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Nicht perfekt, aber gesundheitsorientiert: Kleine Schritte zu einer besseren Pferdehaltung

Muss Pferdehaltung perfekt sein? Im zweiten Gespräch mit Alex von Biomequine geht es darum, warum sie ihr eigenes Pferd aus dem Offenstall mit Heu rund um die Uhr wieder herausgenommen hat und wie sich Paddock, Offenstall und Weide mit einfachen Mitteln gesundheitsorientierter gestalten lassen. Außerdem: Snack-Spaziergänge im Wald, die Grenzen der Fütterungsberatung, Zusammenarbeit mit Tierarzt und Hufbearbeitung und warum selektive Entwurmung sinnvoller ist als Wurmkuren nach Kalender.

Transkript:

Denise: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge im Podcast Pferde, Schäfer und Menschen. Ich habe zum zweiten Mal Alex von Biomequine zu Gast. Vor einigen Monaten haben wir uns über das Mikrobiom unterhalten, und dieses Thema ist auf so viel Begeisterung gestoßen, dass es zu den meistgehörten Folgen meines Podcasts gehört.

Deshalb hatte ich zuerst den Gedanken, Alex noch einmal einzuladen und weiter über das Mikrobiom zu sprechen. Alex hatte aber einen kleinen Einwand, beziehungsweise eine sehr gute Idee: nicht noch tiefer ins Mikro-Management einzusteigen, sondern ganz pragmatisch darüber zu sprechen, wie wir die Haltung unserer Pferde gestalten können, ohne dass sie perfekt sein muss – und trotzdem so, dass der Darm gesünder bleibt. Wir müssen ja nicht immer nur auf eine Thematik schauen, auf den Darm oder auf den Huf. Wenn wir die Haltung insgesamt verbessern, profitieren Bewegung, Training, Darmgesundheit und mentale Gesundheit gleichermaßen.

Das Thema der Folge heute lautet also: Die Pferdehaltung der Zukunft muss nicht perfekt sein, aber sie sollte deutlich gesundheitsorientierter sein.

Starten würden wir gerne mit dir selbst, Alex. Du hast dein eigenes Pferd aus einem Offenstall mit 24 Stunden Heu wieder herausgenommen. Da denkt man erst mal: Offenstall ist doch eine super Idee. Was war der Beweggrund? Wo hast du gemerkt, dass das doch nicht das Ideale für dein Pferd ist?

Alex: Vorweg muss man sagen, dass wir vorher schon einige Stallumzüge hatten – das war nicht der erste Wechsel. Aber es war einer der Wechsel, die mir damals am schwersten gefallen sind. Mein Pferd stand im Offenstall, in der Herde, auf ausreichend großer Fläche – was groß ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters –, und es gab 24/7 Heu. Da denkt man eigentlich, das ist schon ein recht hohes Optimum.

Mit der Zeit habe ich aber festgestellt, dass er Probleme mit den anderen Herdenmitgliedern hatte, oder sie mit ihm, je nachdem, wie man es sehen will. Als rangniedriges Pferd ist das einfach ein Problem. Ich kann nicht hingehen und meinem Pferd sagen: Lass dich doch nicht immer wegschicken, leg dich ruhig hin, lass dich nicht von den anderen ärgern. Das funktioniert nicht.

Auch die 24/7-Heufütterung hat für ihn nicht gepasst. Ich habe über mehrere Monate zweimal am Tag etwas mit ihm gemacht und beim Ausreiten oder Spazierengehen immer mindestens zehn Kilometer geschafft. Distanzreiter lachen darüber, aber für einen ganz normalen Reiter oder Spaziergänger sind zehn Kilometer nicht wenig. Das hat mich enorm gestresst, weil ich seine Figur in den Griff bekommen musste – er war immer zu dick. Über die Fütterung konnte ich ihn nicht weiter einschränken. Das haben schon die anderen Herdenmitglieder erledigt, die ihn nicht immer an die Heuraufe gelassen haben.

Dann gab es noch einen Einstellerwechsel, der sich für ihn ebenfalls nicht positiv ausgewirkt hat. Zwei Pferde haben die Heuraufe für die anderen beiden blockiert. Irgendwann, nachdem ich mein Pferd monatelang mit sehr viel Bewegung gescheucht und mich selbst damit extrem gestresst hatte, musste ich feststellen: Vielleicht ist dieses Experiment mit Herde und 24/7 Heu in dieser Form gescheitert. Wenn das Pferd langsam in die Zwanziger kommt, muss man sich auch fragen, wie lange es so einen Stress noch aushalten soll.

Seitdem steht er alleine. Ich habe gerade deine Augenbrauen gesehen – genau das ist die typische Reaktion: Oh Gott, das Pferd steht alleine, Einzelhaltung, Tierquälerei, Tierschutz. Aber für dieses Pferd hat es dazu geführt, dass sein Stresspegel enorm gesunken ist. Er kann in Ruhe fressen, er wird nicht weggeschickt, genervt, gescheucht, gebissen oder getreten – das hatte ich alles. Er kann sich hinlegen, wann er möchte.

Denise: Und er steht quasi neben den anderen?

Alex: Ja, genau. Er hat angrenzend natürlich Pferde, und das ist für ihn gut.

Denise: Das ist total gut. Meine Augenbrauen habe ich übrigens aus einem anderen Grund hochgezogen. Ich habe an unser Vorgespräch gedacht, in dem du gesagt hast, dass du dich manchmal schwer tust, Dinge so auszudrücken, dass sie nicht in den falschen Hals geraten und hinterher niemand sagt, du würdest pauschal dies oder das behaupten. Genau deswegen machen wir diesen Podcast: um differenziert darzustellen, dass es individuelle Lösungen gibt. Ich habe eher gedacht: Okay, das kann auch eine Lösung sein – ohne sie direkt zu verteufeln.

Ich wäre immer dagegen, ein Pferd völlig alleine zu halten. Bei uns im Dorf stand mal ein Pferd mitten im Ort ganz alleine vor einem Haus, ohne einen Artgenossen in der Nähe. Das habe ich sehr kritisch gesehen. Aber wir dürfen uns differenziert ausdrücken, und dafür ist ein Format wie dieses deutlich besser geeignet als irgendetwas auf Instagram, wo man manchmal zerfetzt wird. Ich bin absolut gegen Schwarz-Weiß-Aussagen, und ich finde es gut, auch zu sagen: Das kann für dieses Pferd eine Lösung sein. Vielleicht ist es das Optimum, das für dieses Pferd im Moment möglich ist.

Wie war das vorher im Offenstall? Es gab im Grunde eine Heuraufe?

Alex: Ja, eine vierseitige Rundballen-Heuraufe. Man denkt, vier Seiten, da ist genug Platz für jedes Pferd. Aber es gab Herdenmitglieder, die das anders gesehen haben.

Denise: Spannend finde ich auch, was ich an einem Hof beobachte, an dem ich regelmäßig behandle. Die Pferde verstehen sich grundsätzlich gut, aber wenn ich dort zwei oder drei Pferde behandle, sehe ich die ganze Zeit nur, dass alle an der Heuraufe stehen und fressen. Sie haben im Grunde keine andere Beschäftigung. Da denke ich: schade, das könnte man anders gestalten, damit die Pferde nicht aus Langeweile die ganze Zeit an der Heuraufe stehen. Wenn das Buffet direkt vor der Tür steht, würde ich mich natürlich auch hinstellen und futtern.

Alex: Das kann man sich bei uns allen sehr gut vorstellen.

Denise: Das ist natürlich erst mal viel besser, als wenn die Pferde alleine in der Box stehen und kein Heu haben – wenn man bedenkt, wo wir herkommen. Aber wir haben nun mal diese extremen Probleme mit Insulindysregulation, mit oder ohne Übergewicht, und anderen Stoffwechselthemen. Da ist es schon interessant zu beobachten: Man hält es für normal, dass alle immer um die Raufe herumstehen, aber sie bewegen sich überhaupt nicht.

Alex: Ich bin nicht per se gegen 24/7 Heu, aber es ist eben auch nicht das Optimum. Ich komme noch aus der Zeit als Pferdebesitzerin, in der der Stall dreimal am Tag Heu und zweimal Kraftfutter gefüttert hat, fertig. Dann kam der große Hype: auf jeden Fall 24/7 Heu, alles darunter geht gar nicht, sonst bekommen alle Magengeschwüre. Das war das neue Optimum, das man damals angestrebt hat – ich auch. Ich habe meine Ponys damals beide in einen Offenstall mit Rundballenraufe umgezogen. Aber das hat eben nicht alle Probleme gelöst.

Denise: Was für eine Rasse ist dein Pferd noch mal?

Alex: Er ist als Ungarisches Warmblut eingetragen, weil der Vater Lipizzaner ist, dann fällt das meistens in diese Kategorie. Die Mutter ist irgendetwas Kleineres, er ist nur 1,40 Meter groß, eigentlich ein Pony. Und damals hatte ich noch ein Shetty.

Denise: Das finde ich noch mal interessant, weil wir überlegen müssen, welche Rassen inzwischen in Deutschland stehen. Wenn wir auf die Wiesen schauen, stehen da längst nicht mehr nur die hiesigen Warmblüter. Das ist bunt gemischt: der Araber, der Norweger, vielleicht ein Warmblüter mit großem Vollblutanteil, der mit 24/7 Heu weniger Probleme hat. Das dürfen wir bei der individuellen Lösungssuche berücksichtigen.

Alex: Unbedingt. Auch innerhalb einer Rasse gibt es natürlich extreme Unterschiede. Trotzdem sollte man nie vergessen, wo die Rasse ursprünglich herkommt, wofür sie gedacht ist, wie viel Muskelanteil sie hat und wie viel Fett sie einlagern kann. Das sollte immer mit einfließen. Bei uns gibt es übrigens auch reine Isländerställe – ich weiß nicht, ob das bei euch auch so ist.

Denise: Haben wir auch, hier im Münsterland gibt es einige Ställe, die entweder nur Isländer haben oder sie in einer eigenen Gruppe halten.

Aber stell dir mal vor, jemand hat sein Pferd im klassischen Offenstall stehen. Das ist ja schon mal schön, und in der Mitte steht eine Heuraufe. Was könnte man ganz pragmatisch tun, damit die Pferde nicht 24 Stunden an der Heuraufe stehen? Was wären Lösungsansätze?

Alex: Ganz klassisch sollten das Dinge sein, die Neugier und Erkundungsverhalten des Pferdes fördern. Das fängt damit an, dass ich einfach einen Sandhügel habe. Bei mir ist es so: Wenn ich eine Ladung Sand bestelle, verteile ich sie nicht sofort, sondern lasse zum Beispiel zwei kleine Hügel liegen. Ich brauche keinen drei oder vier Meter hohen Hügel auf meiner kleinen Parzelle, aber so ein Wall wird oft zum Spielen genutzt.

Genauso bei einer Senke: Muss ich den ganzen Offenstall trockenlegen, oder habe ich ohnehin feuchte Stellen, an denen sich das Wasser sammelt? Ich muss nicht alles mit Matten, Kunstrasen und Platten versiegeln, sondern kann so eine natürlich feuchtere Ecke auch einfach ein bisschen umgestalten.

Ich habe auch schon überlegt, einen alten Treckerreifen als Podest einzusetzen. Das hängt natürlich davon ab, wie groß die Fläche ist und was für Bewegungslegastheniker man unter den Pferden hat. Aber selbst wenn ich nur Äste mitbringe – es müssen keine zehn Kilo sein – und sie auf einen Haufen lege, können die Pferde darin herumstöbern. Bei einer Herde von 20 oder 25 Pferden gehen drei Äste natürlich unter, aber irgendwo muss man anfangen, und das kann sich ja aufbauen. Die Philosophien sind da unterschiedlich. Die einen sagen: Oh Gott, das ist eine Stolperfalle. Du schüttelst schon den Kopf.

Denise: Das ist ein toller Bewegungsanreiz.

Alex: Genau. Ich lasse Äste auch bewusst ein bisschen im Weg liegen, damit er auch mal die Füße heben muss. Wenn man mehr Astmaterial sammelt, kann man sogar eine kleine Totholzhecke anlegen, oder es zumindest auf einen Haufen legen und ab und zu etwas darunter verstecken. Dafür braucht man keine Baugenehmigung, das ist wirklich eine ganz einfache Sache.

Denise: Und vor allem auch kostenlos. Sand und Kies kosten natürlich etwas, wenn wir über unterschiedliche Untergründe sprechen. Aber wenn man einen Forstwirt fragt, ob man einen dicken Baumstamm mitnehmen darf, kostet das nicht immer Geld. Gerade in einer Zeit, in der vieles teurer wird und Heu fast schon Goldwert bekommt.

Alex: Für mich hatte Heu schon immer Goldwert. Ich fand es immer unmöglich, wenn das Heu überall in der Box verteilt wird. Das ist ein begrenztes Gut, und ich finde es schade, wenn man so sorglos damit umgeht.

Dann gibt es noch Dinge, für die man etwas bauen muss, etwa Kräuterbeete in Kisten. Manche haben Lust dazu. Ich bin überhaupt kein Handwerker und habe dazu auch keine Lust – da kann man vielleicht den Partner ins Spiel bringen. Inzwischen kann man auch sogenannte Equipuzzles kaufen, bei denen die Pferde mit der Nase Aufgaben lösen. Das ist die Königsklasse, aber ob das sein muss, ist wieder eine andere Frage.

Denise: Grundsätzlich finde ich die Idee, Dinge zu verstecken, sehr gut. Ich bin ja immer dafür zu schauen, was für das Pferd überhaupt wichtig ist. Pferde nehmen wahnsinnig viel über ihre Sinne wahr, vor allem über die Nase. Wir können Anreize schaffen, für Bewegung, aber auch für die Futtersuche: Kräuter unter einem Haufen Holz oder Geäst verstecken, damit die Pferde etwas zu tun haben, suchen und ausgelastet sind. Da dürfen wir nicht von uns auf das Pferd schließen, sondern müssen schauen, was das Pferd braucht. Wenn man mit einem Pferd im Wald spazieren geht, merkt man ja, wie es überall mit der Nase dran ist, riecht, schnuppert und erkundet. Diese Zeit dürfen wir ihm auch geben.

Alex: Auf jeden Fall. So mache ich das auch bei meinem in seinem Paddock-Offenstall. Warum habe ich dort kein Problem mit rationierter Fütterung? Er bekommt seine Mahlzeiten, und natürlich hat er auch mal Leerlauf – es steht nicht permanent Heu zur Verfügung, Stroh aber auf jeden Fall. Und er hat immer die Möglichkeit zu suchen. Am Rand stehen zum Beispiel überall Brennnesseln, dazwischen wächst mal ein Löwenzahn oder ein bisschen Gras, und das lasse ich ihm.

Diese fürs menschliche Auge sehr ordentlichen Paddocks, ein Rechteck aus Sand, sind für das Pferd einfach mega langweilig. Da braucht man sich nichts vorzumachen. Wenn das Pferd aus der Box auf einen leeren Paddock kommt, dann denke ich mir: Eigentlich kann es auch in der Box stehen. Der Paddock ist dann ja nur die Box an der Frischluft.

Krass ist, dass das früher normal war. In meinem ersten Stall haben die Pferde dreimal am Tag Heu bekommen, und weil nicht genug Fläche da war, kamen sie stundenweise auf Paddocks – ohne Wasser und ohne Heu. Das wäre heute undenkbar.

Denise: Das gibt es tatsächlich immer noch. Meistens bin ich an solchen Stellen einmal, mache den Mund auf und komme dann nicht wieder hin. Das ist auch okay, ich bin immer pro Pferd.

Und was wir als normal ansehen, diese grünen Parzellen: Ich habe früher auch gedacht, wie toll, die Pferde gehen auf die Wiese. Dann hört man häufig, dass sie nach einer Weile am Zaun stehen und wieder rein wollen, lieber in den Stall. Das machen wir Menschen daraus. Vielleicht sollten wir uns eher fragen: Warum wollen sie wieder rein? Ist das wirklich pferdegerecht, und ist das, was so normal ist – Pferde auf grünen Parzellen mit runtergefressenem Gras –, wirklich gesund für sie?

Das wäre der nächste Gedanke: Warum lassen wir Wiesen so weit herunterfressen? Was ist wichtig beim Weidemanagement und im Umgang mit den Flächen, die uns ja nur begrenzt zur Verfügung stehen? Was fällt dir da immer wieder auf?

Alex: Das werde ich vielleicht nie verstehen. Ich stand jahrelang in einem sehr großen Stall mit sehr vielen Pferden, und im Ballungsgebiet Frankfurt am Main hat man keine unbegrenzten Flächen. Ich weiß noch, wie ich mein Pferd das erste Mal auf die Koppel gelassen habe: Der Bewuchs war über einen Meter hoch, das Abäppeln hat überhaupt keinen Spaß gemacht, weil man suchen musste. Damals waren wir nur zwei oder drei Pferde in der Gruppe, und danach wurde der Bewuchs Jahr für Jahr weniger, weil es immer hieß: Die Koppelzeit ist von dann bis dann. Im Sommer hatten wir teilweise das Tor offen, sodass die Pferde selbst entscheiden konnten, raus oder rein.

Ich finde es schade, dass der Stallbetreiber, der seinen Grund und Boden ja jahrelang nutzen möchte, nicht mehr darauf achtet. Ich hatte damals noch mein Shetty, die Gretel, und habe immer gesagt: Ich möchte kein raspelkurzes Gras, die Grasnarbe soll geschont werden, damit im nächsten Jahr wieder etwas da ist. Und dann war es gang und gäbe, dass im Oktober oder November noch zwei, drei Großpferde auf die Ponykoppel kamen und alles schön abgemäht haben. Darüber habe ich mich jedes Mal geärgert, denn das war ja Absicht. Wir nehmen mit jedem Aufwuchs etwas weg, und es wird viel zu wenig darauf geachtet.

Wenn man Einsteller ist und es heißt, die Pferde gehen von dann bis dann auf die Koppel, ist das natürlich so. Inzwischen erlebe ich bei meinen Kunden aber, dass sich viele sehr viele Gedanken machen und auch selbst entscheiden können, wann ihr Pferd nicht mehr auf die Koppel geht.

Dieses Jahr fand ich die Koppelsaison mit sehr negativen Auswirkungen auf die Figur, noch mehr als in den Jahren zuvor. Das sieht man auch an den Heuernten mit wieder sehr hohen Zuckerwerten – und das stand ja vorher auf der Wiese, und die Pferde standen darauf. Trotz der Trockenheit kommen viele Pferde aus einem ungünstigen Figurverhältnis in den erneuten Aufwuchs, der auch wieder nicht wenig Kalorien hat, und werden noch mehr. Da sage ich dann auch: Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt, die Reißleine zu ziehen und das Pferd schon von der Koppel zu nehmen. Ende Oktober ist meistens ohnehin Schluss mit der Koppel. Für die Fläche finde ich es schwierig, sie dann noch einmal herunterfressen zu lassen, und für das Pferd ist es auch eher ungünstig. Darauf sollten wir als Pferdebesitzer ein Auge haben.

In meinem jetzigen Stall behalten wir die Flächen voraussichtlich auch im nächsten Jahr. Das heißt: Wenn du nicht abäppelst, hat dein Pferd im nächsten Jahr das Thema. Wenn du die Fläche überstrapazierst, wenn es zu feucht ist – wir haben eher lehmige Böden, das sieht schnell wild aus, wenn die Pferde darauf Party machen –, solltest du die Pferde nicht mehr rausstellen. Auch wann gemulcht wird, solche Fragen: Man wird mehr einbezogen und macht sich selbst mehr Gedanken. Darauf sollten wir in Zukunft mehr achten. Wir können als Pferdebesitzer nicht nur nehmen, nehmen, nehmen, ohne Rücksicht auf Verluste, nach mir die Sintflut.

Denise: Das denke ich auch, wir sollten langfristig denken. Wie du sagst, sollte auch derjenige, dem die Wiesen gehören, ein Interesse daran haben. Und wenn wir den ökologischen Aspekt mit einbeziehen, glaube ich, dass wir Pferdehaltung und Umweltschutz verbinden und die Artenvielfalt verbessern können.

Viele haben sich gefreut, dass das Gras nach dem trockenen Sommer noch einmal ordentlich nachgeschossen ist. Aber was schießt da so schnell nach? Meistens die Grassorten, die sehr stressresistent sind und viel Zucker und Stärke mitbringen, was sich hinterher auch im Heu zeigt. Und das tut den Pferden oft nicht gut.

Auf der anderen Seite habe ich das gerade in einem großen Schulpferdebetrieb erlebt: Dort ist im Laufstall nicht viel Platz, deshalb kommen die Pferde auf die Wiese und werden auch noch auf Flächen mit höherem Gras weitergeschickt. Ich kann das verstehen, aber dann stand die Hälfte der Pferde da, extrem aufgegast, mit Koliken und total matt. Es geht nicht perfekt, aber wir sollten darauf achten, langfristig eine Wiese zu haben, die den Pferden mikrobiomtechnisch und damit für den ganzen Körper eine bessere Struktur bietet.

Interessant ist ja: Man hat die Idee, eine Magerwiese anzulegen oder Samen einzubringen, Kräuter wie Schafgarbe, Wilde Möhre oder Fenchel. Aber der Boden muss auch so beschaffen sein, dass sich diese Pflanzen dort wohlfühlen.

Alex: Das geht auch nicht von heute auf morgen. Aber wenn die Pferdehaltung eine Zukunft haben möchte, müssen wir uns ein bisschen umstellen. Wir sind sehr abhängig vom Boden, und der wiederum vom Wetter und vom Klima. Eine schlaue Flächennutzung ist sinnvoll, und es geht darum, den Boden nicht komplett auszulaugen. Auch Düngung steht oft total im Verruf, nach dem Motto: Super Flächen, hier wird überhaupt nicht gedüngt. Das ergibt eigentlich keinen Sinn. Gar nicht zu düngen ist genauso schlecht wie eine Überdüngung.

Denise: Aber wir sollten wissen, was wir hineinbringen. Zuerst müsste man eine Bodenprobe machen und schauen, was der Boden braucht, was hinein muss und worauf wir verzichten können.

Alex, ich habe noch eine Frage. Ich bin damals mit einer älteren Stute im Wald spazieren gegangen, und es hieß immer: Die darfst du doch nicht fressen lassen – wenn sie mal ein paar Buchenblätter nahm oder an der Haselnuss oder an der Walnuss knabberte. Da habe ich mich gefragt: Wir lassen unsere Pferde auf abgenagten Wiesen stehen, oder auf Wiesen, die nur auf Masse ausgelegt sind, und machen uns keine Gedanken. Aber an den Baum soll die Stute nicht.

Damit sind wir beim schönen Thema Snack-Spaziergänge und bei der Frage, wie wir mehr Pflanzenvielfalt und Diversität in die Pferde bringen. Machst du Snack-Spaziergänge mit deinem Pferd? Und eine Frage, über die ich noch nie nachgedacht hatte: Ist das Fressenlassen im Wald überhaupt erlaubt?

Alex: Ja, ich mache auf jeden Fall Snack-Spaziergänge mit meinem Pferd. Ich finde das einen ganz wichtigen Aspekt, nicht nur für die Fütterung, sondern für die Psyche und die Auslastung des Pferdes. Ausreiten oder Spazierengehen in der Natur gehören für mich dazu. Ich kann mir nicht vorstellen, sieben Tage die Woche oder den Großteil der Zeit nur in Halle und auf dem Platz zu reiten.

Das kannst du als Therapeutin sicher bestätigen: Ein Pferd, das im Gelände trittsicher ist, über Stock und Stein geht und nicht über jeden Ast fällt, hat ein ganz anderes Körpergefühl, hat vielleicht die eine oder andere Baustelle weniger und ist belastbarer – körperlich, aber auch mental. Das steht oft im Verruf, nach dem Motto: Die geht nur spazieren, die schrubbt nur im Feld herum. Aber ein frisches Vorwärts im Gelände hat noch keinem geschadet.

Wenn ich dann noch an die Fütterung und die positiven Auswirkungen denke, kann ich mir nicht mehr vorstellen, mein Pferd die Natur nicht erkunden und teilweise mitbestimmen zu lassen. Er mag zum Beispiel total gern Rainfarn, das liebt er, und er ist da sehr deutlich in seinen Aussagen. Zuletzt war es der Vogelknöterich, der immer so schön mitten auf dem Weg wächst. Mit seinen 26 Jahren kann er sich das ein bisschen herausnehmen. Wenn ich sage, wir gehen jetzt weiter, bleibt er stehen und hat sich dieses Jahr zum ersten Mal angewöhnt aufzustampfen – wie ein trotziges Kind: Ich will das jetzt hier essen.

Ich kann natürlich verstehen, wenn jemand sagt: Ich will nicht, dass mein Pferd draußen frisst, weil es dann ständig stehen bleibt. Dann kann man entweder mit Signalen arbeiten, mit denen man dem Pferd klar Ja oder Nein sagt. Oder ich bringe als Mensch einfach etwas mit, vom Nachbarn oder über Kleinanzeigen – das habe ich auch schon gemacht. Da muss man natürlich aufpassen, was einem angedreht wird. Mir wollte schon jemand Thuja-Schnitt andrehen. Man sollte sich also ein bisschen auskennen.

Es geht aber nicht nur ums Fressen, sondern auch um den Kontakt mit dem Waldboden, mit Sand- oder Lehmboden, mit der Nase – also auch den Kontakt mit anderen Bakterien. Das finde ich einen wichtigen Aspekt. Gibt es Studien dazu? Nein, natürlich nicht.

Denise: Das gibt es ja nicht. Was posaunen wir hier raus?

Alex: Das ist nicht wissenschaftlich belegt, wenn ich das sage. Aber ich kann nur empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen: Welche Pflanzen wachsen hier überhaupt, und was möchte mein Pferd vielleicht fressen? Muss man aus allem gleich eine wissenschaftliche Ableitung machen? Mein Pferd mag zum Beispiel ab und zu Eichenblätter. Wir wissen, dass darin Tannine und Gerbstoffe stecken. Bekommt er davon gleich ein Verdauungsproblem oder ein Leber-Nieren-Thema? So weit würde ich nicht gehen. Ich kann ihm zu bestimmten Jahreszeiten bestimmte Pflanzen zuordnen, die er dann eher mag, und das finde ich super spannend.

Wer nicht möchte, dass sein Pferd draußen frisst – was ich verstehen kann, aber trotzdem schade finde –, kann wie gesagt immer noch etwas mitbringen. Und natürlich mit gesundem Menschenverstand: Ich gehe nicht quer durch den Wald und pflücke alles ab, was nicht niet- und nagelfest ist, wie im All-inclusive-Hotel, wo man noch Duschgel, Nähset, Handtuch, Bademantel und Schlappen einpackt, weil es ja umsonst war. So gehen wir natürlich nicht vor.

Die gesetzlichen Bestimmungen sind, wie ich gelernt habe, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Soweit ich weiß, hat man aber nirgendwo einen Freifahrtschein, Riesenmengen mitzunehmen. Ist es strafrechtlich relevant, wenn mein Pferd drei Blätter von einer Eiche frisst? Persönlich glaube ich das nicht. Und ich sehe es auch nicht als potenziell gefährlich an, dass ein Pferd an einem Baum frisst.

Es wurde auch schon gesagt: Aber da pinkeln doch die Jogger und die Hunde dran. Dazu kann ich nur sagen: Mein Pferd frisst in einer gewissen Höhe und nicht am Stamm. Hunde pinkeln an den Wegrand, aber auf einen Meter Höhe habe ich das noch nicht erlebt. Und bei den Joggern kann ich das nur statistisch von meinem Mann ableiten: Der stellt sich auch hinter den Baum und pinkelt nicht die Blätter an. Mit einer Person ist die Statistik natürlich schwierig. Und dann war da noch der Fuchsbandwurm – ein Pferd ist dafür eigentlich gar kein Wirt, das habe ich extra noch einmal recherchiert.

Denise: Es sollte auch klar sein, dass wir nicht an einer stark befahrenen Hauptstraße oder an einem viel genutzten Hundeweg fressen lassen. Das sagt einem schon der normale Menschenverstand.

Ich muss mich hier auch mal outen. Ich gehe einmal in der Woche mit zwei Pferden spazieren, weil mir das so wichtig ist. Ich habe kein eigenes Pferd, und mir war es wichtig, wieder Zeit mit Pferden zu verbringen, ohne therapeutisch tätig zu sein. Liebe Simone, liebe Lucy, falls ihr zuhört: Ich gehe mit euren beiden Pferden spazieren, und eigentlich hatte ich den Auftrag, dass sie nichts fressen dürfen. Inzwischen mache ich es so: Sie dürfen nicht einfach irgendwo hinziehen und fressen. Aber wenn wir an einer Stelle stehen, wo im Oktober ein bisschen Rainfarn wächst, eine Buche oder ein Walnussbaum, dann stelle ich mich mit ihnen hin und zeige ihnen: Hier dürft ihr fressen. Ich glaube, ich habe sie schon ein bisschen verzogen – falls ihr zuhört, es tut mir wirklich leid. Auch wenn ich versuche, therapeutischen Abstand zu halten, war ich gedanklich dann doch beim Darmmikrobiom. Die beiden kommen von einer abgenagten Wiese – ein super netter Stall, gar keine Frage, aber eine riesige Wiese mit vielen Pferden darauf –, und da ist es kein Wunder, dass sie auch mal ein paar Blätter fressen wollen. Das habe ich an der einen oder anderen Stelle auf Anweisung zugelassen.

Wie du schon sagst: Wir sollten uns damit auseinandersetzen, was das Pferd zu welcher Jahreszeit fressen darf, gerade beim Rainfarn. Im Frühjahr ist das etwas anderes als im Herbst.

Und dann ist ja die Frage: Du berätst, und du bist seit Mai selbstständig und hast dein festes Angestelltenverhältnis aufgegeben – das darf ich hier einmal verraten. In der Beratung schaust du dir ja auch Bilder vom Stall an. Es geht nicht nur darum, eine Ration aufzustellen, sondern auch darum, was man im Alltag des Pferdes verändern kann. Das habe ich bei dir herausgehört, ich schaue mir deine Beiträge übrigens immer bis zum Ende an. Deshalb die Frage: Wann kann Therapie unterstützen, und wann stehen andere Maßnahmen im Vordergrund? Wie ist für dich die Reihenfolge? Wann sagst du: Hol dir noch Kräutchen X? Wie gehst du vor?

Alex: Darüber könnte man wieder sehr lange sprechen. Man muss unterscheiden, mit welchen Themen ein Pferd zu mir kommt. Bei Verdauungsthemen schaue ich natürlich, was das Pferd bekommt, aber auch, wie es lebt – Stichwort Magen und Stress. Raufuttermenge und Raufutterqualität spielen ebenfalls eine Rolle. Ich sage vorab immer, dass ich nichts versprechen kann. Es geht nicht darum, ABC zu füttern, und dann hast du nie wieder Problem ABC. Sondern: Wir schauen, ob wir über die Fütterung einwirken und etwas verbessern können, und was dann noch übrig bleibt.

Ich gebe auch Hinweise, was es sonst noch sein könnte. Stichwort Raufutterqualität und Futterhygiene generell: Heunetze müssen regelmäßig gewaschen werden, und auch eine Raufe sollte immer wieder sauber gemacht werden, bis ganz unten, wo sich Sporen und Ähnliches ansammeln.

Es gibt natürlich auch Fälle, in denen ich sage: Fütterungstechnisch ist das hier ausgeschöpft. „Was kann ich noch machen?“ ist eine gern gestellte Frage. Aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht weitergeht, weil die Haltung das Pferd negativ beeinflusst. Dann verbrennst du nur dein Geld, wenn du noch weiter etwas ausprobierst.

Denise: Und manchmal liegen ganz andere Ursachen vor. Ich hatte neulich eine Anfrage zur Fütterungsberatung: Das Pferd war zu dünn, und am Ende hatte es ein massiv entzündliches Zahnproblem. Dafür dürfen wir offen sein und über den Tellerrand schauen. Wir können einen Podcast machen und Anregungen geben, aber bei einer individuellen Gesundheitsberatung schaut man sich das einzelne Pferd an: Was ist schon super, und wo können wir noch nachjustieren?

Alex: Unbedingt. Unseriös fände ich es, alles nur auf die Fütterung oder das Mikrobiom zu schieben. Kotwasser ist da gern so ein Thema, bei dem es heißt: Wir müssen den Darm sanieren, wir müssen entgiften. Aber es gibt sehr viele Faktoren drumherum, bei denen nicht der Darm die Ursache ist.

Es kamen auch schon Pferde zu mir, bei denen ich den Besitzern gesagt habe: Bevor wir etwas machen, muss erst der Tierarzt kommen. Wenn jemand zu mir sagt, sein Pferd hat Equines Asthma und Atemnot, was soll ich füttern? Dann sage ich: Da haben wir gerade ganz andere Themen, bitte unbedingt erst einen Tierarzt hinzuziehen. Wir können über die Fütterung durchaus unterstützen – und damit meine ich nicht, irgendwelche Hustenkräuter zu füttern –, aber wir müssen an der Ursache arbeiten. Wenn das Pferd weiter auf einem komplett ausgetrockneten Sandpaddock steht, auf Stroheinstreu oder trockenes Heu bekommt, kannst du fütterungstechnisch ganz viel machen, aber es wird dir nicht helfen.

Denise: Und das zu erkennen, ist ein wahnsinnig großer Schlüssel. Darüber wollten wir auch noch sprechen: Nur weil jemand zur Futterberatung zu mir kommt, ist die Fütterung nicht gleich verantwortlich für das Thema. Das bringe ich häufig mit dem Bild: Wenn du nur einen Hammer als Werkzeug hast, muss jedes Problem ein Nagel sein.

Alex: Ich bin ja auch so ein Experte für Sprüche.

Denise: Man bringt einen Spruch und denkt, der ist jetzt mega cool, und dann merkt man: Moment. Jedenfalls: Wie können wir besser zusammenarbeiten, damit das Pferd davon profitiert? Du hast schon einen sehr wichtigen, sehr professionellen Aspekt angesprochen, nämlich die Grenzen der eigenen Arbeit zu erkennen und zu merken, wann vielleicht eine andere Thematik vorliegt. Wie können wir uns besser mit anderen Fachleuten austauschen? Hast du dazu Ideen oder Erfahrungen?

Alex: Ideen habe ich viele, umsetzen ist etwas anderes. Gerade bei Hufrehe bräuchte man eigentlich fast ein interdisziplinäres Team. Da finde ich es schade, wenn es Rangeleien gibt oder extrem gegensätzliche Aussagen getroffen werden. Für die Pferdebesitzer ist es dann sehr schwierig, einen Weg zu finden. Da muss ich oft vermitteln, das ist meine Rolle in der Hufreheberatung: helfen, Entscheidungen zu treffen. Das können die Besitzer aber nur, wenn sie alle Aspekte verstehen, und die zu erklären ist auch meine Aufgabe.

Ich hatte auch schon Kontakt mit sehr netten Tierärzten, auch im Auftrag der Besitzer, um zu verstehen: Wie ist Ihre Erfahrung, was halten Sie in diesem Fall für wichtig? Das war ein sehr konstruktiver Austausch. Es gibt aber natürlich auch negative Beispiele, genauso bei Hufbearbeitern – und damit meine ich alle: Schmiede, Hufpfleger, Huforthopäden, Huftechniker, da soll sich bitte niemand ausgeschlossen fühlen. Ich fände es schön, wenn man nicht immer zu 135 Prozent von der eigenen Leistung überzeugt ist, sondern offen für eine Rückfrage – ich meine gar nicht Kritik. Das gilt für jeden Experten, der hinzugezogen wird: bereit zu sein, die eigene Meinung noch einmal kritisch zu hinterfragen. Das erlebe ich nicht so häufig, und das finde ich schade.

Denise: Mal ganz provokant gefragt: Scheitert das eher am Fachlichen oder eher am eigenen Ego?

Alex: Am Ego, natürlich.

Denise: Ich gebe hier ganz offen zu: Ich habe mich auch mit Fütterung beschäftigt und die Phytotherapie immer schon einbezogen, aber ich habe ganz klassisch die Rationsberechnung gelernt, also wie man eine Ration genau ausrechnet. Erst durch unser Gespräch und dadurch, dass ich mich mit deinen Themen auseinandergesetzt habe, habe ich gemerkt – ich würde mich ja nie als Expertin bezeichnen, weil ich dann immer denke, ich tue so, als wäre ich ausgelernt.

Alex: Genau, und das ist man eigentlich nie.

Denise: Nie. Und dann zu sagen: Was kann mir der andere noch bieten? Ohne zu denken: Alex, du bist jetzt im Thema Fütterung, aber ich bin schon seit 20 Jahren als Therapeutin unterwegs. Ich kann trotzdem von dir lernen, genauso von meinen Schülern und von Leuten, die seit 30 oder 50 Jahren dabei sind. Ich finde es wichtig, Demut und Respekt davor zu haben, dass ich längst nicht alles weiß und dass es ganz viele verschiedene Ansätze gibt.

Man darf auch bereit sein, sich selbst zu hinterfragen. Wenn ich auf jemanden zugehe mit „Was hat der Hufbearbeiter da gebaut?“ – das ist natürlich nie meine Wortwahl –, muss ich mich nicht wundern, wenn nichts Konstruktives zurückkommt. Wenn man etwas gut formuliert, ist es eine Anregung und eine Möglichkeit zu wachsen. Ob man sich dann weiterentwickelt oder nicht, ist jedem selbst überlassen, aber ich finde das immer bereichernd. Mich hat es total bereichert, dich interviewt zu haben, weil ich gedacht habe: Da ist noch mehr, schau doch mal in eine andere Richtung.

Alex: Es gibt so viel, was wir noch nicht genau wissen. Dann heißt es: Da wurde eine Studie zu ABC gemacht, und die sagt das, und das ist jetzt Gesetz. Aber Wissenschaft ist immer Irrtum auf dem letzten Stand. Denk an Galileo Galilei, der mit seinen Thesen damals gegen die herrschende Lehrmeinung stand und dafür angefeindet wurde. Wenn man sich das vor Augen hält, gehört auch ein bisschen Demut dazu, bevor man sich hinstellt und sagt: Alles, was ich sage, ist richtig, und die anderen sind alle doof oder liegen falsch, weil sie es anders sehen. Das finde ich schwierig. Es fördert nicht das konstruktive Miteinander, sondern sorgt eher für Spaltung.

Denise: Das stimmt total. Ich warte ein bisschen darauf, dass auch die Osteopathie auseinandergenommen und gefragt wird, wie wissenschaftlich basiert sie ist. Dabei ist der Anspruch der Osteopathie gar nicht, wissenschaftlich basiert zu sein, sondern ein Gedankengut weiterzugeben: Wie sind die Zusammenhänge, und wie können wir Pferde ganz logisch und mit gesundem Menschenverstand in Richtung Gesundheit unterstützen? Ich finde es extrem wichtig, offen zu bleiben für alle möglichen Alternativen, ohne sie gleich zu zerfetzen.

Einen Punkt hatte ich mir noch zum Abschluss aufgeschrieben, nämlich die Entwurmung. Wenn jemand sagt, ich entwurme nur noch natürlich mit Kräutern, und ein anderer sagt, ich mache immer die klassischen Wurmkuren, dann hat nicht der eine mehr recht als der andere. Auch da dürfen wir differenzierter hinschauen. In welche Richtung geht für dich der Trend bei der Entwurmung?

Alex: Auf jeden Fall zur selektiven Entwurmung. Warum? Es bilden sich immer mehr Resistenzen gegen die Wirkstoffe. Und warum bilden sich diese Resistenzen? Weil immer Würmer die Wurmkur überleben. Wenn es heißt, jetzt ist das Pferd nach der Wurmkur wurmfrei, stellen sich mir die Haare auf. Das ist es nicht, und das ist auch gar nicht der Sinn einer Wurmkur. Es geht um Reduktion, eine Wurmkur hat gar nicht den Anspruch, alle Würmer zu beseitigen. Ein gewisser Wurmbestand ist beim Pferd normal.

Wer stupide und fast schon sinnlos Wurmkuren ins Pferd gibt, macht es dadurch nicht besser, auch nicht für alle anderen, weil man immer wieder Würmer überleben lässt, die ihre Resistenz weitergeben. Ich kam früher auch aus diesem klassischen „Der Stall gibt vor, jetzt ist wieder Wurmkur, und alle misten gleichzeitig“. Ich war aber relativ schnell dabei zu sagen: Es ist doch viel sinnvoller, vorher zu schauen, ob es überhaupt notwendig ist. Damit kann man meiner Meinung nach auch viele negative Auswirkungen einer Wurmkur abfangen. Leider passiert es auch bei uns Menschen häufig, dass Antibiotika verabreicht werden, ohne zu schauen, ob es überhaupt Bakterien sind und ob sie mit diesem Antibiotikum zu bekämpfen sind. Das würde ich jedem ans Herz legen, denn damit spart man sich vielleicht auch den einen oder anderen „Darmaufbau“ oder Entgiftungspräparate.

Denise: Dinge mehr zu hinterfragen, finde ich grundsätzlich ganz wichtig, und Dinge differenzierter zu betrachten, wie du es auch angesprochen hast. Mir fiel gerade ein Interview ein, das ich gehört habe, da ging es um die Impfquote. Ob es wohl auch eine Entwurmungsquote gibt? Nein, Spaß beiseite, wahrscheinlich nicht. Aber ich finde es verrückt: Auf dem Münchner Oktoberfest, auf dem ich noch nie war und auf das ich wahrscheinlich auch nie gehen werde, gibt es wohl ein Impfzelt. Da kannst du dir einen Grippeimpfstoff geben lassen und gehst dann ins Festzelt.

Alex: Und dann feierst du.

Denise: Das ergibt total Sinn. Da denke ich: Wie unlogisch ist das denn bitte? Nach einer Impfung reagiert das Immunsystem ja, je nachdem, was für eine Impfung es ist, und ist eher noch anfälliger. Das finde ich total verrückt. Da stellt sich doch eher die Frage, was wir für mehr Gesundheit tun können, um das Immunsystem zu stärken, damit wir vielleicht nicht immer gegen alles impfen müssen.

Bei diesem Thema, Pferdegesundheit wie Menschengesundheit, gibt es so viele Dinge, bei denen ich mich frage: Warum sieht das denn keiner, und warum hinterfragen wir nicht mehr? Deshalb habe ich mich wahnsinnig gefreut, Alex, dass wir noch einmal eine Folge aufgenommen haben, über Pferdehaltung, die nicht perfekt sein muss, sondern einfach mehr auf Gesundheit schaut – gesundheitsorientierter, wie ich am Anfang gesagt habe. Wer eine gute und individuelle Beratung möchte, darf sich gerne an dich wenden. Kannst du noch einmal sagen, wie man dich findet?

Alex: Ganz klassisch über die Homepage biomequine.de, und natürlich auf Instagram. Das sind die zwei klassischen Kontaktmöglichkeiten.

Denise: Wunderbar. Du machst wirklich tolle, sehr durchdachte Beiträge. Es gibt viele Accounts, bei denen ich denke, da folge ich mal und schaue mal rein, aber bei dir merke ich immer, dass sie wirklich gut aufgebaut sind und Pferdebesitzern ganz viel Mehrwert bieten. Alex, vielen Dank für das Gespräch heute.

Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Nicht perfekt, aber gesundheitsorientiert: Kleine Schritte zu einer besseren Pferdehaltung“