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Nur 8 Prozent einer Instagram-Umfrage wussten, was wirklich als leichtes Training für ein Pferd gilt.
Denise erklärt, warum die meisten Pferdebesitzer die Bewegung ihres Pferdes deutlich überschätzen, wie viel Bewegung Pferde von Natur aus brauchen, warum gerade Robustrassen durch energiereiches Heu einen echten Energieüberschuss aufbauen und warum bei Stoffwechselthemen zuerst die Ration statt nur das Trainingspensum geprüft werden sollte.
Transkript:
Ist dein Pferd wirklich ein Sportpferd oder steht es sich krank?
Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise Schäfer, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“ und läuft immer nach dem Motto „Love it, change it or leave it“. Heute geht es um das Thema Bewegung beim Pferd: Was ist eigentlich leichte Arbeit? Wie viel Bewegung sollte ein Pferd haben? Was war früher normal – und was ist heute normal, aber nicht gesund?
Ihr bekommt von mir sehr selten pauschale Aussagen, und genau das ist auch der Grund, warum ich diesen Podcast mache: Es ist kaum möglich, in einem kurzen Beitrag alle Facetten eines Themas zu beleuchten. Auch innerhalb dieser Folge wird das nicht zu hundert Prozent gelingen, aber ich versuche, einen kleinen Überblick über das Thema Bewegung für Pferde zu geben.
Was wirklich leichtes Training ist
Eine pauschale Aussage traue ich mir aber zu: Das Pferd ist von Natur aus kein Lastenträger. Und ebenso, dass viele – nicht alle – Pferde deutlich zu wenig bewegt werden. Auch dass Schulpferde nicht automatisch bemitleidenswerte Geschöpfe sind, kann ich so unterschreiben – ich behandle sowohl Schulpferde als auch Pferde im hohen Sport, aber die meisten meiner Patienten sind einfach Freizeitpferde.
Ich habe dazu eine Instagram-Umfrage gemacht: Was ist leichtes Training für ein Pferd? Zur Auswahl standen 30 Minuten zügiger Schritt, 45 Minuten Training in allen Gangarten mit oder ohne Reiter (etwa hälftig Schritt, Trab und etwas Galopp), oder 20 Kilometer vor einem Wagen mit leichtem Geläuf. 26 Prozent tippten auf die 30 Minuten Schritt, 50 Prozent auf die 45 Minuten in allen Gangarten – und nur 8 Prozent lagen mit den 20 Kilometern vor dem Wagen richtig. Das deckt sich genau mit dem, was ich auch in meinen Anamnesebögen sehe: Die wenigsten Pferde werden auf über sechs Stunden Training pro Woche gebracht, das ist wirklich die absolute Ausnahme. Was heute als leichtes Training gilt, wäre für ein Pferd im Grunde selten wirklich Training – vor allem für Robustrassen, die ohnehin oft schon durch nahrhaftes Gras und Heu überversorgt sind. Werden diese Pferde langfristig nur so bewegt, wie es heute unter „leichtem Training“ verstanden wird, müssen wir uns über Stoffwechselauffälligkeiten nicht wundern.
Der Vergleich zum Menschen
Auch beim Menschen ist die Bewegungsempfehlung gesunken: Früher galten 10.000 Schritte am Tag als guter Richtwert, mittlerweile liegt die Empfehlung bei manchen Stellen nur noch bei 4.000 – das hat nichts mit „gesund“ zu tun, sondern damit, dass es normal geworden ist, sich weniger zu bewegen. Ich bewege mich selbst vergleichsweise viel, für mich ist das aber eigentlich das Minimum: viele Strecken zu Fuß, mit dem Hund, mit dem Rad, dazu gezieltes Krafttraining, weil meine feine osteopathische Arbeit am Pferd eine gewisse körperliche Stabilität voraussetzt. Wenn mir bei Behandlungen dann gesagt wird „Du musst ja auch nicht mehr ins Fitnessstudio gehen“, denke ich immer: Nein, gerade deswegen brauche ich einen Ausgleich. „Ich mache doch schon was im Garten“ reicht als Ausgleich selten – und bei Pferden ist das noch ausgeprägter der Fall.
Warum weder Isländer noch Kaltblut „Gewichtsträger“ sind
Pferde sind Bewegungstiere, aber von Natur aus keine Lastenträger. Das heißt nicht, dass Pferde nicht geritten werden dürfen. Ich hatte kürzlich eine Diskussion darüber, ob ein Isländer ein „Gewichtsträger“ sei, wie es oft heißt. Aus meiner Sicht ist er das genauso wenig wie jedes andere Pferd – kaum eine Rasse ist so beweglich und zeigt so wenig Schmerz an wie der Isländer, Ausnahmen gibt es natürlich immer. Auch ein Kaltblut ist kein Gewichtsträger. Ob Reiten für ein bestimmtes Pferd eine gute Option ist, hängt davon ab, ob ich es so weit gymnastizieren und muskulär aufbauen kann, dass es den Reiter ohne Schaden tragen kann – dafür muss ich dem Pferd erst eine belastbare „Brücke“ schaffen, auf der der Reiter sitzt.
Warum ich mich mit Fütterung und Stoffwechsel beschäftigt habe
Ich habe jahrelang Pferde rein osteopathisch behandelt und behandle sie auch heute noch so, was mir weiterhin sehr wichtig ist. Aber ich sah immer mehr Pferde mit weiteren Auffälligkeiten – Mauke, aufgegaster Bauch, Fühligkeit – und hatte auf Fragen zur Fütterung keine Antwort. Das hat mich dazu gebracht, mich mit der Entstehung von Stoffwechselauffälligkeiten und chronischen Erkrankungen zu beschäftigen. Grundsätzlich gilt: Ein Schaden entsteht immer dann, wenn die Belastung höher ist als die Belastbarkeit.
Wie viel Bewegung ein Pferd von Natur aus braucht
Auch ein Aktivstall mit Bewegungsanreizen bietet in den meisten Fällen nicht annähernd so viel Bewegungsraum, wie Pferde eigentlich bräuchten – die meisten Pferde müssen trotzdem zusätzlich bewegt werden. Wichtig ist dabei auch: Ein Pferd, das zehn Jahre in Boxenhaltung stand und dann plötzlich, etwa als Senior, in einen Offenstall kommt, kann davon auch überfordert sein – trotz mehr Bewegung bedeutet die neue Situation für das Pferd erstmal zusätzlichen Stress. Es müssen also immer mehrere Faktoren mitgedacht werden.
Von Natur aus sind Pferde es gewohnt, täglich etwa 10 bis 15 Kilometer zurückzulegen, dabei Futter zu suchen, zu flüchten und einen Ruheplatz für die Herde zu finden. Auch beim Fressen bewegen sie sich in der Natur zwischendurch immer wieder ein paar Meter, statt dauerhaft an einer Stelle zu stehen. Die Hauptgangarten in freier Natur sind Schritt und Galopp – genau dort haben Pferde auch die größte Wirbelsäulenbeweglichkeit. Ist ein Pferd sehr unbeweglich und fest in der Muskulatur, würde ich deshalb eher zu viel Schritt und Galopp raten und etwas weniger Trab. Der Trab kann aber sinnvoll sein, um bei einem Pferd mit wenig Muskeltonus und Rumpfspannung gezielt mehr Grundspannung aufzubauen – ähnlich wie beim Menschen der Unterschied zwischen Nordic Walking mit großem Armausschlag und Joggen, bei dem die Arme enger am Körper bleiben und die Rumpfspannung zunimmt.
Wichtig ist auch, Pferden die Möglichkeit zu geben, Stress über einen flotten Galopp abzubauen, wie sie es in freier Natur tun würden. In reiner Boxenhaltung oder engem Offenstall fehlt diese Möglichkeit oft völlig. Wird ein solches Pferd dann zum Beispiel an der Longe gezeigt und reagiert mit Panik, Buckeln oder Durchdrehen, ist das für mich ein deutliches Indiz für aufgestauten Stress, der raus möchte – eine eigentlich ganz natürliche Reaktion, die aber oft unterbunden wird. Das ist ausdrücklich keine Aufforderung, ein Pferd, das 23 Stunden im Stall steht, plötzlich täglich eine halbe Stunde durch die Halle zu jagen. Aber von Anfang an sollte ein Pferd es gewohnt sein, auch mal richtig zu galoppieren.
Wenn die eigene Haltungssituation wenig Bewegung zulässt
Habe ich diese Haltungsform nicht zur Verfügung, muss ich dafür sorgen, dass das Pferd durch mich ausreichend bewegt wird – das ist wichtig, aber oft nicht einfach, weil Pferdehaltung teuer geworden ist und viele Menschen unter Zeitdruck stehen. Das kann ich gut nachvollziehen. Nicht jedes Pferd eignet sich gleich gut zum Reiten, aber Pferde waren historisch über Jahrtausende das wichtigste Fortbewegungsmittel der Menschheit – ohne sie hätte sich die Welt anders entwickelt. Wichtig ist, die Bewegungsform an Rasse und die eigenen Bedürfnisse anzupassen: Wer am liebsten Freiarbeit macht oder mit dem Sulky fährt, für den kann auch ein Shetty passen. Aber ein Shetty einfach nur auf die Wiese zu stellen, ohne es zu bewegen, führt zu Übergewicht und Hufrehe.
Warum Energieüberschuss im Heu oft das eigentliche Problem ist
Das Heu, das wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz ernten, ist vielerorts sehr energiereich. Viele Pferde haben trotz fünf- bis sechsmal wöchentlichem, 45- bis 60-minütigem Training immer noch einen Energieüberschuss – zu viel metabolische Energie bei gleichzeitigem Mikronährstoffmangel, etwa bei Zink, Kupfer, Jod oder Selen, während zum Beispiel Eisen und Mangan bei uns im Münsterland oft eher zu hoch sind. Was heute als leichtes Training gilt, wäre vor 50 bis 60 Jahren im Grunde kaum als Training durchgegangen – die Fütterung ist aber oft gleich geblieben, und viele wenig bewegte Pferde bekommen trotzdem noch energiereiches Kraftfutter. Ich sage damit nicht, dass kein Pferd Hafer oder Kraftfutter bekommen sollte – aber gerade Robustrassen wie Tinker, Shettys, Isländer oder Kaltblüter haben bei heutigem „leichtem Training“ sehr selten ein echtes Energiedefizit.
Der Energiebedarf hängt neben der Rasse auch von Bemuskelung und zusätzlichem Reitergewicht ab, eine genaue Berechnung erfordert unter anderem den Puls des Pferdes und würde hier zu weit führen. Zur Veranschaulichung: Manche Pferde haben allein durch das Heu einen Energieüberschuss von rund 30 Megajoule, verbrauchen im Training aber nur 4 bis 5 Megajoule täglich – es bleibt also ein Überschuss von etwa 25 Megajoule. Kein Wunder, dass viele Pferde zunehmend ungesünder werden: Übergewicht ist nicht nur ein Gewichtsproblem, sondern geht häufig mit chronisch stillen Entzündungen und weiteren Stoffwechselstörungen einher. Gerade bei einem equinen metabolischen Syndrom oder einer Insulinresistenz lohnt sich deshalb eine Heuanalyse, weil die Energiedichte von Heu stark schwankt. Stehen an einem Stall mehrere Rassen mit demselben Heu, kann es gut sein, dass der Haflinger trotz regelmäßigem Training zunimmt, während der Warmblüter mit hohem Blutanteil sein Gewicht hält.
Sattelpassform und Belastbarkeit
Wenn wir Pferde reiten, müssen wir sie dazu befähigen und belastbar machen – eine tragfähige „Brücke“ für den Reiter schaffen. Aus meiner Sicht haben viele Pferdebesitzer Probleme, einen wirklich passenden Sattel zu finden, auch wenn es zusätzlich exteriörbedingte Ursachen geben kann und die meisten Sattler, mit denen ich zusammenarbeite, ihr Handwerk gut verstehen. Auch hier gilt: Ein Schaden entsteht, wenn die Belastung höher ist als die Belastbarkeit. Je belastbarer und zielgerichteter trainiert ein Pferd ist, desto besser kann es auch einen nicht ganz optimal sitzenden Sattel kompensieren.
Ist Reiten artgerecht?
Ich sehe Reiten nicht grundsätzlich als Quälerei – ich erlebe viele Pferde, die darin regelrecht aufblühen, und viele alte Pferde, die ohne Job und Nutzung beleidigt wirken, massiv abbauen und Stress entwickeln. Das beobachte ich auch bei Schulpferden: In Betrieben, die sie zusätzlich kompensatorisch vom Boden aus arbeiten – Äquikinetik, Freiarbeit, Spaziergänge, Bodenarbeit – sind sie oft besser in Schuss als manch anderes Pferd, obwohl die Belastung durch wechselnde Reitschüler eigentlich hoch ist.
Zum Vergleich mit dem Menschen: Auch Technik, Computer und Handy sind nicht besonders artgerecht für uns, trotzdem nutzen wir sie alle unterschiedlich intensiv. Die eigentliche Frage ist nicht, ob etwas hundertprozentig natürlich ist, sondern wie wir damit umgehen. Genauso ist es für einen Isländer vermutlich nicht „artgerechter“, einen Reiter zu tragen, als für einen Warmblüter – er zeigt es vielleicht einfach nur weniger, wenn es ihm Probleme macht. Auch ich hebe schwere Gewichte und mache Sport, der nicht hundertprozentig „natürlich“ ist, weil die Bewegungsanreize im normalen Alltag – viel Sitzen im Auto eingeschlossen – einfach zu gering sind, um langfristig gesund zu bleiben.
Fazit
Pferde müssen bewegt werden – aber achtet darauf, dass ihr in Pferde, die nach heutigem Maßstab nur „leicht“ trainiert werden, nicht zusätzlich zu viel Energie über die Fütterung reinkippt. Im Zweifel lohnt sich eine vernünftige Rationsberechnung: macht Heuanalysen und schaut euch die Inhaltsstoffe eurer Futtermittel genau an.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Ist dein Pferd wirklich ein Sportpferd oder steht es sich krank?“