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Ganzheitlich – das meist missbrauchte Wort in der Pferdetherapie?

Der Begriff „ganzheitlich“ ist in der Pferdetherapie so wichtig wie abgenutzt – aber was bedeutet er eigentlich konkret? In dieser Folge geht es darum, warum rein lokale, symptomatische Arbeit langfristig nicht reicht, und wie sich ganzheitliches Arbeiten mit einer klaren fachlichen Spezialisierung verbinden lässt. Dazu gehört der Blick auf den Pferdebesitzer, auf die Stimmung im Stall und auf ungewöhnliche Stressoren, die selten mitgedacht werden.

Transkript:

Was „ganzheitlich“ in der Pferdetherapie wirklich bedeutet

Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“. Der Podcast richtet sich vor allem an Pferdetherapeuten, die sinnvolle Inspiration für fundiertes und ganzheitliches Arbeiten suchen. Und genau das ist heute das Thema dieser Folge – ein riesiges Thema. Ich glaube, der Begriff „ganzheitlich“ ist so wichtig wie abgenutzt zugleich. Was bedeutet er eigentlich? Für mich kann ich das nur für mich selbst beantworten, denn ganzheitlich ist Definitionssache. Und wie schafft man es, ganzheitlich zu arbeiten und trotzdem Fachidiot für den eigenen Bereich – bei mir die Pferde-Osteopathie – zu bleiben?

Warum lokale, symptomatische Arbeit allein nicht reicht

Ich halte es für extrem wichtig, für die Therapie der Zukunft, dass wir nicht nur lokal oder rein symptomatisch arbeiten – rein physiotherapeutisch oder rein manuell. Das kann unterstützend eine feine Sache sein. Aber wenn wir langfristig Gesundheit erreichen wollen, bei Pferden genauso wie bei Menschen oder Hunden, reicht das nicht. Pferde spiegeln oft das, was auch in anderen Bereichen oder bei anderen Lebewesen nicht gut läuft – wir können eine Menge von ihnen lernen.

Ich glaube, vor 40, 50 Jahren kam man als Therapeut mit einer rein physiotherapeutischen, osteopathischen, manuellen Behandlung weiter, als man es heute tut. Es hat sich einiges verändert, vor allem bei Haltung, Fütterung und den gesamten Umweltfaktoren – dadurch sind ganz andere Stressoren entstanden. Deshalb ist es mir wichtig, immer nach der Ursache der Ursache zu fragen, wenn es um die Entstehung von Herausforderungen geht – bewusst nicht „Probleme“, sondern „Herausforderungen“.

Meine Idee ist dabei nicht, tausendmal zum selben Pferd zu kommen und immer wieder nur das Gleiche zu machen – das würde mich schnell langweilen. Natürlich braucht es die entsprechenden Techniken. Aber spannender finde ich es, erstens zu visualisieren, was ich eigentlich tue, und zweitens neben der manualtherapeutischen Unterstützung über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Das Motto: Fachidiot bleiben, aber trotzdem über den Tellerrand hinausschauen.

Was „ganzheitlich“ aus Sicht der Osteopathie bedeutet

Schauen wir nur aus dem Blickwinkel der Osteopathie: Dort wird das Pferd bereits als Ganzes betrachtet, nicht nur der aktive und passive Bewegungsapparat, sondern auch alles, was mit den Nerven zu tun hat, mit dem Liquorfluss, mit den Suturen am Schädel – also die kraniosakrale Therapie – und die viszerale Osteopathie, bei der man weiß, wie die Faszienzüge verlaufen und wie gastrointestinale beziehungsweise viszerale, also organbezogene Probleme mit dem restlichen Körper zusammenhängen. Das ist der ganzheitliche Blick der Osteopathie.

Auch in der Physiotherapie wird bereits ganzheitlich gearbeitet: Hat ein Patient zum Beispiel ein Karpaltunnelsyndrom, vielleicht sogar beidseitig, oder wiederkehrende Achillessehnenprobleme, dann schauen wir, von wo das Ganze nervlich versorgt wird, wie die Faszienzüge verlaufen und wie sich das gesamte System untereinander koordiniert. Es geht nicht darum, einfach zu sagen „da ist eine Schwachstelle“, sondern wirklich zu identifizieren, was primär das eigentliche Problem ist. Auf rein körperlicher Ebene lässt sich also durchaus sowohl physiotherapeutisch als auch osteopathisch ganzheitlich arbeiten.

Mein eigener, erweiterter Ansatz

Was meine ganzheitliche Arbeit darüber hinaus ausmacht, entwickelt sich fortlaufend – als Therapeut wird man damit nicht geboren, das ist ein Prozess. Ich meine damit auch nicht nur „interdisziplinär“, auch wenn das ein wichtiger Baustein ist: über den eigenen Tellerrand zu schauen, die eigenen Grenzen zu kennen und einschätzen zu können, wann zum Beispiel primär ein Hufproblem vorliegt und mehr am Huf gearbeitet werden muss, wann der Tierarzt gebraucht wird oder wann im Training etwas verändert werden sollte. Genau das zu erkennen, wäre interdisziplinäres Arbeiten – zu schauen, wie sich die einzelnen Fachrichtungen sinnvoll ergänzen und gut zusammenarbeiten können.

Aber es gibt noch mehr. Wir können mit unseren Sinnen arbeiten und beobachten, welche Faktoren von außen auf den Körper einwirken – Dinge, die inzwischen so normal geworden sind, dass wir sie kaum noch bewusst wahrnehmen, etwa dass es überall laut ist. Wenn ich an einem Stall aus dem Auto steige, beginnt meine Arbeit schon in diesem Moment: Ich nehme wahr, was für eine Stimmung dort herrscht – Energien oder Spannung. Das klingt esoterisch, ist es in gewisser Weise auch, aber aus meiner Sicht ist es wichtig, das wahrzunehmen. Früher hätte ich das für Quatsch gehalten.

Das gelingt aber nur, wenn wir auch Stille aushalten können und uns mit uns selbst beschäftigen. Das ist die Voraussetzung, um überhaupt empathisch mit sich selbst zu sein – also nach innen zu hören und die eigenen Emotionen wahrzunehmen –, um dann in der Lage zu sein, das Außen wirklich zu verstehen. Ich steige also am Reitstall aus dem Auto und nehme wahr, was für eine Stimmung dort ist. Das setzt sich über die gesamte Behandlung fort: Gibt es viel Stress in der Herde, sind die Pferde unruhig? Herrscht beim Füttern großer Stress oder gibt es Futteraggression in der Herde? Das sind Alarmzeichen dafür, dass nicht nur ein individuelles Thema vorliegt, sondern möglicherweise ein Bestandsproblem – also der gesamte Faktor Haltung.

Der Pferdebesitzer gehört mit in den Blick

Auch der Pferdebesitzer fließt in die ganzheitliche Betrachtung mit ein – angefangen beim Verhältnis zwischen Pferd und Besitzer, also der Qualität des Horsemanships. Das setzt voraus, dass sich der Besitzer mit dem Wesen des Pferdes beschäftigt hat und nicht einfach menschliche Verhaltensmuster überträgt – das macht einen riesigen Unterschied, und es überträgt sich stark auf das Pferd.

Auch die Gemütslage des Pferdebesitzers spielt eine Rolle. Ich muss nicht jede Thematik im Detail kennen, aber es ist mir wichtig zu wissen, in welcher Situation jemand gerade steckt, bevor ich Übungen oder „Hausaufgaben“ mitgebe. Ist das zum Beispiel eine Mutter mit vier Kindern zu Hause, die zeitlich kaum hinterherkommt, gebe ich ihr in der Regel keine aufwendigen Dehn- und Massageübungen mit, sondern eher etwas, das gleichzeitig auch die Reiterin selbst herunterfährt – ruhige, feine Techniken. Meine Empfehlungen gehen ohnehin meistens eher Richtung Bewegung: nicht über jeden Schritt des Pferdes nachdenken, sondern einfach eine Runde spazieren gehen, und sei es nur zehn Minuten, den Kopf freibekommen, ruhig atmen – der Auftrag lautet oft schlicht: mehr Bewegung, sofern keine Kontraindikationen dagegensprechen.

Auch die Aufklärung der Besitzer gehört für mich zum ganzheitlichen Arbeiten dazu. Wenn ich merke, dass jemand besorgt und verunsichert ist, versuche ich, in einer passenden Sprache Wissen zu vermitteln – denn Wissen beruhigt, während gefährliches Halbwissen oft zusätzliche Unsicherheit erzeugt. Dabei ist auch nicht alles schwarz-weiß, das betone ich immer wieder. Genauso gehört es dazu, wahrzunehmen, wie oft jemand überhaupt am Stall sein kann, ob es eine Pflege- oder Reitbeteiligung gibt, die sich einbinden lässt, oder ob es sich um einen Schulbetrieb handelt, in dem einzelne Pferde von einzelnen Reitschülern betreut werden – das freut mich immer besonders, weil sich diese Menschen meist sehr gerne einbringen, wenn sie wissen, wie.

Was der Stall selbst verrät

Ich nehme nicht nur die Stimmung am Stall wahr, sondern schaue auch, wie viel Platz die Pferde haben: Ist der Raum beengt, gibt es genug Liegeflächen, genug Futterplätze? Wie sieht das Heu aus, wie das Stroh? Auch ohne tiefes Fachwissen zur Heuanalyse lässt sich oft schon wahrnehmen, wenn beim Öffnen der Stalltür ein starker Silage- oder Schimmelgeruch entgegenkommt – das sind einfache Sinneseindrücke, auf die wir uns durchaus verlassen und die wir mit einbeziehen sollten.

Auch Geräusche und Lautstärke spielen eine Rolle: Läuft den ganzen Tag ein Radio, gibt es viel Durchgangsverkehr, steht das Pferd an einer Stelle der Stallgasse, an der es ständig ungefragt von Vorbeigehenden angefasst wird? Wie ist der Boxennachbar? All das gehört dazu, ebenso wie wahrzunehmen, wie ein Pferd riecht – manche riechen einfach auffällig, am Maul oder am Strahl, ohne dass man die genaue Ursache sofort benennen könnte. Aber es hilft, das überhaupt erst einmal wahrzunehmen.

Die eigenen Sinne schulen statt zu verkopft arbeiten

Oft denken wir als Therapeuten sehr kompliziert und machen eine Fortbildung nach der nächsten, ohne uns vorher zu fragen: Was sind meine eigenen Stärken und Schwächen? Was nehme ich automatisch wahr, wo bin ich besonders sensibel – und wo sollte ich meine Wahrnehmung eher noch schulen? Wichtig ist, nicht zu verkopft an die Behandlung heranzugehen, sondern mit vollem Fokus und allen Sinnen präsent beim Pferd zu sein: zu beobachten, ob es immer wieder in eine bestimmte Schonhaltung geht, eine Stelle oder ein Bein entlastet, nervös wird, wenn bestimmte Menschen den Stall betreten, oder reagiert, wenn sich der Besitzer entfernt oder nähert. All das gehört für mich zu einer ganzheitlichen Betrachtung – genauso wie natürlich das Thema Fütterung: Was geben wir den Pferden, Menschen, Hunden oder anderen Lebewesen eigentlich zu essen?

Das darf wachsen. Wer gerade am Anfang der eigenen Laufbahn als Pferdephysiotherapeut oder -osteopath steht, sollte nicht erwarten, direkt nach der Ausbildung alles zu können – dort fängt das eigentliche Lernen erst richtig an. Ich freue mich selbst auf alles, was ich noch wahrnehmen und entdecken werde.

Auch ungewöhnliche Stressoren gehören dazu

Dazu fällt mir noch ein Beispiel ein: Ich habe kürzlich einen Kurs an einem Reitstall gegeben, bei dem wir die Pferde von der Weide holten und dabei unter riesigen Strommasten hindurchliefen. Auch das kann ein Stressor sein – Pferde nehmen elektromagnetische Felder ganz anders wahr als wir. Genauso gehören starke landwirtschaftliche Nutzung mit Pestizideinsatz oder die direkte Nachbarschaft zu einem Schweinemastbetrieb dazu – das Schreien der Tiere oder die belastete Stimmung, wenn es ihnen nicht gut geht, kann von Pferden ebenfalls wahrgenommen werden. Pferde sind grundsätzlich sehr sensibel, und unter ihnen gibt es noch feinfühligere Tiere – meist diejenigen, die schneller an ihre Belastungsgrenze kommen, nicht weil sie weniger belastbar sind, sondern weil sie besonders viele Reize gleichzeitig verarbeiten.

Fazit

Das waren einige Ansätze, in die ich jetzt nicht überall tief eingestiegen bin, aber die zeigen, was für mich „ganzheitlich“ wirklich ausmacht – und wir könnten noch zehn weitere Aspekte ergänzen. Wenn ihr Interesse an tiefergehendem, fundiertem Wissen zu diesen einzelnen Bereichen habt, schaut gerne auf horse-therapy-academy.de vorbei oder meldet euch für den Newsletter an, dann bekommt ihr automatisch aktuelle Infos.

Diese Arbeit macht wirklich Spaß, ist aber auch anstrengend – man schafft nicht zehn Pferde am Tag, wenn man so arbeitet. Nach den Behandlungen bin ich meist mental erschöpft, nicht in erster Linie körperlich. Viele denken, dieser Beruf sei vor allem körperlich fordernd – das mag stimmen, wenn man rein mechanisch an die Behandlung herangeht. Aber viel mehr Freude macht es, wirklich wahrzunehmen, der Sache auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was der größte Stressor für ein Pferd ist. Denn es ist nicht normal, wenn an einem Stall ständig Unruhe herrscht und die Pferde nervös sind.

Schickt mir gerne eure Vorschläge per E-Mail oder über Instagram. Euch einen ganz tollen Tag, wann auch immer ihr das hört. Alles Liebe, eure Denise.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Was ‚ganzheitlich‘ in der Pferdetherapie wirklich bedeutet“