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Grenzen setzen in der Pferdebranche. Wie Pferde uns beibringen, klar und gewaltfrei unsere Grenzen zu kommunizieren.

In dieser Folge geht es nicht nur um Pferde, sondern vor allem um Grenzen setzen – im Umgang mit Pferden genauso wie mit Menschen. Denise erklärt, warum klare, gewaltfreie Grenzen kein Egoismus sind, sondern die Voraussetzung für echtes Vertrauen und gesunde Beziehungen.

Anhand von Beispielen aus dem Pferdealltag, eigenen Erfahrungen und Glaubenssätzen aus ihrer Kindheit zeigt sie, warum wir Menschen das Grenzensetzen oft verlernen – und wie es gelingt, Grenzen wertschätzend, aber klar zu kommunizieren.

Transkript:

Warum Grenzen setzen nicht egoistisch ist, sondern wertschätzend

Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“. In dieser Folge richte ich mich nicht nur an Pferdetherapeuten, sondern ausdrücklich auch an Pferdebesitzer, an Dienstleister in der Pferdebranche und an alle, die sich mit dem Thema Grenzen setzen und einem respektvollen, wertschätzenden Umgang beschäftigen.

Es geht darum, warum Grenzen zu setzen nicht nur für dich selbst wichtig ist, sondern genauso für dein Gegenüber – und warum das absolut nichts mit Egoismus oder Egozentrik zu tun hat, sondern schlicht mit klarer Kommunikation.

Was ich von den Pferden über klare Kommunikation gelernt habe

Ich profitiere dabei sehr von den Erfahrungen aus meiner mittlerweile 18-jährigen Arbeit mit Pferden. Ich habe wahnsinnig viel von ihnen gelernt und arbeite wahnsinnig gerne mit ihnen. Warum das so ist, habe ich mich selbst viele Jahre gefragt – die Antwort ist: weil Pferde sehr klar in ihrer Kommunikation sind.

Auch wenn ich sicher nicht jedes Detail ihrer nonverbalen Sprache kenne und sie manchmal mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen fehlinterpretiere, ist die Zusammenarbeit mit ihnen doch sehr ehrlich und klar – und laugt mich deutlich weniger aus als die Kommunikation mit Menschen. Seit gut anderthalb Jahren habe ich dabei fast nur noch Wunschkunden, die zu mir passen und oft eine ähnliche Wertevorstellung haben. Seitdem versuche ich auch nicht mehr, es jedem recht zu machen.

Das ist für mich überhaupt nicht schlimm: Es gibt genug Pferdetherapeuten, wenn jemand zu jemand anderem geht. Ich nehme das nicht persönlich. Ich bin ein bestimmter Typ, und ich glaube, dass viele Pferdebesitzer von meiner Arbeit profitieren können – aber eben nicht jeder möchte es so genau, so gründlich. Und dann ist es völlig in Ordnung zu sagen: Das passt zu mir, und das passt nicht zu mir. Diese Freiheit nehme ich mir selbst genauso raus.

Jedes Pferd zeigt seine Grenzen anders

Mit Pferden ist die Zusammenarbeit immer sehr ehrlich und klar. Trotzdem ist nicht jedes Pferd gleich extrovertiert oder deutlich in seiner Kommunikation. Bei manchen Pferden und manchen Rassen muss ich sehr subtil hinschauen. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich ein Pferd mit hohem Vollblutanteil behandle oder ein Pferd, das eher als robust gilt und Schmerzäußerungen subtiler zeigt – wie zum Beispiel oft der Isländer. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch sehr klare, wenig subtile Isländer gibt.

Ich versuche mich deshalb immer auf das einzelne Individuum einzulassen und kann die Kommunikation des einen Pferdes nicht auf das andere übertragen. Erst wenn ich die Persönlichkeit des Tieres kennenlerne, kann ich seine Grenzen und Schmerzäußerungen richtig deuten. Und erst dann gelingt mir eine gute, zielgerichtete Arbeit – osteopathisch, aber auch bei Fütterung, Haltung und Trainingsmanagement –, die auf eine langfristige Gesundheit des Pferdes einzahlt. Dafür möchte ich individuell arbeiten können.

Wenn Kommunikation zwischen Mensch und Pferd kippt

Schwierig wird es, wenn die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd aufgrund von Missverständnissen oder mangelnden Sozialkontakten nicht mehr fein ist und möglicherweise Aggression bei einem Fluchttier auftaucht. Reagiert ein Pferd einem Menschen gegenüber mit Aggression, ist das meiner Erfahrung nach fast immer menschengemacht: eine uneinheitliche Sprache und ein nicht eindeutiges Setzen von Grenzen führen zu Missverständnissen. Irgendwann hat das Pferd keine Möglichkeit mehr, fein zu kommunizieren, spürt, dass seine Körpersprache nicht geachtet wird, und reagiert nur noch aus kompletter Hilflosigkeit mit Aggression. Das ist meine Erfahrung – wer andere gemacht hat, darf mir das gerne schreiben.

Deshalb behandeln wir Pferde von klein auf am besten mit Respekt und gewaltfreier, klarer Kommunikation – das gilt übrigens genauso für unsere Kinder. Achten wir ihre Werte und Gefühle, haben wir den besten und treuesten Partner an unserer Seite. Werden von klein auf Grenzen geachtet und Wertschätzung entgegengebracht, statt zu versuchen, unsere eigene Kommunikation auf die des Pferdes zu übertragen, haben wir uns stattdessen gemeinsam aufeinander eingestellt – und ein Leben lang deutlich bessere Karten.

Respekt bedeutet dabei ausdrücklich nicht, alles mit sich machen zu lassen oder das Pferd so klein zu halten, dass es alles mitmacht. Klare Kommunikation setzt klare, gewaltfreie Grenzen voraus. Diese Grenzen darf ich auch klar kommunizieren und dabei auch mal körpersprachlich deutlicher werden – natürlich ohne jede Art von Gewalt, Schmerz oder Lautwerden.

Respektvoller Zugang zum Pferd in der Behandlung

Auch bei uns Menschen ist etwa 85 Prozent unserer Kommunikation nonverbal. Das ist auch der Grund, warum ich Telefonate ganz schrecklich finde: Fällt die ganze Körpersprache weg, wird es für mich schwieriger herauszufinden, was der andere mir eigentlich sagen möchte. Dazu passt ein schöner Spruch: Der Löwe muss nicht brüllen, damit wir anerkennen, dass er ein Löwe ist. So eine stille Autorität – er muss nicht ständig brüllen, wir wissen es auch so.

Was bedeutet Grenzen setzen konkret in meiner therapeutischen Arbeit? Für mich ist es wichtig, einen guten Zugang zum Fluchttier Pferd zu bekommen und sein Vertrauen zu gewinnen – und das gelingt durch einen respektvollen, klaren Umgang. Ich gehe deshalb nicht einfach in den Individualraum eines Pferdes und packe es direkt am Kopf an. Das möchte ich schließlich selbst auch nicht, dass mir jemand einfach körperlich so nahekommt. Stattdessen lasse ich das Pferd mich erst kennenlernen, mache es neugierig auf mich, lasse es an mir schnuppern und frage freundlich ab, ob ich in seinen Individualraum kommen darf, ohne es zu bedrängen.

Wenn ich ein Pferd stattdessen mit meinen Händen „überfalle“ und sofort dort andrücke, wo es offensichtlich Schmerzen hat, muss ich mich nicht wundern, wenn es in den Fluchtmodus geht – oder, wenn keine Flucht möglich ist, auch mal schnappt. Auch bei noch so feinem Umgang lässt es sich nicht vermeiden, dass mir ein Pferd während der Behandlung ganz deutlich zeigt: Hier nicht so fest. Darauf muss ich reagieren. Es ist mir wichtig, dass Pferde mir in der Behandlung zeigen dürfen, wo ihre Grenzen liegen, und dass sie nicht angebunden oder zu sehr festgehalten werden, sondern sich bewegen können. Ich möchte mit ihnen während der Behandlung kommunizieren und bin darauf angewiesen, dass sie mich durch die Behandlung mit leiten.

Diese Arbeit mit den Pferden hat mich sehr geprägt. Gerade im Sozialverhalten halte ich sie vielen – natürlich nicht allen – Menschen für überlegen.

Introvertiert sein und die eigenen Grenzen entdecken

Viele Jahre dachte ich, ich möge Menschen nicht besonders. Das stimmt aber nicht. Ich mag es nur nicht, wenn Menschen unsensibel sind, unklar kommunizieren, mir ungefragt zu nahekommen oder meine Grenzen nicht achten. So eine unklare Kommunikation verunsichert mich sehr: Eine Frage zu stellen und ein Ja zu bekommen, obwohl ich spüre, dass Nein gemeint ist, finde ich ganz schwierig – genau wie ein „Mir geht es gut“, das offensichtlich gelogen ist. Ich mag es dagegen sehr, wenn jemand ehrlich, klar und gleichzeitig wertschätzend ist, weil ich dann genau weiß, in welchem Raum ich mich bewege. Das ist übrigens auch für mein Gegenüber einfacher: Es geht nicht nur darum, meine eigenen Grenzen wichtig zu nehmen, sondern auch dem anderen zu zeigen, woran er bei mir ist.

Ich bin selbst sehr introvertiert – auch wenn ich hier im Podcast natürlich gerne erzähle und rede, hat das damit nichts zu tun. Introvertiert bedeutet vor allem, dass ich sehr gut alleine sein kann, viel Energie aus dem Alleinsein ziehe und soziale Interaktionen mich anstrengen. Mir war lange nicht klar, dass es unterschiedliche Persönlichkeiten gibt – die meisten Menschen sind eher extrovertiert, introvertierte sind eher die Ausnahme. Beruflich fällt es mir dabei aktuell noch leichter, Grenzen zu setzen als privat. Aber auch das ist ein Prozess.

Ebenso war mir lange nicht klar, dass meine festen Werte und Moralvorstellungen nicht automatisch auch die des anderen sind. Ich habe fälschlicherweise oft gedacht: Mensch, das weiß man doch, dass man das nicht macht, das ist doch klar. Aber meine Wertvorstellungen sind eben andere als die eines Gegenübers – und meine sind dabei ziemlich fest, manchmal sogar starr. Es fällt mir schwer, wenn sich jemand respektlos gegenüber anderen verhält.

Warum ich lange keine klaren Grenzen gesetzt habe

Ich habe mich jahrelang gefragt, warum ich so oft an Menschen gerate, die meine Grenzen überschreiten. Was machen die anderen denn, warum sind die so? Meinen eigenen Anteil daran habe ich dabei lange nicht gesehen. Ich kann aber ohnehin nur mein eigenes Handeln ändern, nicht das der anderen – sonst begebe ich mich in eine Opferrolle. Die klare, wenn auch späte Antwort auf meine Frage lautet: Ich habe zu lange keine klaren Grenzen gesetzt. Das ist mein Anteil daran, dass diese Grenzen immer wieder überschritten wurden. Ich hatte einfach vorausgesetzt, dass andere meine Grenzen und Regeln kennen – aber das können sie ja gar nicht wissen.

Grenzen zu setzen bedeutet für mich in erster Linie, den anderen auch mal ein Stück zurückzuweisen. Das kann ich auf eine sehr wertschätzende Art tun, ohne den anderen zu verletzen. Ist er trotzdem verletzt, ist das nicht mein Problem – dann ist er vielleicht auch schlicht nicht der passende Kunde für mich.

Vier Beispiele: wo Grenzen im Pferdealltag täglich überschritten werden

Um das konkreter zu machen, ein paar Beispiele, je nachdem, aus welchem Bereich der Pferdebranche ihr gerade zuhört. Wer kennt das? Ein Reitstallbetreiber wird zu allen möglichen Uhrzeiten angequatscht – mal eben ein Spruch, mal die Decke wechseln, mal eine Frage zwischen Tür und Angel, und morgens um sieben noch schnell die Nachricht, dass Pferd A doch die Decke aufbehalten soll, wenn es auf die Wiese kommt. Das wäre am Vorabend um 18 Uhr, mit genug Vorlauf, für alle Seiten deutlich einfacher zu planen. Als Reitstallbetreiber muss ich deshalb klar kommunizieren, welche Kommunikationswege es gibt und bis zu welcher Uhrzeit welcher Service gebucht werden kann. Und es sollte klar sein, dass so ein Service nicht immer kostenlos erwartet werden kann – bei 50 oder 60 Pensionspferden ist „mal eben die Decke wechseln“ schnell eine Frage von Zeit, die fest eingeplant werden muss.

Ein zweites Beispiel: Als Pferdebesitzer ständig, am Stall oder von allen Seiten, ungefragt auf die Gesundheit des eigenen Pferdes angesprochen zu werden. Das mag nett gemeint sein, kann aber trotzdem übergriffig wirken – tierschutzrechtliche Themen einmal außen vor, hat nicht jeder das Recht, ungefragt zu sagen, wie ich mein Pferd arbeiten soll. Auch bei meinen Kunden merke ich, wie sehr dieses ständige „seinen Senf dazugeben“ fordert und stresst.

Ein drittes Beispiel: Der Reitlehrer, der am Hallenrand steht und Unterricht gibt, und dann angequatscht wird, weil jemand ihn lange nicht mehr gesehen hat – mitten im kostenpflichtigen Unterricht. Das kann übergriffig empfunden werden, wobei das natürlich nicht jeden gleich stört.

In jedem Fall lohnt es sich zu fragen: Was sind meine Stressoren, was belastet mich und was nicht – und das entsprechend auch klar zu kommunizieren.

Meine eigene Geschichte: die Laufschuhe am Stall

Ein viertes Beispiel betrifft den Pferdetherapeuten – zu dem ich selbst zähle. Vor einigen Jahren hatte ich an einem Stall den ganzen Tag Kundschaft und nur sehr kurze Pausen, die aus einem Toilettengang und einem Schluck Proteinshake bestanden. Auf dem Weg zur Toilette wurde ich dabei jedes Mal noch von ein, zwei Pferdebesitzern angesprochen, die mir etwas zu ihrem Pferd erzählten. Im Grunde hatte ich also gar keine Pause – wobei ich mir die auch selbst hätte schaffen können, was ich damals einfach noch nicht getan habe. Im Anschluss an diesen langen Tag stand ich an meinem Auto und schnürte meine Laufschuhe. Mental war ich, aufgrund der vielen Behandlungen, echt am Limit – für mich sind Behandlungen mental oft anstrengender als körperlich.

Eine Bestandskundin kam dann zu mir und fragte: „Denise, gut, dass ich dich noch sehe, gut, dass du noch da bist. Meine Stute läuft nicht ganz rund, kannst du mal eben noch mitkommen? Du bist ja jetzt noch da.“ Meine Antwort war: Nein, das tut mir leid, ich hatte heute einen sehr langen Tag hier, leider keine Zeit für eine Pause, und ich habe wirklich keine Kapazitäten mehr für vernünftige Arbeit – ich kann dir jetzt nicht weiterhelfen. Ihre Antwort war ziemlich schnippisch: „Ja toll, aber laufen gehen kannst du jetzt noch, oder wie?“ Und sie zischte beleidigt ab, weil ich gerade meine Laufschuhe geschnürt hatte. Ich habe ihr noch gesagt: Ja, genau, das ist genau das, wo ich jetzt noch ein bisschen Energie rausziehen kann.

Das hat mich damals sehr verunsichert und dazu geführt, dass ich mich seitdem niemals mehr direkt am Reitstall nach getaner Arbeit umziehe und dort loslaufe, sondern woanders hinfahre, mich an einem Feldweg im Auto umziehe und dort starte, wo mich niemand sieht oder kennt. Weil ich es damals nicht geschafft habe, meine Grenzen zu setzen, und auch keine Lust hatte, mich dafür ständig zu rechtfertigen. Eigentlich hätte mir diese Reaktion am wenigsten ausmachen sollen, aber sie hat mich damals wirklich verletzt, weil ich sie respektlos fand. Diese Arbeit wird in der Pferdebranche manchmal einfach nicht ganz ernst genommen – nach dem Motto: „Ach, die Arbeit mit den Pferden, Pferde streicheln“ – und dann als reines Wellness abgetan, obwohl auch dabei Energie draufgeht, die ich mir irgendwie wieder zurückholen muss. Meine Energiereserven liegen im Alleinesein, in Ruhe, im Sport – für jemand anderen sieht das vielleicht ganz anders aus, etwa ein geselliger Abend mit Freunden. Das muss jeder für sich selbst wissen, aber ich selbst entscheide über meine Grenzen, und respektiert jemand anderes das nicht, ist das nicht mein Problem.

Ich verstehe natürlich, dass diese Kundin damals Hilfe brauchte. Aber würde ich immer so reagieren, würde ich nur noch arbeiten, weil es immer irgendein Pferd gibt, das nicht rund läuft – und ich hätte kein Privatleben und keine anderen Rollen mehr.

Warum fehlende Grenzen krank machen

Erfülle ich nur noch die Bedürfnisse anderer, werde ich krank – und das ist mir auch tatsächlich passiert. Dann fehlt die Energie, überhaupt noch irgendetwas zu machen, Geld zu verdienen oder das eigene Leben zu gestalten. Um meine Arbeit gut leisten zu können, muss ich meine Energie haushalten. Ich bin hochleistungsfähig, aber das setzt eben auch die Möglichkeit zur Regeneration voraus – so wie kein Sportler zehn Stunden am Stück trainiert, sondern auch die Regenerationszeit einplant.

Grenzen, Wertschätzung und Respekt sind in meinem Wertesystem sehr wichtige Pfeiler. Und grenzenfreundlich, aber klar zu setzen, ist dabei nicht nur für mich selbst wichtig, sondern auch für andere, damit sie wissen, woran sie bei mir sind. Eine klare Aussage, auf die man sich verlassen kann, hilft dem Gegenüber, nicht in Konflikte zu geraten.

Gerade Therapeuten und andere Menschen in helfenden Berufen sind besonders gefährdet auszubrennen, weil sie grenzenlos für andere da sind und dabei selbst immer kränker und energieloser werden. Das ist oft die direkte Folge fehlender Grenzen – bei dem einen früher, bei dem anderen später, je nachdem, wie viele Ressourcen jemand sich noch schaffen kann. Es dem anderen recht zu machen schafft zwar vermeintlich Bindung, und diese Bindung ist natürlich wichtig – aber ich kann nicht immer nur für andere da sein. Sonst komme ich schnell an meine eigenen Grenzen und kann irgendwann für niemanden mehr etwas tun.

Warum ich Grenzen inzwischen konsequent durchsetze: mein WhatsApp-Beispiel

Wie sehr wir von unseren nicht vorhandenen Grenzen umgeben waren, merken wir oft erst, wenn wir sie einführen und verteidigen – und das dann bei anderen zu Erstaunen oder Unverständnis führt. Ein Beispiel: Ich habe WhatsApp mittlerweile komplett als Messenger abgeschafft, auch Signal und Ähnliches nutze ich privat nicht mehr. Mein berufliches Handy schickt nur noch eine Abwesenheitsnachricht raus – erreichbar bin ich darüber nicht, stattdessen gibt es einen Verweis auf mein Kontaktformular oder meine E-Mail-Adresse. Das ständige Reagieren-Müssen, die endlosen Sprachnachrichten mit langen Monologen und manchmal wenig Inhalt haben mich sehr gestresst, auch wenn ich mit einigen Menschen eigentlich super darüber hätte kommunizieren können. Für mich war das insgesamt eher von Nachteil, deswegen habe ich es abgeschafft.

Zunächst hatte ich das nur in einer Abwesenheitsnachricht mitgeteilt – und einige haben diese klare Ansage einfach ignoriert. Auch wenn ich klare Grenzen setze, kann ich also nicht erwarten, dass jeder sie automatisch respektiert. Aber dann liegt es an mir, wie ich damit umgehe, ob ich weiter in Kontakt bleibe und wie viel Energie ich da investiere. In einem Fall hatte ich nach einer erneuten langen Sprachnachricht einer Kundin nochmal geschrieben, dass ich keine Sprachnachrichten mehr abhöre – vielleicht war es schon mein Fehler, überhaupt wieder zu reagieren. Es folgte eine neue, acht Minuten lange Sprachnachricht, mit dem Nachsatz: „Musst du ja nicht sofort abhören, mach das in Ruhe, wenn du mal Langeweile hast oder zwischen zwei Behandlungen etwas Zeit.“ Ich habe darauf nicht mehr reagiert und diese Kundin verloren. War das ein Verlust? Nein, gar nicht – dafür hatte es mich zu viel Energie gekostet, dass meine Grenzen und der Respekt mir gegenüber nicht gewahrt wurden. Das ist eben nicht mehr meine Kundin, ohne dass ich mir das persönlich nehme.

Glaubenssätze aus der Kindheit

Warum verlernen wir Menschen eigentlich so oft, Grenzen zu setzen – wo Pferde es doch können, auch wenn manche in eine erlernte Hilflosigkeit rutschen und dann selbst keine Grenzen mehr setzen? Ich glaube, bei uns Menschen hat das viel mit unserer Kindheit, mit Prägungen und Glaubenssätzen zu tun. Zwei Glaubenssätze haben mich besonders geprägt.

Der erste: „Selbstständig bedeutet selbstunständig.“ Was das für meinen Vater als selbstständigen Architekten bedeutet hat, der viel zu früh stressbedingt nicht mehr arbeitsfähig war und viel zu früh verstorben ist, habe ich jahrelang nicht verstanden. Für mich war das einfach „selbstunständig“ – wenn ich mal gesagt habe, wie anstrengend es ist, immer erreichbar zu sein, kam nur: „Ja, Denise, das hast du dir ja selbst ausgesucht, du bist halt selbstständig, das heißt selbstunständig.“ Okay, gut, dann ist das eben so. Solche Prägungen wachsen mit uns auf.

Der zweite Glaubenssatz: „Stell dich nicht so an, da musst du durch, ist doch nicht so schlimm.“ Der hat mein Gefühlsleben und meine Sensibilität lange untergraben und als nicht richtig dargestellt. Ich habe früh gelernt, dass das, was ich fühle, nicht richtig ist – und erst durch die Arbeit mit den Pferden gelernt, dass das, was ich wahrnehme und fühle, doch stimmt und mir weiterhilft. Das hat lange gedauert. Solche Glaubenssätze sind niemals böse gemeint, sondern entstehen aus Erfahrungen, die unsere Eltern uns weitergeben – so wie ich sie jetzt auch meinem Sohn mitgebe, in der Hoffnung, dass er sie irgendwann selbst hinterfragt. Meine Eltern haben das nach bestem Wissen und Gewissen gemacht, genau wie ich das jetzt tue – aber es prägt eben, und das darf einem bewusst sein.

Wer darf am Ende darüber bestimmen, was für mich wichtig ist, was ich fühle, rieche, wahrnehme? Muss ich immer überangepasst sein, oder ist es wichtig zu sagen, „hier muss ich etwas ändern“, um nicht Gefahr zu laufen, in ein Burnout oder eine erneute Erschöpfungsdepression zu rutschen? Für meine mentale und körperliche Gesundheit bin ich selbst verantwortlich – und das gilt für jeden, egal in welcher Position.

Grenzen schaffen Klarheit – für dich und dein Gegenüber

Natürlich mache ich gerne etwas für andere, für die Gemeinschaft – das schafft Bindung, und Bindung gibt Sicherheit. Das ist wichtig, aber eben in einem gewissen Rahmen. Respektvoller, umsichtiger Umgang miteinander sollte selbstverständlich sein – so behandle ich auch die Pferde: Mir ist es egal, ob ein Pferd 30 Jahre alt ist und mal 1.000 Euro gekostet hat oder ob es ein hochkarätiges Dressurpferd mit ein paar Nullen mehr ist. Genauso ist es mir egal, ob ein Mensch viel oder wenig Geld hat – ich kenne nicht die Geschichte hinter ihm, und es gibt für mich keinen Grund, ihn nicht respektvoll und wertschätzend zu behandeln. Überschreitet aber jemand andauernd meine Grenzen, fühle ich mich irgendwann gezwungen zu reagieren – und dann darf man nicht erwarten, dass ich immer klein beigebe. Klingt härter, als es ist.

Setze ich keine klaren Grenzen, kann der andere diese eben auch nicht erkennen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Grenzen – und das gilt genauso für Pferde, die zwar keine Glaubenssätze haben, aber eben auch Erfahrungen, die nicht immer gut sind. Wenn wir möchten, dass andere respektvoll und grenzachtend mit uns umgehen, müssen wir uns erst einmal selbst damit beschäftigen, was unsere eigenen Grenzen und Stressoren sind. Das ist wie mit Empathie: Ich kann nur dann empathisch mit anderen sein, wenn ich selbst einen Zugang zu meinem eigenen Gefühlsleben habe – ich muss also zuerst mit mir selbst im Reinen sein, bevor ich empathisch mit dem Pferdebesitzer oder dem Pferd umgehen kann.

Wie du eine Grenze konkret formulierst

Meine Aufgabe an dich, egal ob Pferdebesitzer, Therapeut oder Reitstallbetreiber: Schreib einfach mal auf, was dich stresst – welches Verhalten, welcher Ton. Vielleicht ist es die ständige Erreichbarkeit, vielleicht das ständige „Ich wollte nur mal eben was fragen“. Und dann kannst du klare Regeln aufstellen: So geht es, und so geht es nicht. Das heißt nicht, dass du den anderen dabei vor den Kopf stoßen musst.

Ein Beispiel für grenzüberschreitendes Einmischen in Management oder Gesundheitszustand deines Pferdes – tierschutzrelevante Themen ausgeschlossen: „Ich weiß, dass du mir helfen möchtest. Ich bin jedoch bereits gut informiert und habe mir bereits professionelle Hilfe geholt, und ich möchte, dass du dich nicht wieder einmischst, auch wenn es gut gemeint ist.“ Vielleicht klingt das manchen zu nett formuliert – aber hier wird erst die Wertschätzung für den anderen ausgedrückt, dann die Kritik beziehungsweise Grenze, und am Ende nochmal ein freundlicher Abschluss. Nimmt das Gegenüber das dann persönlich und ist beleidigt, ist das nicht mehr dein Problem – du hast es für dich klar kommuniziert.

Manchmal ist es aber auch nötig, diesen Weichmacher wegzulassen und ganz klare Ansagen zu machen – etwa wenn jemand sehr dominant und respektlos auftritt. Dann kann ein einfaches „Stopp, das ist meine persönliche Angelegenheit, darüber werde ich mit dir nicht sprechen“ völlig ausreichen.

Setze klare Grenzen, lerne Nein zu sagen – und frag dich gleichzeitig, wie du selbst reagierst, wenn dir jemand eine Grenze setzt. Respektierst du das? Diese Frage darf man sich ruhig auch selbst stellen. Von den Pferden können wir dabei gewaltfreie Kommunikation lernen: Wird ein Pferd aggressiv, muss schon einiges an Grenzüberschreitung geschehen sein – meist durch den Menschen, manchmal auch durch die Herde.

Ganz wichtig: Setze ich eine Grenze, aber lasse sie dann doch überschreiten – etwa „erreichbar bis 18 Uhr“, gehe aber trotzdem um 20 Uhr ans Telefon –, zeige ich damit dem anderen, dass diese Grenze eigentlich nicht wirklich existiert. Dann wird das weitergegeben: „Da steht zwar bis 18 Uhr drauf, aber die kannst du auch um 20 Uhr noch anrufen, die geht immer ran.“ Ich muss mich also selbst an die Grenzen halten, die ich setze. Nein zu sagen setzt letztlich Selbstwert voraus – und wo keine Grenzen gesetzt werden, lohnt es sich, sich mit dem eigenen Selbstwert auseinanderzusetzen, nicht mit dem Leistungs- oder Fremdwert.

Auch als Therapeutin brauche ich klare fachliche Grenzen

Das betrifft auch meinen Verantwortungsbereich als Therapeutin. Bin ich denn nur etwas wert, wenn ich es allen anderen recht mache? Schaue ich mir bei einer Behandlung zum Beispiel auch mal den Sattel an, muss ich ganz klar sagen: Ich schaue ihn mir an, bin aber keine Sattlerin. Ich kann nicht sagen, was daran verändert werden muss oder wo sich die Kammer weiten lässt – das ersetzt nicht den Besuch eines Sattlers. Ich kann nur schauen, ob das, was ich osteopathisch finde, zu dem passt, was der Sattel zeigt: Hat er an der Stelle vielleicht Druckstellen, an der das Pferd starke Triggerpunkte hat? Das ist für mich interessant.

Genauso kenne ich meine Grenzen in der Therapie selbst: Ich bin Osteotherapeutin und kenne mich mit Fütterung und Stoffwechsel aus, kann Impulse fürs Training geben, übernehme aber nicht das Training selbst. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass die Zähne gemacht werden – das grenze ich ganz klar ab.

Warum das Fehlen von Grenzen auch unseren Pferden schadet

Was steckt oft hinter dem Anspruch, grenzenlos für alle da zu sein? Häufig das Bedürfnis nach Anerkennung und Bindung – beides wichtige psychologische Grundbedürfnisse, neben Autonomie und Sicherheit. Das ist auch gesellschaftlich wichtig, keine Frage – aber genau das macht es manchmal so schwer, Grenzen zu setzen. Werden Grenzen und damit Energiereserven dauerhaft nicht geachtet, folgt langfristig ein Mangel an physischer und psychischer Gesundheit.

Was kann das für unsere Pferde bedeuten? Ein Beispiel: Ein hochkarätiges Dressurpferd steht, aus Angst des Besitzers vor Verletzungen, 23 Stunden am Tag in der Box, hat wenig Sozialkontakte, bekommt wenig Raufutter, damit es keinen „dicken Bauch“ hat – und soll dann in der einen Stunde Training an Eleganz nur so strotzen. Es hat also kaum Ressourcen, gesund zu bleiben, soll aber sehr viel leisten. Auf Dauer sinkt so bei dem einen Pferd früher, beim anderen später die Belastbarkeit, während die Belastung selbst hoch bleibt. Fehlt der Ausgleich, folgt – wie bei uns im Berufs- und Privatleben auch – früher oder später ein Schaden. Die Bedürfnisse und Grenzen des Pferdes wurden nicht erfüllt, es soll aber trotzdem leisten. Das geht auf Dauer nicht gut: Das Pferd wird wahrscheinlich früh aus dem Sport gehen und irgendwelche Symptome entwickeln, die uns eigentlich nur helfen sollen zu erkennen, dass sich etwas ändern muss. Symptome sind Helfer. Statt zu fragen, welches Pflaster ich jetzt draufklebe, sollte ich mich fragen, wo das Symptom herkommt und wie ich verhindere, dass weitere dazukommen.

Grenzen müssen dabei nicht immer lauthals kommuniziert werden – manche verstehen subtile Signale einfach nicht, und jemand anderes kann meine eigenen Grenzen nicht erkennen, wenn ich sie nicht zeige. Wer laut und dominant ist, dem fällt es vielleicht leichter, seine Grenzen zu äußern. Wer introvertierter und ruhiger ist, hat andere Möglichkeiten: etwa auf der eigenen Homepage klar auf Öffnungszeiten und Kommunikationswege zu verweisen. Jeder hat also seine eigene Möglichkeit, Grenzen klar zu kommunizieren.

Fazit: Geduld mit dir selbst und mit anderen

Ich hoffe, ich habe mit dieser Folge einige Aspekte mitgebracht, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wenn ihr euch dabei in einigen Punkten wiedererkannt habt, heißt das nicht, dass sich das von heute auf morgen ändern lässt. Gewohnheiten zu ändern dauert manchmal Jahre – das sind Prozesse, die sich über lange Zeit etabliert haben. Wenn ich einem Pferd, das anatomisch nicht korrekt geritten wurde, zeigen möchte, wie es sich frei bewegen kann, ist das auch nicht von heute auf morgen erledigt. Ich kann in der ersten Behandlung erste Impulse geben, aber die Umsetzung und Speicherung braucht Zeit. Habt also auch mit euch selbst ein wenig Geduld – schon zu erkennen, wo die eigenen Schwächen liegen, ist ein guter erster Schritt aus der Situation heraus.

Wenn du selbst Therapeut bist und mit genau solchen Themen kämpfst, darfst du mir gerne per E-Mail schreiben. Gemeinsam können wir an der Struktur deines Business arbeiten – an klaren Erreichbarkeiten und transparenten Angeboten. Dafür habe ich auch einen Online-Kurs entwickelt, den ich noch weiter ausbauen werde: „Sicherheit und Effizienz als Pferdetherapeut“, aktuell in Kurzfassung auf meiner Homepage zu finden. Darin gebe ich Tipps sowohl für die Behandlung selbst als auch für eine klare Struktur und Kommunikation in deinem Business. Und falls du selbst Herausforderungen in der Kommunikation mit deinem Pferd hast, heißt das nicht, dass du es verkaufen solltest – dafür kann ich dir gerne Impulse geben oder dich an Menschen aus dem Bereich Horsemanship verweisen. Es ist einfach wichtig, die richtigen Leute zu haben, die von außen nochmal einen Blick draufwerfen.

Ich hoffe, ich konnte euch mit dieser etwas weniger pferdespezifischen, aber sicher auch für Nichtpferdemenschen relevanten Folge ein paar schöne Impulse geben. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen, lasst mir gerne ein Like da, empfehlt meinen Podcast gerne weiter – bis zum nächsten Mal, eure Denise.