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Großbaustelle Pferd: Wo fange ich an zu behandeln?

Wie finde ich als Therapeut heraus, was mit dem Pferd wirklich los ist? Diese Frage begegnet vor allem jüngeren Pferdephysiotherapeuten und -osteopathen immer wieder – und eine Abkürzung gibt es dafür nicht.

In dieser Folge geht es um den Weg von der fundierten Anatomie- und Physiologie-Basis über die Anamnese bis zur vollen Präsenz während der eigentlichen Behandlung. Dazu gehört auch, warum nicht jeder Röntgenbefund automatisch das eigentliche Problem des Pferdes ist.

Transkript:

Großbaustelle Pferd: Wo fange ich an zu behandeln?

Mein Motto, mit dem ich beruflich und privat durchs Leben gehe, heißt „Love it, change it or leave it.“ Die heutige Podcast-Folge hat ein Thema, mit dem mich sehr viele Physiotherapeuten oder Osteotherapeuten konfrontiert haben – gerade die, die noch nicht ganz so lange auf dem Markt sind und noch nicht so viel Erfahrung haben. Immer wieder stellt sich die Frage: Wie finde ich heraus, was das Pferd hat? Deswegen heißt die heutige Folge „Großbaustelle tierischer Patient. Wo fange ich an?“ Und ich kann euch vorab schon sagen: Es gibt keine Abkürzung.

Es führt kein Weg an der Basis vorbei

Keine Abkürzung, sich mit Anatomie und Physiologie immer wieder zu beschäftigen. Es dauert wirklich Jahre. Die Physio- oder Osteotherapieausbildung ist in den heutigen Ausbildungssystemen ja keine anerkannte Berufsausbildung, und viele starten ohne medizinische Vorkenntnisse – was keinesfalls verwerflich ist. Aber das bedeutet für mich, dass zu Hause eine Menge Mehrarbeit geleistet und eine Menge gelernt werden muss. Da geht kein Weg dran vorbei.

Ich selbst habe 2005 meine Weiterbildung am Deutschen Institut für Pferdeosteopathie begonnen. Damals gab es noch nicht so viele Institute, aber ich würde es auch heute wieder genauso machen, um eine gute Basis zu haben. Ich wollte die Pferde-Osteopathie erlernen und hatte mich deshalb zuerst zur Human-Physiotherapeutin ausbilden lassen: erst drei Jahre zur Sport- und Gymnastiklehrerin, dann parallel zur Sporttherapeutin und dann zur Human-Physiotherapeutin, weil ich unbedingt am DIPO die Pferde-Osteopathie erlernen wollte.

Ich bin froh, dass ich diesen Weg gegangen bin – und dankbar, dass das DIPO bis heute nur Physiotherapeuten aus dem Humanbereich zur Pferde-Osteopathie-Ausbildung zulässt. Es gibt natürlich auch andere Osteopathie-Ausbildungen am Pferd, die sich so nennen. Ob es dann wirklich Osteopathie ist, ist eine andere Frage. Aus meiner Sicht ist Osteopathie etwas Aufbauendes, das erst einmal eine Menge Basiswissen voraussetzt.

Der Moment vor dem ersten echten Patienten

Ich bilde selbst Pferdephysiotherapeuten aus und struggle immer wieder mit mir, ob ich das weitermachen möchte. Denn viele Ausbildungswege in der Pferdetherapie gehen heute ziemlich schnell – das sage ich völlig wertfrei. Man lernt viele Techniken, bekommt ein gutes Grundgerüst an die Hand und steht dann am ersten oder zweiten echten Patienten und fragt sich: Wo genau ist das Problem, was mache ich jetzt? Das ist absolut keine Schwäche, sondern eine ganz normale Reaktion.

Es gibt auch Therapeuten, die nach der Ausbildung denken, sie wären jetzt „King of the Road“ und etwas wenig demütig sind. Das ist aus meiner Sicht eine schlechte Basis. Man sollte immer in der Lage sein, noch mehr zu wissen und zu erfahren. Ich mache das jetzt seit 18 Jahren und lerne immer noch weiter. Schaue ich mir ein Pferd nach einem halben Jahr noch einmal an, habe ich in dieser Zeit schon wieder eine Menge Wissen gesammelt – und stelle vielleicht das eine oder andere infrage, was ich vor fünf, sechs Jahren einem Pferdebesitzer vermittelt habe. Wichtig ist, nicht zu glauben, man wäre schon Experte – sonst hört man auf zu lernen.

Warum es die eine Technik nicht gibt

Bei Therapeuten besteht oft die Hoffnung, dass es da draußen doch irgendwo diese eine Technik gibt, mit der sich einfach alle Probleme lösen lassen – eine Art eierlegende Wollmilchsau-Therapie. Die gibt es nicht. Wirklich nicht. Wir müssen verstehen, was wir tun. Das ist für mich die Grundlage einer guten Behandlung. Kommt dann noch Erfahrung dazu, ist das umso besser.

Der Körper hängt immer zusammen, Pferde sollten wir immer ganzheitlich betrachten. Aber dafür ist es wichtig, einige Dinge erst einmal isoliert voneinander zu betrachten. Je mehr Ideen man davon hat, wie etwas physiologisch funktioniert oder wie häufige Zusammenhänge sind, desto mehr kann man beim Pferd herausfinden. Und je breiter man aufgestellt ist – physiotherapeutisch, osteopathisch –, desto besser.

Ursachenorientiert behandeln, nicht Symptome verwalten

Mein Bestreben ist nicht, immer wieder alle paar Wochen zum selben Pferd zu kommen. Bei einer chronischen Erkrankung kann häufigere Unterstützung natürlich wichtig sein. Aber meine Idee von Behandlung ist, die Abstände zwischen den Terminen größer werden zu lassen und den Besitzern die richtigen Ideen mitzugeben – auch wenn das ganz wenig geschäftstüchtig klingt. Die Behandlung soll Mehrwert haben und dem Pferdebesitzer langfristig verhelfen, dass das Pferd weniger Behandlung braucht.

Das ist das Ziel: ursachenorientiert zu behandeln. Aber dafür muss man erst einmal die Ursache finden.

Woran ich mich orientiere: die Anamnese

Wenn mir ein Pferd vorgestellt wird, ist meine erste Frage oft: Was war das erste Symptom, das je aufgefallen ist? Gerade wenn das Pferd schon länger Auffälligkeiten zeigt. Dann: Wann ist es besser, wann schlechter? Was hat geholfen, was verstärkt die Symptome? Aus dieser gründlichen Anamnese bekomme ich wichtige Hinweise. Trotzdem muss ich hinterfragen, wenn mir der Besitzer sagt, das Pferd werde „mit ganz feiner Hand“ geritten – solche Aussagen sind relativ und dürfen gerne hinterfragt werden.

Ich nehme das Gesagte wahr, kann es aber aufgrund meiner Erfahrung einordnen: Wie sollten sich Pferde, die etwa auf L-Niveau geritten werden, muskulär anfühlen und aufgestellt sein? So gleiche ich ab, ob das, was der Besitzer berichtet, tatsächlich passt.

Der erste Eindruck, bevor die Hände das Pferd berühren

Der erste Eindruck ist entscheidend – auch über die eigenen Sinneskanäle. Was sehe ich, bevor ich das Pferd überhaupt anfasse? Ist es gestresst, matt, angespannt? Hat es immer wieder eine bestimmte Körperposition, mag es ein Bein nicht belasten? Stimmen die Proportionen, der Ausdruck, die Körpersprache? Ein fünfjähriges Pferd sollte auch wie ein fünfjähriges aussehen, ein zweijähriges wie ein zweijähriges – gerade bei Warmblütern darf das noch etwas schlaksig sein. Sieht ein Zweijähriger schon sehr „proper“ aus, ist das für mich bereits ein Hinweis in eine nicht ganz passende Richtung.

Ich schaue mir das Pferd in Bewegung an, aber nie isoliert, sondern immer im Abgleich mit dem Exterieur. Zuerst im Stand: Wie ist das Exterieur, und welche Bewegung erwarte ich aufgrund dessen und des Trainingszustands? Passt das zusammen? Ein Pferd mit steiler Schulter wird nie so raumgreifend traben wie eines mit einer sehr flachen Schulter. Zeigt ein funktionell eingeschränktes Pferd nur ganz kurze, gebundene Tritte, ist das auffällig – aber ich vergleiche nie Pferd A direkt mit Pferd B, sondern schaue, was das jeweilige Pferd an Grundbeweglichkeit, Exterieur, Wesen und Rasse mitbringt.

Volle Präsenz während der Behandlung

Schon beim ersten Abtasten zeigt mir das Pferd, wo seine Baustellen sind – wo es sich nicht gerne anfassen lässt oder stärker reagiert. Schwieriger ist es bei Pferden, die phlegmatisch geworden sind und wenig zeigen, aber auch da lässt sich mit aufgebautem Vertrauen etwas herausfinden.

Am Anfang der Behandlung habe ich viele Puzzlestücke, und es werden während der Anamnese und des Fühlens immer mehr. Während ich das Pferd untersuche, bin ich voll präsent – kein Smalltalk mit dem Besitzer während der Behandlung selbst, wohl aber davor und danach. Volle Konzentration liegt auf dem Pferd, denn nur so finde ich heraus, was mit ihm ist.

Das Pferd verrät, was los ist – aber nur, wenn man ihm zuhört. Und das Pferd zeigt seine Schwachstelle meistens nicht direkt, vor allem nicht, wenn es einem nicht vertraut. Beziehung, Vertrauen und Kommunikation sind dabei kein esoterischer Gedanke, sondern neurophysiologische Realität: Nur wenn sich das Nervensystem des Pferdes sicher fühlt, geht es in Kommunikation und lässt uns an seine Schwachstellen heran.

Nicht jeder Befund ist das eigentliche Problem

Nicht jeder Röntgenbefund und nicht jede irgendwann diagnostizierte Blockade ist auch wirklich das Problem des Pferdes. Da hilft nur eins: denken, fühlen, kombinieren, Puzzleteile zusammensuchen und Erfahrung sammeln. Das klingt nach Arbeit – und das ist es auch, sehr viel Arbeit neben der eigentlichen Arbeit. Ich bilde mich neben meinen Kundenterminen ständig weiter, nicht um perfekt zu werden, sondern um mein Wissen immer wieder zu hinterfragen. Dabei suche ich mir bewusst auch die Themen heraus, die mir eher zuwider sind, statt nur das zu bestätigen, was ich ohnehin schon denke.

Irgendwann passiert es: Man legt die Hand auf ein Pferd, beobachtet die Bewegung und weiß einfach, wo man ansetzen muss. Das ist kein Glück und kein Talent, sondern das Ergebnis von dem, was man Lernen nennt.

Der eigene rote Faden

Wer tiefer einsteigen möchte, sollte sich möglichst viele Informationen holen – auch von unterschiedlichen Dozenten, nicht nur von mir. Gerade kontroverse Sichtweisen anzusehen und von anderen zu lernen ist wichtig. Auch in der Physiotherapie-Ausbildung, die wir anbieten, unterrichten sehr unterschiedliche Dozenten mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen. Medizin ist nicht schwarz-weiß, und jeder entwickelt seine eigene Art zu arbeiten – die auch zum eigenen Persönlichkeitstyp passen darf. Es lohnt sich, sich mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen, damit klar wird, wo man als Therapeut noch Nachholbedarf hat – auch in der Kommunikation mit dem Besitzer.

Fazit

Es gibt keine Abkürzungen, aber es gibt einen Weg. Und wer bereit ist, ihn zu gehen, wird ihn auch gehen können.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Großbaustelle tierischer Patient: Wo fange ich an zu behandeln?“