Podcast: Play in new window | Download
Abonnieren Apple Podcasts | Spotify | Amazon Music | Android | Youtube Music | RSS | Podcast
Was sagt ein Laborwert wirklich über Gesundheit aus? Und warum reicht es nicht immer, nur ein einzelnes Organ oder Symptom zu betrachten?
In dieser persönlichen Podcastfolge erkläre ich am Beispiel der Schilddrüse, wie ich Gesundheit bei Menschen und Pferden betrachte: als Zusammenspiel des gesamten Körpers – und nicht als Ansammlung einzelner Organe, Diagnosen und Laborwerte.
Ich selbst habe seit meinem 20. Lebensjahr keine Schilddrüse mehr. Obwohl mir damals gesagt wurde, dass sie funktionstüchtig sei, bekam man sie nicht eingestellt und entschied sich für die Entfernung. Heute würde ich andere Fragen stellen: Warum ist ein Organ aus der Regulation geraten? Wer steuert es an? Welche Baustoffe benötigt es? Und was beeinflusst seine Funktion?
Es geht um die Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-Achse, um TSH, T3 und T4 sowie um Jod, Selen, Eisen, Stress, Darm- und Lebergesundheit. Ich erzähle außerdem von meinen eigenen Erfahrungen mit Schilddrüsenhormonen und davon, warum ein TSH-Wert innerhalb des Referenzbereichs nicht automatisch bedeutet, dass sich ein Mensch gesund fühlt.
Auch beim Pferd ist die Schilddrüse Teil eines komplexen Systems. Niedrige Schilddrüsenwerte bedeuten nicht zwangsläufig, dass das Organ selbst erkrankt ist. Erkrankungen, Stress, Medikamente, Fütterung und die Nährstoffversorgung können T3 und T4 beeinflussen. Außerdem spreche ich über tastbare Schilddrüsenvergrößerungen beim Pferd, Jodmangel und Jodüberschuss sowie über Nitrat im Brunnenwasser.
Diese Folge zeigt ziemlich genau, wie ich arbeite und Gesundheit betrachte: Laborwerte und schulmedizinische Diagnostik sind wichtig. Aber sie erzählen niemals die ganze Geschichte.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Welcher Wert ist auffällig?
Sondern auch: Warum reagiert der Körper so – und was versucht er uns damit zu erzählen?
Transkript:
Gesundheit ist mehr als ein Laborwert – erklärt an der Schilddrüse Mensch und Pferd
Diese Folge liegt etwas außerhalb meiner Komfortzone. Ich habe mich lange davor gedrückt, weil das Thema Schilddrüse riesig ist und beim Pferd noch dazu ziemlich unbekannt – was aber ausdrücklich nicht heißt, dass wir jetzt anfangen sollten, bei jedem Pferd die Schilddrüsenwerte zu überprüfen. Eigentlich geht es heute um deutlich mehr als nur um ein einzelnes Organ: Die Schilddrüse ist für mich ein sehr gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn wir ein einzelnes Organ isoliert betrachten, ein oder zwei Laborwerte messen und glauben, damit hätten wir verstanden, was im gesamten Körper passiert.
Meine eigene Geschichte: Fluch und Segen zugleich
Ich selbst habe seit 20 Jahren keine Schilddrüse mehr. Das ist bis heute Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil ich in Phasen, in denen es mir nicht gut geht, manchmal darüber verzweifle und mich frage, warum mir dieses Organ überhaupt genommen wurde – wobei ich mir dann selbst dabei zusehe, wie ich in eine Opferrolle rutsche. Ein Segen ist es gleichzeitig, weil ich mich dadurch sehr intensiv mit Hormonen, Stoffwechsel, Darmgesundheit, der Stressachse und den Zusammenhängen im Körper beschäftigt habe. Geist und Körper gehören zusammen, und ich glaube, das vergessen wir in vielen Bereichen: Diagnosen und Befunde sollten nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Der Körper ist kein Baukasten.
Mit etwa 20 Jahren wurde bei mir eine Überfunktion festgestellt, die sich nicht einstellen ließ – obwohl das Schilddrüsengewebe selbst laut Ultraschall gut aussah, keine Knoten zeigte und normal groß war. Die Begründung damals: Wir bekommen die Schilddrüse bei Ihnen nicht eingestellt, deshalb muss sie entfernt werden, aber das sei kein Problem, weil es ja Medikamente gebe, die das ausgleichen. Ich habe das als 20-Jährige so hingenommen, wie es die Schulmedizin eben vorgab. Heute bin ich dankbar, dass es synthetisch hergestellte Schilddrüsenhormone gibt – ich nehme aber gleichzeitig auch natürliche Rinderschilddrüsenextrakte und bediene mich bewusst an beidem, statt hier Fronten aufzumachen zwischen „nur natürlich“ und „nur Schulmedizin“. Beides hat seinen Platz.
Rückblickend würde ich die Frage nach der Operation heute ganz anders stellen: Warum lässt sich die Schilddrüse nicht einstellen? Wer steuert sie eigentlich an? Welche Bedingungen braucht sie, um vernünftig arbeiten zu können? Was macht die Stressachse – also die Hypothalamus-Hypophysen-Achse? Was ist mit Mikro- und Makronährstoffen, mit Immunsystem, Darm- und Lebergesundheit, mit der gesamten hormonellen Regulation? Das ist natürlich weitaus komplizierter, als einfach zu operieren – und das heißt nicht, dass eine Operation grundsätzlich falsch wäre. Es gibt Schilddrüsenkrebs, große Strumen, Knoten oder schwere Über- und Unterfunktionen, bei denen es tatsächlich nicht anders geht. Aber ich hätte mir gewünscht, dass wenigstens jemand gefragt hätte, warum dieses Organ überhaupt aus der Regulation gerät.
Warum ein einzelner Laborwert selten reicht
Schilddrüsenhormone gehören zu den in Deutschland am häufigsten verordneten Medikamenten – Levothyroxin, also synthetisches T4, zählte in den letzten Jahren regelmäßig zu den meistverschriebenen Wirkstoffen. Der übliche Ablauf: Es wird der Wert TSH bestimmt, das Thyroidea-stimulierende Hormon. Liegt er außerhalb der Norm, wird in der Regel T4 verschrieben, mittlerweile manchmal auch T3. Sobald der TSH-Wert wieder im Referenzbereich liegt, heißt es, die Schilddrüse sei gut eingestellt.
Aber ist sie das wirklich? Referenzwerte sind schlicht der statistische Durchschnitt der eingesendeten Werte – und eingesendet werden vor allem Werte von Menschen oder Tieren, bei denen bereits eine Auffälligkeit vermutet wird. Referenzbereiche wurden dazu in den letzten Jahren deutlich breiter. Viele Menschen erleben trotz unauffälliger Werte auf dem Papier reale Symptome: Frieren, Erschöpfung, Haarausfall, schnelle Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsprobleme, Brain Fog, schlechter Schlaf. Bevor es Laborwerte gab, wurde eine funktionierende Schilddrüse unter anderem über die morgendliche Körpertemperatur vor dem Aufstehen eingeschätzt – weicht sie deutlich von der Norm ab, lohnt sich bis heute ein genauerer Blick auf die Schilddrüse, nicht nur auf den TSH-Wert allein.
Der TSH-Wert ist im Grunde nur der Arbeitsauftrag der Hypophyse an die Schilddrüse – er sagt noch nichts darüber aus, ob die Schilddrüse diesen Auftrag auch tatsächlich umsetzen kann. Referenzbereiche sind wichtig, Optimalbereiche sind noch wichtiger, und eine schulmedizinische Diagnostik bleibt absolut notwendig. Aber ein einzelner Laborwert ist nicht das Urteil über das Empfinden eines Menschen oder eines Tieres. Genau wie beim Pferd: Ein niedriger Selenwert ist nur dann wirklich auffällig, wenn das Tier auch tatsächlich Symptome zeigt – nicht jede Zahl auf dem Papier erzählt die ganze Geschichte.
Die Steuerzentrale im Kopf: Hypothalamus und Hypophyse
Um zu verstehen, warum die Schilddrüse kein Einzelkämpfer ist, hilft ein Blick auf die Steuerzentrale im Kopf – bei Pferd und Mensch ganz ähnlich aufgebaut. Der Hypothalamus im Zwischenhirn ist klein, aber eine enorm wichtige Regulationszentrale: Er sammelt fortlaufend Informationen aus dem ganzen Körper – Temperatur, verfügbare Energie, Dauerstress oder kurzzeitiger Stress, Sicherheit, Tag oder Nacht, Schlafqualität, Blutzucker, Flüssigkeitshaushalt, Entzündungen, das autonome Nervensystem. Auf Basis all dieser Signale entscheidet der Hypothalamus, was der Körper gerade leisten kann: Kann er wachsen, sich fortpflanzen, verdauen, regenerieren? Oder muss er Energie sparen und zunächst das Überleben sichern?
Unterhalb des Hypothalamus liegt die Hypophyse, die Hirnanhangdrüse – quasi das Vorzimmer der Leitzentrale, direkt an der Schädelbasis gelegen und deshalb auch in der kraniosakralen Therapie relevant. Für die Schilddrüsenachse schickt der Hypothalamus zunächst TRH an die Hypophyse. Die Hypophyse wiederum sendet als Reaktion TSH an die Schilddrüse – man kann es sich wie ein kleines Männchen mit einer To-do-Liste vorstellen, das zur Schilddrüse läuft und sagt: Wir brauchen mehr oder weniger Schilddrüsenhormone. Die Hypophyse steuert daneben auch die Nebennierenrinde an (über ACTH, das Cortisol freisetzt), die Eierstöcke beziehungsweise Hoden (über LH und FSH), außerdem Wachstumshormone und Prolaktin. Über den Hypophysenhinterlappen werden zudem Oxytocin und ADH ausgeschüttet, die im Hypothalamus gebildet werden. All diese Achsen hängen zusammen und funktionieren nicht als unabhängige, voneinander getrennte Kästchen, sondern als System mit ständiger Rückmeldung in beide Richtungen.
Wie Schilddrüsenhormone entstehen
Schilddrüsenhormone bestehen im Kern aus einer Aminosäure und Jod. Bei T4 etwa aus der Aminosäure Tyrosin plus vier Jodatomen, bei T3 aus derselben Aminosäure plus drei Jodatomen. Die Schilddrüse bildet dafür ein großes Eiweiß namens Thyreoglobulin, an dessen Tyrosin-Reste Jodatome angeheftet werden. Hier lohnt sich ein erster Blick auf die Jodversorgung: In Deutschland gibt es, je weiter man Richtung Süden kommt, häufiger jodarme Böden. Jodiertes Speisesalz allein reicht dabei nicht unbedingt aus, um die Schilddrüsenfunktion sicherzustellen – es verhindert vor allem einen sichtbaren Kropf.
Die Schilddrüse produziert überwiegend T4, das vor allem als Transport- und Vorratsform dient. Die stärkere biologische Wirkung entfaltet vor allem T3, vermutlich auch T2 – dazu läuft aktuell noch viel Forschung. Damit aus T4 das aktivere T3 wird, muss ein Jodatom abgespalten werden, wofür bestimmte Enzyme namens Dejodinasen zuständig sind, die unter anderem in Leber und Nieren arbeiten. Das zeigt schon: Wer die Schilddrüse verstehen will, schaut nicht nur auf das Organ selbst, sondern auch auf Jod und andere Spurenelemente, auf Leber- und Nierenfunktion sowie auf Zielgewebe wie Gehirn und Muskulatur, die alle schilddrüsenabhängig sind. Neben T4 und T3 gibt es außerdem natürliche Schilddrüsenextrakte mit weiteren Bestandteilen aus tierischem Schilddrüsengewebe – deren klinische Bedeutung ist bisher allerdings deutlich weniger erforscht.
Was Schilddrüsenhormone im Körper beeinflussen
Schilddrüsenhormone wirken praktisch im gesamten Organismus: Sie beeinflussen den Grundumsatz, also wie viel Energie der Körper verbraucht, die Wärmeproduktion und Körpertemperatur, Herzfrequenz und Herzleistung, den Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel, Konzentration, Reaktionsfähigkeit und Stimmung. Ich merke selbst sehr deutlich, wie ich freudloser und mental instabiler werde, sobald meine eigene Schilddrüsenmedikation nicht gut eingestellt ist – deshalb arbeite ich in der übrigen Zeit bewusst an meiner mentalen Gesundheit, um mir ein stabileres Grundgerüst zu schaffen. Auch Haut, Haare, Bindegewebe und Knochenstabilität hängen mit der Schilddrüse zusammen, ebenso Sexualhormone, Zyklus und Fruchtbarkeit – bei unerfülltem Kinderwunsch sollte die Schilddrüse deshalb grundsätzlich mit untersucht werden, auch wenn dabei oft wieder nur der breite TSH-Referenzbereich zum Tragen kommt und Auffälligkeiten übersehen werden.
Ein Erkennungszeichen beim Menschen ist zum Beispiel das Ausdünnen des äußeren Drittels der Augenbrauen – bei mir selbst ist dort tatsächlich nicht mehr viel vorhanden, ganz ohne Permanent-Make-up. Das ist kein Beweis, aber ein Hinweis, der ernst genommen werden darf, genau wie die eigene Körpertemperatur oder frühere Beobachtungen von Puls und Verdauung, bevor es überhaupt Labordiagnostik gab.
Nährstoffe, die die Schilddrüse brauchen – bei Mensch und Pferd
Für eine gesunde Schilddrüsenfunktion braucht es unter anderem Selen für die Umwandlung der Hormone, Zink, Vitamin D (das eigentlich ein Hormon und kein Vitamin ist) und ausreichend Eisen. Gerade bei Frauen mit starker Monatsblutung oder einem durchlässigen Darm (Leaky Gut) ist der Eisenwert – genauer der Ferritin-Wert, idealerweise über 70 statt nur am unteren Rand des Referenzbereichs – häufig zu niedrig, was wiederum die Schilddrüsenfunktion einschränkt. Trotzdem gilt auch hier: Viel hilft nicht automatisch viel. Ein Zuviel an Zink etwa bringt andere Verhältnisse im Körper durcheinander, und mehr Jod ist ebenfalls nicht automatisch besser – sowohl ein deutlicher Mangel als auch eine übermäßige Zufuhr, etwa über Algenprodukte mit schwankendem Jodgehalt, können Probleme verursachen. Deshalb sollte ein Algenprodukt nicht dauerhaft gefüttert werden.
Beim Pferd ist eine echte primäre Schilddrüsenunterfunktion im Erwachsenenalter selten – was auch daran liegen dürfte, dass kaum getestet wird. Das bedeutet aber nicht, dass Schilddrüsenhormone beim Pferd unwichtig wären. Häufig verbessert sich die Schilddrüsenfunktion bereits automatisch, wenn Stressachse, Darmgesundheit und Mikronährstoffversorgung insgesamt in Ordnung gebracht werden. Ein übergewichtiges, träges Pferd hat deutlich wahrscheinlicher ein Fütterungs-, Bewegungs- oder Insulinproblem als eine primäre Schilddrüsenunterfunktion – einfach nur Schilddrüsenhormone zu geben, ohne Fütterung, Haltung, Bewegung oder Schmerz anzuschauen, wäre langfristig nicht zielführend. Interessant ist auch: Nitrithaltiges Brunnenwasser, wie es in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen vorkommen kann, kann die Jodaufnahme bremsen – selbst wenn ausreichend Jod gefüttert wird, kommt es dann möglicherweise nicht richtig zur Wirkung.
Ich taste bei meinen Pferdebehandlungen die Schilddrüsenregion – rechts und links im Bereich des Kehlkopfs beziehungsweise der oberen Luftröhre – grundsätzlich mit ab. Beim Pferd ist der rechte Schilddrüsenlappen vermutlich größer als der linke, und nicht selten fallen mir dabei Vergrößerungen oder Asymmetrien auf. Eine Umfangsvermehrung gehört dann immer tierärztlich abgeklärt – eine vergrößerte Schilddrüse sagt für sich genommen noch nichts über ihre tatsächliche Funktion aus. Besteht wirklich der Verdacht auf ein Problem, lohnt sich der Blick auf die freien Schilddrüsenhormone, auf klinische Symptome und auf Funktionstests, statt vorschnell zu behandeln.
Funktionell denken statt isoliert behandeln
Mir geht es nicht darum, funktionelle Medizin und Schulmedizin gegeneinander auszuspielen. Beide profitieren voneinander, wenn wir das eigene Ego zurückstellen und uns trauen zu sagen: Hier ist meine Grenze, hier leite ich weiter an den Schulmediziner – und genauso würde ich mir wünschen, dass schulmedizinisch öfter der Blick auf funktionelle Zusammenhänge gesucht wird. Funktionell zu denken bedeutet für mich nicht, bei jeder Erkrankung dieselben zehn Nahrungsergänzungsmittel zu empfehlen, sondern Zusammenhänge über einen längeren Prozess zu suchen statt in einem einzelnen Termin – denn Probleme, die über lange Zeit entstanden sind, brauchen auch Zeit, um sich wieder aufzulösen, und jeder Körper reagiert unterschiedlich.
Wenn ich zu einem Pferd komme, schaue ich nie nur auf die eine feste Struktur, den einen verspannten Muskel oder das eine auffällige Gelenk. Nur weil ein Pferd einmal einen Zufallsbefund wie Kissing Spines hatte, wird das nicht automatisch zum alleinigen Fokus der Behandlung – stattdessen betrachte ich das gesamte System, in dem der Körper lebt. Genau das würde ich mir auch für den Blick auf die Schilddrüse wünschen, bei Mensch und Pferd gleichermaßen: nicht Laborwerte oder Diagnostik abschaffen, sondern sie mit dem, was ein Mensch oder ein Tier tatsächlich empfindet, zusammenbringen – mit Demut vor allem, was wir noch nicht wissen, und mit der Bereitschaft, jedes Jahr dazuzulernen.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Gesundheit ist mehr als ein Laborwert – erklärt an der Schilddrüse Mensch und Pferd“