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Viele Therapeuten starten mit dem Wunsch: „Ich möchte lieber mit Tieren arbeiten als mit Menschen.“
Ein schöner Gedanke – aber auch einer, der schnell an Grenzen stößt.
Denn in der Tiertherapie, ob beim Pferd oder beim Hund, ist der Mensch immer Teil des Systems. Er ist derjenige, der das Tier täglich sieht, füttert, führt und beeinflusst – emotional, körperlich und energetisch.
In dieser Folge spreche ich darüber, warum erfolgreiche Tiertherapie immer auch gute Kommunikation mit Menschen bedeutet, warum dein eigenes Mindset entscheidend ist – und wie du lernst, mit herausfordernden Besitzern professionell umzugehen, ohne dich selbst dabei zu verlieren.
Wenn du als Therapeut:in lernen möchtest, Pferd und Mensch wirklich ganzheitlich zu begleiten, dann ist diese Folge genau das Richtige für dich.
Mehr Fachwissen und persönliche Einblicke findest du in meinem Newsletter unter horse-therapy-academy.de
Transkript:
Ich möchte mit Tieren arbeiten: Warum das als Motivation nicht reicht
Ich arbeite als Pferde-Osteotherapeutin und ganzheitliche Gesundheitstherapeutin für Pferde und als Ausbilderin für Therapeuten – angehende, frischgebackene oder auch schon länger auf dem Markt arbeitende –, die ich in meiner Horse Therapy Academy zu verschiedenen Themen weiterbilde. Ich zeige, was ich in knapp 20 Jahren Pferdetherapie gelernt habe, und möchte meine Erfahrung weitergeben, weil genau das hätte ich mir damals gewünscht. Ich würde nicht sagen, dass ich Expertin bin, denn das würde ja heißen, dass ich ausgelernt habe. Mein Blick bleibt immer offen, und ich beschäftige mich gerade auch gerne mit Themen, bei denen ich erst denke: Oh Gott, nein, das ist gar nicht meins.
Heute soll es in dieser eher spontanen Folge darum gehen, warum so viele Menschen Pferdetherapeuten werden möchten. Was ist der Beweggrund, und was ist dann die Realität?
Der häufigste Beweggrund
Die meisten werden Pferdetherapeuten, weil sie mit Pferden oder mit Tieren arbeiten möchten. Oder sie sagen: Mir fällt es schwer, mit Menschen zu arbeiten, ich möchte raus aus dem Büro und etwas anderes machen. Die Arbeit mit Pferden ist wahnsinnig erfüllend.
Mein eigener Beweggrund war ähnlich. Ich bin unter anderem Humanphysiotherapeutin, Sporttherapeutin, Sport- und Gymnastiklehrerin und war zunächst im Humanbereich unterwegs. Ich habe immer gesagt: Ich kann irgendwie nicht so gut mit Menschen, die Tiere sind mir lieber.
Aber ich kann euch sagen: Das sollte nicht der alleinige Grund sein, wenn wir mit Pferden arbeiten möchten. Denn meine Erfahrung zeigt, dass gerade heute, wo es so viele belastende oder fördernde Faktoren für die Gesundheit der Pferde gibt, immer auch der Mensch beteiligt ist. Es ist unerlässlich, dass wir als Therapeuten eine gute Kommunikation mit dem Pferdebesitzer haben.
Warum Meckern über Pferdebesitzer nicht weiterhilft
Wenn Themen aufkommen wie „warum setzt der das denn nicht um“ oder „die halten ihr Pferd verkehrt“, wird schnell geschimpft und gemeckert. Aber wir sollten uns eher fragen: Was ist jetzt meine Chance als Therapeut, Dinge zu erklären? Das heißt nicht, dass jede Erklärung ankommt – aber statt Energie ins Meckern über Haltungsbedingungen zu stecken, was auch mir manchmal schwerfällt, haben wir beim Kunden die Möglichkeit, mit den Tieren zu arbeiten. Der Mensch ist dabei immer mit im Raum.
Wenn wir uns mit Kommunikation und vor allem mit dem eigenen Mindset beschäftigen, haben wir die Chance, etwas zu verändern. Das kann durchaus frustrierend sein, wenn man immer wieder dasselbe erzählt und Dinge nicht umgesetzt werden. Als Therapeutin muss ich mich dann auch fragen: Habe ich das vielleicht nicht vernünftig vermittelt? Oder sind das einfach altbekannte, vertraute Gewohnheiten am Stall – etwa Reitweisen, die einfach so durchgeführt werden, weil sie Erfolg haben?
Solange Pferde auf Turnieren Erfolg haben oder Reiter mit Pferden reiten, die aus meiner Sicht nicht ganz artgerecht oder manchmal sogar missbräuchlich behandelt werden, besteht vielleicht nicht die Notwendigkeit, das zu hinterfragen. Manchmal muss man erst sehr tief fallen, oder ein Pferd entwickelt immer mehr Probleme, bevor der Besitzer die Möglichkeit ergreift, nicht nur Symptome zu behandeln, sondern das eigentliche Thema zu hinterfragen. Der Pferdebesitzer ist ein wahnsinnig wichtiges Element unserer Arbeit.
Die Realität nach der Ausbildung
Wer Pferdetherapeut werden möchte aus dem alleinigen Beweggrund „ich möchte mit Pferden oder Tieren arbeiten“ – so wie ich das damals auch gemacht habe, ich gebe es zu –, wird schnell in der Realität ankommen und merken: Das habe ich mir anders vorgestellt. Die Arbeit mit dem Pferd macht nur einen – wenn auch wichtigen – Teil aus.
Ein Pferdetherapeut ist in der Regel solo selbstständig unterwegs, betreibt also ein Unternehmen, teil- oder vollselbstständig. Dazu gehören Versicherungen, Buchhaltung, steuerliche Themen, das gesamte Termin-Management – und vor allem die Kommunikation mit dem Besitzer.
Meine eigene Erfahrung mit sozialer Erschöpfung
Ich habe früher in einer Humanpraxis gearbeitet und meine Arbeit dort eigentlich gerne gemacht. Trotzdem habe ich immer gesagt: Mit Menschen kann ich das schon, aber es ist für mich wahnsinnig anstrengend. Es war eine lange Reise zu verstehen, dass nicht die anderen das Problem waren, sondern im Grunde ich selbst.
Ich bin sehr introvertiert – das heißt nicht, dass ich nicht mit Menschen kommunizieren kann, aber soziale Interaktionen strengen mich sehr an. Deswegen fällt es mir zum Beispiel schwer, andere Therapeuten zu einer Behandlung mitzunehmen: Jemandem zwischen den Terminen zu erklären, was ich warum gemacht habe, und dabei in Kommunikation zu bleiben, ermüdet mich extrem. Es gibt Menschen, die aus sozialen Interaktionen Energie ziehen und sich nach Feierabend noch mit anderen treffen. Bei mir ist es umgekehrt: Nach vielen Kontakten oder einem ganzen Tag am Stall mit wirklich tollen Kunden bin ich erschöpft, so schön die Interaktionen mit Mensch und Pferd auch waren.
Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Ich bin von meiner Persönlichkeit her sehr introvertiert, und daran kann ich nicht viel ändern. Aber als Selbstständige habe ich die Möglichkeit, mir selbst meine Arbeitsregeln aufzuerlegen.
Die eigene Selbstständigkeit gestalten
Ich weiß mittlerweile, zu welchen Tageszeiten ich arbeiten kann. Frühmorgens bin ich hochproduktiv, konzentriert und fokussiert – spätnachmittags und abends dagegen habe ich wirklich Probleme. Ich nehme deshalb keine Abendtermine an: Zum einen ist es mir an den Reitställen abends oft zu unruhig, zum anderen bin ich dann einfach nicht mehr leistungsfähig. Bei den meisten anderen ist es umgekehrt.
Die eigentliche Frage sollte nicht sein „was ist meine Belastung“, sondern „was kann ich daraus machen, wie kann ich das verändern“. Ich bin nicht Gefangene meiner Selbstständigkeit, sondern kann mein Business selbst gestalten – ohne mich daran zu orientieren, wie andere das machen, die abends fahren, immer erreichbar sind oder zwischen Behandlungen lange Sprachnachrichten beantworten. Das ist völlig in Ordnung für die, die so arbeiten möchten. Ich selbst gehöre vermutlich zu den eher neurodivergenten Menschen mit einigen autistischen Zügen. Das macht mich aus – es befähigt mich, sehr analytisch und sensibel mit Pferden und den Bedingungen vor Ort umzugehen, ist aber auf der anderen Seite auch eine Belastung. Das ist immer eine Gratwanderung, mal zerbricht man an den eigenen Energiedefiziten, mal wächst man daran – abhängig von der Tagesform. Aber ich habe die Möglichkeit, das selbst zu gestalten.
Der Faktor Mensch bleibt entscheidend
Ich bin erst spät dahintergekommen, dass eigentlich ich selbst das Problem war. Seitdem ich meine eigenen Grenzen und Gefühle besser einordnen kann und ein besseres Mindset habe – mein Spezialinteresse außerhalb der Arbeit mit Pferden gilt der Psychologie, mit der ich mich sehr intensiv beschäftigt habe –, fällt es mir viel leichter, auf Menschen einzugehen, wirklich zuzuhören, zwischen den Zeilen zu lesen und den Besitzer viel mehr einzubeziehen.
Es geht nicht ohne. Wer mit der Idee startet, nur Pferde behandeln zu wollen, kann das versuchen, wird aber sehr schnell eines Besseren belehrt. Der Faktor Mindset ist in der Teil- wie in der Vollselbstständigkeit nicht zu unterschätzen. Auch die Pferde profitieren davon, wenn wir als Therapeuten selbst geerdet und mental fit sind – denn nur dann können wir wirklich erkennen, was das Problem eines anderen Lebewesens ist.
Kommunikation als Werkzeug
Es lohnt sich, sich mit dem eigenen Mindset zu beschäftigen und zu hinterfragen, wer hier eigentlich das Problem ist. Viele Menschen sind heute gestresster und erschöpfter und möchten schnell eine Lösung. Mir ist bewusst, dass ich mit dem Wissen, das ich weitergebe, nicht jeden erreiche – ich hinterfrage viele Glaubenssätze und Themen so, dass der eine oder andere erst einmal dichtmacht und denkt, das wirft das eigene Weltbild durcheinander, und sich für eine andere Therapeutin entscheidet. Das ist völlig in Ordnung.
Es geht darum, zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann, und die Chancen zu sehen in dem, was ich als Therapeutin bewirken kann. Das Einbeziehen des Besitzers ist dabei elementar. Wer damit anfangen möchte, kann sich zum Beispiel mit dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun beschäftigen – mit der Frage, auf welchen Ohren eine Botschaft ankommt und auf welchen Kanälen wir senden. Jeder Mensch schaut mit einer eigenen Brille auf die Welt, hat andere Schwerpunkte – das ist völlig in Ordnung. Therapie sollte individuell sein.
Grenzen setzen als Teil des Berufs
Das soll auch eine Ermutigung sein, sich selbst mental gesund zu halten und nicht zu glauben, man müsse in der Dauerschleife immer für alle Pferdebesitzer da sein. Als Therapeuten helfen wir gerne – das ist oft auch ein Beweggrund für die Ausbildung, ähnlich wie in Pflegeberufen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt: Für das Helfen muss ich auch bezahlt werden, um davon meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das bringt viele in einen inneren Konflikt – darf ich für Hilfe Geld nehmen? Ja, natürlich, es geht gar nicht anders.
Wer sich für jeden aufopfert und abends noch Zusatzinformationen heraussucht, überschreitet auf Dauer die eigenen Grenzen. Diesen wunderbaren Beruf kann man dann vielleicht nicht so lange oder in der Form ausüben, wie man sich das am Anfang vorgestellt hat.
Fazit
Es braucht etwas Mut, Grenzen zu setzen und sich mit den eigenen Themen und Schwachstellen auseinanderzusetzen. Wer als Pferdetherapeut arbeiten möchte, sollte sich bewusst sein, dass der Faktor Mensch – die Kommunikation mit dem Besitzer und das eigene Mindset – mindestens so wichtig ist wie die Arbeit am Pferd selbst.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Ich möchte mit Tieren arbeiten: Warum das als Motivation nicht reicht“