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Die wichtigste Frage in jeder Behandlung lautet: Warum?
In dieser Folge geht es anhand mehrerer Fallbeispiele darum, wie tief man graben muss, um die eigentliche Ursache hinter einer Ursache zu finden – von einer berührungsempfindlichen Stute mit einer Zahnextraktion in der Vorgeschichte bis zu einem jungen Wallach mit Taktstörungen.
Ein besonders persönliches Beispiel aus der eigenen Gesundheitsgeschichte zeigt zusätzlich, wie sich hinter Depression und Schilddrüsenthematik noch eine weitere, tiefer liegende Ursache verbergen kann.
Transkript:
Ursachen hinter Ursachen
Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“, und das Motto, mit dem ich durchs Leben gehe, heißt „Love it, change it or leave it“. Das Thema der heutigen Episode ist Ursachen hinter Ursachen.
Ich möchte heute mal relativ frei sprechen, ohne mein sonst übliches Skript, und anhand einiger Beispiele erzählen, was Ursachen hinter Ursachen sein können. Mancher Pferdebesitzer ist ja schon froh, wenn überhaupt die Schwachstelle des Pferdes gefunden wurde. Die wichtigste Frage, die ich mir in Behandlungen stelle, ist aber immer: Warum? Und da geht es dann schon etwas tiefer.
Der erste Eindruck vor der Haustür
Wenn ich mir Pferde in ihrem Zuhause anschaue, habe ich nicht nur einen Blick auf das einzelne Pferd, sondern schon beim Aussteigen aus dem Auto einen Rundumblick: Wie ist die Stimmung am Stall, was ist da für eine Energie? Ich glaube, das nehme ich ziemlich gut wahr – ob Spannungen da sind, ob insgesamt eine entspannte Energie herrscht oder ob es etwas aufgeladen wirkt. Das kann mit dem Ort zusammenhängen, manchmal auch mit den Menschen, die dort sind, manchmal mit einer Herde, die nicht ganz zusammenpasst. Auch andere Stressfaktoren spielen eine Rolle, etwa die Lage eines Hofes direkt am Flughafen oder an der Autobahn.
Wir kennen das ja auch von uns selbst: Auch wenn wir uns an Flug-, Bahn- oder Autobahnlärm gewöhnen, macht das subtil trotzdem etwas mit den Stresshormonen im Körper. Selbst wenn wir es nicht direkt bewusst wahrnehmen, wirkt sich ständiger Lärm, wenn es eben selten wirklich still ist, auf das Nervensystem aus. Man muss dabei natürlich vorsichtig sein, das nicht eins zu eins vom Menschen aufs Pferd zu übertragen – aber es ist durchaus bekannt, dass Pferde, die in der Nähe unruhiger Verkehrsstellen stehen, eher zu Stressthematiken neigen. Solche Pferde begegnen mir auffällig oft mit einem zusätzlichen Magenthema.
Der Magen als häufiger, aber selten alleiniger Faktor
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pferd Magenthemen hat, ist grundsätzlich größer als die Wahrscheinlichkeit, dass es keine hat – je nach Rasse und Aufzucht variiert das natürlich. Das ist definitiv ein Faktor, der in vielen meiner Behandlungen immer wieder mit hineinspielt, angefangen beim Verdauungstrakt insgesamt: Maul, Speiseröhre, Magen, und darüber hinaus auch Probleme im Darmbereich. Aber auch eine Magenthematik hat selbst wieder eine Ursache.
Ich muss mich manchmal sehr zurückhalten, wenn ich in Foren Beiträge lese wie „Mein Pferd hat Magenprobleme, schreibt mal, mit welchen Futtermitteln ihr gute Erfahrungen gemacht habt.“ Es kann bei Pferden mit starker Magenthematik durchaus sinnvoll sein, mit gezielter Unterstützung zu arbeiten, ob schulmedizinisch oder aus der Phytotherapie. Aber die eigentlich interessante Frage bleibt: Was ist die Ursache hinter den magenbedingten Thematiken? Und da kommen wir immer wieder zu den Basics, ohne die Gesundheit grundsätzlich nicht funktioniert: Haltung, Fütterung, Training, der Faktor Mensch und Umweltfaktoren.
Warum Struktur in der Behandlung so wichtig ist
Ich möchte anhand einiger Beispiele zeigen, dass es eben nicht so einfach ist, wie es manchmal dargestellt wird. Für viele besorgte Pferdebesitzer ist es enorm hilfreich, wenn Behandlungen sehr strukturiert angegangen werden. Jeder Therapeut hat dabei natürlich seinen eigenen Blick, seine eigene „Brille“ – ich versuche selbst, meine Brillen je nach Thematik zu wechseln. Trotzdem hat jeder unterschiedliche Schwerpunkte: der eine mehr im Bereich Fütterung, der nächste mehr in der manuellen Therapie, ein anderer im Training. Am Ende kommen wir aber oft zu einem ähnlichen Ergebnis, weil wir alle daran arbeiten, Energie umzuleiten, Schwachpunkte herauszuarbeiten und das Pferd von verschiedenen Seiten anzugehen.
Wichtig ist, ein Auge auf alle Bereiche zu haben. Ich selbst lege großen Wert darauf, dass Pferde richtig, gut und fair trainiert werden – auch wenn ich das Training nicht selbst durchführe. Trotzdem kann ich beim Beobachten eines Pferdes im Training gut einschätzen, ob es ein Schmerzgesicht zeigt, ob eine gezeigte Aufrichtung reell ist, ob es einen zufriedenen Eindruck macht und ob es körperlich wie geistig überhaupt in der Lage ist, die gewünschte Lektion zu absolvieren. Ich kann Impulse geben und gute Trainer empfehlen, auch wenn ich nicht selbst unterrichte.
Bewegungsmangel: ein Problem für Pferd und Mensch
Bewegungsmangel ist aus meiner Sicht nicht nur bei Pferden, sondern auch bei uns Menschen ein riesiges Problem. Wir sind es gewohnt, dass uns vieles abgenommen und erleichtert wird, und das schlägt uns aus meiner Sicht regelrecht um die Ohren. Ich bin selbst aktive Fahrradfahrerin – wirklich Fahrrad, kein E-Bike –, und ich finde es erschreckend, wie viele Menschen, auch deutlich jüngere als ich, mittlerweile fast ausnahmslos mit dem E-Bike unterwegs sind, selbst für die kleinsten Strecken. Ich sage nicht pauschal, dass E-Bikes grundsätzlich falsch sind – als zusätzliches Mittel, um mit einem Partner oder einer Gruppe mitzuhalten, haben sie durchaus ihre Berechtigung. Aber wenn sie ausschließlich zur reinen Fortbewegung genutzt werden, glaube ich nicht, dass uns das gesundheitlich weiterbringt.
Angesichts der Beiträge, die jeden Monat für die Krankenkasse von meinem Konto abgebucht werden – ich würde mir eine echte Gesundheitskasse wünschen, keine reine Krankenkasse –, tue ich selbst sehr viel aktiv für meine Gesundheit und ärgere mich manchmal darüber, wie es um das Bewegungs- und Ernährungsverhalten mancher Menschen bestellt ist, obwohl ich weiß, dass ich das nicht beeinflussen kann. Am Ende zahlen wir alle für die gesundheitlichen „Sünden“ der Allgemeinheit mit.
Auch Pferde werden oft viel zu wenig bewegt. Nur weil ich Reiter nicht aktiv anleite oder selbst Unterricht gebe, heißt das nicht, dass Training kein enorm wichtiger Faktor wäre. Zucker und Stärke im Heu gab es früher auch schon, aber Pferde haben sich früher insgesamt mehr bewegt und standen nicht nur herum. Eine Stunde Training am Tag ist für ein Sportpferd im Grunde nichts – ein Sportpferd wird nicht dadurch zum Sportpferd, dass es jeden Tag eine Stunde bewegt wird, selbst wenn diese Stunde etwas anstrengender ist. Für die meisten Pferde, erst recht für Arbeits- und Robustrassen, ist das schlicht keine nennenswerte Arbeit.
Fallbeispiel: die berührungsempfindliche Stute
Ich möchte noch ein konkretes Beispiel nennen. Ich habe eine Stute behandelt, die grundsätzlich schon immer recht gestresst war. Vor zwei Jahren habe ich sie zuletzt gesehen, vor einigen Wochen wieder – mit einem nochmal geschärften Blick, da ich mich als Therapeutin ja auch stetig weiterentwickle. Sie wurde mir wegen Rittigkeitsproblemen vorgestellt und war recht berührungsempfindlich im Bereich der Sattellage. Viele Pferdebesitzer denken dabei sofort an den Sattel – der sollte natürlich passen, keine Frage. Aber grundsätzlich entsteht ein Schaden dann, wenn die Belastung höher ist als die Belastbarkeit.
Die Stute hatte eine längere Reitpause gehabt. Die Besitzerin ist eine sehr liebe, sehr sensible, aber auch sehr besorgte und angespannte Person. Ich glaube, dass Pferde solche Anspannung durchaus mit aufnehmen und adaptieren – und die Sorge der Besitzerin um ihr Pferd, das nicht mehr so reitbar war, dürfte sich zusätzlich übertragen haben. Die Stute war sonst kooperativ, aber tendenziell etwas zugewandt-nervös, mit einem ohnehin eher schnell hochgefahrenen Nervensystem. Trifft ein solches Pferd auf eine selbst etwas nervöse Besitzerin, schaukelt sich das leicht gegenseitig hoch. Deshalb ist es in der Behandlung oft genauso wichtig, den Besitzer mit abzuholen und aufzuklären, damit er entspannter mit seinem Pferd umgehen kann und weiß, was zu tun ist.
Die Stute lief inzwischen nur noch rückwärts und wollte nicht mehr normal vorwärtsgehen. Die Reiterin, eher leichtgewichtig, hatte sie nach der Pause vorbildlich erst wieder vom Boden aus gearbeitet, bevor sie überhaupt wieder aufgestiegen ist – genau, wie man sich das wünschen würde. Trotzdem zeigte die Stute beim Reiten weiterhin Widersetzlichkeiten. Die Idee der Besitzerin war dann: Entweder schaue ich mir das Pferd nochmal an, oder sie kommt in den Beritt. Sofort dachte ich: Es wird einen Grund geben, warum die Stute sich widersetzt – und ein Beritt bei einem Pferd, das schon ohne Reitergewicht empfindlich ist, wäre für mich definitiv nicht die richtige erste Wahl gewesen. Wir mussten erst herausfinden, was mit diesem Tier los ist.
Es stellte sich heraus, dass die Stute eine Magenthematik hatte, wie so viele Pferde. Der Magen wird unter anderem sympathisch aus dem Bereich des fünften bis neunten oder zehnten Brustwirbels versorgt – genau in diesem Bereich, ungefähr TH5 bis TH9, im Bereich des Widerrists, zeigte sie eine deutliche Empfindlichkeit. Das kann natürlich auch andere Ursachen haben, etwa einen drückenden Sattel, was wir hier aber ausschließen konnten. Weitere Anzeichen wie Mattigkeit, Antriebslosigkeit und Schwierigkeiten beim Äppeln während der Bewegung deuteten zusätzlich auf eine Magenthematik hin.
Das war aber nicht alles. Auf genaueres Nachfragen erzählte mir die Besitzerin, dass die Stute immer wieder Schlundverstopfungen hatte, obwohl keine Fütterungsfehler vorlagen. Beim weiteren Nachhaken kam heraus: Als junges Pferd wurde der Stute ein Zahn extrahiert. Obwohl ich sie schon länger behandle, hatte ich das nie genauer hinterfragt. Schlundverstopfung ohne Fütterungsfehler in Kombination mit einer Zahnextraktion kann darauf hindeuten, dass die Schädelnähte nicht mehr ganz frei beweglich sind – und dass Nerven, die Kehlkopf oder Muskulatur in diesem Bereich versorgen und aus dem Schädel austreten, den Schlundbereich nicht mehr richtig ansteuern können.
Genaueres Nachfragen zur Zahnextraktion ergab: Der behandelnde Tierarzt, der nicht auf Pferdezähne spezialisiert war, hatte über sechs oder sieben Tage hintereinander versucht, den Zahn – einen Prämolaren – zu entfernen, ohne Erfolg, und dabei jeden Tag kräftig an dem Zahn geruckelt. Bei einem jungen Pferd war das im Grunde ein echtes Trauma, körperlich wie seelisch. Eine Definition von Trauma, die ich sehr passend finde: eine physiologische Reaktion des Körpers auf eine unphysiologische Belastung. Diese unphysiologische Belastung war in diesem Fall das wiederholte, kräftige Ruckeln und Zerren an diesem einen Zahn über eine ganze Woche hinweg.
Als ich den Schädel dieser Stute untersuchte, war er auffällig fest – kaum Beweglichkeit in den Schädelknochen, was darauf hindeutete, dass auch die Symphysis sphenobasilaris (die Verbindung zwischen Os sphenoidale und Os occipitale) in Mitleidenschaft gezogen worden sein könnte. Direkt darüber liegt die Hypophyse, die Hirnanhangdrüse, die für die Hormonproduktion zuständig ist. Diese Stute war, seit ich sie kenne, immer schnell gestresst und hatte zusätzlich Rossprobleme – vieles deutete darauf hin, dass die Hypophyse, die unter anderem Sexual- und Schilddrüsenhormone steuert, durch die Zahnextraktion mitirritiert wurde, ebenso wie weitere Hirnnerven, was zu den wiederkehrenden Schlundverstopfungen führte. Der dadurch entstehende Dauerstress begünstigte wiederum die Magenthematik, was insgesamt zu einer eher tragisch schwachen Gesamtverfassung des Pferdes beitrug.
Die ursprüngliche Idee der Besitzerin war: Die Osteopathin behandelt die Brustwirbelsäule, bringt wieder Bewegung hinein, und dann kann die Stute zum Anreiten in den Beritt. Aber es zeigt sich hier sehr deutlich, wie viel mehr manchmal dahintersteckt und wie viele verschiedene Wege es gibt, ein Thema anzugehen – in diesem Fall unter anderem über kraniosakrale Therapie, eine gute Aufklärung der Besitzerin, und einen Blick auf Haltung und Fütterung, die hier ohnehin schon sehr gut waren.
Fallbeispiel: der junge Wallach mit Taktstörungen
Ein weiteres Beispiel: Ich betreue einen mittlerweile sieben- oder achtjährigen, großrahmigen, schlaksigen und sehr verschmusten Wallach schon seit drei, vier Jahren. Am Anfang war er unproblematisch – wobei es aus meiner Sicht ohnehin keine „Problempferde“ gibt, sondern immer einen Grund dafür, warum ein Pferd zu auffälligem Verhalten neigt, körperlich oder mental, was sich ohnehin nicht trennen lässt.
Dieser Wallach zeigt Taktstörungen diagonal, vorne links und hinten rechts. Auch hier denke ich zum Beispiel an den Magen, weil Magenthemen durchaus solche Symptome oder eine Trageschwäche auslösen können – dass Pferde Schwierigkeiten haben, ihren Rücken aufzuwölben. Das war auch der Grund, warum ich gerufen wurde: Die Reiterin hatte bemerkt, dass er Probleme hatte, seinen Brustkorb zu stabilisieren. Es gefällt mir immer sehr, wenn Reitern so etwas selbst auffällt – dass ein Pferd im vorderen Bewegungszentrum instabil ist.
Er wollte hinten rechts keine Last aufnehmen und hatte dort auch eine Arthrose in Knie- und Kniekehlgelenk, die bereits mit Cortison behandelt worden war – trotzdem zeigte er weiterhin eine leichte Taktunreinheit. Das wirft die Frage auf: Warum entwickelt ein siebenjähriges Pferd, bei dem schon in jungen Jahren Knorpelfragmente im Sinne einer Osteochondrosis dissecans festgestellt wurden – aktuell nicht mehr nachweisbar –, so früh eine Arthrose im Kniegelenk, mit einer deutlichen Außenrotation des rechten Hinterbeins?
Arthrose ist im Grunde eine degenerative Veränderung des Gelenkknorpels – umgangssprachlich oft „Verschleiß“ genannt. Aber dieses Pferd hat sich definitiv nicht überarbeitet: Seit es mit vier Jahren zu seiner Besitzerin kam, lebt es in einer sehr guten Offenstallhaltung und wurde sehr schonend angeritten und trainiert. Die entscheidende Frage war: War die Belastung zu hoch, oder war die Belastbarkeit zu niedrig? In diesem Fall war vermutlich die Belastbarkeit zu niedrig. Beim Nachfragen zur Aufzucht kam heraus, dass wahrscheinlich schon dort Demineralisierungsstörungen oder Fütterungsprobleme in Kombination mit zu wenig Bewegung eine Rolle gespielt haben könnten – beides Faktoren, die die Belastbarkeit von Knochen- und Knorpelgewebe von Anfang an geschwächt haben könnten.
In Kombination mit den seit jeher bestehenden Magenthemen – die diagonale Taktstörung vorne links, hinten rechts, die mangelnde Lastaufnahme hinten rechts und die starke Rotation des Hinterbeins – könnte das die Entstehung der arthrotischen Veränderungen zusätzlich begünstigt haben. Bei genauerem Blick, unter anderem in Richtung Muskelstoffwechselstörung, zeigte sich zudem eine genetische Veranlagung für eine Muskelintegritätsmyopathie (MIM, früher PSSM2 genannt), konkret die P2-Variante. Pferde mit dieser Veranlagung wirken häufig etwas schlaksiger, laufen manchmal schwammig und instabil und haben Schwierigkeiten, ihre Muskelspannung gut zu koordinieren – das betrifft nicht nur die Skelettmuskulatur, sondern auch die Muskulatur der inneren Organe, einschließlich der Herzmuskulatur, auch wenn diese nicht willkürlich angesteuert werden kann.
In diesem Fall gab es also konkrete Ansatzpunkte, um gezielt an Training und Fütterung zu arbeiten. Ich habe die Besitzerin dabei ausdrücklich beruhigt: Sie sollte sich keine Vorwürfe machen, etwas falsch gemacht zu haben – das wäre müßig, denn dieser wunderbare junge Wallach kam sehr wahrscheinlich schon mit dieser Thematik zu ihr. Ohne ihre sehr gute, angepasste Haltung und ihr schonendes Training hätte er sich vermutlich deutlich schlechter entwickelt, als er heute dasteht, auch wenn bestimmte Schwachstellen bleiben. Manches, was in der Aufzucht oder in jungen Jahren passiert ist, körperlich oder mental – meist beides zusammen –, lässt sich nicht vollständig wegbehandeln. Das sollte auch nicht der Anspruch sein, auch wenn man sich das manchmal wünschen würde. Gerade bei lange bestehenden Themen ist das oft schlicht nicht möglich.
Immer weiterfragen
Deshalb: immer hinterfragen, immer weiterfragen. Auch wenn wir wissen, dass praktisch alle Pferde irgendwie Magenthemen haben können, ist nicht nur die Frage interessant, was gefüttert werden soll, sondern woher das Problem eigentlich kommt. Kommt ein Pferd neu an einen Stall und wird sofort in eine Herde mit 20 bis 25 Tieren integriert, ohne Rückzugsraum, und fühlt sich dort nicht wohl, kann ich zwar unterstützend eingreifen, wenn tierärztlich ein Magenbefund diagnostiziert wurde – aber ich muss mich trotzdem fragen, was sich an Haltung und Management verändern lässt und woher das eigentliche Problem stammt. Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, oder das Pferd bleibt Dauerpatient.
Ich beschäftige mich gerne intensiv mit den Pferden, die ich behandle, und behandle deshalb nicht besonders viele Pferde an einem Tag – mein Anspruch ist, möglichst umfassend zu bleiben und mit einem Blick zu arbeiten, der Umgebung, Menschen und Geräusche mit aufnimmt, was manchmal durchaus anstrengend ist. Aber genau darin liegt auch die Stärke: Ich kann meist gut erkennen, ob es sich um ein Problem des gesamten Bestands oder um ein Problem des einzelnen Tieres handelt. In Kombination mit Anamnese und Gesprächen mit dem Besitzer gelingt es eigentlich immer, zumindest eine relative Klarheit zum aktuellen Wissensstand zu erreichen – wohl wissend, dass wir in zehn Jahren vermutlich wieder neue Erkenntnisse haben werden. Was könnte diesem Pferd jetzt helfen, an welchen Stellschrauben können wir drehen, um ein möglichst langfristig gesundes Pferd zu bekommen?
Ein Beispiel aus dem Humanbereich
Ursachensuche lohnt sich langfristig immer, und die Ursache hinter der Ursache zu suchen, kann nochmal deutlich gewinnbringender sein. Dazu ein Beispiel aus meinem eigenen Bereich: Ich wollte diesen Podcast eigentlich schon vor anderthalb, zwei Wochen aufnehmen, konnte aber nicht, weil ich seit einiger Zeit an Depressionen leide – das ist im Grunde meine eigene Schwachstelle, meine persönliche Neigung. Eine Zeit lang war das fast durchgehend so, und nach einem belastenden Ereignis kam diese Depression zeitweise auch als schwere depressive Episode richtig durch.
Ich habe mich dann wieder aufgerappelt und seit Jahren intensiv an meiner Schilddrüse, meinen Hormonen, meiner Ernährung, Bewegung und meinem Mindset gearbeitet – ein Prozess, der bis heute anhält. Dabei schaue ich immer wieder: Was kann ich eigenverantwortlich tun, auch in ganz einfachen, nicht zwingend teuren Dingen? Wie gestalte ich meinen Tag so, dass ich am Ende noch Energie habe? Mein Energiemanagement ist meine große Herausforderung.
Als ich deswegen ärztlichen Rat gesucht und von meinen Depressionen berichtet habe, war die einzige angebotene Lösung: ein Antidepressivum. Das kann im Akutfall durchaus wichtig sein, aber ich wollte tiefer gehen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass meine Schilddrüse – ich habe ja keine mehr, dazu habe ich in anderen Folgen schon erzählt – nicht gut eingestellt war. Das hat mich auch nochmal intensiv mit meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen lassen, um nicht in eine „arme Ich“-Haltung zu verfallen, sondern zu verstehen: Ich bin Unternehmerin, möchte fit sein, mag meine Arbeit und arbeite gerne – aber ich möchte nach einem Arbeitstag auch noch Energie für meine Familie haben.
Irgendwann kristallisierte sich heraus, dass eine gewisse Neigung zu depressiven Verstimmungen blieb, aber nur noch an bestimmten Tagen im Zyklus: ein prämenstruelles dysphorisches Syndrom, PMDS. Das bedeutet bei mir, dass ich von der Zyklusmitte bis zum Zyklusende mehr oder weniger starke depressive Episoden habe, die teilweise wirklich extrem unangenehm sind – so stark, dass Arbeiten in diesen Phasen manchmal kaum möglich ist. Fällt in diese Phase dann noch eine Fortbildung, bei der ich den ganzen Tag unterrichte, oder eine ganztägige Behandlungstour, schaffe ich das zwar oft trotzdem, aber danach ist wirklich nichts mehr übrig. Zu Hause fehlt mir dann manchmal die Energie, mir etwas Vernünftiges zu essen zu machen, zu duschen oder mit meinem Kind für die Schule zu lernen. Das ist dann schlicht nicht mehr möglich, und in diesen Momenten lohnt sich der Kraftaufwand auch nicht.
Ursache hinter der Ursache hinter der Ursache
Man denkt dann: Jetzt hab ich’s endlich, es ist PMDS. Also: Depression, Schilddrüsenthematik, Hormonmangel – und schließlich PMDS. Beim Gynäkologen hieß es dann wieder: Nehmen Sie ein Antidepressivum, oder wir verschreiben Ihnen die Pille. Ich wollte aber an die eigentliche Ursache, wissen, was los ist, und bat um eine Blutuntersuchung. Das wurde mir zunächst verwehrt. Also bin ich selbst losgegangen und habe bei einer spezialisierten, ganzheitlich arbeitenden Humanmedizinerin – davon gibt es leider nicht allzu viele – meinen Hormonstatus kontrollieren lassen.
Dabei stellte sich heraus, dass hinter Depression und Schilddrüsenthematik vermutlich noch ein weiterer Hormonmangel steckte: ein Progesteronmangel, den ich mit ziemlicher Sicherheit nicht erst seit zwei, drei Jahren habe, sondern vermutlich schon seit meinen Zwanzigern. Progesteron ist das Hormon, das unter anderem für eine mögliche Schwangerschaft wichtig ist, im Zyklus ab dem Eisprung bis kurz vor Zyklusende verstärkt vorhanden sein sollte und dann stark abfällt. Ist der Progesteronspiegel ohnehin schon niedrig, kann dieser Abfall entsprechend deutlichere Symptome auslösen.
Der Körper kann zwar Stresshormone bilden, aber es gilt vereinfacht gesagt: Stressbewältigung geht vor Fortpflanzung. Der Körper kann, grob vereinfacht, entweder das Stresshormon Cortisol oder Progesteron priorisieren. Weil ich über viele Jahre sehr viel Stress hatte, hat mein Körper in Kombination mit der Schilddrüsenthematik zunehmend weniger Progesteron produziert – dazu kommen natürlich altersbedingte hormonelle Veränderungen. Da Progesteron für eine mögliche Schwangerschaft gedacht ist, „entscheidet“ der Körper unter Dauerstress im Grunde: An Fortpflanzung ist gerade nicht zu denken. Das erlebe ich übrigens auch bei Pferden – etwa bei Stuten, die nicht aufnehmen, oder analog bei Frauen, die nicht schwanger werden, weil der Körper sinngemäß sagt: Du hast eigentlich gar nicht genug Energie für dich selbst, andere Dinge sind gerade überlebenswichtiger.
Natürlich schaut man in solchen Fällen schulmedizinisch zuerst auf Eierstöcke, macht Ultraschall und weitere Untersuchungen. Aber es lohnt sich zusätzlich zu fragen: Hat der Körper irgendwo Defizite oder andere Belastungen, die dazu führen, dass Fortpflanzung beziehungsweise Aufnahme erst einmal zurückgestellt wird? Im Grunde eine ganz logische Zusammenhangskette – auch wenn wir dazu neigen, an komplizierteren Erklärungen festzuhalten.
Eine lange Reise statt einer schnellen Lösung
Dieses Beispiel aus dem Humanbereich zeigt: Es ist wirklich eine lange Reise, und es ist nicht so, dass ich ein Pferd einmal behandle, möglichst umfassend vorgehe, eine Besserung eintritt – und damit ist alles erledigt. Stagniert die Entwicklung irgendwann, heißt das nicht, dass die Therapie falsch war, sondern dass es sich lohnt, weiterzuschauen: Was steckt noch dahinter? Manchmal erreicht man ein gewisses Plateau, nachdem sich schon vieles verbessert hat, und merkt dann: Jetzt kommen wir eigentlich erst zum eigentlichen Kern der Geschichte. Das kann gerade bei über Jahre oder Jahrzehnte bestehenden Themen ein längerer Prozess sein.
Das waren ein paar Beispiele aus dem Praxisalltag, die zeigen, wie komplex das Ganze sein kann. Auch wenn Social Media und andere Kanäle Themen oft stark vereinfacht darstellen und mancher vielleicht sagt „Denise, das ist mir zu kompliziert, wie du das erklärst“ – dann sollte ich natürlich schauen, wie ich Dinge verständlicher erklären kann, wenn es zu kompliziert wird. Trotzdem macht mir diese Arbeit wahnsinnig Spaß: Eine Pferde- oder auch Menschenbehandlung, gerade bei chronischen Thematiken – bei akuten Fällen bitte immer zuerst schulmedizinisch abklären –, ist fast immer ein längerer Prozess und ein spannendes Puzzle, dessen einzelne Teile man erst getrennt betrachtet, um sie dann Stück für Stück wieder zusammenzufügen und diesen Prozess zu begleiten.
Auch wenn ich Pferde oder Menschen nicht unbedingt alle paar Wochen sehen möchte – je nach Thematik so selten wie möglich, mit dem Ziel, möglichst gute Lösungsansätze zu finden –, lässt sich ein über Jahre bestehendes Thema in aller Regel nicht innerhalb von ein, zwei Monaten vollständig auflösen. Aber Geduld und der ganzheitliche Blick lohnen sich.
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