Zum Inhalt springen

Was mach ich bei … Thema Kotwasser beim Pferd

Kotwasser beim Pferd – was tun bei Kotwasser oder Durchfall?
Kotwasser gehört zu den häufigsten und gleichzeitig verunsicherndsten Themen in der Pferdegesundheit. Viele Pferdebesitzer suchen nach schnellen Lösungen – doch genau hier liegt das Problem: Kotwasser ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom.

In dieser Podcastfolge spreche ich darüber,

  • warum man Kotwasser und Durchfall klar unterscheiden muss,
  • weshalb pauschale Futterempfehlungen oft nicht helfen – oder das Problem sogar verschlimmern können,
  • und warum die Frage „Was mache ich bei Kotwasser?“ ohne Ursachenklärung keine seriöse Antwort zulässt.

Du erfährst unter anderem:

  • welche Unterschiede zwischen Kotwasser und Durchfall bestehen
  • welche Rolle Dickdarm, Fütterung, Stress, Zahnstatus und Management spielen
  • warum gut gemeinte Maßnahmen (z. B. Kräuter, Mikroorganismen, Hausmittel) problematisch sein können
  • und weshalb eine individuelle, strukturierte Ursachenanalyse der einzige sinnvolle Weg ist

Diese Folge richtet sich an Pferdebesitzer und Therapeuten, die verstehen wollen, warum Kotwasser entsteht – statt nur Symptome zu unterdrücken.

Mehr fundierte Informationen, Weiterbildungen und meinen ganzheitlichen Ansatz in der Pferdetherapie findest du auf meiner Homepage: horse-therapy-academy.de

Wenn du genug hast von schnellen Versprechen und stattdessen echte Zusammenhänge verstehen möchtest, ist diese Folge für dich.

Transkript:

Transkript: Was mache ich bei Kotwasser?

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge meines Podcasts „Pferde, Schäfer und Menschen“. Ich bin Denise, und heute beleuchte ich eine sehr häufige Frage: Was mache ich bei Kotwasser?

Wie immer kann ich diese Frage nicht mit ein, zwei Sätzen beantworten – die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, was die Ursache ist. Und davon gibt es eine ganze Menge. Der Wunsch nach einer schnellen Lösung ist verständlich, aber aus meiner Sicht ist es langfristig immer besser, nach der wirklichen Ursache zu schauen, statt einfach nur einen Toxinbinder oder ein Gesteinsmehl zu geben. Damit wird das Kotwasser vielleicht erstmal weniger sichtbar, aber wenn wir die Ursache nicht angehen, äußert sich die eigentliche Thematik womöglich an anderer Stelle. Symptome sollten beachtet, nicht nur kaschiert werden – das Symptom wird dabei manchmal mit der Ursache selbst verwechselt.

In dieser Folge gehe ich zuerst auf den Unterschied zwischen Kotwasser und Durchfall ein und beleuchte anschließend die verschiedenen möglichen Ursachen, damit klar wird, wie vielfältig die Antwort sein kann. Kotwasser ist ein Symptom, keine eigenständige Erkrankung.

Kotwasser versus Durchfall

Bei Durchfall ist die gesamte Kotkonsistenz verändert: große Wassermengen sind einem kaum geformten Kot beigemengt. Durchfall tritt meist akut auf, ist häufig infektiös bedingt, kann aber auch nicht-infektiöse Ursachen haben. Die Ursache liegt in der Regel im Dickdarm, häufig begleitet von Symptomen wie Fieber, Apathie oder Kolik.

Bei Kotwasser dagegen haben wir häufig noch einen mehr oder weniger gut geformten Kot, das Wasser wird aber zeitlich getrennt vom Kot ausgeschieden und läuft dann oft an den Innenseiten der Hinterbeine herunter – dort sehen wir die typischen Spuren. Kotwasser ist eher chronisch und weist meistens auf eine funktionelle Störung oder eine Entzündung hin, die durchaus auch eine chronisch stille sein kann. In der Regel geht damit kein klassischer Infekt einher. Beides kann aber auch gleichzeitig auftreten – chronisches oder situativ auftretendes Kotwasser zusammen mit Durchfall ist möglich.

Ein Blick in die Darmphysiologie

Rohfaser aus Heu oder Stroh verweilt vergleichsweise kurz im Magen. Kraftfutter wie Getreide hat dort dagegen eine längere Verweildauer – eigentlich unerwünscht, denn die Magensäure reagiert entsprechend auf größere Mengen Kraftfutter, was in der Folge zu Darmthematiken und auch zu Kotwasser führen kann. Im Dickdarm dagegen verweilt Rohfaser bis zu 48 Stunden – eine enorme Zeitspanne. Das macht die Ursachensuche manchmal schwierig, gerade wenn man prüfen möchte, ob ein bestimmtes Futtermittel verantwortlich ist: Ein Zusammenhang kann sich noch bis zu 48 Stunden nach der Fütterung zeigen, nicht nur, wenn zwei Stunden nach der Gabe ein Symptom auftritt.

Das Zäkum, also der Blinddarm, spielt eine zentrale Rolle bei der Kotformung. Bei Kotwasser wird dem Futterbrei nicht nur weniger Wasser entzogen als üblich, sondern es kann auch zu einer aktiven Flüssigkeitsabgabe in den Darm kommen, sodass dem Kot zusätzlich Flüssigkeit beigemengt wird.

Mögliche Ursachen im Überblick

Chronische, stille Darmentzündungen und Leaky Gut. Leaky Gut, auch beim Menschen ein bekanntes Phänomen, beschreibt eine gestörte Darmbarriere: Die Verbindungen zwischen den Darmwandzellen, die sogenannten Tight Junctions, sind gelockert, sodass Toxine, Bakterien und unverdaute Nahrungsbestandteile in den Blutkreislauf gelangen können. Das Ergebnis ist eine veränderte Darmwandfunktion mit ganz unterschiedlichen möglichen Ursachen.

Der Magen als möglicher Ursprung. Auch wenn Kotwasser vor allem ein Darmthema ist, kann der Magen eine Rolle spielen: Im Magen herrscht normalerweise ein saures Milieu, das der Keimreduktion dient. Bei gestörter Magentätigkeit – etwa Magenschleimhautentzündungen, Reizungen oder einem Ulkus – kann dieses saure Milieu geschwächt sein, sodass Keime nicht ausreichend reduziert werden und von dort in den Dünn- und weiter in den Dickdarm gelangen. Wird Kraftfutter über Bedarf gefüttert – was häufiger vorkommt, als man denkt, da die wenigsten Pferde sich so viel bewegen, dass zusätzliches Kraftfutter überhaupt nötig wäre –, verlängert sich dessen Verweildauer im Magen zusätzlich, was diesen Effekt verstärken und über Keimverschleppung zu Fehlfunktionen im Darm, also Dysbiosen, führen kann.

Fütterung und Management. Eine klare Grundregel: Wird überhaupt Kraftfutter gefüttert, sollte es immer erst nach ausreichender Raufuttergabe erfolgen. Die Verdauung beginnt im Maul – das Futter muss gut gekaut werden, damit sich ausreichend Speichel mit passendem Enzymgehalt bildet und der Magen entsprechend vorbereitet ist. Ein Pferd, das nur eine Stunde am Tag bewegt wird, braucht in der Regel kein Sportpferde-Kraftfutter. Fehlende oder unzureichende Raufuttergabe mit zu geringem Rohfaseranteil ist oft die erste Ursache, an die ich denke – erkennbar meist erst über eine Heuanalyse. Ist zu wenig Rohfaser im Heu enthalten, lässt sich das mit rohfaserreichen Ergänzungen wie Stroh oder Knabberästen ausgleichen – diese dürfen zusammen aber maximal ein Drittel der gesamten Raufuttermenge ausmachen, sonst drohen andere Themen wie Verstopfung. Auch wenn Raufutter rund um die Uhr angeboten wird, heißt das nicht automatisch, dass jedes Pferd tatsächlich Zugang dazu hat – das hängt oft mit der Rangordnung in der Herde zusammen und sollte gezielt beobachtet werden.

Futterumstellungen. Jede Futterumstellung braucht Zeit; neue Futtermittel sollten grundsätzlich langsam eingeschlichen werden – außer bei begründetem Verdacht auf eine starke negative Reaktion, dann reduziere ich ein Futtermittel auch mal deutlich schneller als über die sonst üblichen zwei Wochen. Für fertige Mineralfuttermischungen gilt diese Regel meist weniger streng als für Grundfuttermittel. Besonders häufig problematisch ist die Fütterung von Silage. Bei Heulage bin ich mittlerweile pragmatischer geworden: Eine gute Heulage ist oft die bessere Wahl als ein schlechtes Heu, gerade weil trockene Heuernte klimatisch zunehmend schwierig ist – das heißt nicht, dass Heulage optimal ist, aber „optimal“ ist in der Pferdehaltung ohnehin selten vollständig erreichbar.

Anweiden. Wenn frisches, wasserreiches Weidegras neu dazukommt, kann das Kotwasser auslösen, besonders wenn gleichzeitig zu wenig rohfaserreiches Futter gegeben wird. Deshalb sollten Pferde langsam angeweidet werden und vorher bereits Heu bekommen, bevor sie auf die Wiese gehen. Auch eine komplette, nicht schrittweise Umstellung von Heu auf Gras kann Kotwasser begünstigen.

Individualität und Mikrobiom. Jedes Pferd hat sein eigenes Mikrobiom – man kann es sich wie eine große, individuelle Blumenwiese mit unterschiedlichsten Gräsern, Kräutern und Blumen vorstellen. Deshalb reagieren Pferde ganz unterschiedlich auf dieselben Futtermittel: Das eine Pferd verträgt Heulage überhaupt nicht, das andere völlig problemlos. Reagiert ein Pferd sehr stark auf jede Art von Futterumstellung, lohnt sich die Frage, ob die Darmbelastbarkeit insgesamt herabgesetzt ist. Ein Problem entsteht immer dann, wenn Belastung und Belastbarkeit nicht zusammenpassen – sei es, weil die Belastung zu hoch ist (etwa durch Silage, die selbst einen sehr belastbaren Darm herausfordern kann), oder weil die Darmbelastbarkeit insgesamt gering ist, etwa durch ein gestörtes Mikrobiom mit geringer Diversität. In Kombination mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmwand, einem Leaky Gut, ergibt sich ein insgesamt weniger belastbarer Darm, der schneller und stärker reagiert.

Futtermittelunverträglichkeiten. Manche Pferde vertragen bestimmte Futtermittel schlicht nicht – etwa Soja, Silage, Gerste, Weizen oder manchmal auch Hafer. Hafer selbst ist grundsätzlich glutenfrei und enthält mit rund sechs Prozent vergleichsweise viel Lysin, eine wichtige Aminosäure, die vielen anderen Futtermitteln erst künstlich zugesetzt werden muss – ich wundere mich manchmal über die Werbung für „haferfreie“ Kraftfutter, wenn Hafer eigentlich oft die naheliegendere Wahl wäre. Das schließt natürlich nicht aus, dass es auch Pferde gibt, die auf Hafer negativ reagieren.

Kotwasserkräuter – ja, aber mit Bedacht

Kotwasserkräuter kann man kaufen, aber auch hier sollte immer zuerst die Ursache im Fokus stehen, statt sie einfach nur zu geben. Meist handelt es sich um gerbstoffreiche Kräuter, die auf Schleimhaut und Mikrobiom wirken – förderlich für die Darmtätigkeit, aber nicht für die dauerhafte Gabe gedacht. Bei zu langer oder zu hoher Dosierung kann der Darm reaktiver werden, wodurch Rückfälle wahrscheinlicher werden. Ergänzungsfutter, Kotwasserkräuter oder Toxinbinder sind erst dann sinnvoll zu diskutieren, wenn die Grundration stimmt: Fehlt Rohfaser? Fehlt der Zugang zu Raufutter? Erst danach lohnt sich der Blick auf zusätzliche Kräuter oder Bindemittel. Was ein Symptom stoppt, stabilisiert nicht automatisch auch die Ursache.

Kotwasser nie isoliert betrachten

Kotwasser sollte nie isoliert betrachtet werden – eine häufige Ursache ist auch eine Stressthematik. Die Verbindung zwischen Hirn und Darm funktioniert in beide Richtungen und kann so einen regelrechten Teufelskreis bilden. Kurzzeitiger Stress ist für Pferde grundsätzlich unproblematisch, aber Dauerstressoren können Kotwasser auslösen. Deshalb frage ich immer: Wann genau tritt das Kotwasser auf? Bei manchen Pferden nur im Training – dann lohnt sich ein Blick darauf, ob das Training pferdegerecht gestaltet ist, ob das Pferd eventuell Schmerzen hat, die im Training zu Stress führen, oder ob es beim Trennen von der Herde gestresst ist. Auch das Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Reiter beziehungsweise die Frage, ob mehr in Richtung Horsemanship gearbeitet werden sollte, gehört in diese Überlegung. Ebenso die Herdensituation und Haltung insgesamt: Fühlt sich das Pferd in der Herde wohl? Ist es rangniedrig?

Interessant ist dabei eine Beobachtung, die ich aus meinem eigenen Kundenkreis bestätigen kann, auch wenn sie natürlich nicht repräsentativ ist, da sich bei mir überwiegend Pferde mit bestehenden Thematiken vorstellen: Gescheckte Pferde, etwa Tinker oder Paint Horses, scheinen etwas häufiger zu Kotwasser zu neigen. Evolutionär wird vermutet, dass gescheckte Pferde in der Herde aufgrund ihrer auffälligen Fellzeichnung schneller an den Rand gedrängt werden und die Herdensicherheit für sie dadurch etwas geringer ausfällt – sie sind dann oft nicht diejenigen, die als Erstes ans Heu oder ans Wasser kommen, mit entsprechend höherem Stresspotenzial durch Mobbing innerhalb der Herde und potenziell eingeschränktem Zugang zu sauberem Wasser, ausreichend Raufutter und Liegeflächen. Auch ein nicht kompatibler Boxennachbar kann ein permanenter Stressfaktor sein.

Weitere mögliche Auslöser sind Umweltfaktoren wie Lärm oder Toxine im Heu – Pestizide, Herbizide oder eine stärkere Schimmelbelastung mit Pilzen und Hefen in höherer Konzentration. Ist ein Heu stark toxinbelastet, stellt sich die Frage: Können oder sollten wir es überhaupt noch füttern, oder muss der Ballen weg? Eine Möglichkeit ist das Bedampfen des Heus, was Toxine deutlich reduzieren kann – allerdings mit dem Nachteil, dass dabei meist auch 40 bis 50 Prozent des dünndarmverdaulichen Eiweißes verloren gehen. Das darf man nicht nur kurzfristig betrachten: Wie lange ist bedampftes Heu überhaupt noch sinnvoll verfütterbar, und ab wann können sich darin sogar wieder vermehrt körperschädliche Stoffe bilden?

Prävention statt blindes Zufüttern

Zur Prävention von Kotwasser gehören vor allem: gutes Haltungsmanagement, eine durchdachte Herdenstruktur, ausreichend Raufutter, kritischer Blick auf künstliche Zusatzstoffe in Ergänzungsfuttern, die Vermeidung von Dauerstressoren in Herde, Haltung, Reitweise und sozialem Gefüge – und nicht zuletzt sauberes Wasser. Pferde mit Kotwasser haben nicht zu viel Wasser im Körper, sondern verlieren tatsächlich eine erhebliche Menge, sowohl im Sommer als auch im Winter. Auch verunreinigtes Wasser kann eine Ursache sein – etwa Brunnenwasser aus nicht ganz sauberen Quellen, das durch belastete, mitunter alte Bleirohre läuft, einen sehr hohen Eisengehalt aufweist, oder aus verschmutzten Wasserbehältern stammt.

Kurz zusammengefasst: kein blindes Zufüttern, sondern immer erst der Blick auf die Basics – Haltung, Fütterung, Training, soziales Gefüge – und Kotwasser nie isoliert betrachten, sondern immer ernst nehmen.

Wenn ihr beim Thema Fütterung noch komplett am Anfang steht: Ich habe dazu einige Kurse, unter anderem kleinere Webinare zum Thema Entzündungen, die auch mit Darmentzündungen einhergehen können, sowie meine regelmäßig startende Masterclass Pferdemagen, in der neben dem Magen vor allem auch diese Basics und mögliche Dauerstressfaktoren beim Pferd beleuchtet werden. Die letzte Einschreibemöglichkeit für den aktuellen Durchgang ist der 29. Januar.

Was mache ich bei Kotwasser? Ihr seht, wie unterschiedlich und individuell die Herangehensweise sein kann. Ich hoffe, diese Folge hat euch weitergeholfen und gezeigt, dass das, was bei einem Pferd geholfen hat – ob ursächlich oder nur funktionell und kurzfristig betrachtet –, nicht automatisch die Lösung für ein anderes Pferd ist. Kräuter können wir einsetzen, aber immer mit Bedacht: Alles, was eine Wirkung hat, hat auch irgendwo eine Nebenwirkung. Kotwasserkräuter sollten daher nicht dauerhaft gegeben werden, sonst gehen wir der eigentlichen Ursache nicht auf den Grund. Manchmal lohnt es sich außerdem, gezielt an der mentalen Achse anzusetzen und zu schauen, wie sich das vegetative Nervensystem des Pferdes beruhigen lässt.

Das war meine Folge zum Thema Kotwasser. Ich freue mich, wenn ihr beim nächsten Mal wieder einschaltet – dann spreche ich mit Anna Hübner von „Feines Reiten“, die sich ganz bewusst für den unbequemeren Weg entschieden hat, dem Dressursport den Rücken zu kehren, obwohl sie es sich hätte leichter machen können. Ich freue mich sehr auf dieses Gespräch. Bis zum nächsten Mal, eure Denise.