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Ist das wirklich Osteopathie, was da im Pferdebereich angeboten wird?

In dieser Folge spreche ich offen und ehrlich über ein sensibles Thema:
Was verstehen wir eigentlich unter Pferdeosteopathie – und ist das, was viele von uns praktizieren, wirklich Osteopathie?

Auslöser war ein Gespräch mit einem Human-Osteopathen, der mich gefragt hat, ob das, was ich tue, tatsächlich osteopathisches Arbeiten ist – oder einfach gute manuelle Therapie mit osteopathischem Denken.
Diese Frage hat mich nachhaltig beschäftigt und meine Arbeit tief beeinflusst.

Ich möchte in dieser Folge niemanden kritisieren, sondern zum Nachdenken anregen.
Denn Osteopathie ist mehr als das „ganze Pferd einmal durchzutesten“ – sie beruht auf einem tiefen Verständnis für Anatomie, Physiologie und funktionelle Zusammenhänge.

💬 In dieser Episode erfährst du:
– Warum der Begriff Osteopathie im Pferdebereich kaum geschützt ist
– Was echte osteopathische Denkweise bedeutet
– Wie konstruktive Kritik dich fachlich weiterbringen kann
– Warum es wichtig ist, die eigene Arbeit immer wieder zu reflektieren

Wenn du dich für fundierte, ganzheitliche Pferdetherapie interessierst und dein Verständnis für Zusammenhänge im Pferdekörper vertiefen möchtest, dann hör unbedingt rein – und trag dich gern in meinen Newsletter auf horse-therapy-academy.de ein.

Transkript:

Ist das wirklich Osteopathie? Ein ehrlicher Blick auf die Pferde-Osteopathie

Das Thema meiner heutigen Folge ist: Ist das wirklich Osteopathie, was wir da im Pferdebereich machen – und wohin gehend wird eigentlich ausgebildet? Ich möchte ein wenig darauf eingehen, dass Osteopathie nicht bedeutet, einfach nur mit osteopathischen, osteotherapeutischen, sanften Techniken zu arbeiten und das Pferd von vorne bis hinten durchzubehandeln. Auch wenn man neben der Physiotherapie vielleicht noch die kraniosakrale Therapie einbezieht oder ein paar viszerale Techniken beherrscht – aus meiner Sicht ist das noch lange keine Osteopathie. Wenn wir Richtung Human-Osteopathie schauen, dürften wir ein wenig Demut zeigen gegenüber dem, was dort gelernt wird.

Der Moment, der alles veränderte

Ich habe 2007 meine Pferde-Osteotherapie-Ausbildung am Deutschen Institut für Pferde-Osteopathie beendet, nach vorheriger Humanphysiotherapie- und Sportgymnastik-Ausbildung. Ich war überzeugt, osteopathisch beziehungsweise osteotherapeutisch zu arbeiten. Vor gut zehn Jahren beobachtete mich dann ein Human-Osteopath bei der Behandlung seiner Pferde und sagte anschließend ganz ruhig: „Das, was du machst, ist eine sehr gute manuelle Therapie – aber es ist keine Osteopathie, oder?“

Das hat wirklich gesessen und mir sehr zu denken gegeben. Es war gut, dass er es gesagt hat, und ich bin heute dankbar für diesen Spiegel. Er markiert für mich einen echten Wendepunkt – weg vom Sammeln einzelner Techniken und dem Aneinanderreihen von Durchbewegen, hin zu einer wirklich osteopathischen Anschauungsweise.

Was Osteopathie nicht ist

Osteopathie ist kein schneller Titel nach ein paar Wochenendmodulen, die man auf die Pferdephysiotherapie draufsetzt – das habe ich selbst nicht gemacht. Osteopathie bedeutet auch nicht, sich den Körper einfach als Ganzes anzuschauen und alles einmal gerade zu machen. Und es bedeutet nicht, zu den Mobilisationen der Gelenke sowie Massage- und Faszientechniken einfach noch ein paar kraniale, viszerale und Gelenktechniken abzuhaken. Es sollte auch kein Etikett fürs Marketing sein.

Was Osteopathie stattdessen ist

Aus meiner Sicht ist Osteopathie eher eine Denkweise – eine Anschauungsweise, die natürlich mit feiner Palpation einhergeht. Es geht um dieses vollständige Denken, das die einzelnen Systeme des Körpers, die ja immer zusammenarbeiten, miteinander in Bezug bringt: Wie sind die auf- und absteigenden Ketten im Körper, wie hängt was zusammen? Es ist im Grunde eine komplette Anschauung. Eine Kollegin hat es einmal so formuliert, und ich fand das wunderbar: Ein ganzes Leben reicht nicht aus, um wirklich Osteopath zu werden – man lernt immer weiter. Gerade im Pferdebereich sind wir dabei noch lange nicht so weit wie im Humanbereich.

Hinzu kommt: Wegen der Dicke der Bauchdecke sind wir im Pferdebereich viszeral eingeschränkt und können den Tonus von Faszien und organumgebenden Systemen nicht so fühlen wie beim Menschen.

Riesiger Respekt vor der Human-Osteopathie

Ich habe großen Respekt vor dem, was die Human-Osteopathie leistet. Wäre die Ausbildung nicht so zeit- und kostenintensiv, würde ich vermutlich noch tiefer in die Human-Osteopathie eintauchen, nur um meine Pferde-Osteopathie zu verbessern. Im Selbststudium versuche ich mir vieles anzueignen und zu prüfen, inwiefern es sich aufs Pferd übertragen lässt. Ich halte es für unerlässlich, dass man aus der Pferde-Osteopathie-Ausbildung heraus – selbst mit vorheriger Humanphysiotherapie – ein ganz anderes Bild von Anatomie und Physiologie bekommt. Die Humanphysiotherapie umfasst eine drei Jahre intensive Grundausbildung in Physiologie, Pathologie, Anatomie und Trainingslehre – und selbst danach hat man lange nicht ausgelernt.

Ein Vergleich: Lymphdrainage im Pferde- und Humanbereich

Ein anschauliches Beispiel ist die Lymphdrainage. Im Pferdebereich lässt man sich innerhalb eines Wochenendes zum Lymphdrainagetherapeuten weiterbilden. Im Humanbereich hatten wir die Lymphdrainage zwar ein ganzes Jahr lang als Fach, durften sie aber am Menschen noch gar nicht anwenden. Erst eine vierwöchige Vollzeit-Fortbildung im Bereich komplexe physikalische Entstauungstherapie erlaubte mir, das offiziell in der Praxis anzuwenden.

Auch im Humanbereich gibt es Grenzen: Selbst ein Human-Osteopath, der aufbauend auf seine Physiotherapie-Ausbildung fünf, sieben oder neun Jahre Osteopathie gelernt hat, darf sie am Menschen offiziell nur anwenden, wenn er zusätzlich den Heilpraktiker gemacht hat – sonst muss es anders benannt werden.

Vergleicht man das: Osteopathie im Humanbereich ist etwas Aufbauendes, während es im Pferdebereich mittlerweile auch für Laien möglich ist, sich innerhalb weniger Wochenenden zum Osteotherapeuten ausbilden zu lassen. Wer eine solche Ausbildung gemacht hat, hat definitiv einiges gelernt – aber aus meiner Sicht ist es einfach nicht möglich, sich innerhalb von zwei Jahren Wochenend-Fortbildung und Eigenstudium so viel Wissen anzueignen, wie es eigentlich bräuchte.

Eine ehrliche Selbsteinschätzung

Ich bin gerne diskussionsbereit, und wenn jemand im Human-Osteopathie-Bereich arbeitet und auch Pferde behandelt, freue ich mich über Austausch und Rückmeldung – auch darüber, ob ich hier zu pingelig bin. Ich behandle Pferde seit 18 Jahren, aber das Gefühl, wirklich osteotherapeutisch zu arbeiten und auf das gesamte Zusammenspiel im Organismus zu schauen, habe ich erst seit den letzten Jahren – und habe immer noch Lücken, die ich vermutlich immer haben werde.

Ich glaube auch, dass Osteopathie allein oft nicht ausreicht, weil andere Faktoren die Gesundheit ebenfalls stark beeinflussen. Ist die Basis gut, lassen sich damit enorme Erfolge feiern – aber wir sollten grundsätzlich über den Tellerrand hinausschauen. Wir befunden immer individuell, bilden Hypothesen, setzen Prioritäten in der Behandlung und versuchen, das komplette System zu integrieren.

Eine ungeschützte Bezeichnung

Die Bezeichnung „Pferde-Osteopath“ ist nicht geschützt. Jeder kann sie sich auf sein Auto schreiben, auch wenn nur ein paar osteopathische Techniken beherrscht werden – Techniken, die ich selbst übrigens auch unterrichte, in einem Wochenendmodul zu feinen osteotherapeutischen Techniken vom Kiefergelenk bis zum zervikothorakalen Übergang. Aber das macht niemanden zum Osteopathen, es gibt nur einen kleinen Einblick.

Da die Bezeichnung nicht geschützt ist, kann sich theoretisch jeder so nennen. Auch wenn viele ehrlich schreiben „ich bin Pferdephysiotherapeut, arbeite aber mit osteopathischen Techniken“ – der Pferdebesitzer wird das nicht unterscheiden können.

Was ich mir wünschen würde

Ich habe Demut vor der humanen Osteopathie – so viel, dass ich den Begriff Osteopathie trotz all meiner Ausbildungen für mich selbst vielleicht sogar streichen würde. Ich war durchaus zufrieden mit dem, was ich damals am DIPO gelernt habe. Trotzdem sollte uns das immer zum Weiterlernen antreiben, statt laut zu schreien. Erfahrung, wirkliches Hinhören und Hinfühlen ersetzen keine Berufsbezeichnung, ob geschützt oder nicht.

Ich würde mir wünschen, dass Osteopathie auch im Pferdebereich nur erlernt werden kann, wenn bereits ein Fundament vorhanden ist – etwa als Human-Physiotherapeut, Human-Mediziner oder als Pferde-Physiotherapeut mit einigen Jahren Berufserfahrung. Das ist nicht böse gemeint, sondern würde verhindern, dass mit einer Osteopathie geworben wird, die eigentlich keine ist. Es ist wirklich eine komplette Anschauung.

Ein Beispiel aus der eigenen Praxis

Ich fand es damals wirklich wertvoll, auch wenn es schmerzhaft war: Der Osteopath, der mich darauf aufmerksam machte, kam aus Frankreich und dessen Pferde ich behandelt habe. Wir hatten ein Behandlungsverhältnis, und seine offene Rückmeldung fand ich im Nachhinein großartig. Wenn wir immer nur hinterm Berg halten, was wir denken, bringt das niemanden weiter. Ich möchte mit dieser Folge Impulse geben, zum Nachdenken anregen – damit niemand nach einem Wochenende viszeraler Osteopathie am Pferd meint, jetzt schon osteopathisch zu arbeiten.

Fazit

Osteopathie ist kein Sammeln von Techniken, sondern eine Anschauung. Demut gegenüber der humanen Osteopathie und gegenüber dem, was sich im Pferdebereich noch entwickeln wird, gehört für mich untrennbar dazu – denn nichts ist so beständig wie der Wandel. Auch wenn nicht alle Methoden, mit denen wir arbeiten, wissenschaftlich vollständig belegt sind, sollten wir uns selbst immer wieder hinterfragen und reflektieren, auch wenn das manchmal wehtut.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Ist das wirklich Osteopathie? Ein ehrlicher Blick auf die Pferde-Osteopathie“