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Schwarz-Weiß-Denken im Pferde- und Therapiebereich zeigt oft nur, wie wenig differenziertes Wissen eigentlich vorhanden ist.
In dieser Folge geht es darum, warum das Pferd kein Baukasten aus isolierten Systemen ist, sondern ein Organismus, in dem alles zusammenhängt – von Faszien über Biomechanik bis zur Psyche.
Außerdem: warum Bewegung nicht gleich Training ist und warum Weidegang allein nicht ausreicht, um ein Pferd dauerhaft gesund zu halten.
Transkript:
Warum Schwarz-Weiß-Denken beim Pferd nicht weiterhilft
Hallo und herzlich willkommen. Mein Name ist Denise, mein Podcast heißt „Pferde, Schäfer und Menschen“, und das Motto, mit dem ich beruflich und privat durchs Leben gehe, heißt „Love it, change it or leave it“. Heute muss ich etwas loswerden, weil mich diese Schwarz-Weiß-Malerei und -Denkerei gerade im Pferde- und Therapiebereich extrem stört. Sie zeigt mir oft, wie wenig Wissen eigentlich vorhanden ist, wenn nur noch schwarz-weiß gedacht wird.
Das ist auch ein Grund, warum ich mich mit Fragen wie „Was hältst du von…?“ schwertue, gerade wenn sie zwischen Tür und Angel gestellt werden. Bei solchen Fragen erwartet man oft eine einfache Antwort – „super“ oder „das ist Quatsch“. Von mir kann man aber immer nur eine differenzierte Antwort erwarten, und die braucht Zeit. Das macht solche schnellen Fragen für mich manchmal wirklich anstrengend.
Gute Basis statt Dauertherapie
Ich möchte einmal loswerden: Wir sollten aufhören, immer nach einfachen Lösungen zu suchen. Mir ist wichtig, dass wir Pferde nicht nur dauertherapieren, sondern eine gute Basis schaffen – darauf bin ich auch in früheren Folgen schon eingegangen. Es ist Unsinn, immer nur Symptome zu lindern. Damit meine ich nicht, dass Therapeuten grundsätzlich nicht behandeln sollten – jeder Therapeut muss seine eigenen Grenzen kennen und wissen, wann der Tierarzt hinzugezogen werden sollte. Wichtig ist, dass wir hier nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten: Bei akuten Geschehen ist immer der Tierarzt für eine vernünftige Diagnostik gefragt.
Bei wiederkehrenden Problemen dagegen – zum Beispiel einem Pferd, das hustet, gleichzeitig fühlig ist (was sich immer so niedlich anhört) und zusätzlich Hautprobleme oder Mauke hat, und das immer wieder behandelt wird – geht es um etwas anderes. Jede einzelne Salbe, jedes Gerät kann im akuten Einzelfall durchaus gut sein. Aber gerade bei wiederkehrenden Geschichten, meinem eigentlichen therapeutischen Schwerpunkt bei chronisch erkrankten Pferden, wollen wir als Pferdebesitzer unsere Pferde nicht dauerhaft nur pflegen – für die meisten ist das Pferd schließlich ihr Hobby. Deshalb ist es mir so wichtig, auch wenn es am Anfang ein etwas längerer Weg ist, herauszufinden, was der eigentliche Kern eines Problems ist und warum ein Pferd bestimmte Symptome zeigt.
Das Pferd ist kein Baukasten
Die erste Kernbotschaft: Das Pferd ist kein Baukasten. Es besteht nicht nur aus Faszien, nicht nur aus Organen, nicht nur aus Knochen und Muskeln – die embryonalentwicklungsbedingt ebenfalls zu den Faszien gehören –, sondern aus Systemen, die miteinander interagieren. Kein System arbeitet isoliert, das ist ganz entscheidend.
Als Osteotherapeutin werde ich immer wieder gefragt: „Behandelst du auch Faszien? Ich habe da auch einen Faszientherapeuten.“ Das ist eine feine Sache, keine Frage. Aber das Thema Faszien beim Pferd ist nicht neu, es wurde in den letzten Jahren nur neu aufgebauscht – was auch nicht verkehrt ist, weil dadurch viele Menschen einen Zugang dazu bekommen. Mir ist aber wichtig, dass verstanden wird: Faszien sind nicht das einzige System, und es geht nicht immer nur darum, Faszien zu lösen, damit sich ein Pferd wieder bewegen kann – das ist immer nur ein Aspekt von vielen.
Die eigentliche Frage lautet: Welche Stellschraube drehen wir bei diesem Pferd? Das erfordert möglichst breites Wissen von Therapeuten, die abwägen müssen: Ist diese verspannte Faszie wirklich das Problem? Und was passiert im restlichen Körper, wenn ich sie löse – was muss dann als Nächstes passieren? Kein System arbeitet isoliert. Es ist nicht einfach alles biomechanisch aneinandergekettet, sondern hängt zusammen – genau wie Körper und Psyche zusammenhängen und sich nicht trennen lassen. Auch wenn ich dafür manchmal belächelt werde, ist mir das mittlerweile egal: Meine über 18-jährige Erfahrung mit Pferden hat mich eines Besseren belehrt, auch wenn ich das vor 20 Jahren vielleicht selbst belächelt hätte.
Was dabei oft fehlt, ist echtes Zuhören und Hinhören. Häufig schaut man nur durch die eigene fachliche Brille und denkt, etwas müsse so und so sein. Wenn ich zum Beispiel sage, dass der Magen bei Pferden häufig mitbetroffen ist, wird daraus manchmal: „Denise meint, alle Pferde werden magenkrank.“ Das ist nicht das, was ich sage – hier braucht es genaueres Hinhören.
Warum Differenzierung statt Schwarz-Weiß-Denken zählt
Die zweite Kernaussage: Schwarz-Weiß-Denken bringt uns nicht weiter, wir müssen differenziert denken. Natürlich ist es wichtig, einzelne Bereiche gezielt zu betrachten, aber das erfordert viel Erfahrung und genaues Hinsehen – und den Einsatz der eigenen Sinne: hören, schmecken, riechen, fühlen, auch Energien wahrnehmen, um wirklich herauszufinden, was mit einem Pferd nicht in Ordnung ist. Manchmal wird sehr laut „geschrien“, ohne dass viel dahintersteckt – wer besonders laut auf etwas hinweist, macht mich eher aufmerksam und vorsichtig, nicht automatisch überzeugt.
Reitweise, Biomechanik und die Grenzen einfacher Erklärungen
Viele Reitlehrer und Trainer geben Unterricht, weil sie selbst erfolgreich auf Turnieren geritten sind. Wenn mir ein Pferdebesitzer erzählt: „Ich habe Unterricht bei dem und dem, der reitet selbst international“, dann sagt mir das für sich genommen erst einmal nichts – wenn wir uns anschauen, wie manche Pferde auf Turnieren vorgestellt werden, zeigt das oft, dass gar nicht so viel fachliches Wissen dahintersteckt.
Schauen wir uns allein die Kopfgelenke an: wie Atlas und Axis miteinander verbunden sind, wie sich der Dens, der Zahn des Axis, in den Atlas schiebt, und wie die Kopfgelenke dreidimensional miteinander interagieren. Wir sollten das nicht vereinfacht betrachten nach dem Muster „das obere Kopfgelenk ist das Ja-Sager-Gelenk, das untere das Nein-Sager-Gelenk“ – so einzeln und schwarz-weiß funktioniert das System nicht. Wer wirklich verstanden hat, wie der Zahn des zweiten Halswirbels im Atlas verankert ist, wird niemals mit einer hyperflektierten Halswirbelsäule reiten wollen, weil klar wird, dass sich die Halsbasis dadurch niemals funktional bewegen kann – und dass eine Blockade dieses Systems Auswirkungen auf den ganzen restlichen Körper hat. Aber auch rein biomechanisches Denken allein reicht nicht aus.
Faszien-Fokus versus Gesamtbild
Faszien sind wichtig, aber eben nur ein Teil des Systems. Es gibt längs verlaufende Faszien, und in der Osteopathie sprechen wir auch über die transversalen Diaphragmen – Puffersysteme der Faszienstrukturen, die genauso wichtig sind. Die Wahrheit liegt fast immer in der Mitte: Alles gehört zusammen. Das sagt oder denkt eigentlich jeder, aber es wirklich zu verstehen und danach zu handeln, fällt trotzdem oft schwer.
Bewegung ist nicht gleich Training
Ein weiterer wichtiger Punkt: Bewegung ist nicht gleich Training. Wir können Pferde täglich bewegen – das ist etwas anderes als gezieltes Training. Es gibt viele Mythen im Umlauf, etwa dass Pferde nur alle 48 Stunden bewegt werden dürften. Das ist schlicht falsch. Richtig ist: Einen überschwelligen Trainingsreiz können wir für bestimmte Strukturen – etwa Faszien- oder Sehnenstrukturen – oft erst nach 48 Stunden erneut setzen. Das heißt aber nicht, dass man am Tag danach nicht mit dem Pferd spazieren gehen kann. Ob ein Spaziergang für ein bestimmtes Pferd Bewegung oder bereits Training bedeutet, entscheidet immer das individuelle Pferd.
Bewegung bedeutet zunächst allgemeine Aktivität und Grundversorgung, Training bedeutet, gezielt überschwellige Reize zu setzen mit dem Ziel einer Anpassung und Entwicklung. Pferde brauchen beides. Entscheidend ist, auf welches Gewebe beziehungsweise welchen Körperbereich der Trainingsreiz gesetzt wird – dann versteht man auch, warum man ein Pferd am Folgetag trotzdem bewegen sollte, denn die meisten Pferde werden ohnehin zu wenig bewegt, und andere koordinative Reize wie eine Ausdauereinheit sind dabei trotzdem möglich.
Was für ein bestimmtes Pferd Bewegung ist und wo Training anfängt, ist immer individuell. Ein Pferd, das lange nicht ausreichend bewegt wurde oder verletzungsbedingt pausieren musste, kann bei einem 15-minütigen Spaziergang bereits im Trainingsbereich sein. Für die meisten anderen Pferde ist ein 15-minütiger Spaziergang dagegen schlicht Bewegung.
Weidegang allein reicht nicht
Ein weiterer Punkt, der mich regelmäßig ärgert: Der Satz „Er geht doch auf die Weide, da bewegt er sich doch“ greift zu kurz. Im Einzelfall mag sich ein Pferd auf der Weide etwas bewegen, aber das reicht nicht aus, um Pferde dauerhaft gesund zu halten. Früher, in älteren Fachbüchern, wurde eine leichte Belastung für ein bewegungsfreudiges Shetlandpony mit 12 bis 15 Kilometern vor einem leichten Wagen angegeben – das war leichtes Training. Würde ich heute jemandem vorschlagen, mit seinem Pferd 12 bis 15 Kilometer zu gehen, würde das für viele wie ein Sakrileg klingen – weder Mensch noch Pferd würden das aus heutiger Sicht schaffen. Das zeigt: Was heute als normal gilt, ist nicht automatisch gesund.
Warum ich Schubladendenken kritisch sehe
Meine klare Kritik an dieser Schwarz-Weiß-Szene, an diesen Schwarz-Weiß-Fragen, auf die ich nicht einfach schnell antworten kann: Wir müssen das System als Ganzes betrachten und dürfen nicht zu sehr in Schubladen denken. Ein Beispiel: Zeigt ein Pferd Explosivität, denkt jemand mit einem Pferd, das an MIM (Muskelintegritätsmyopathie) leidet, vielleicht sofort an die typischen Symptome dieser Erkrankung. Diese Explosivität kann aber genauso gut allein daher kommen, dass das Pferd – unabhängig von jeder Stoffwechselerkrankung – schlicht zu wenig bewegt wird.
Auch vermehrte Schreckhaftigkeit ist nur ein Symptom, das ganz unterschiedlichen Ursachen zugeordnet werden kann – manchmal liegt es einfach daran, dass die Basics nicht stimmen, ganz ohne größere Erkrankung dahinter. Wer ein Pferd wirklich vernünftig betrachten will, muss sich dafür Zeit nehmen. Bei mir bedeutet das zum Beispiel, dass ich kein Pferd „mal eben schnell dazwischen quetsche“ – das funktioniert einfach nicht.
Gebt mir gerne eine Rückmeldung. Ich könnte mich jetzt noch weiter in Rage reden, widme mich aber wieder der Ausarbeitung meiner Online-Seminare. Aber dieses Thema beschäftigt mich einfach sehr – und manchmal ist es leichter und schneller, solche Gedanken einmal zu vertonen und aus dem Kopf zu haben, statt weiter darüber nachzudenken. Wenn euch weitere Themen interessieren, schaut euch gerne an, was ich bereits an Podcast-Folgen im Angebot habe, und empfehlt mich gerne weiter.
Mein Appell zum Schluss: nicht schwarz-weiß denken – das löst ohnehin nur unnötige Konflikte aus. Stattdessen differenziert betrachten und das eigene Wissen wirklich aufbauen. Denn Wissen schützt davor, sich schnell verunsichern zu lassen. Alles Gute, bis zum nächsten Mal, eure Denise.