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Die Zähne wurden gerade „gemacht“ – warum der Pferdebesitzer und Therapeut bei den Zähnen genauer hinsehen sollte

Eine Zahnbehandlung ist für viele Pferdebesitzer erledigt, sobald der Zahnarzt da war und Haken und Kanten entfernt hat.

In dieser Folge geht es darum, warum eine wirklich gründliche Untersuchung deutlich mehr umfasst – von der Schleimhautfarbe über den Geruch bis zur Beweglichkeit von Ober- und Unterkiefer.

Außerdem: warum Pferde Zahnschmerzen ganz anders zeigen als Menschen, und ein Fallbeispiel, bei dem ein frisch kontrollierter Zahn trotzdem die eigentliche Ursache war.

Transkript:

Die Zähne sind gemacht: Zahnthematiken beim Pferd

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge. Heute geht es um Pferdezähne und darum, was für mich zu einer Zahnbehandlung dazugehört. Das ist nämlich mehr als das Entfernen von Haken und Kanten.

Meine Idee ist es, in meinen Behandlungen, aber auch im Podcast, immer wieder unterschiedliche Themen aufzugreifen, ohne dabei zu vergessen, dass es auch ganz andere Themen gibt. Wir können Pferde ja mit verschiedenen Brillen betrachten. Am Anfang meiner Ausbildung dachte ich: Ich behandle die Pferde, ich löse Blockierungen, behandle Muskulatur, Faszien und Gelenke. Das ist auch ein ganz wichtiger Teil. Aber heutzutage haben wir oft mit ganz anderen Thematiken zu tun – ganz häufig mit chronisch stillen Entzündungen, systemischen Problemen, Stoffwechselthematiken. Dadurch, dass so viele Faktoren im Bereich Haltung, Fütterung und Training nicht mehr ganz ideal sind, entstehen je nach Pferd immer an unterschiedlichen Stellen im Körper Thematiken. Jedes Pferd reagiert individuell auf eine Dysbalance: Das eine entwickelt eine Arthrose, das nächste eine Zahnentzündung, ein drittes Thematiken im Hufbereich, in der Haut oder in den Atemwegen – je nachdem, wo der Körper seine Schwachstelle hat. Nach dieser Folge werdet ihr vielleicht etwas mehr Fokus auf die Zahnthematik legen. Mit Sicherheit werde ich dazu auch noch einen größeren Kurs oder ein Webinar anbieten.

„Die Zähne wurden gemacht“

Viele Pferdebesitzer denken, dass mit einer erfolgten Zahnbehandlung – die je nach Dysbalancen und Alter des Pferdes mindestens einmal jährlich stattfinden sollte – das Thema erledigt ist. Wenn ich das Maul des Pferdes öffne, um hineinzuschauen, kommt bei über 50 Prozent der Besitzer immer derselbe Satz: „Die Zähne wurden gemacht.“ Das verstehe ich – für die Besitzer bedeutet der Termin beim Pferdezahnarzt, dass das Thema abgehakt ist. Und das sollte auch so sein: Wenn der Pferdezahnarzt da war, alles kontrolliert und danach gesagt hat, jetzt ist alles in Ordnung, dann sollte man sich als Besitzer darauf verlassen können.

Natürlich kann auch der Pferdezahnarzt ohne Röntgenblick nicht immer alles sehen. Aber ich bin der Meinung, dass eine gründliche Untersuchung auch Dinge im Anfangsstadium erkennen und auf Beobachtungspunkte hinweisen sollte.

Was eine gründliche Untersuchung für mich bedeutet

Wenn ich das Maul des Pferdes öffne, schaue ich nicht nur nach Haken und Kanten. Ich kann den Zahnarzt damit nicht ersetzen – ich sehe ohnehin nur bis zu den ersten Prämolaren, je nachdem, wie gut sich das Pferd ins Maul schauen lässt. Aber ich schaue vor allem auf die Schleimhaut: Ist sie rosig, blass oder gerötet? Sehe ich Fisteln? Und ich rieche am Pferdemaul, unabhängig davon, was die Besitzer davon halten. Der Geruch verrät mir einiges: Ist das ein Mundgeruch von Futterresten, die irgendwo festhängen und mit Entzündungen einhergehen, oder eher ein Magengeruch? Manchmal rieche ich sogar, dass ein Pferd gerade Kräuter bekommen hat.

Ich schaue auch, wie das Pferd reagiert, wenn ich Ober- und Unterkiefer aufeinanderdrücke, oder wenn ich den Unterkiefer gegen den Oberkiefer seitlich verschiebe. Da gibt es verschiedene Bewegungsrichtungen, auch wenn wir durch die natürliche Schiefe der Zähne irgendwann an eine physiologische Barriere kommen. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, ob das eine normale Barriere ist, ein mechanisches Hindernis – oder ob das Pferd mir Schmerzen anzeigt. Solche Schmerzen können durch Entzündungen im Zahnbereich entstehen, durch verspannte Muskulatur, durch Probleme im Kiefergelenk oder durch gereizte nervale Strukturen, etwa den Trigeminusnerv, der im Bereich von Kiefergelenk und Kopf an verschiedenen Stellen zu finden ist.

Es steckt also deutlich mehr dahinter, als nur zu beurteilen, ob ein Pferd Haken und Kanten hat. Und das gibt nicht nur Rückschluss auf den Zahnbereich selbst – die Zähne wirken auf den gesamten Körper. Wenn Pferde, Menschen oder Hunde immer wieder Thematiken im gleichen Zahnbereich zeigen, lassen sich diese Bereiche auch anderen Regionen im Körper zuordnen: Die Zähne haben Organbezug, Gelenkbezug, Bezug zu Emotionen. Man kann schauen, auf welcher Seite ein Pferd immer wieder Probleme zeigt.

Pferde zeigen Zahnschmerzen anders als Menschen

Zahnprobleme werden beim Pferd nicht so offensichtlich gezeigt wie beim Menschen. Wir dürfen hier nicht vermenschlichen und denken, ein Pferd würde bei Zahnschmerzen genauso reagieren wie wir. Ich habe immer wieder Pferde, die massive Zahnthematiken haben, teilweise über Jahre unentdeckt, weil nicht gründlich genug mit dem Spiegel geschaut wird: Wie sehen die Zahntaschen aus? Wie die Schleimhäute? Manchmal wird nicht einmal bis hinter den letzten Backenzahn geschaut. Und leider passiert es tatsächlich oft, dass ein Haken hinter dem letzten Backenzahn nicht entfernt wird, gegen die Gegenseite drückt und teils tiefgehende Schleimhautreaktionen verursacht – ohne dass das Pferd es deutlich anzeigt.

Ich bin selbst mit dem Satz aufgewachsen: „Solange die Pferde noch fressen und nicht abmagern, braucht der Zahnarzt nicht zu kommen.“ Genauso wächst man mit dem Gedanken auf: Der Zahnarzt war da, alles ist getan, jetzt kümmert man sich nicht mehr darum. Deshalb frage ich in der Anamnese immer nach, welcher Zahnarzt vor Ort war – bei manchen weiß ich sofort, dass ich mir keine Sorgen machen muss.

Eine wirklich gründliche pferdezahnärztliche Behandlung braucht Zeit – sie kann meiner Meinung nach nicht in 15 Minuten erfolgen. Natürlich gibt es Pferde, die man nicht sedieren kann oder sollte, gerade ältere Tiere. Aber wie soll eine wirklich gründliche Untersuchung – inklusive der Zahnzwischenräume – ohne Sedierung möglich sein? Das heißt nicht, dass jede Behandlung mit Sedierung erfolgen muss, das möchte ich klar differenziert verstanden wissen. Aber ich halte eine gründliche Untersuchung für unerlässlich, und die ist ohne Sedierung deutlich schwieriger.

Ein Fallbeispiel

Ich hatte kürzlich ein Pferd, das deutlich abgebaut hatte, Rittigkeitsprobleme und Abgeschlagenheit zeigte. Ich sollte untersuchen, ob es Schmerzen im Rückenbereich hat oder blockiert ist – die Besitzer wussten mittlerweile, dass ich nicht einfach komme, Blockierungen löse und wieder fahre, sondern versuche, die Ursache zu finden.

Bei der Untersuchung reagierte das Pferd immer wieder besonders im Kopfbereich empfindlich – subtil, aber deutlich für dieses Pferd, ohne dass es zu beißen oder zu schnappen begann. Auch die Brustwirbelsäule war eher unbeweglich, aber das allein hätte noch nichts über die eigentliche Thematik ausgesagt – selbst wenn ein Röntgenbild strukturelle Auffälligkeiten wie Kissing Spines oder Spondylarthrosen gezeigt hätte, würde das nicht automatisch bedeuten, dass das Pferd dort seine eigentlichen Probleme hat. Deshalb habe ich mich nicht auf die erste Reaktion im Zahnbereich verlassen, sondern das Pferd insgesamt beobachtet – auch beim Fressen, die Kaumuskulatur, mit einem Möhrentest.

Entscheidend war am Ende die Beobachtung der Besitzer: Der Zahnarzt war gerade erst da gewesen, ein Zahn war vor einem Jahr entfernt worden, und seitdem hatte das Pferd zunehmend Probleme. Diese Information war für mich sehr wichtig. Die Zähne waren sogar eine Woche vor meinem Besuch noch einmal nachkontrolliert worden – „alles in Ordnung, nur etwas geraspelt.“ Und trotzdem stellte ich als Nicht-Pferdezahnärztin fest, dass das Pferd deutliche Thematiken im Kieferbereich hatte.

Mein Appell

Augen auf beim Tierkauf und bei der Zahnbehandlung – genau hinschauen. Nicht nur ins Pferdemaul nach Haken und Kanten schauen, sondern auf das, was die Schleimhaut zeigt und was das Pferd bei der Untersuchung mitteilt. Das ist mein Appell an Pferdetherapeuten: haltet die Nase ruhig mal ran, und öffnet den Blick nicht nur für ein Thema – bei mir ist das gerade oft der Magen –, sondern für alle Bereiche.

Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir auch, was wir nicht wissen. Man geht nach der Ausbildung als Pferdephysiotherapeut oder Pferdeosteopath raus und denkt zunächst, man wisse schon viel. Nach einiger Zeit wird man demütiger, weil man merkt, wie viel man noch nicht weiß. Man macht eine Fortbildung und denkt, jetzt hat man es verstanden – und wird wieder eines Besseren belehrt, weil andere Bereiche, etwa Hufe, Fütterung oder Training, noch offen bleiben. Das sollte uns nicht verunsichern, sondern dazu anregen, immer weiterzulernen und über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Schreibt mir gerne, wenn ihr Interesse an einer weiteren Folge oder einem tiefergehenden Webinar zu diesem Thema habt. Und lasst eure Pferde von gut ausgebildeten, spezialisierten Zahnmenschen behandeln – ob Tierarzt mit spezialisierter Zahnfortbildung oder Dentist ist mir dabei relativ egal. Ein Studium allein sagt noch nichts darüber aus, ob jemand den nötigen Durchblick hat. Wichtig ist, dass Menschen das, was sie tun, gründlich machen und sich immer wieder selbst hinterfragen.

In diesem Sinne bis zum nächsten Mal. Eure Denise.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Die Zähne sind gemacht: Zahnthematiken beim Pferd“