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Wenn man weiß, wie es geht, ist es einfach – dieser simple Satz steckt voller Tiefe für die Pferdetherapie.
In dieser Folge geht es darum, warum echtes Verstehen von Anatomie und Biomechanik wichtiger ist als die hundertste Technik, und warum Grundlagenwissen langfristig mehr bringt als die nächste neue Methode.
Außerdem: warum ein ruhiger, unaufgeregter Weg in Fortbildung und Podcast genauso trägt wie ein lauter.
Transkript:
Pferdetherapie: Wenn du weißt, wie es geht, ist es einfach
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“. Heute geht es um einen Satz, der sehr simpel klingt, aber viel Tiefe hat: Wenn man weiß, wie es geht, ist es einfach. Das gilt auch in der Pferdephysiotherapie oder Pferdeosteopathie. Ich möchte euch in dieser Folge zeigen, warum echtes Verstehen in der Pferdetherapie so viel wichtiger ist als die hundertste Technik – und warum es sich lohnt, Dinge wirklich von Grund auf zu durchdringen, fachlich, anatomisch, aber manchmal auch persönlich.
Denn auch das Thema Mindset finde ich als Therapeutin ganz, ganz wichtig. Die Pferde sind immer so schön geerdet, wenn wir sie behandeln, und die Arbeit profitiert total davon, sich auch mit dem eigenen Mindset, den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen. Wenn man seine eigenen Gefühle, Schwächen, Stärken und Grenzen kennt, ist man auch in der Lage, die von anderen – und somit auch von diesen sensiblen Lebewesen – zu erfassen und einzubeziehen. Für mich ist der Zugang zum Pferd und der wertschätzende Umgang mit jeder einzelnen Persönlichkeit des Pferdes ein wichtiger Bestandteil einer guten Therapie.
Warum die Technik nicht das Entscheidende ist
Ich bekomme ganz oft Fragen von Therapeuten wie: Welche Technik ist die beste, um einen bestimmten Bereich, einen bestimmten Wirbel zu mobilisieren? Was mache ich bei einer ISG-Blockade? Wie behandle ich den fünften Lendenwirbel? Wie kann ich diesen oder jenen Muskel lösen? Aber ehrlich gesagt geht es mir darum primär gar nicht. Die Technik ist am Ende das Ergebnis von dem Wissen, das wir uns aneignen. Was wirklich zählt, ist zu verstehen, wie eine Struktur funktioniert, warum sie reagiert und was sie braucht.
Wenn ich das wirklich visualisiert und verstanden habe, wie eine Struktur aufgebaut ist und wie sie zusammenhängt, kann ich individuell entscheiden, wie ich arbeite – angepasst an das Pferd, an das Gewebe und an die Situation. Pferde sind so wahnsinnig individuell, dass sie auch auf unterschiedliche Techniken sehr unterschiedlich reagieren. Deshalb ist es gut, verschiedene Techniken zur Verfügung zu haben. Aber ich arbeite nicht nach Lehrbuch: Wenn mir ein Pferd mit einer Arthrose in der unteren Halswirbelsäule vorgestellt wird, arbeite ich nicht stur nach Technik XY. Ich behandle nicht das arthrotische Pferd, sondern das Pferd mit all seinen Merkmalen, mental und körperlich – vor allem, indem ich nach der Ursache schaue.
Natürlich ist es wichtig zu wissen, welche strukturellen Befunde vorliegen, das macht das Pferd aber nicht aus. Genauso wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen und zu wissen, wann man ein Pferd zur bildgebenden Untersuchung schickt und wann das relevant ist – und wann nicht. Das ist ganz wichtig, ohne dabei in Schubladen zu denken, etwa „jetzt kommt das Pferd mit der Muskelstoffwechselerkrankung“ oder „das Magenpferd“ oder „das Pferd mit der Arthrose im Sprunggelenk“. Das ist nicht meine Art, Pferde zu behandeln – ein Befund ist immer nur ein Teil der Behandlung.
Warum ich Grundlagen vermittle statt der nächsten Methode
Deshalb ist es auch nicht mein Ziel in meinen Fortbildungen, Online-Seminaren und 1-zu-1-Coachings, die nächste große Methode zu präsentieren. Ich will Grundlagen vermitteln. Die Methode, die Technik, ist dann oft relativ einfach – ein solides Fundament, auf dem alles andere aufbauen kann. Viele Therapeuten, vor allem Quereinsteiger, nutzen meine Inputs oder begleiten mich gerne bei Behandlungen, um sich genau dieses Fundament zu erarbeiten.
Wer schon mal mit mir unterwegs war, weiß: Ich erkläre während einer Behandlung nur selten und sehr ungern. Nicht, weil ich das nicht möchte, sondern weil ich während der Behandlung beim Kundenpferd ganz beim Pferd bin. Beim 1-zu-1-Coaching sieht das natürlich anders aus – da bin ich da, um dem Therapeuten individuell maßgeschneidert Dinge zu erklären. Aber wenn ich beim Kundenpferd bin, steht das Pferd im Vordergrund, nicht der Therapeut. Es bringt niemandem etwas, wenn ich während der Behandlung sage „ich bewege jetzt diese Struktur nach links und rechts“, denn ohne echtes Verständnis für die Struktur dahinter bleibt es bei einer Technik ohne Tiefe. Was langfristig weiterhilft, ist das Wissen darum, warum ich etwas tue, wie Anatomie und Biomechanik zusammenwirken – und dazu kommt eine gute taktile Wahrnehmung, aber auch andere Wahrnehmungskanäle sind in Physiotherapie und Osteopathie genauso wichtig.
Verstehen statt auswendig lernen
Ich arbeite nach wie vor unheimlich gerne mit den Händen und sehr gerne mit Menschen, die genau das wissen wollen. Menschen, die nicht sagen „das ist aber nicht prüfungsrelevant, also lerne ich das nicht“, sondern die fragen: Was macht das vegetative Nervensystem? Wie beeinflusst Calcium die Muskelarbeit? Nicht nur auswendig lernen, was an den Calciumkanälen in der Muskelzelle an der Übertragungsstelle zwischen Nerv und Muskel passiert, sondern es wirklich verstehen wollen.
Gerade in der osteopathischen Arbeit ist dieses Verständnis zentral, denn Osteopathie ist eine Hands-on-Therapie. Sie lebt davon, dass wir mit den eigenen Händen fühlen, verstehen und umsetzen. Ich bin kein großer Fan von tausend Geräten oder technischen Hilfsmitteln – es gibt natürlich Apparate, die sinnvoll eingesetzt werden können, aber das Entscheidende passiert für mich in der eigenen Wahrnehmung. Solche Geräte können eine tolle Unterstützung sein, aber als alleinige Therapie bleiben sie oft nur symptomatisch, das entspricht einfach nicht meiner Arbeitsweise. Wenn jemand lieber mit Geräten arbeitet, ist das völlig in Ordnung – die haben mit Sicherheit auch tolle Effekte. Ich selbst bin aber sehr gerne in der direkten Verbindung zwischen Therapeut und Pferd, und dafür brauche ich nicht mehr Techniken, sondern mehr Verständnis.
Ein ruhiger Weg statt lauter Methoden
Ich weiß, dass mein Weg – auch wenn ich diesen Podcast mache und bei Instagram recht aktiv bin – kein lauter Weg ist. Ich habe lange damit gehadert, überhaupt zu Social Media zu gehen, weil ich grundsätzlich introvertiert bin. Das bedeutet nicht, dass ich nicht offen mit Menschen umgehen kann oder nicht gerne erzähle, erkläre und unterrichte – aber ich erkläre einfach eher ruhig, fundiert und hoffentlich tiefgehend, und möchte nicht mit denen mithalten, die laut sein können. Das ist genauso in Ordnung, jeder ist ein anderer Typ, und es gibt Menschen, die eben zu mir und meiner Art passen.
Ich werbe nicht mit schnellen Lösungen oder Wundermethoden. Aber ich sehe, dass dieser ruhige Weg trägt – gerade in der Prüfungsvorbereitung oder für Therapeuten, die in manchen Themen noch unsicher sind, die wirklich Verantwortung übernehmen und langfristig wirkungsvoll arbeiten möchten. Wenn dieser Podcast für dich hilfreich ist, freue ich mich, wenn du ihn bewertest, weiterempfiehlst oder meinen Newsletter abonnierst, falls du das noch nicht getan hast. So bleibt der Weg ruhig, aber sinnvoll, und wir erreichen gemeinsam mehr Menschen, die ähnlich ticken und wirklich verstehen wollen, was sie tun.
Warum echtes Verstehen im Alltag hilft
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig echtes Verstehen ist. Ich bin zum Beispiel auditiv sehr sensibel, das war ich schon als Kind. Wenn bei einer Behandlung gleichzeitig gesprochen wird, ein Laubbläser angeht oder andere Störgeräusche im Hintergrund sind – was sich gerade an Reitställen manchmal nicht vermeiden lässt, weil dort Arbeiten erledigt werden müssen –, dann kann ich das besser ertragen, wenn ich weiß, dass diese Geräusche einen Sinn haben, etwa weil ein Hallendach repariert wird oder Heu transportiert werden muss. Unnötige Geräusche wie lautes Kaugummikauen mit offenem Mund oder laute Gespräche direkt hinter meinem Rücken, während ich versuche, mich auf das Pferd zu konzentrieren, finde ich dagegen extrem anstrengend. Aber wenn ich verstehe, warum mein Gehirn das nicht gut filtern kann, kann ich damit besser umgehen.
Ein anderes Beispiel: Ich habe im Moment ein Pubertier zu Hause. Wenn mein 13-jähriges Kind eine Diskussion anfängt, hilft mir das Verständnis dafür, dass es in diesem Alter ganz normal und physiologisch ist, sich abzugrenzen, autonom zu werden und aus der vorherigen abhängigen Bindung herauszutreten. Auch wenn ich an manchen Tagen nicht das Nervenkostüm habe, das gelassen hinzunehmen, weiß ich im Kern: Es ist normal, und ich muss es nicht persönlich nehmen. Es ist sogar wichtig, dass er diskutiert, damit er sich gut entwickelt.
Genau dieses Bedürfnis nach Verstehen zieht sich durch alles, was ich tue. Ich möchte wissen, warum Dinge so funktionieren, sie sollen einen Sinn haben. Das ist mit Sicherheit auch ein Stück weit neurodivergent, wie auch immer man das einordnen möchte – mir hilft es jedenfalls, zu wissen, wie ich ticke und wie Pferde ticken, die eben auch anders ticken als Menschen. Wir sollten nicht alles vermenschlichen und Dinge nicht einfach so tun, weil man sie eben so macht. Ich muss immer Sinn und Zusammenhang dahinter verstehen, und das gebe ich weiter. Ich bin mir sicher, dass es einigen von euch ganz ähnlich geht.
Verstehen statt auswendig lernen – auch in der Vermittlung
Ich will Inhalte so vermitteln, dass sie wirklich greifen, auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen ankommen und angewendet werden können – Dinge, die sofort von Therapeuten oder anderen Interessierten umgesetzt werden können. Es soll nicht nur auswendig gelernt werden, wie zum Beispiel die Muskelphysiologie abläuft, sondern verstanden werden, was Calcium im Muskel bewirkt und welche Konsequenzen eine Über- oder Unterversorgung hat. Dieser Übertrag auf die Praxis ist entscheidend: Was bedeutet ein falsches Calcium-Phosphor-Verhältnis im Futter für den Muskel, für das Nervensystem? Das ist manchmal anstrengend zu durchdenken, aber sehr sinnvoll, wenn man es einmal verstanden hat.
In einem Kurs mit Reiterinnen, den ich neulich auf dem Freizeitreiter-Festival gegeben habe, habe ich das anschaulich am Modell der Wirbelsäule erklärt – wie das Tragen des Reitergewichts funktioniert. Da entstanden diese wunderschönen Aha-Momente, die ich mir bei Reitschülern, Pferdebesitzern und Therapeuten immer wieder wünsche: Wenn Teilnehmer plötzlich sagen „jetzt verstehe ich endlich, was meine Reitlehrerin meint, wenn sie vom vorderen Bewegungszentrum spricht und dass sich die Halsbasis anheben oder stabil halten soll“ – und die Dinge einfach viel besser visualisieren können.
Zwei, drei echte Aha-Momente pro Fortbildung reichen völlig aus, aber sie sollen bleiben und Denken, Fühlen und Handeln verändern. Dazu gehört auch Demut vor allem, was ich noch lernen werde, und davor, dass das, was ich heute erzähle, morgen wieder infrage gestellt werden kann. Ich würde mich nicht als Expertin bezeichnen, denn dann hört man aus meiner Sicht auf zu lernen. Aber ich versuche, mich fundiert mit den Themen zu beschäftigen, das Wissen weiterzugeben und dabei gleichzeitig auf die Pferde zu hören.
Wenn man weiß, wie es geht, ist es einfach – nicht, weil die Dinge dadurch weniger komplex werden, sie werden mit mehr Wissen sogar noch komplexer. Das kann manchmal anstrengender sein, weil man so viel mitdenkt und analysiert, aber gleichzeitig auch einfacher, weil echtes Verstehen Orientierung gibt: für sich selbst, für die Arbeit mit dem Pferd und für den verantwortungsvollen Beruf, den wir ausüben.
Ich bedanke mich fürs Zuhören. Gerne teilen, weitergeben und meinen Podcast bewerten. Mehr Inhalte gibt es wie immer auf meinem Instagram-Kanal, auf meiner Homepage horse-therapy-academy.de und über den Newsletter, mit regelmäßigen Einblicken, Webinaren und neuen Angeboten. Bis zur nächsten Folge – wir hören und sehen uns. Ich wünsche euch einen guten Start in den Tag.