stimmig ist. Haben die Pferde schlechte Erfahrungen gemacht? Das kann natürlich sein, und es ist schlimm, wenn Pferde mit offensichtlicher Gewalt großgeworden sind. Oder sie haben schlicht keine Erfahrung mit Menschen. Häufig kommt auch vor, dass Pferde sich gar nicht richtig verstanden fühlen und dann eher in eine Art Dissoziation oder Freeze gehen, nach dem Motto: Ich mache das jetzt irgendwie, um zu überleben, ziehe mich aber innerlich zurück, weil das der Weg des geringsten Widerstands ist – ich werde sowieso nicht richtig verstanden. Ich glaube trotzdem, dass es natürlich ist, dass Pferde grundsätzlich bereit sind, mit uns zu arbeiten, der eine mehr, der andere weniger, oder?
Sophie
Das ist die Frage, ab wann wir das überhaupt als Bereitschaft definieren. Denn ein Pferd kann von Natur aus eigentlich nur auf zwei Ebenen kommunizieren: entweder fliehen oder Gegendruck anwenden – von der gegenseitigen Fellpflege unter Pferden mal abgesehen. Das sind die beiden Hauptwege, wie Pferde regeln, wer welchen Raum einnimmt und wer die Führung hat.
Und Führung heißt eben nicht, wer die meiste Kraft hat und am meisten Gewalt anwendet. Damit hat es überhaupt nichts zu tun. Führung bedeutet für mich eher Kontrolle im Sinne von: Ich habe die Möglichkeit und Fähigkeit, Einfluss auf die jetzige Situation zu nehmen. Das ist Führung, sprich Kontrolle. Und wenn ich diesen Zustand bei meinem Pferd erreiche, kann ich ihm dadurch auch Freiheit schenken. Das ist wie bei einem Hund, mit dem man Gassi geht: Ein Hund, der auf Rückruf hört, weil ich ihm das durch Kontrolle beigebracht habe, kann frei laufen. Der hat eigentlich ein schöneres Leben als ein Hund, der nur an der Leine geführt wird, weil ich eben nicht genug Kontrolle über sein Verhalten habe.
Und um auf die Bereitschaft zurückzukommen: Die müssen wir uns erarbeiten. Von Natur aus bringen Pferde keine Bereitschaft mit, das ist meine Erfahrung – und wieso auch, das ist eigentlich ihr gutes Recht. Wir müssten dem Pferd eigentlich sagen: Ich weiß, von Natur aus würdest du in der Steppe oder Wildnis leben, wieso solltest du dich mir anschließen? Aber du bist nun mal in der Menschenwelt.
Denise
Ja, und sie sind von uns abhängig.
Sophie
Und wir müssen ein Team werden, damit es für uns beide stressfreier und schöner wird. Dafür müssen wir dem Pferd zeigen, dass es noch eine dritte Option gibt: Statt Flucht, Kampf oder Einfrieren – denke zu mir. Finde den Weg, mental zu mir zu kommen. Höre mir zu und finde Wege, zu mir zu denken. Da kann man sehr tief eintauchen, wie Pferde Druck und Energie überhaupt wahrnehmen, denn von Natur aus ist es für sie immer „richtig“, durchzugehen oder dagegen zu buckeln. Wir zeigen den Pferden im Grunde: Ich gebe Energie, du erhältst Druck, mach was draus – im Sinne von: Hör mir zu. Und dabei ist natürlich wieder wichtig, wie ich selbst agiere: Bin ich klar genug in meiner Kommunikation, um meinem Pferd in diesem Moment überhaupt helfen zu können?
Denise
Ich fand interessant, dass du gerade Führung angesprochen hast. Ich habe lange gedacht, dass Pferde in der Herde – sofern es überhaupt eine richtige Herde ist – eine Rangordnung haben. Das steht sogar noch in meinem Anamnese-Formular, das muss ich ändern. Ich habe dazugelernt, dass in einer natürlichen Herde eigentlich gar keine echte hierarchische Rangfolge besteht, sondern eher eine Aufgabenverteilung. Aber innerhalb dieser Aufgabe, die ein Pferd hat, besteht natürlich trotzdem Klarheit und Führung – nur eben nicht so, dass ein Chef der oberste Chef ist, sondern dass jedes Pferd in seiner Aufgabe diese Führung übernimmt. Das setzt allerdings voraus, dass Pferde in unserer menschlichen Haltung überhaupt eine Aufgabe haben und selbst mitentscheiden können, welche Aufgabe sie in der Gruppe übernehmen.
Sophie
Ja, genau. Man lernt sehr viel, wenn man Pferde einfach mal auf der Koppel oder dem Paddock beobachtet, wo auch immer sie sich in der Herde aufhalten. Ich sage meinen Pferdemädels auch oft: Setz dich an den Koppel- oder Paddockrand und beobachte dein Pferd in der Herde. Damit tust du deinem Pferd eher einen Gefallen, als wenn du sagst „ich nehme hier Raum ein und kann dich wegschicken“, statt dein Pferd in Watte zu packen und über Leckerlis und viele gut zugeredete Worte zu versuchen, dass es sich dir anschließt.
Denise
Das finde ich auch ziemlich fragwürdig, weil mir oft auffällt – und das ist gar nicht böse gemeint –, dass Pferdebesitzer für ihre Pferde alles tun. Wenn man dann nachfragt, kommt eine ganze Liste, was sie alles organisieren und besorgen. Manchmal frage ich tatsächlich: Bist du mit dir selbst auch so sorgsam? Und dann kommt ganz oft ein Nein.
Da sehe ich genau das, wo du in deiner Arbeit wahrscheinlich auch ansetzt: Wenn jemand sich nur um andere kümmert und daraus vielleicht sogar seine ganze Aufgabe zieht, was einerseits verständlich ist – wir wollen ja immer Bindung und Autonomie –, aber es kommt oft dieses Helfer-Syndrom dazu. Was sagt das eigentlich über den eigenen Selbstwert aus, und hilft es dem Pferd wirklich? Ich bin selbst Mutter eines mittlerweile 14-jährigen Kindes und habe schon immer gern Sport gemacht. Als mein Kind klein war, wurde mir manchmal gesagt: Wie kannst du jetzt mit dem Kind joggen gehen, wie kannst du dir jetzt Zeit für dich nehmen? Ich habe dann gesagt: Wenn ich für mein Kind gut da sein möchte, muss es mir selbst gut gehen. Ich kann mich nicht nur für andere aufopfern. Wie ist deine Erfahrung damit – sind das Themen, an denen du auch ansetzt?
Sophie
Hundert Prozent. Mir liegt immer sehr am Herzen, dass es meinen Pferdebesitzern gut geht. Wenn Pferde Herausforderungen haben – Koliken, Unfälle und Ähnliches –, ist man als Mensch natürlich besorgt, das kann ich völlig nachvollziehen. Aber irgendwann habe ich miterlebt, dass meine Pferdemädels an einen Punkt gekommen sind, an dem sie so etwas wie einen Burnout erlebt haben, weil sie emotional wie auch körperlich völlig erschöpft waren, ihrem Pferd genug zu sein. Man kann sich dabei wirklich verrückt machen mit der Frage: Mache ich überhaupt alles richtig?
Denise
Niemals.
Sophie
Genau, das ist es. Und dann sind wir wieder beim Thema Erwartungshaltung an sich selbst und diesem Bewertungssystem. Die Pferde bekommen das natürlich mit, weil man selbst wieder angespannt ist. Man bekommt eigene Beschwerden – Magen-Darm-Probleme, Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, wir werden unbeweglicher. Wir haben eine ganz andere Körperhaltung, wenn wir uns nur Sorgen machen, Ängste oder Misstrauen haben. Das merken wir in dem Moment leider gar nicht, weil wir in einen Überlebensmodus rutschen. Und dazu kommt, dass wir ja nicht nur das Leben mit dem Pferd haben, sondern auch unser Leben als Mama, Papa, Ehepartner oder Berufstätige, mit all den anderen Aufgaben, die im Alltag zu bewältigen sind. Deshalb ist es so wichtig, auf sich selbst zu achten – damit man überhaupt die Energie hat, sich um sein Tier zu kümmern.
Denise
Ich glaube, das ist für alle, die zuhören, ein guter Impuls: zu wissen, dass ich niemandem schade, wenn ich mich auch um mich selbst kümmere – auch wenn das oft als Egoismus abgestempelt wird. Dabei ist es wichtig, damit wir überhaupt die Energie haben. Sehr inspirierend fand ich deinen Satz aus der letzten Podcast-Folge, dass wir so oft in einen Aktionismus hineinkommen, anstatt – oder wir reagieren ständig und meinen, immer noch mehr tun zu müssen.
Nach unserer letzten Folge ist mir aufgefallen, dass ich auch viele Pferdebesitzer habe, die ich bremsen muss. Ich arbeite mit ihnen etwas aus, und im Grunde ist das schon komplett – meistens sogar viel weniger, als sie ursprünglich dachten. Dann kommt trotzdem eine Nachricht: Soll ich nicht noch dies und das machen, wäre ein Aquatrainer nicht doch gut, sollte ich nicht noch dieses oder jenes füttern, oder diese Übung machen, die ich beim vorigen Pferd auch gemacht habe? Dann sage ich: Moment, das ist gar nicht notwendig. Mach das, was wichtig ist, und hab keine Angst, etwas zu verpassen. Das habe ich aus dem, was du gesagt hast, mitgenommen – dass wir aus Unsicherheit oder Angst, etwas zu übersehen, oft in einen extremen Aktionismus geraten.
Sophie
Ja. Wir leben natürlich auch in einer Welt voller Informationen und Inputs – wir bekommen von überall Informationen, egal ob sie hilfreich sind oder nicht. Das ist manchmal tückisch, sobald man anfängt zu googeln, und natürlich spielt auch Marketing mit hinein, wenn Produkte platziert werden und man sich verführen lässt, immer wieder Neues auszuprobieren.
Mir ist es mit meinem eigenen Pferd nicht anders ergangen, als es ihm sehr schlecht ging. Ich war emotional ein Wrack und habe mich dabei komplett vergessen. Deshalb kann ich mich so gut in meine Kunden hineinversetzen, aber auch entsprechend helfen, da wieder herauszufinden – weil ich gemerkt habe, wie es meinem Pferd besser ging, als es mir selbst besser ging. Wir haben dadurch beide erst richtig an Lebensqualität gewonnen. Denn ich kann meinem Pferd nur wirklich dienen, im Sinne von: das abholen und geben, was es braucht, wenn es mir selbst gut geht und ich die Kraft dazu habe.
Dazu gehörte auch, dass ich mal zwei, drei Tage nicht zu meinem Pferd gegangen bin – natürlich habe ich mich darum gekümmert, dass es versorgt wird, das ist klar. Aber ich durfte die Erfahrung machen: Meinem Pferd ist mehr geholfen, wenn ich klar bin, ruhig bin, wieder Energie habe und mich um meinen eigenen Kram gekümmert habe, der mich zusätzlich belastet hat. Das macht sehr viel aus. Pferde spüren das – sie kennen uns oft besser, als wir uns selbst kennen.
Denise
Das hat auch mit der Art des Pferdes zu tun, weil sie viel feiner wahrnehmen müssen. Ich finde, das ist etwas, das jeder Pferdebesitzer wissen sollte: wie anders ein Pferd funktioniert als der Mensch, wie viel mehr es in seiner Umgebung wahrnehmen muss. Ein typisches Beispiel: „Der hat da schon wieder was gesehen, der stellt sich an, der sieht Gespenster.“ Wir meinen, beurteilen zu können, ob das Pferd gerade übertreibt – dabei können wir gar nicht wissen, was dieses Pferd besser riecht, hört oder wahrnimmt als wir. Der Mensch stellt sich da manchmal über das Pferd, gar nicht böse gemeint, das lernt man einfach so. „Was hat der denn schon wieder gesehen, der soll sich mal nicht so anstellen.“ Was für Beobachtungen machst du noch, wo du dir wünschst, dass der Mensch nicht mit menschlichen, sondern mit pferdischen Maßstäben ans Pferd herangeht?
Sophie
Was du gerade genannt hast: Wenn ein Pferd guckig ist, vielleicht erschrickt oder sich ablenken lässt, während der Freiarbeit wegdenkt oder abhaut, ist man oft darauf bedacht, alles in einem Rahmen zu halten, damit das Pferd ja keine Fehler macht. Aber das ist nur in unseren Augen ein Fehler, für das Pferd nicht. Ein Pferd ist dafür geboren, alles wahrzunehmen – das ist seine Aufgabe. Wie ist gerade die Lage, was ist da drüben, ich muss alles wahrnehmen. Vor allem wenn zwischen Mensch und Pferd keine Beziehung herrscht, muss das Pferd diesen Part umso mehr übernehmen.
Mir ist immer wichtig, und das versuche ich meinen Mädels beizubringen: Erlaube es dir und deinem Pferd, dass Fehler passieren dürfen. Denn Fehler sind so wertvoll. Erst wir bewerten das überhaupt als Fehler – für das Pferd ist es keiner, im Gegenteil, es handelt einfach ganz natürlich. Wir geraten wieder ins Bewerten, wenn ein Pferd sich ablenken lässt, in der Freiarbeit wegläuft oder durch die Einwirkung durchrennt. Wichtig ist dann, dass wir dem Pferd ein Feedback geben: Du warst gerade mental nicht bei mir, du bist einfach ins natürliche Verhalten zurückgerutscht, das ist völlig okay, trotzdem bekommst du von mir eine Rückmeldung dazu.
Dabei ist die eigene Energie entscheidend – dass ich mich traue, wieder zu agieren, ohne emotional zu werden nach dem Motto „ah Mist, mein Pferd hat wieder weggedacht, was habe ich falsch gemacht“, sondern eher: „Ah okay, es ist halt ein Pferd, ich weiß, ich kann es jederzeit wieder zu mir zurückholen.“ Ich konditioniere mein Pferd also nicht darauf, zu hundert Prozent bei mir zu sein und immer nur Vertrauen und Respekt zu zeigen, sondern akzeptiere, dass es völlig normal ist, wenn ein Pferd mal wieder in den natürlichen Verhaltensmodus wechselt, wegdenkt oder wegläuft – ich bin mir dabei aber selbst sicher und weiß, dass ich einwirken kann, weil wir viel an unserer Beziehung und im Horsemanship gearbeitet haben. Ich wirke ein, und du reagierst darauf, indem du wieder zu mir denkst. Dann ist auch wieder alles gut.
Das darf passieren, und ich gebe meinem Pferd auch wieder diesen Freiraum: Ich schicke dich weg, und du könntest das in dem Moment auch als Einladung nehmen, jetzt ganz wegzubleiben. Aber genau das ist der Punkt, der die Beziehung enorm fördert – weil der Mensch dabei im besten Fall ruhig bleibt, aber diszipliniert: Ich bleibe mir selbst treu, mir ist wichtig, dass du wieder zu mir denkst, und ich bleibe dran, bis ich dich wieder an meiner Seite habe. Das lernt man in der Bodenarbeit, in der Freiarbeit, und irgendwann denkt das Pferd auch auf menschlicher Ebene: Ach ja, stimmt, du bist ja da, ich komme wieder zu dir. Dann ist wieder alles gut.
Das hat mir mein eigenes Pferd beigebracht – ein Pferd, das sehr im Fluchtmodus war. Als ich angefangen habe zu lernen, die Situation bewusst so zu gestalten, dass er von mir wegdenkt, um ihn danach wieder einzuladen, zu mir zu kommen, und je öfter ich das geübt und ihm gezeigt habe, dass ich selbstbewusst bin und weiß, was zu tun ist, wenn er wegdenkt, desto zufriedener wurde er, weil er sich von mir nicht mehr eingeengt gefühlt hat und bei mir geblieben ist. Inzwischen muss er sehr viel tun, damit er wirklich abhaut. Wir sind natürlich auch schon viele Jahre zusammen, ich habe ihn seit 14, fast 15 Jahren – das baut sich über die Zeit auf. Aber dieses Loslassen und Fehler zulassen ist enorm wichtig zu lernen.
Denise
Das finde ich richtig gut, und dabei kamen mir gleich ganz viele Gedanken. Einmal ganz am Anfang, dieses Thema Erwartungshaltung: Wenn wir ein Pferd von der Wiese holen – du hattest in der ersten Podcast-Folge erzählt, dass dein Pferd eine Zeit lang vor dir weggelaufen ist und du dich deshalb mit diesen Themen beschäftigt hast. Ich finde es schön, auch als Mensch zu sagen: Ich gehe jetzt nicht mit der Erwartung hin, dass wir etwas machen, sondern einfach, um vielleicht nur in der Beziehung mit dem Pferd zu sein, es zu kraulen und wieder zu gehen – damit das Pferd nicht immer denkt: Die kommt jetzt, die will was von mir.
Und dann das Thema Kontrolle: dass wir, wie du sagst, immer wieder Situationen haben dürfen, die nicht optimal sind, und nicht alles unter Kontrolle haben müssen. Ich versuche ja, einen Übertrag zu schaffen: Was können wir vom Umgang mit Pferden auch fürs Leben lernen? Da fällt mir immer wieder ein Beispiel zu Beziehungen ein: Mein Mann und ich fahren zum Beispiel auch getrennt in den Urlaub. Und es ist so schön, damit völlig einverstanden zu sein und zu sagen: Ich bin mir in dem, was wir zusammen sind, so sicher, dass es für mich und die Beziehung nicht bedrohlich ist, wenn der andere mal ein paar Tage in ein Kampfsportcamp fährt oder ich mit dem Rad an die Mosel, weil wir einfach unterschiedliche Interessen haben. Wenn man sich sicher ist, braucht man keine Angst zu haben. Aber wenn man viel Angst hat, meint man, alles kontrollieren zu müssen – und das macht auch anfällig für Schwarz-Weiß-Denken oder für das, was einem bei Social Media manchmal begegnet: Da ist jemand, der scheinbar für alles die Lösung hat, an den klammere ich mich jetzt. Für mich ist das immer ein Zeichen dafür, dass jemand sehr unsicher ist, weil Angst eben sehr steuerbar macht.
Das ist mir dazu eingefallen, unabhängig von der Pferdegeschichte – dass wir nicht alles unter Kontrolle haben müssen, dass die Situation unser Coach ist. Das ist ein Spruch von Jens Corssen, ich weiß nicht, ob du den kennst. Er kommt mir oft in den Kopf und hilft vielleicht auch dem einen oder anderen, bei einer herausfordernden Situation nicht zu denken „oh Gott, schon wieder ein Problem“, sondern: Das ist jetzt mein Coach, und ich bin der beste Schüler dieser Situation.
Sophie
Man rutscht dann vielleicht auch in eine Art Überlebensmodus. Es kommt natürlich auch darauf an, was man als Mensch schon erlebt hat – wie eben bei dem Pferdebeispiel aus der Therapie, wenn sie einfrieren. Pferde erleben definitiv auch Traumata, genau wie Menschen. Und es spielt eine Rolle, ob Pferd oder Mensch körperliche oder psychische Traumata erlebt haben. Wenn Pferd und Mensch dann mit seelischen, vergangenen Themen aufeinandertreffen, ist das noch einmal eine ganz andere Situation.
Aber noch einmal zum Thema Kontrolle: Es kommt darauf an, welche Geschichte und Erfahrungen man selbst mitbringt, und welche das Pferd bisher gemacht hat. Dann muss man sich die Geduld geben, diesen Prozess Stück für Stück zu entwickeln – im wahrsten Sinne des Wortes. Sich aus Mustern herauszuentwickeln, in die man unbewusst immer wieder hineinfällt und die zu Handlungen führen, die man eigentlich gar nicht möchte. Pferde können uns dabei so viel beibringen, das kann man fast als Lebensaufgabe sehen – dass man an Herausforderungen wächst und sich gemeinsam mit dem Pferd weiterentwickelt. Die Beziehung zum Pferd wird meist genau dann gestärkt, wenn man gemeinsam eine Herausforderung überwindet. Wenn ein Pferd zum Beispiel immer bockig ist und dem Menschen nicht zuhört, vielleicht nicht reitbar ist, und es gelingt trotzdem, eine Beziehung aufzubauen – und das dauert vielleicht zwei, drei, vier Jahre –, ist das am Ende eine ganz andere Beziehung. Und sich diese Zeit zu geben, ist, glaube ich, auch der Schlüssel.
Denise
Der Gedanke kam mir auch gerade: Das bedeutet wahnsinnig viel Zeit, gerade als Therapeutin, oder in deinem Fall mit der Idee, Pferd und Mensch zusammen in Balance zu bringen – das läuft eben nicht innerhalb einer Session ab, sondern ist wirklich ein Prozess. Ich denke da an viele wunderbare Pferdebesitzer, die am Anfang ihres Pferdekaufs viele Herausforderungen hatten, und wo ich gesagt habe: Das können wir jetzt nicht in ein, zwei Wochen lösen, aber irgendwann weißt du, warum dir das Leben diese Situation gegeben hat und was du daraus lernen kannst. Das ist oft schmerzhaft, aber wir haben die Wahl: Wir können an einer Situation zerbrechen – ob mit dem Pferd oder mit anderen Menschen – oder wir können etwas daraus lernen.
Wenn wir immer wieder in die gleichen Situationen geraten, mit anderen Menschen oder immer wieder mit Pferden, die dieselben Themen haben, sollten wir uns spätestens dann fragen: Wie kommt das? Warum lande ich immer in derselben Situation, warum ziehe ich immer die gleiche toxische Person an, warum immer Partner, die mir nicht guttun? Wenn man sagt, alle sind blöd, alle Männer oder Frauen haben einen an der Klatsche, dann muss man sich fragen, warum man ausgerechnet diese Personengruppe anzieht – oder eben auch bei Pferden. Dafür muss man nicht besonders spirituell sein, sondern einfach fragen: Was machen wir jetzt daraus? Du hast jetzt dieses Pferd – was kannst du daraus lernen? Und dann wachsen viele mit dem Pferd zusammen, auch über die Beziehung zum Pferd hinaus.
Sophie
Horsemanship ist wirklich eine Lebensschule, eine Charakterschule. Wir hatten in der letzten Folge auch über Erfolg gesprochen, und jeder definiert Erfolg anders, auf seine eigene Art. Ein Leistungssportreiter hat ganz andere Zielsetzungen und Ansprüche an sich und sein Pferd als jemand, der sagt: Ich möchte einfach jedes Mal, wenn ich mit meinem Pferd arbeite, ein bisschen besser werden. Entsprechend unterschiedlich wird dann bewertet, ob eine Einheit erfolgreich war oder nicht. Für einen Leistungssportler zählen im Grunde hundert Prozent, um den Sieg zu holen – erreicht er in einer Trainingseinheit nur zwei Prozent davon, ist das für ihn ein Rückschlag, er will bei jeder Etappe deutlich höher hinaus.
Wer dagegen sagt, ich habe keine Leistungssportansprüche, sondern möchte einfach Zeit mit meinem Pferd verbringen und mit jeder Situation ein bisschen besser umgehen, für den sind genau diese zwei Prozent Fortschritt hundert Prozent Erfolg – obwohl es vom Volumen her derselbe Fortschritt ist. Und bei allem, was wir mit unserem Pferd anstreben, ob es das Turnier ist oder dass das Pferd endlich frei um mich herumzirkeln kann, ist eigentlich zweitrangig, welches Ziel es konkret ist. Wichtiger ist, wie ich dieses Ziel angehe. Und da kann man viel von Pferden lernen.
Ich nehme dafür gern das Beispiel Verladetraining. Wir schicken das Pferd auf die Rampe, vielleicht berührt es sie nur kurz mit einem Huf, und dann darf es wieder zurücktreten – je nachdem, wie groß die Herausforderung für das Pferd gerade ist. Dann steht es vielleicht mit zwei Hufen auf der Rampe und rennt wieder raus – auch das ist völlig okay. Es geht nur darum: Darf ich dich wieder vorwärtsschicken? Es geht nicht darum, „nein, geh nicht zurück, du musst jetzt stehen bleiben“, sondern: Du darfst dich aus der Zone herausbewegen, aber lass dich wieder hineinschicken. So kommen wir Stück für Stück, über mehrere Einheiten, immer weiter in den Anhänger hinein. Und meistens laufen Pferde beim Verladetraining nie geradlinig hinein, sondern immer wieder links, rechts, mal seitlich wieder herunter.
Denise
Und das ist okay.
Sophie
Das ist okay, und genau deswegen erreichen wir unser Ziel. Ich schicke die Pferde bewusst links und rechts, weil sie dadurch in Bewegung bleiben, nicht einfrieren und denken „oh Gott, das schaffe ich nicht“ – sondern wir sind in Aktion, in Bewegung, wir haben gar nicht die Möglichkeit, uns irgendwo festzuhängen. Ich gebe die Möglichkeit, wieder herauszugehen, aber es bleibt wichtig, es immer wieder zu probieren. Und genau dasselbe gilt für Herausforderungen im Leben. Das können wir uns von Pferden abschauen: dieses indirekte Anpeilen eines Ziels.
Denise
Ja, genau, ich glaube, die Geduld ist entscheidend. Und auch, nicht zu sagen, wie es bei Menschen manchmal ist: „Darüber haben wir doch schon gesprochen, das Thema ist geklärt“, sondern zu wissen, dass wir immer wieder an ein Thema herangehen müssen – uns annähern und uns wieder entfernen. Was du gerade zur Freiarbeit gesagt hast, haben wir in der Behandlung genauso. Wenn ich ein Pferd behandle, das mich noch nicht kennt, erwarte ich erst mal möglichst wenig von ihm. Und je weniger ich erwarte, desto mehr bekomme ich, und desto mehr Raum gebe ich dem Pferd.
Man kann sich total verkopfen und denken: Das Gelenk bewegt sich so und so, es gleitet in die und die Richtung – aber was nützt das, wenn das Pferd dagegenhält? Ich finde es schön, dem Pferd in der Behandlung diesen Raum zu geben und zu sagen: Ich kann jetzt gerade den vierten Halswirbel noch nicht dahin bewegen, wo ich ihn hinbewegen möchte, weil das Pferd erst ein paar Runden mit mir laufen oder dagegenhalten muss. Dann sage ich: Okay, das darfst du. Du darfst es zeigen. Ich finde das sogar gut – gerade bei Pferden, die eher im Freeze sind, freue ich mich, wenn sie mir zeigen: Denise, was du gerade gemacht hast, fand ich nicht gut. Dann freue ich mich, wenn sie ausweichen, weil ich nicht einfach nur mein Schema abarbeiten will, sondern immer wieder herangehe und sage: Okay, ich versuche hier zu mobilisieren – oh, das ist dir noch unangenehm, dann machen wir es langsamer. Also immer wieder Annähern.
Ich glaube, das lässt sich auf alles übertragen, auch aufs Reiten. Wenn ich nur sage, ich möchte jetzt diese Lektion machen und sie muss genauso funktionieren, ist das zum Scheitern verurteilt. Wenn ich aber sage, ich freue mich schon, wenn das Pferd zwei, drei Schritte Schulterherein schafft, ist das bereits ein Riesenerfolg.
Sophie
Das habe ich in der Therapie genauso beobachtet: Zwang ist von vornherein fehl am Platz, damit erreicht man keinen therapeutischen Erfolg. Auch wenn Pferde reagieren, positiv oder negativ, und wir das vielleicht negativ bewerten – selbst wenn mein Pferd sagt „geh weg“, die Ohren anlegt oder mich böse anschaut, ist das in dem Moment eigentlich ein positives Zeichen, weil ich weiß, was in ihm vorgeht. Es kann nicht anders kommunizieren, und ich kann entsprechend besser arbeiten. In der Boden- und Freiarbeit ist das genauso: Mir ist ein Pferd lieber, das sagt „ich bin ein wildes Tier, ich bocke, renne weg und nehme dein Angebot, mir frei zu folgen, gar nicht an“, als ein Pferd, das in sich gekehrt ist, vielleicht nur so vor sich hin dümpelt – da spüre ich diese energetische Blockade förmlich. Auf lange Sicht führt das zu etwas Unkontrollierbarem: entweder zu einer Krankheit, oder zu einem Pferd, das plötzlich Verhaltensprobleme oder -veränderungen zeigt, auf einmal beim Reiten nicht mehr kooperativ ist. Dann fragt man sich, woran das liegt – am Sattel, an der Ausrüstung? Manchmal wird durch das Pferd einfach ein Problem sichtbar. Das ist wichtig hinzugucken und zuzulassen.
Denise
Ich freue mich am meisten über Pferdebesitzer, die mir sagen: Ich weiß gar nicht, ob mein Pferd sich anfassen lässt, es ist sonst immer so nervös bei der Behandlung. Dann denke ich: Boah, da will ich unbedingt hin. Ich stelle mir dann nicht nur die Frage, wo das Pferd blockiert ist, sondern warum es nervös ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich manchmal gar nicht wusste, dass ein Pferd sonst nervös ist – und der Besitzer sagt danach: So ruhig und entspannt war er in einer Behandlung noch nie. Aber ich habe ja keine Erwartung. Ich habe als Therapeutin nicht die Erwartung, dass ich das Pferd von Kopf bis Hinterhuf durchpalpieren und -testen muss. Ich möchte einen Zugang zum Pferd haben.
Meine Tierphysio-Schüler – falls der eine oder andere zuhört – belächeln mich teils dafür, andere sind total offen. Aber die Pferde mögen genau das: dass ich, so wie sie, keine Erwartung habe und einfach sage, wir schauen mal, wie weit wir heute kommen. Und meistens wird es dann viel besser, als wenn ich sage, ich möchte heute alles testen.
Sophie
Da kann ich dir voll zustimmen. Bei mir sagt der therapeutische Verstand auch, wie es gelehrt wird, wirklich alles durchzutesten. Aber manchmal bin ich am Pferd und spüre: Das braucht es gerade nicht, es braucht gerade etwas anderes. Dann ertappe ich mich, oder mein Verstand meldet sich: Du hast das und das noch gar nicht getestet. Aber meine Hände haben einfach etwas anderes gespürt.
Denise
Genau das war bei mir in den ersten zwei, drei Jahren auch so – ich dachte, ich habe die erste Rippe nicht getestet oder vergessen, das linke Vorderbein aufzunehmen. Im Nachhinein habe ich mich gefragt: Wäre das wirklich relevant gewesen? Klar, bei einer Lahmheit oder Auffälligkeit in den Beinen kann das passieren. Aber es war nie so, dass ich das Gefühl hatte, genau das wäre es gewesen.
Wie arbeitest du eigentlich mit den Pferdebesitzern? Wenn du ein neues Pferd-Reiter-Paar kennenlernst, das Pferd zum Beispiel osteopathisch behandelst und dann feststellst, dass der Pferdebesitzer auch einen großen Anteil hat und Unterstützung braucht – wie gehst du da vor?
Sophie
Das kommt darauf an, wo die Bedürfnisse, Ziele und Wünsche des Pferdebesitzers liegen. Er muss natürlich offen dafür sein, an sich selbst zu arbeiten – ich möchte niemandem etwas aufzwingen, weil das sowieso nicht ankommt und beiden nicht hilft. Wenn ein Pferdebesitzer aber sagt, ich merke, mein Pferd reagiert enorm auf meine Tagesverfassung, oder ich hätte gern eine tiefere Beziehung zu meinem Pferd, mehr Kooperation im Training – dann ist mir zunächst wichtig, das Pferd-Mensch-Paar überhaupt kennenzulernen. Was für Charaktere habe ich da vor mir?
Es kommt auch darauf an, wofür ich gerufen wurde: Geht es rein um die osteopathische Behandlung, oder um Freiarbeit, Bodenarbeit, biomechanisches Training, weil das Pferd Rehabilitation braucht? Wenn ich beim ersten Termin merke, dass der ganzheitliche Aspekt ein Thema ist und Bereitschaft dafür besteht, sprechen wir darüber. Meistens gehen wir nach der Behandlung ohnehin Übungen durch, wenn das Pferd noch in der Verfassung dafür ist, sonst vereinbaren wir einen zweiten Termin. Meine Pferdebesitzer bekommen immer Übungen oder Handgriffe mit, die sie selbst anwenden können, ohne das System erneut in Stress zu bringen – wirklich sanfte Handgriffe, die auch Zeit für die Beziehung schaffen, damit es nicht nur ums Satteln und Reiten geht, sondern darum, bewusst im Hier und Jetzt etwas Gutes für das Pferd zu tun. Man muss dabei sehr achtsam sein.
Im Laufe der Termine entwickelt sich dann, in welche Richtung die Zusammenarbeit geht. Ich kann nicht sagen, dass jeder Kunde bei mir gleich betreut wird – jeder bekommt das, wozu er bereit und offen ist, je nachdem, wo Pferd und Mensch gerade stehen. Das reicht von punktueller Unterstützung bis zum wirklich ganzheitlichen Ansatz, bei dem ich mir auch den Menschen ansehe. Wir machen dann einen Vital-Check – ich komme aus dem Sportgesundheitsbereich und unterstütze den Menschen dabei, ein fitterer Partner für sein Pferd zu werden, im Sattel wie in der Freiarbeit, denn je mehr man mit seinem Pferd machen kann, desto mehr körperliche Fitness braucht man dafür. Es kann aber auch in die andere Richtung gehen, dass zuerst das Pferd wieder aufgebaut werden muss und mehr Aufmerksamkeit braucht. Das wird wirklich individuell gestaltet, je nachdem, was die beiden gerade brauchen.
Denise
Das finde ich eine sehr professionelle Antwort. Manch einer denkt vielleicht, sie müsste doch genau wissen, was sie vorhat – aber genau das ist professionell: individuell zu schauen, wo das Pferd-Reiter-Paar steht, ob der Fokus auf dem Pferd liegt, das vielleicht erst unterstützt werden muss, oder direkt auf dem Reiter. Ich finde es mehr als professionell zu sagen: Ich kann vorher nicht sagen, was dabei herauskommt und wie viele Termine es braucht. Trotzdem steht es jedem frei zu sagen, so lange arbeiten wir zusammen – statt sich von vornherein auf ein ganzes Jahr festzulegen. Es muss ja auch mit dir zusammen funktionieren, die Menschen müssen sich bei dir wohlfühlen und das Gefühl haben, dass du die richtige Person dafür bist.
Sophie
Dazu gehört eine Menge Vertrauen. Das ist mir als Dienstleisterin auch wichtig, dass das Zwischenmenschliche passt, weil dieses ganzheitliche Konzept teilweise sehr emotional in die Tiefe geht – je nachdem, was der Pferdemensch erlebt hat oder wie stark er sich für das Wohl seines Pferdes verantwortlich fühlt. Dafür braucht es ein gewisses Wohlbefinden und Vertrauen, dass der Pferdebesitzer weiß: Ich habe hier eine Fachperson an meiner Seite, die weiß, was zu tun ist, nachdem wir uns kennengelernt und unsere Wünsche und Möglichkeiten besprochen haben. Diese klare Kommunikation – zwischen Pferdebesitzer und Pferd, aber genauso zwischen Pferdebesitzer und Dienstleister, also Trainer oder Therapeut – finde ich sehr wertvoll.
Denise
Sehr hilfreich. Dazu fällt mir noch etwas ein: Ich war vor zwei Tagen mit meinem Mann und zwei Pferden spazieren, im Rahmen einer Urlaubsbetreuung. Er hat eigentlich gar nicht viel mit Pferden zu tun, beschäftigt sich aber beruflich seit vielen Jahren mit genau diesen Mindset- und Gesundheitsthemen und ist sehr klar und sicher in dem, was er tut. Mit Pferden kannte er sich nicht so gut aus, wusste aber viel, weil er mir hilft, diese Gesundheitsthemen auch auf meiner Online-Seite unterzubringen. Es war das erste Mal, dass wir zusammen mit einem Pferd spazieren gingen, und er hat das Pferd einfach am Strick genommen und ist losgelaufen. Man merkte eine ganz minimale Unsicherheit, aber wirklich nur minimal.
Ich habe noch nie erlebt, dass jemand einfach so ein großes Pferd nimmt und damit losmarschiert, auch ohne Angst – weil ich ihm vorher gesagt hatte: Wenn du klar bist und dem Pferd zeigst, dass du sicher bist, und nicht denkst „oh Gott, was macht er jetzt, wie reagiert er“, dann klappt das. Das fand ich so beeindruckend, dass ich dachte: Es geht gar nicht immer nur darum, wie gut man sich mit Pferden auskennt. Das hat mir noch mal gezeigt, wie viel unser eigenes Mindset ausmacht, auch dafür, wie Pferde auf uns reagieren. Das fand ich total beeindruckend.
Hast du zum Schluss noch ein, zwei Dinge, die du Pferdebesitzern mitgeben würdest? Einen Rat, der im Umgang mit sich selbst oder mit dem Pferd hilfreich sein kann? Darauf war Sophie übrigens nicht vorbereitet.
Sophie
Dass man sich selbst und seinem Pferd erlaubt, unperfekt zu sein. Dass nicht jede Einheit reibungslos laufen muss, dass das Pferd nicht immer nur lieb ist – sondern dass man sich erlaubt zu sagen: Mein Pferd darf Pferd sein, es darf auch mal aus dem Ruder laufen, sich mal etwas einfallen lassen.
Mein Ausbilder hat immer gesagt: Jedes Pferd ist brav, solange man nichts erwartet. Da steckt viel dahinter, und ich sage mir diesen Satz heute noch – ich brauche ihn selbst noch immer als Erinnerung.
Denise
Sehr gut. Perfekt, damit schließen wir die Folge heute. Sophie, vielen Dank für deine Zeit. Das ist eben unser Beruf, unsere Arbeit, aber auch Wissen, das man weitergibt, und ich denke, es waren viele wichtige Informationen dabei, aus denen jeder Pferdebesitzer etwas mitnehmen kann. Wer noch mehr Impulse möchte, darf dich gerne kontaktieren, für eine bessere Beziehung zu sich selbst und zu den Pferden. Wie heißen deine Instagram-Seite und deine Homepage – kannst du das noch einmal nennen?
Sophie
Meine Webseite ist sophiebratschke.de, da kommt bald auch eine neue Version online. Und auf Instagram: pferdetherapie-sophiebratschke.
Denise
Wunderbar, vielen Dank, Sophie.
Sophie
Ich danke dir.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Jedes Pferd ist brav, solange man nichts erwartet: Sophie Bratschke im zweiten Gespräch über Führung, Kontrolle und Fehler machen dürfen“